Konstruktion, Dekonstruktion, Dekonspiration, „Aléas Ich“

Es tut sich in diesem Buch ein spannendes Spiel auf, das sich – unter anderem – um die Autor(innen)schaft und um Fiktionalität von Autoren gruppiert, und es stellt sich in dieser Prosa zudem die Frage „Wer schreibt?“, „Wer spricht?“ Aber es wird diese Frage nicht in einer Absicht aufgeworfen, Masken zu lüften, sondern vielmehr will sich die Frage selbst samt deren Antwort durchstreichen, um sie des Unsinns zu überführen. Insofern handelt es sich hier nicht um eine Rechtfertigungsprosa oder gar um eine Fußnote, die „Das Geräusch des Werdens“ – den ersten Roman – samt deren Autorin zu legitimieren versucht oder in einer Art „confessio“, als radikale Selbstbetrachtung Präsenzpunkt auszumachen trachtet, sondern der Text betreibt – zumindest dem ersten Anschein nach – ein noch umfassenderes Spiel mit der Fiktionalisierung und der Metaebenen von Literatur. Wobei ja auch die Fußnote – sozusagen in einer dekonstruktiv aufgebauten Fußnote an den Rand geschrieben – oftmals eine sehr viel bedeutsamere und auch subtilere Funktion hat, als die Stelle im Haupttext, an die der Schreiber sie angebrachte.

Die Frage „Wer schreibt?“ in einer Absicht der Identifikation und des Dingfestmachens im Raum des Empirischen zu stellen, verfehlt den Text als ästhetisches Objekt zur Gänze. Autorin oder Autor sind Produkt von Texten. Nicht umgekehrt, wie es mancher erfahrungsungesättigte Leichtliterat oder -literarin vermeint.

Weshalb eigentlich die Sucht mancher Leserinnen und Leser immer hinter die Schleier und die Masken des Autors, der Autorin blicken zu wollen? Ein Aspekt mag da sicher die Boulevardisierung der Literatur, die Galaisierung abgeben. Es müssen Bilder her, und zwar möglichst schicke, und die schönen Autorinnen und Autoren zeigen sich für die Verlagsprospekte gerne. Und wenn sie, wie Judith Hermann eher nicht so schön sind, dann wird qua Photographie eine Personality, eine Art Aura geschaffen: die vergeistigte vergrübelte Frau, in matt-milchigem Schwarz/Weiß gehalten, verhaucht und aus der Zeit gefallen. Wir alle kennen diese Bilder. In den 90ern und zum Beginn der 00er Jahre kursierte der von den Marketingabteilungen der Verlage geschaffene Begriff des Deutschen Fräuleinwunders in der Literatur. Personality als Literatur.

Für andere wieder resultieren diese Enttäuschungen, daß eine Autorin irgendwie und irgendwo und am Ende doch ganz anders ist, aus persönlicher Kränkung: Wer sich lange mit einer solchen Bloggerin und Autorin schrieb – anonym wie das im Internet so zugeht – und dann nicht das fand, was er suchte, mag sich ärgern. Aber wurde er dabei betrogen, oder betrog er sich nicht eher selbst? In diesem Falle kann es um der Sache willen gut tun, die Befindlichkeiten über Bord zu werfen und den Blick auf den eigenen Blick zu werfen. Worin besteht denn die Täuschung, wenn mir ein(e) Unbekannte(r) E-Mails schreibt? Wurde ich durch den Eigennamen, der auf den Genus deutet, getäuscht? Worüber wurde ich getäuscht? Eine Autorin oder ein Autor sind kein Fertiggericht,wo die Ingredienzen juristisch korrekt angegeben sein sollten.

Wer sich in der Welt der Literatur bewegt, der hält sich im Raum der Fiktionen auf, und durch das Internet (als Medium der Literatur) erweiterter sich dieser Raum außerordentlich. Wer einstmals in den guten alten Zeiten auf einem Empfang oder bei einer Feier einen Schriftsteller traf, der konnte Pech (oder Glück) haben, und er fand sich Jahre später in einem Buch wieder. Thomas Mann nutzte häufig Menschen als Vorlagen – von den „Buddenbrooks“ und vom „Zauberberg“ waren nicht alle angetan. Heute begegnen Sie auf einer Party einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin und flugs findet einer sich am nächsten Tag (mit Glück leicht verfremdet) in einem literarischen Blog wieder. Das Internet mit YouTube, Flickr, der Welt der Blogs hat die Wahrnehmung verändert. Auch die Produktionsformen von Text. Davon – unter anderem – handelt der Roman „Aléas Ich“. Wie und auf welche Weise entstehen Fiktionen? Für ein solches Wissen ist es ganz gleichgültig ob die in dem Roman der Autorin zugeschriebene Dissertation über „Identität, Authentizität und Illusion – Zum Begriff Fiktionalität“ nun existiert oder nicht. Der Text „Aléas Ich“ ist Bestandteil einer solchen (fiktiven oder realen) Dissertation – die Grenze zwischen Philosophie und Literatur verschiebt sich auf eine solche Weise, daß Ebene und Metaebene ins Fließen geraten. Philosophie wird zur Literatur (dieses altes Thema der 80er, 90er Jahre, insbesondere für uns Derridaleser, die dem Text Derridas mit Wohlwollen folgten.)

Wieweit es diesem Roman nun gelingt, die Grenzen neu oder anders zu bestimmten, vermag ich allerdings an diesem Punkt der Lektüre noch nicht zu sagen. Ob er eine Weise von Wahrnehmung erzeugt, die jene Hybris des modernen Autorensubjekts aufspaltet oder ob der Text am Ende doch wieder auf jenen narzißtischen und spiegelstadiumsähnlichen Punkt kommt, in dessen Zentrum jenes omnipotente und selbstverzückte Subjekt hockt, das es im Rahmen Lacanscher und Deleuzescher Begehrlichkeiten zu destruieren galt, das wird die weitere Lektüre zeigen.

„Die Wahrheit existiert nur, solange niemand von ihr erzählt“ so heißt es vieldeutig, paradoxal, an den Perspektivismus Nietzsches und an die vielfältigen (philosophischen) Wahrheitstheorien des 20. Jhds anknüpfend, in diesem Roman. Literatur – das ist immer auch ein Stück creatio ex nihilo, und in diesem Akt helfen keinerlei moralischen Urteile, die mit den Begriffen Lüge, Betrug oder Wahrsprechen operieren, um mit externen Maßstäben an ein Objekt der Ästhetik heranzutreten. Für die Kunst ist immer noch der Begriff des Scheins konstitutiv. Am Text des Literaturwissenschaftlers und ästhetischem Theoretikers K. H. Bohrer mag man manches kritisieren – daß er jedoch im Rahmen seiner Adorno-Lektüre dessen Begriff des Scheins stark machte, gehört zu seinen großen Leistungen. (Leider vergaß er darüber die Passagen Adornos zur Geschichtsphilosophie.)

Der Autor ist eine Funktionsstelle. Es geht in der Literatur um die Funktion des Autors, nicht um die Person, die sich dahinter verbirgt. (Daß in dem Begriff „Person“ zugleich der der Maske steckt, sei geschenkt.)

Wer meint, mit „Aléas Ich“ wieder einen verspielten, verschnörkelten, zauberischen Roman mit angehängtem Lokalkolorit von Rumänien und Berlin in der Hand halten zu können, der wird sicherlich enttäuscht sein. Aber für eine dezidierte Kritik ist es nach der ersten Hälfte des Buches wohl noch zu früh: eine Symphonie läßt sich nicht beurteilen, wenn ich bloß den ersten Satz höre und ein Tafelbild bleibt Fragment, wenn ich nur die untere rechte Ecke wahrnehme und für Kritik und Kommentar zur Verfügung habe. [Eigentlich müßte es eine Art von Buch- und Kunstkritik geben, die das Werk fort- und weiterschreibt. Ein Blick ohne Richterspruch. Im Lesen des Textes erfaßt sich die immanente Struktur eines Werkes: eine Art von mimetischer Rezeption; sich dem Werk gleichzumachen, anzuschmiegen und dabei diesem trotzdem nicht zu verfallen.]

Die Frage nach der Funktion des Autors und damit auch die nach der Funktion von Literatur, die Frage nach den Identitäten und die nach der Moral des Personalausweises wird hier im Blog in nächster Zeit sicherlich Thema sein.

Eine Glosse, Aric Sigman und der medizinische Blick

 In der Berliner Zeitung vom 27.2.: eine einerseits sehr gute, spaßige Glosse von Harald Jähner, den Zusammenhang von Geselligkeit und Einsamkeit sowie die neuen Medien betreffend. Andererseits geht sie an Aric Sigmans Einwand vorbei, und sie ist  polemisch abgefaßt, was aber das Wesen einer Glosse sein darf und manchmal auch sein muß. Die Einschätzung Aric Sigmans, daß virtuelles Leben im „social networking“ nicht nur einsam, sondern auch krank macht, muß insofern separat dazu gelesen werden, um sich ein angemessenes Bild machen zu können.

Dieses Plädoyer Jähners für die (zeitweise) Einsamkeit gilt jedoch – etwas Nietzscheanisch (1) beiseite gesprochen – nur für die Wenigen, sollte der Befund von Sigman zutreffen. Da sich aber zu jeder Stimme eine Gegenstimme erheben wird und dort mit anderen medizinischen Fakten, Details und Untersuchungsergebnissen das Gegenteil des gerade Ausgesagten beweisen wird, so kann es hier durchaus bedeutsam sein, den Blick vom Streit der Meinungen und von den sich widersprechenden, widerstreitenden Fakten einmal abzuheben und auf etwas ganz anderes zu richten.

Es sollte der Blick auf die Bedingungen gerichtet werden, die es überhaupt erst ermöglichen, gesellschaftliche Praktiken mit dem medizinischen Feld zu koppeln. Es müßte also untersucht werden, auf welche Weise ein Diskurs strukturiert ist, der es ermöglicht, gesellschaftliche Phänomene in den medizinischen Blick zu überführen. Was sind die Bedingungen, unter denen er entstehen kann? (Ja, Foucault, ganz genau und richtig entschlüsselt.) Warum schließen wir soziale Phänomene wie den Umgang mit dem Internet mit medizinischen Kategorien zusammen?

Verhält es sich doch, mit dem 19. Jahrhundert beginnend, zunächst einmal so, daß mit dem Aufkommen von neuen Medien und neuen Techniken sowie ihrer größer werdenden Verbreitung und sozialen Relevanz vermehrt kritische Stimmen auftauchen; immer wieder werden soziale Praktiken an die Medizin angeschlossen: von der individuellen Regung, im Feld des Körpers, hinsichtlich der Onanie, die zu Schwachsinn und dergleichen führe, oder um nur ein Beispiel von vielen in bezug auf Entwicklungen der (industriellen) Technik zu nennen: So bei der Eisenbahn, mit der es die in der menschlichen Geschichte noch niemals dagewesene Möglichkeit gab, die räumliche Distanz in sehr kurzer Zeit vermittels einer Maschine zu überwindenden. Es ist dieser Moment die Stunde der (gesteigerten) Geschwindigkeit in der menschlichen Fortbewegung (2). Mit dem Aufkommen dieser neuer Transportmöglichkeiten gab es zugleich Untersuchungen, die diese Beschleunigung des Körpers als etwas Unverhältnismäßiges und damit Krankmachendes auswiesen. Und auch heute wird die Sucht nach Entfernung und Reisen in fernste Regionen, die wir unter normalen Umständen eigentlich nie zu Gesicht bekommen würden, unter Gesichtspunkten der Psychologie, aber auch der Medizin betrachtet.

(Wie fasziniert und befremdet zugleich man seinerzeit von dieser Beschleunigung war, läßt sich vielleicht exemplarisch an dem Bild „Regen, Dampf, Geschwindigkeit“ von William Turner zeigen. Dazu auch der Aufsatz von Monika Wagner, „ Wirklichkeitserfahrung und Bilderfahrung“, in: „Moderne Kunst 1“, Reinbek b. Hamburg, 1991, die Eisenbahn als Medium eines neuen, anderen Sehens der Landschaft. Aber auch die Bilder der Romantik verarbeiten diese Erfahrung, so etwa bei Carl Blechen, wo Objekte der frühen Industrialisierung mit einer lieblichen Landschaft korrespondieren. Vom vielfältigen Ausdruck der Industrialisierung in der Literatur ganz zu schweigen, angefangen bei Goethes Faust II.)

Es wurde hier etwas abgewichen, ein Umweg gegangen, von einer Glosse, die von der Einsamkeit als Refugium und als Bedingung von Kultur handelte, hin zur Koppelung von sozialer Praxis und medizinischem Blick. Schließen wir also mit einem Zitat Jähners und begeben uns heute am Samstag ein wenig noch hinaus unter Menschen:

„Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft geht einher mit dem Anwachsen von Einsamkeit. Sie fördert die Sehnsucht und Fantasie, die Brief- und Schreibkultur, die Malerei, die Begabung, sich auszudrücken. So gerüstet, kann man unter die Menschen gehen.“

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(1) Man muß hier und in solchen Zusammenhängen mit Nietzsche allerdings sehr vorsichtig sein, denn schnell werden aus den Wenigen auch die Auserlesenen, die Elite und was dergleichen Geschwafel mehr zu hören ist im Umfeld  des Neonietzscheanismus. Diese Konnotation möchte ich hier jedoch vermeiden.

 (2) Die Steigerung von Geschwindigkeit und das Begehren nach Geschwindigkeit sind natürlich nicht neu. So war diese Erhöhung von Geschwindigkeit bereits hinsichtlich der Kriegstechnologien in der Signalübertragung (man denke an die optischen Telegrafen aus der Napoleonischen Zeit) oder bei der Übermittlung von Nachrichten in der Antike bedeutsam. Daß es diese Steigerung der Geschwindigkeit in Ansätzen also bereits lange vorher gab, widerspricht dem oben ausgeführten aber nicht, da durch das Aufkommen der Dampfmaschinen (und die Eisenbahn ist eine Form derselben) eine völlig neue Qualität der Geschwindigkeit erreicht wurde. Die Steigerung von Quantität führt insofern zu einer vollkommen neuen Qualität, die, so könnte man fast mit Heidegger sprechen, eine planetarische Umwälzung verursachte. Im Zusammenhang mit einer Geschichte der Geschwindigkeit sei noch auf den amerikanischen Pony Express verwiesen, der innerhalb kürzester Zeit Postsendungen durch die USA beförderte und trotz seiner Kurzlebigkeit von 1860 bis 1861 zu einer Legende wurde.

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