Walter Benjamin – Vorarbeiten zum Trauerspielbuch

In einem Brief Benjamins aus dem Jahre 1920 an Gershom Scholem heißt es:

„Von dieser [der Habilitationsschrift] besteht bislang nur die Intention auf ein Thema; nämlich irgend eine Untersuchung, welche in den großen Problemkreis Wort und Begriff (Sprache und Logis) fällt, mir dem ich mich beschäftigen werde. Vorläufig suche ich angesichts der ungeheuren Schwierigkeiten nach Literatur, die wohl nur im Bereich scholastischer Schriften oder von Schriften über die Scholastik zu suchen ist. Wobei in der ersten mindestens das Latein eine harte Nuß ist. Ich bin Ihnen für jeden bibliographischen Fingerzeig, den Sie mir auf Grund dieser Angaben machen können, außerordentlich dankbar. Die Wiener Bibliotheksverhältnisse sind so schlecht, daß ich erstens kaum Bücher bekommen, zweitens kaum im Katalog welche finden kann. Haben Sie schon in dieser Hinsicht nachgedacht? Wenn wir darüber uns schreiben könnten; so wäre mir das unglaublich viel wert. Daß unter der Zahl der Abgründe dieses Problems der Grund der Logik zu suchen ist, darüber sind Sie vielleicht eines Sinnes mit mir.“ (GS I, S. 868 f.)

Scholem verwies Benjamin auf Heideggers Habilitationsschrift „Die Katgorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus“ (in: Heidegger Gesamtausgabe bei Klostermann, Band 1, Frühe Schriften). Benjamins Antwort mutet fast wie ein Text Thomas Bernhards an.

„Ich habe das Buch von Heidegger über Duns Scotus gelesen. Es ist unglaublich, daß sich mit so einer Arbeit, zu deren Abfassung nichts als großer Fleiß und Beherrschung des scholastischen Lateins erforderlich ist und die trotz aller philosophischen Aufmachung im Grunde nur ein Stück guter Übersetzerarbeit ist, jemand habilitieren kann. Die nichtswürdige Kriecherei des Autors vor Rickert und Husserl macht die Lektüre nicht angenehmer. Philosophisch ist die Sprachphilosophie von Duns Scotus in diesem Buch unbearbeitet geblieben und damit hinterläßt es keine kleine Aufgabe.“ (GS I, S. 869)

Dritter Platz

Heute möchte ich den dritten Platz im Heidegger-Look-Alike-Contest zeigen. Es handelt sich um eine Photographie zum Thema Heidegger.

Dritter wurde: Hanneswurst,

gekürt von der Sowjetischen Kommandantur Karlshorst. Leider gibt es, wie schon gesagt, kein Preisgeld, weil …, tja, darüber zu sprechen fällt schwer, ich mein Geld für mich behalten muß. Leider hat es auch niemand geschafft, eine Photographie und einen Text zu liefern. Doch immerhin: es gibt ein Photo, darüber freue ich mich natürlich.

Aber nun präsentieren wir die Photographie mit dem schönen Titel “Heidegger-Weg 14″:

X

Copyright: Hanneswurst, 2009

Zweiter Platz

„Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, S. 351

Heute möchte ich den zweiten Preis im Heidegger-Look-alike-Wettbewerb verteilen. Einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller schickte mir einen Text zu Martin Heidegger. Ich fasse dies als eine ziemliche Ehre auf, und ich will diesen Beitrag meinen Blog-Leserinnen und -Lesern natürlich nicht vorenthalten. Zwar geht es bei diesem Text nicht darum, Heidegger möglichst ähnlich zu werden, und deshalb verfehlt der Text die Wettbewerbsbedingungen um ein Geringes. Es handelt sich jedoch um eine furiose Heidegger-Beschimpfung. Deshalb präsentiere ich sie an dieser Stelle:

„Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesem lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf unverschämte Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verktischt. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer aus seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hat ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf ihre koketten Fladen fallen gelassen hat. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übriggeblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter.“

Ich danke Thomas Bernhard für seine Zuschrift, für diese ausführlichen Zeilen und belohne ihn mit dem zweiten Preis. Es wurden zwar die Kriterien nicht ganz erfüllt, doch für den zweiten Platz reicht‘s allemal.

Auch freue ich mich, daß Thomas Bernhard regelmäßig diesen Blog liest und am Wettbewerb teilgenommen hat.

„Aistheis zu lesen bietet naturgemäß in der größtmöglichen Intensität den höchsten Erkenntnisgewinn, und es ist ein Leben ohne diesen Blog eigentlich für einen Geistesmenschen überhaupt nicht mehr vorstellbar, sagte ich mir, nachdem ich auf dem beschwerlichen Weg zum Steinhof hinauf größere Mengen Prednisolon eingenommen hatte, um der Erkrankung entgegenzuwirken und wenigstens für den Abend schmerzfrei und unbeschwert diese Zeilen schreiben zu können.“
Thomas Bernhard

And the Winner is …

Im Heidegger-look-alike-contest müssen und wollen wir heute einen Gewinner präsentieren. Sowieso ist die Präsenz, das Anwesen, die Anwesenheit, die Parusie als reines Da im Rahmen einer über 2000 Jahre währenden abendländischen Metaphysik, die es zu verwinden gilt, das unverborgene Thema des Heideggerschen Denkens. 2000 Jahre als Fußnote zu Platon, nun ja … Und die Frage nach dem Sein geriet dabei in die Verschüttung. (Knisternd ist die Erregung, wie das Ergebnis ausfallen mag. Glühend, die Flamme des Sieges leuchtet empor.)

Insofern, aber auch aus einigen anderen Gründen ist Heideggers Denken dann auch wieder ernst zu nehmen; zumindest ist eine kritische Lektüre von „Sein und Zeit“, aber auch von seinen Texten zu Hölderlin nicht unangebracht. Und so sei am Rande erwähnt, daß Heidegger – sozusagen contre coeur, denn das: dieses eine wollte der Denker des Seins niemals abgeben: einen Ästhetiker – gerade und ausgerechnet im Reich der Ästhetik, der ästhetischen Theorie seine, wenngleich bescheidenen, Triumphe feiern konnte: Nein, gar nicht einmal als Deuter eines Bildes, ich denke da an die Van Goghschen Bauernschuhe (1), das er in seinen Kunstwerkaufsatz als Vehikel zu seiner Theorie umfunktionierte, sondern vielmehr im Reich der Literaturwissenschaft, insofern es um ihre theoretischen Fundierungen, um Zeitlichkeit im Hinblick auf Dichtung und Text überhaupt geht. Und – paradoxerweise – ist gerade Paul Celan eine „Antwort“ auf Heidegger; oder umgekehrt: es lassen sich manche der Gedichte Celans und insbesondere seine Büchnerpreisrede („Der Meridian“) gut mit Heidegger gegenlesen. Es herrscht zwischen beiden eine mehr als nur untergründige Strömung. 

Heidegger selber hätte sich ganz sicher gegen die Vereinnahmung durch Ästhetik gesperrt und sich dagegen verwehrt, ästhetische Theorie, die im Gebiet der Literaturwissenschaft wirkt, zu produzieren: ein Denken, das sich auf das Ganze, auf die einschneidende Frage des Seins („die Frage nach dem Sinn von Sein neu zu stellen“) zubewegt, für diesen Denker gibt die Literaturwissenschaft bzw. die Ästhetik allenfalls eine Wegmarke, keineswegs jedoch einen eigenständigen Bezirk, der Souveränität über solche Fragen erlangen könnte. Insofern dienen, zumindest in den Augen Heideggers, seine Aufsätze zu George, Novalis, Hölderlin, Trakl einem ganz anderen. Dem Gerücht, der Mensch spräche, stellt Heidegger eine erweiterte Dimension entgegen: „Die Sprache spricht“. Es schrammen freilich solche Sätze in ihrer nichtssagenden Allgemeinheit manchmal weniger als haarscharf am Jargon vorbei, und bei den Epigonen gerät‘s peinlich. Dennoch schließt sich in einen solchen Satz intuitiv eine Erkenntnis ein, welche dann in der französischen Philosophie des 20. Jhds fruchtbar gemacht und in den verschiedensten Richtungen von Strukturalismus, Poststrukturalismus und stellenweise auch der (luhmannschen) Systemtheorie entfaltet wurde. 

Doch fort von der Theorie, denn nun kürt die Sowjetische Kommandantur Berlin-Karlshorst den Gewinner des ausgeschriebenen Wettbewerbs: 

Es kann der Sieger kein anderer als Heidegger selbst sein, der mit diesen Sätzen eine gekonnte Parodie (seiner selbst) bietet. Es vermag in der Tat niemand, Heidegger zu überbieten. (Wobei „niemand“ kein Eigenname ist.) Lassen wir also diese Sprache sprechen: 

„Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit des Bauern. Wenn der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinaufschleppt und ihn alsbald mit Buchenscheiten hochbeladen in gefährlicher Abfahrt seinem Hof zulenkt; wenn der Hirt langsam versonnenen Schrittes sein Vieh den Hang hinauftreibt; wenn der Bauer in seiner Stube die unzähligen Schindeln für sein Dach werkgerecht herrichtet, dann ist meine Arbeit von derselben Art. Darin wurzelt die unmittelbare Zugehörigkeit des Bauern. Der Städter meint, er ginge unter das Volk, sobald er sich mit einem Bauern zu einem langen Gespräch herabläßt. Wenn ich zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank sitze oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen [Vorsorglich, die Sorge ist ja auch eine wichtige Kategorie, weisen wir die Nachahmer und Epigonen darauf hin, daß in Gaststätten und Kneipen bundesweit ein einheitliches Rauchverbot gilt. Dieses wird bis auf weiteres auch in veränderter Lage und anderen Zeiten zunächst auch von der Sowjetischen Kommandantur rückhaltlos durchgesetzt. Der Genosse Bersarin schätzt es mittlerweile nicht mehr, wenn Jacketts, Lederjacken oder Frauen nach Rauch riechen.] Zwischendurch vielleicht fällt ein Wort, daß die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, daß in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, daß morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, daß den Öni-Bauer der Schlag getroffen (Hervorhebung durch Bersarin, er hält dies für die beste Stelle des Heidegger-Textes.), daß das Wetter bald umkehrt. Die innere Zugehörigkeit der eigenen Arbeit zum Schwarzwald und seinen Menschen kommt aus einer jahrhundertelangen durch nichts ersetzbaren alemanisch-schwäbischen Bodenständigkeit. Dagegen hat das bäuerliche Gedenken seine einfache, sichere und unnachahmliche Treue. Neulich kam dort oben eine alte Bäuerin zum Sterben. Sie schwatzte oft und gern mit mir und kramte alte Dorfgeschichten aus. Sie verwahrte in ihrer starken, bildhaften Sprache noch viele alte Worte und mancherlei Sprüche, die der heutigen Jugend schon unverständlich und so der lebendigen Sprache verlorengegangen sind. Solches Gedenken gilt unvergleichlich mehr als die geschickteste Reportage eines Weltblattes über meine angebliche Philosophie. (…) Neulich bekam ich den zweiten Ruf an die Universität Berlin. Bei einer solchen Gelegenheit ziehe ich mich aus der Stadt auf die Hütte zurück. Ich höre, was die Berge und die Wälder und die Bauernhöfe sagen. Ich komme dabei zu meinem alten Freund, einem fünfundsiebzigjährigen Bauern. Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtigeHand auf die Schulter und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich nein.“ (Aus „Warum bleiben wir in der Provinz“, Zitiert nach Th. W. Adorno, Philosophische Terminologie Bd. 1 S. 153 f. Es findet sich hier auch eine gelungenen Analyse dieser Sätze wieder.)

Daß Martin Heidegger nun aber als Gewinner des Wettstreits einen Beitrag auf meinem Blog veröffentlichte, ist nicht nur aus Sterblichkeitsgründen leider ausgeschlossen, sondern auch deshalb, weil die Bedingung der Text-Bild-Kombination nicht erfüllt wurde. Insofern kann ich mit Bedauern in der Text-Stimme nur sagen, daß es keinen direkten Sieger in diesem Streit gibt. Nächstens werde ich aber noch den Beitrag eines prominenten Schriftstellers zu Heidegger sowie eine Photographie veröffentlichen.

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(1) Erinnert sei in diesem Zusammenhang natürlich an die Gegenlektüre durch den Kunsthistoriker Meyer Schapiro in seinem Aufsatz „Das Stilleben als persönlicher Gegenstand“ (1968). Aber auch an Derridas Aufsatz „Restitutionen“ aus dem Band „Die Wahrheit in der Malerei“. Ja, man müßte alle diese Texte zusammenführen. Beginnend mit diesem grandiosen Auftakt des Textes von Derrida „– Und dennoch. Wer sagt – ich erinnere mich nicht mehr –, ‚es gibt keine Gespenster in den Bildern Van Goghs?‘ Nun, wir haben da sehr wohl eine Gespenstergeschichte. Aber wir sollten warten, bis wir mehr als zwei sind um anzufangen.“ Ein Auftakt, der keiner ist, denn zuvor stehen Zitate, um dieses Paar Schuhe mit Schuhbändern zu lesen und jene Cézannesche Wahrheit in der Malerei zu geben.

Martin Heidegger zum Geburtstag

Heute hat er Geburtstag: Martin Heidegger. Einer der umstrittensten, aber auch wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der, zu seiner Zeit unkonventionell, als Professor Ski fuhr und zum Osterfest Feuerräder die Schwarzwaldhänge hinunterrollen ließ. Sein Einfluß auf so unterschiedliche philosophische Strömungen wie die Existenzphilosophie Sartrescher Prägung, die Heidegger in seinem „Humansimus“-Brief in die Kritik stellte, bis hin zu verschiedenen poststrukturalistischen Positionen wie Foucault, Lacan oder Derrida ist immens.

Was sich an Heidegger ausnehmend gut zeigt: das Politik und Philosophie zwei getrennte Bereiche, zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Systeme mit unterschiedlichen Wirkunsbereichen bleiben sollten. Welch ein Irrtum, den Führer führen zu wollen. Aber trotzdem: An „Sein und Zeit“, an seiner Hölderlin-Lektüre, am Kunstwerkaufsatz, an seiner Kritik der abendländischen Metaphysik (im Rahmen der Postmoderne-Essays und einer Vattimo-Lektüre werde ich darauf noch kommen), aber auch an seinen von Philologen streng gerügten Interpretationen zu Aristoteles und anderen Denkern, da führt kein Weg dran vorbei. Die drei großen Werke des frühen 20. Jahrhunderts: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, der „Tractatus“, „Sein und Zeit“.

Was Heidegger am Ende in der Bundesrepublik rettete, denn seine Sache stand in den 60er Jahren eher schlecht, war die von ihm so heftig kritisierte, gegen das Griechische ausgespielte lateinisch-romanische Tradition: jene Französische Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Und wieviel Verstrickung und Schweigen hinterher. Ein Schweigen, das Celan bei jenem legendären mit Hoffnungen verbundenen Treffen zutiefst verstörte.

 Todtnauberg

 Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,

die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute;

auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,

Orchis und Orchis, einzeln

Krudes, später im Fahren;

deutlich,

der uns fährt, der Mensch,

der‘s mit anhört,

die halb-beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor.

 Feuchtes,
viel.

 

SINK mir weg
aus der Armbeuge,

nimm den Einen
Pulsschlag mit,

verbirg dich darin,
draußen.

 

JETZT, da die Betschemel brennen,
eß ich das Buch
mit allen
Insignien.

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