Hegellektüren (2) – Das gefesselte Subjekt
5. November 2012 19 Kommentare
Eine Ergänzung der Lektüren durch Slavoj Žižek, ein wenig angeregt, kürzlich, durch einen Hinweis der Kommentatoren „detroit music“ sowie „Alter Bolschewik“. Odysseen und Fesselungen – Bounded: Tokio Dekadenz als Seinsweise des (spät-)modernen Subjekts: die Warenwelt.
Was will die Philosophie? Sie handelt vom Denken des Denkens. Sie ist Reflexion. Reflexion auf sich selbst, auf die eigenen Bedingungen und Reflexion auf das ihr Auswendige. Sie ist die Arbeit des Begriffes. Sie ist Metaphorologie, sie findet jene Neologismen, die die Welt und alles das, was der Fall oder auch nicht der Fall ist, beschreiben und begrifflich bannen. Philosophie erzeugt die Begriffsfelder, die Konstellation der Begriffe, die eine neue Sicht öffnen, und sie übersetzt – ähnlich der Literatur und der Lyrik – das, was dumpf als Gefühltes brodelt, in die Sprache. Es gibt – zumindest für Menschen – keine Gefühle als solche, es gibt nur Sprache und Formen des Ausdrucks. Philosophie ist Analyse dessen, was die Welt ist, und sie ist zugleich ein Ausdrucksmedium. Die sprachliche Form bleibt ihr nicht äußerlich. Was eine oder einer nicht zur Sprache bringen kann, das fühlen sie auch nicht bzw. es bleibt das, was da als Nerven- oder Neuronenreiz wirkt, wage, dunkel Geahntes. Doch auch die Reflexion allein reicht nicht hin.
Hegel wurde nicht müde, den zwar einerseits notwendigen, aber zugleich defizitären Status der Reflexion darzulegen, sofern diese im endliche Verstand verharrt, dem das Absolute, das Wesen, die Substanz als bloß Äußeres entgegengesetzt bleibt. Die Reflexion ist zwar, nach Hegels Differenzschrift (1801), das Instrument der Philosophie. Aber als Gegensatz zum Absoluten muß sich die Reflexion selber durchstreichen, sich aufheben, weil dieser Gegensatz dem Begriff des Absoluten widerspricht. Der Widerspruch in der Sache wird zum Motor des Denkens und setzt Bewegungen in den Gang. Pointiert und in kalter Präzision werden diese Bestimmungen der Reflexion und deren Aufhebungen (im mehrfachen Wortsinne) in Hegels „Wissenschaft der Logik“ dargelegt. Die Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt, so bezeichnete Hegel in der Einleitung diesen Text.
„Die Form, die das Bedürfnis der Philosophie erhalten würde, wenn es als Voraussetzung ausgesprochen werden sollte, gibt den Obergang vom Bedürfnisse der Philosophie zum Instrument des Philosophierens, der Reflexion als Vernunft. Das Absolute soll fürs Bewußtsein konstruiert werden, [das] ist die Aufgabe der Philosophie; da aber das Produzieren sowie die Produkte der Reflexion nur Beschränkungen sind, so ist dies ein Widerspruch. Das Absolute soll reflektiert, gesetzt werden; damit ist es aber nicht gesetzt, sondern aufgehoben worden, denn indem es gesetzt wurde, wurde es beschränkt.“ (Hegel, Differenzschrift, S. 25, in: Werke 2, Fft/M 1986)
Die Reflexion unterliegt Beschränkungen. Diese Schranken können jedoch von der Reflexion ins Denken genommen und damit zugleich: auf den Begriff gebracht werden. Dabei richtet sich diese Reflexion nicht nur auf das Andere, also auf das Objekt, sondern es steckt in diesem Akt ebenso der Bezug auf sich selbst, ausgehend von Kants Bestimmung des „Ich denke“ in seiner transzendentalen Deduktion.
„Insofern die Reflexion sich selbst zu ihrem Gegenstand macht, ist ihr höchstes Gesetz, das ihr von der Vernunft gegeben und wodurch sie zur Vernunft wird, ihre Vernichtung; sie besteht, wie alles, nur im Absoluten, aber als Reflexion ist sie ihm entgegengesetzt; um also zu bestehen, muß sie sich das Gesetz der Selbstzerstörung geben. Das immanente Gesetz, wodurch sie sich aus eigener Kraft als absolut konstituierte, wäre das Gesetz des Widerspruchs, nämlich daß ihr Gesetztsein sei und bleibe; sie fixierte hierdurch ihre Produkte als dem Absoluten absolut entgegengesetzte, machte es sich zum ewigen Gesetz, Verstand zu bleiben und nicht Vernunft zu werden und an ihrem Werk, das in Entgegensetzung zum Absoluten nichts ist (und als Beschränktes ist es dem Absoluten entgegengesetzt), festzuhalten.“ (S. 28)
Insbesondere zum Einstieg in die Philosophie Hegels scheint es mir nicht verkehrt, die Differenzschrift zu lesen, weil dort grundsätzliche Positionen und Auseinandersetzungen mit der kantischen sowie der nachkantischen Philosophie entfaltet werden.
Hegels Philosophie ist eine der Aufklärung, sie klammert und heftet sich aber nicht nur an das Subjekt – weder an das empirische, noch an das transzendentale –, sondern nimmt das Überschreitende, die Transgression in den Blick. Das Absolute als mit sich und mit Anderem vermittelte Form, davon das Subjekt lediglich ein Bestandteil ist – zumindest in der Diktion Hegels –, bleibt die Aufgabe er Philosophie. Um es ein wenig auf die Empirie herunterzurechnen: Hegel – das ist Zen-Buddhismus für Preußen – allerdings in die Sprache gebracht und Intuition transformierend.
Der Philosoph Slavoj Žižek wendet die Philosophie Hegels in einen psychoanalytischen Rahmen, der sich vor allem am Text von Jacques Lacan ausrichtet. Aber entgegen der poststrukturalistischen Dezentrierungstheorie vertritt der Text Žižeks – zumindest in bezug auf seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Idealismus – eine Position, die das Subjekt als philosophische Kategorie nicht zugunsten von Strukturen preisgibt. Vielmehr thematisiert Žižek ein Subjekt, in dessen Faltungen und Strukturierungen zugleich die Brüchigkeit und die Widersprüchlichkeit dieser Subjektivität ins Denken genommen werden.Es geht Žižek um die Bereitschaft, „mit dem wahrhaft traumatischen Kern des modernen Subjekts begrifflich fertig zu werden.“ (Žižek, Die Nacht der Welt, S. 8, Fft/M 1998) Reflexion ist dabei zum einen die auf einen Gegenstand, mithin auf das Andere des Bewußtseins, eben das, was man (phänomenologisch im nachhegelschen Sinne) als Intentionalität des Bewußtseins bezeichnen kann, und zugleich – alte Einsicht – bezieht sich das Subjekt in diesem Verhältnis – ungewußt und unreflektiert im Akt des Erkennens und Wahrnehmens als solchem – auf sich selbst, und zwar im Sinne jenes in Kants Text postuliertem „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; …“ Dieses Bewußtsein samt seiner Tücken (sowie dem Moment der Sprache als Weise von Subjektivierung) bildet die Basis für Žižeks Philosophie, und eines seiner Bücher führt eben diesen Titel: „Die Tücke des Subjekts“. Darin heißt ein schönes Kapitel: „Kant mit David Lynch“. Was Žižek hier kombiniert, mag im Zusammenspiel zunächst verstörend scheinen – popular culture stößt auf abstrakte Philosophie – trifft aber in seiner Unterschiedlichkeit, der gleichwohl ein Gemeinsames inhäriert, doch gut den Ton, der den Riß, welcher nicht nur durch die Welt, sondern auch durch das Subjekt selbst sich zieht, anspielt. Žižek versucht das Subjekt im Weld von Begehren, Wunsch, Gesellschaft und Sprache zu denken.
„Diese reflexive Wende läßt sich bereits in einer Geschichte deutlich ausmachen, die vielleicht als paradigmatisch für die Abwehr des exzessiven Genießens gelten darf: Odysseus‘ Begegnung mit den Sirenen. Der Befehl, den Odysseus der Mannschaft vor seiner Begegnung gibt lauter: ‚(…) doch ihr sollt dann mit schmerzender Fessel, damit unverrückt ich bleibe, aufrecht mich an den Mastschuh binden, mir Tauen umwunden. Wenn ich dann flehe und euch befehle, ihr möchtet mich lösen, alsdann sollt ihr mich fester mit noch mehr Banden umschnüren.‘ Dieses ‚ihr sollt mit schmerzenden Fesseln mich binden‘ ist zweifellos exzessiv in Hinblick auf Circes Anweisung, die Odysseus hier befolgt: Wir sehen hier den Übergang vom Fesseln als einer Abwehr des exzessiven Genießens , den der Gesang der Sirenen bietet, zum Fesseln selbst als einer Quelle sexueller Befriedigung.“
Dieser Odysseus übt einerseits, wie dies bereits Adorno/Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ darstellten, Kontrolle aus: es ist jene (bürgerlich, wissenschaftliche, männliche) Rationalität, die sich die Regungen, den Trieben versagt. Darin steckt einerseits Aufklärung und andererseits Unterdrückung vom Begehren, von wilder Lust; das Subjekt, das sich an das Düstere hingeben möchte, verdrängt diese Zonen des Reizes, diese schwarzen und doch (erotisch) aufgeladenen Felder. Bei Adorno verkörpert jener Gesang die Kunst mitsamt ihren Verlockungen eines Ungedeckten, und Odysseus ist bereits der bürgerliche, gefesselte Konzertbesucher – eingefügt in den Zwang des Konzertsaals und in den Zuhörersessel gepreßt. Aber diese Bedingungen lassen sich nicht in einem Akt unmittelbarer Revolte, im Aufbegehren beseitigen und aufheben: das Gegenteil, die radikale Entfesselung als irgendwie geartete wilde Performanz der Kunst, der es nicht mehr auf das Werk als solches, sondern auf den Vollzug als Exzeß oder Prozeß ankommt bleibt (zumindest in der Diktion Adornos und ebenso in meiner Lesart) ebenso falsch und Ideologie, weil solches Verhalten das bloße Zerr- und Gegenbild inmitten einer ansonsten durch und durch verwalteten (Kunst-)Welt ist.
Es erweist sich – treibt man die Position Žižeks in diesem Satz ein wenig weiter – die Verlockung des (männlichen) Subjekts samt dessen Fesselung und dem Moment des Genußes (sowohl am Objekt als auch an der Fesselung selber) am Ende als eine Struktur von Begehren, die den Charakter des Universalen trägt. Wesentlicher als die Frage nach dem Masculin/Feminin (Odysseus gefesselt, eben als Mann, die Sirenen als Verlockungen der Frau: klassisches Rollenmodell), wichtiger als die Frage nach dem Geschlecht innerhalb dieser Strukturierungen ist die nach dem Objekt, auf das sich – medial vermittelt – ein Subjekt kapriziert. „Es ist alles eine Frage der Objektwahl!“, sagte die Katze zu der Maus, als diese die Laufrichtung änderte.
Dieses Objekt, welches begehrt und am Ende restlos verzehrt und in den Gebrauch genommen wird, gleicht – zumindest in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft – der Ware. Das Begehren koppelt sich an die Warenform. Kunstwerk und Ware eint der Scheincharakter. Die Verheißungen von Kunst und die, welche die Waren bieten, nähern sich aneinander an. Bereits Baudelaire wußte etwas davon (folgt man den Studien von W. Benjamin und G. Agamben), Marcel Duchamp pointierte dies in seinen Ready Mades, jenen objéct trouvée, und Warhol griff diesen Aspekt von Duchamp auf und brachte ihn in den Kontext von Pop- und Unterhaltung. Der Genuß von Campbell-Suppendosen als Bild und Campbell-Suppendosen, deren Inhalt im Topf köchelt und schmackhaft mit ein paar Gewürzen aufbereitet wird, ist (häufig) bloß noch ein gradueller – zumindest dann wenn die Rezeption von Kunstwerken in jener Haltung der Zerstreuung und des bloßen Genießens und Schlürfens erfolgt. (Wobei die Zerstreuung in anderer Weise auch wieder nicht zu gering angesetzt werden sollte.) Hegels These vom Ende der Kunst sind wir an dieser Stelle sehr nahe, wenngleich aus anderen Gründen als Hegel sie annahm. Das sinnliche Scheinen der Idee, die Weise von Reflexion hat sich – entgegen Hegels Annahme – nicht in die Philosophie als höchste Weise von Denken und Anschauung verwandelt.
Strukturunterschiede der Diskurse stellen sich erst auf einer Ebene der dritten Beobachtung ein, indem der Beobachter des Beobachters in den Blick, in die Reflexion genommen wird.
Letzte Kommentare