1. Mai und ein Nachtrag zu den Leistungsdarstellern

Ein wenig gilt es, meinen Beitrag vom letzten Freitag aus der grauen neuen Welt der Arbeitstage zu ergänzen: So lese ich heute morgen, auf dem Sofa hingestreckt, die Frau an der Leine am Boden kauernd, bissig und zu mir aufblickend, mit hechelnder Zunge, ich kraule ihren Kopf und berühre das Lederhalsband, während der Hund in der Küche das Frühstück zubereitet und den Kaffee brüht, in der Überschrift des Hamburg Magazins, das in dieser Woche dem Zeit-Magazin als PR-Schrift beigefügt war: „Die Zukunft der Arbeit hat an der Elbe bereits begonnen. Trendforscherin Birgit Gebhardt sagt: Die Grenze zwischen Job und Freizeit schwindet. Wir werden Teamworker. Und unser Büro wird immer da sein, wo wir sind.“

Ist dieser letzte Satz nun absurde Poesie im Geiste Dadas, oder handelt es sich eher um eine wenig subtile Drohung? Vertauschen sich in einem Anfall Hegelscher Dialektik gar Subjekt und Objekt? Wo Du nicht bist, will ich nicht sein, wie es einstmals in kitschigen Liebesgedichten hieß. Ich sehe es in Bezug auf die Arbeit eher umgekehrt: Wo Du bist, will ich nicht sein! Der „flexible Mensch“ (R. Sennett) sagt sich im Geiste des neuen Bürgertums an seinem Arbeitsplatz, der im Grunde überall ist: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Pantheismus in seiner säkularen Variante. Wie beruhigend, diese Vorstellung, daß mein Büro immer da ist, wo ich gerade bin. Allerdings: auch die Antworten, die Richard Sennett in seinem Buch aus dem Jahre 1998 gibt, schulden sich dem Geist des sozialdemokratischen Reformismus. Es geht nicht um ein vollständig anderes Konzept von Arbeit, sondern das alte soll – ein wenig an den Stellschrauben gedreht – bloß umgemodelt werden. Der alte Gaul will wieder flottgemacht werden. Dieser sozialdemokratische Konservatismus ist lediglich die andere Seite der Medaille: jener smarten Manager und Angestellten, die mit ihren soft skills und ihrer ungemeinen Effizienz die Teilung von Arbeit und Nicht-Arbeit aufheben wollen. Die Reproduktion der Arbeitskraft geschieht in dieser neuen Welt während der Arbeit selbst: im Crossfit Bootcamp oder im Hochseilklettergarten, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, beim Abendessen oder am Meeting Point mit dem Coffee to go. Sogar die dargebrachte Arbeit stellt sich vermittels der Mechanismen der Identifikation als purer Spaß dar.

Lauter Leersätze in diesem Text bzw. in dem Interview: Die Zukunft der Arbeit hat begonnen. So so, es wurde bisher also nicht gearbeitet, die Produktion von Mehrwert fand bisher gar nicht statt, das geschah alles auf rein freiwilliger Basis. Oder wie soll dieser Genitv gedeutet werden? Was ist eine Zukunft, die begonnen hat, wie und wo soll ich diese auf dem Zeitstrahl verorten? Ist eine Zukunft, die begonnen hat, noch eine Zukunft oder bereits die Gegenwart? Hat hier womöglich nur die Zukunft der Leerformeln ihren Anfang genommen?

Gelungen auch die Berufsbezeichnung „Trendforscher/in“. Das mochte ich schon bei der Sabbeltasche Matthias Horx: Das Drauflosschreiben ohne Sinn und Verstand, das Fabulieren gibt sich selber wohlklingende, klingelnde Namen und verkauft sich als prognostischer Blick, um aber in Wahrheit die bloße Affirmation zu betreiben. Es wird hier dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehuldigt: Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital mithin die Klassengesellschaft, sei doch heute kein Thema mehr und wir lebten nicht mehr in einer Arbeits-, sondern in einer Freizeitgesellschaft, wird so lange als Mantra in die Agora gebrabbelt, bis es jeder für wahr hält. Trendforscher forschen zumeist nicht nach Trends, sondern betreiben die Anpassung an das Bestehende und labeln die Gesellschaft. Kritik an diesem Aspekten ist in so einem Rahmen des Marketings der Anpassung dann „oldschool“.

Und auch die folgenden Sätze von Birgit Gebhardt im Interview sprechen für sich, ich lasse sie unkommentiert:

Gebhardt: Auf Strukturwandel wird häufig mit Überforderung reagiert, daher ist im Moment viel von Burn-out die Rede. Wir müssen lernen, für unser Tun Verantwortung zu übernehmen und uns abzugrenzen. Dann können wir die Vorteile des flexiblen Arbeitens genießen.

Frage: Und die sind?

Gebhardt: Man fühlt sich nicht fremdbestimmt. Ein selbstverantwortlich organisierter Job füllt einen ungleich mehr aus.“

Dies ist dann die vollständige Perversion eines Konzepts von Arbeit, die einmal als nicht entfremdete und nicht verdinglichte wollte auftreten. Fragen über Fragen am Tag der Arbeit zur Zukunft der Arbeit.

„Die individuelle Konsumtion des Arbeiters bleibt also ein Moment der Produktion und Reproduktion des Kapitals, ob sie innerhalb oder außerhalb der Werkstatt, Fabrik usw., innerhalb oder außerhalb des Arbeitsprozesses vorgeht, ganz wie die Reinigung der Maschine, ob sie während des Arbeitsprozesses oder bestimmter Pausen desselben geschieht. Es tut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zuliebe vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt. Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erfüllung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter überlassen. “ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 597 f.)

Ja, heute ist Kampftag der Arbeiterklasse, die es nicht mehr gibt. Ein gutes Gedicht von Pier Paolo Pasolini findet sich übrigens in dem Blog Gleisbauarbeiten, und zwar hier.

Am 23.6. keine Bild-„Zeitung“ in den Briefkasten!

Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner Schaden zuzufügen, geht nicht, ist zumeist auch justiziabel, wenn man erwischt wird. Es handelt sich sowieso nur um austauschbare Charaktermasken, die im Sinne der Verwertungslogik ihre Sache mal gut, mal schlecht machen. Daran werden sie gemessen. Da nützt auch der Kofferraum als geistig-moralische Lehranstalt wenig. Man kann es aber anders anfangen und ihnen bzw. diesem Konzern wehtun. Denn Schmerzen bereitet es diesen Masken an der Stelle, wo es sie Geld kostet.

Am 23.6.2012 möchte die Bild-„Zeitung“ ihren Dreck zum 60jährigen Geburtstag dieses Blattes als kostenlose Jubiläums-Ausgabe an jeden Haushalt der BRD als Briefkastensendung verteilen. Dagegen läßt sich opponieren, indem geneigte Leserin, geneigter Leser Widerspruch gegen eine solche Zusendung einlegen. Dies kann und sollte man an dieser Stelle, über diese Aktion machen. Die Mail an den Springer-Konzern läßt sich zudem bearbeiten/editieren: Und am besten fordern die Schreibenden in dieser Mail zugleich eine Bestätigung darüber an, daß die mitgesandten Adreßdaten nach § 6 Abs. 1 Bundesdatenschutzgesetz gelöscht werden. Macht Arbeit: ergo: kostet den Konzern Geld.

Und es bleibt dabei: Nicht nur Springer enteignen!

Günter Grass. Noch n’Gedicht? Oh, bitte nicht!

Was wird das hier, Herr Grass?: Der Musikantenstadl der Dichtung, die Ergüsse des ästhetischen Minderleisters, die Kapitulation vor der Form? Wer einen Text zu Israel schreiben möchte, wer Israel kritisieren will, der mag das tun. Aber er sollte es dann nicht Gedicht nennen, wenn es sich um keines handelt. Grass ist, wie Böll, Andersch, später dann Walser ein Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands – manchmal (aber nicht immer) gilt jener Satz: No Country for Old Men. Die „Blechtrommel“ ist gut, aber vieles glänzt durch ästhetische Belanglosigkeit. Die langweiligste Literatur der Welt wurde in Deutschland nach dem Kriege verfaßt, sieht man von wenigen Ausnahmen wie Arno Schmidt einmal ab.

Und nun kommt Günter Grass zur Israeldebatte. Er nennt den Text „Gedicht“. Seine politischen Statements fielen mir deshalb auf, weil sie teils undifferenziert sind – dicht bei der Lichterkettenbetroffenheit gebaut. Gut gemeint, ist aber häufig das Gegenteil von gut gemacht. Wenn Schriftsteller politisch Stellung nehmen, sich engagieren, so geht das nicht immer so aus, wie man es sich zuweilen wünscht. Es entsteht oft ein hoher, ein hohler, ein phrasenhafter Ton. Ich gebe diesen Text von Grass im ganzen wieder. Wer es durchhält, das zu lesen, ist gut konstituiert. Ich stelle das hier hinein auch aus satirischen Gründen. Es ist im Grunde zum Lachen, wenn es nicht so traurig und bescheuert wäre. Aber trotz alledem: bitte wenigstens bis nach unten scrollen, weil ich da noch zwei Zeilen schreibe.
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

So etwas gehört mit zehn Jahren Besuch und Lernen an einer Schreibschule oder mit einem Kursus Kreatives Schreiben bestraft. Solche Texte zu lesen, erzeugt Grausen. Es ist ein dummer, totgebrauchter Begriff, aber hier trifft er: Fremdschämen.

Oh, wenn Du geschwiegen hättest: Wir hielten Dich zwar auch dann nicht für Weise, aber es täte wenigstens nicht so derart im Kopfe weh. Dieser Text ist die Kapitulation vor der Form, zeugt vom Mangel an Bewußtsein für dieselbe. Was kommt als nächstes? Eine Hommage an Wolfgang Borcherts Gedicht „Sagt nein“? Die freie Form zu benutzen, bedeutet nicht, sogleich jeden Einfall herunterzuschreiben, der gerade in den Sinn kommt.

Zugegeben: das politische Gedicht ist ein schwierig zu bewältigendes Gedicht. Das heißt aber nicht, es sei deshalb unmöglich, ein solches zu komponieren. Bereits durch ein winziges Verschweigen hindurch, durch die kleine Verschiebung läßt sich im Ausdruck und auch über die Form mehr vermitteln und in die Darstellung bringen als mit jenem Grassschen Holzhammer.

Allerdings ist der Vorwurf, das „Gedicht“ sei antisemitisch, genauso idiotisch wie das „Gedicht“ selbst. Der Text ist nicht antisemitisch, sondern schlecht gemacht. Manchmal ist schweigen besser als fabulieren.

Abend der Gaukler

Gestern Abend war’s raus: dachte mancher vor fast zwei Jahren noch, wir blieben von dem Pastor aus Rostock verschont wie vor der Pest sowie der Cholera und freute sich klammheimlich über Christian Wulff samt seiner Frau, so erwies sich diese Freunde – seit gestern spätestens – als trügerisch, haltlos und falsch. Ein Mann, ein Wort, eine Partei und gekürt (und später dann wohl auch gewählt) wie im SED-Einheitsstaat, seinerzeit, in einhelliger Akklamation von der einzigen Partei, die es in der BRD momentan gibt, alternativlos selbstverständlich: CDSUFDPSPDGRÜN. Gelebte Demokratie. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“

Die Springerpresse wird diese Kandidatur freuen, die Wirtschaft mag es, wenn auf diesem Stuhle jemand mit dem Neoliberalsprech sitzt, wie wir es bereits bei Hotte Köhler so sehr schätzen. Erst den abgefeimten geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) geben und hinterher den zerknirschten Kritiker des Exzesses im Kapitalismus simulieren und diesen als neoliberal geißeln.

„Es mag aber der FDP gefallen haben, dass Gauck, wenig nachdenklich, die Proteste gegen den Finanzkapitalismus als ‚albern‘ bezeichnet hat, von Arbeitslosen und Einwandern mehr Eigeninitiative fordert und Hartz IV vollkommen in Ordnung findet. So ähnlich hat das auch der seinerzeitige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle gesagt, als er nach der Hartz-IV-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von ‚römischer Dekadenz‘ schwadronierte.“

So schreibt es Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Aber es trifft der Artikel von Prantl nicht das Wesen. Doch immerhin: dieser Hinweis auf das Gerede von Gauck ist nicht ganz unwichtig. Interessanter und lesenswerter scheint mir da der Bericht in der taz – insbesondere im Hinblick auf das Moment der medialen Inszenierung von Politik. Es wird der Schein aufrecht erhalten, denn der Laden muß weiter laufen. ZK. (Zum Kotzen)

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 1)

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Hamburg, und es werden auf „Proteus Image“ einige Impressionen dieser Stadt rund um das Schanzenviertel und St. Pauli geboten, die ich am 4.2.2012 fertigte. Das mache ich in zwei Teilen, weil es sehr viele Photographien sind. Ich ordne diese Photos nicht an, sondern zeige sie in der Reihenfolge, wie die Bilder entstanden. Ich ändere ebenfalls nicht die Zählung der Bilder, so daß sich die Lücken, die Leerstellen, die fehlenden Räume und die Orte im Intervall der Zahlen zwar nicht visuell ausmachen, aber doch evozieren lassen. Irgend etwas fehlt immer in jenem Dazwischen, in dem Dinge und Menschen zu versinken vermögen. Zuweilen tauchen sie daraus niemals mehr auf. „Lost in Translation“ – es ist dies einer der intelligentesten Filmtitel. In solchen Photographien müßte im Grunde die Zeit ihrer Aufnahme, ihrer Entstehung mit eingeschrieben werden. Das exakte Datum, auf die Sekunde gerechnet. Diese Datierung, gepaart mit der konzeptionellen Abstraktion eines On Kawara, wie er sie in den Date Paintings seiner Today-Serie fertigte, gäbe ein interessantes Projekt ab, um jene Augenblicke und das Datum, jenen einen Moment, jenen versäumten oder entschwundenen Moment zu bannen. Auch ein Immaterielles wie die Zeit vermag zum Fetisch sich zu transformieren, an dem ein Photograph sich festbeißt. Und jene versäumte eine Sekunde, die kein Bild und keine Sprache festzuhalten vermag.

Ich wollte eigentlich auf der Veddel Bilder machen, aber da ich Freitagabend während einer Party so schlimm dem Alkohol verfiel, daß die Rekonvaleszenz nur einen Ausflug ins Naherholungsgebiet zuließ, blieb mir nichts weiter übrig, als in solch einem Nahgebiet Photos zu schießen. Und daß ich am Samstagabend in einer Bar zwei alkoholfreie Biere trank und das Glas Rotwein bei einer Freundin nur halb leerte: ja, das zeigt, wie schlimm es um mich bestellt war.

Ich hätte heute ebenfalls etwas zu Charles Dickens 200. Geburtstag schreiben müssen und gestern einen Text zur Würdigung des großartigen François Truffaut, der 80 Jahre geworden wäre und viel zu früh verstarb. Allein, es fehlt die Zeit. Aber die Filme Truffauts laufen nicht weg. Ja, das Bloggen bildet eine zeitintensive Tätigkeit. Bereits die Filme über Antoine Doinel sind einen eigenen Beitrag wert. Filmisch, von der Bildästhetik und der Art der Narration. „Baisers volés“: was für ein Filmtitel.

Kontaktwunden

„Bei Kontaktwunden wurde der Lauf der Waffe direkt an den Körper gehalten … Der äußere Rand der Eintrittswunde ist durch den heißen Rauch angesengt und vom Ruß geschwärzt. Der Ruß ist so in die versengte Haut eingebrannt, dass man ihn weder durch Waschen noch durch heftiges Schrubben von der Wunde entfernen kann.“
Vincent J.M. DiMaio M.D., Gunshot Wounds: Practical Aspects of Firearms, Ballistics and Forensic Technique

Kapitalismus läßt sich einerseits in die Analyse und in den Blick der Theorie nehmen, indem seine Begriffe gleichsam auf den Begriff gebracht werden, und er stellt sich zugleich – gewissermaßen phänomenologisch – über seine verschiedenen Ausprägungen dar, etwa wenn man sich die Kriminalität ansieht, welche eine Gesellschaft produziert: Indem man auf Verbrechen, Gewalt und Strafe schaut sowie darauf, wie eine Gesellschaft mit diesen Phänomenen umgeht und welche Auswirkungen das wiederum auf eine Gesellschaft zeitigt. So geraten auch die Produktionsweisen von Wirtschaft in den Fokus.

Als Stichwort für das destruktive Moment der Produktionsbedingungen sei hier Mexiko genannt, welches kurz davor steht, zum failed state zu geraten bzw. bereits ein solcher ist. Aber es lassen sich auch andere westliche Länder nennen. (Zudem stellt sich natürlich die Frage, was man als Kriminalität definiert: der Tod von Menschen, die die EU-Außengrenzen passieren, läßt sich sehr wohl auch in juristischen Begriffen als Mord bezeichnen. Die Tötung und Verfolgung von Sinti und Roma in Ungarn oder Italien bspw., welche vermittels staatlicher Billigung geschieht, wäre durchaus juristisch zu ahnden.)

In bezug auf diese Aspekte ist der Krimi oder der Detektivroman immer auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte: nimmt man nun Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“, welcher einen Blick in die Epoche des Viktorianischen Zeitalters wirft und zugleich das Ideal einer analytischen Verfahrensweise hochhält über Raymond Chandlers Detektivgeschichten, die in einer abgebrühten zynischen Großstadtwelt spielen, welche bloß noch für sich agierende Individuen kennt, bis hin zu den surrealen, gesellschaftskritischen Krimis von Léo Malet. Die Frage Brechts, was nun das größere Verbrechen sei: eine Bank zu gründen oder sie einfach nur zu überfallen, bleibt immer im Raume stehen und mithin virulent.

Im Krimi sedimentiert sich Gesellschaft samt deren Kritik – egal ob das mit oder ohne Intention des Autors geschieht. David Simons Reportage-Roman „Homicide“ (1991) sowie die sich daran anschließend Fernsehserie „The Wire“ rücken der US-Amerikanischen Gesellschaft auf den Leib. David Simon ist Journalist, Polizeireporter und Drehbuchautor. Er recherchierte im Morddezernat der Stadt Baltimore, wo jährlich etwa 250 bis 300 Morde geschehen. Anhand dieser Stadt im Bundesstaat Maryland wird der Verfall von Gesellschaft dargestellt.

Das Buch ist mehr im Stil der literarischen Reportagen gehalten, die Serie fiktionaler; ihr werden stilbildende Eigenschaften für die Fernsehserienlandschaft nachgesagt. Sieht man einmal von dem affirmativen Moment ab, das dem Fernsehen grundsätzlich innewohnt, solange es als Medium nicht die Produktionsart von Bildern und damit verbunden die Strukturierung des Blickes ändert, so ist an diesem Urteil einiges dran, insofern ich das nach den ersten acht Folgen der Serie beurteilen kann. Wesentlich ist hier, daß es in „The Wire“ kein gut oder böse mehr gibt. Die Polizeiermittlungen sind reiner Selbstzweck und auch die Gangster, die Drogendealer werden als Menschen geschildert – das Schwarz/Weiß- bzw. Gut/Böse-Schema fällt komplexer aus. Die Dealer werden ebenso sachlich gezeichnet wie die Polizisten. Die Dealer gehen ihrem Geschäft im Grunde nicht anders nach als der bankgründende Kapitalist. Es wird eine vollständig verlotterte Gesellschaft gezeigt.

Ich lasse mich insofern beim Lesen von „Homicide“ und beim Betrachten der Serie überraschen. Wobei ich vorab schon sagen muß: „The Wire“ ist zwar spannend, ich freue mich auf die nächste Folge, während ich auf meinem Krankenlager liege, aber sie ist auch nicht überwältigend. An „Twin Peaks“ reicht im Sinne des Ästhetischen und der Konstruktionsleistung so schnell nichts heran. Aber nichts desto trotz bleibt „The Wire“ eine gutgemachte Serie, und wir wollen doch mal schauen, ob ich hier iom Blog etwas über Buch und Serie schreiben werde, isnofern beide etwas zum Schreiben hergeben.

Ja, und Kontaktwunden können vielfältig ausfallen. Man sollte sich zumindest vor den Schußwaffen in acht nehmen, da lassen sich beim vorisichtigen Umgang mit denselben oder gar bei ihrer Vermeidung jene Wunden gut umgehen.

„Aisthesis“ stellt sich hinter den Bundespräsidenten

Halten auch Sie zu ihm: Denn wenn Christian Wulff nicht mehr im Amt bleibt, so wird uns Joachim Gauck beschert. Und dies kann wahrlich keiner wollen. Andererseits: einer ist wie der andere: Charaktermasken.

Kleisttage, Herbsttage, Wannsee – Eine melancholische Reise in den Süden

„Küsse, Bisse/Das reimt sich und wer recht von Herzen liebt,/Kann schon das eine für das andre greifen“

H. v. Kleist, Penthesilea

Wenn eine Reisende oder ein Reisender, etwa vom Osten kommend, vom Potsdamer Platz über das Kulturforum sich bewegend, die Potsdamer Straße in Richtung Süden immer weiter geradeaus fährt, dann …, ja dann ist der Autofahrer ziemlich bescheuert und ortsunkundig, weil sie oder er nämlich nur im Stau steht und nicht vorankommt. Nichts schlimmer als Samstag auf der Potsdamer Straße mit dem Auto, auf nur einer Spur. Langsamer nie als im November. Also umfahren wir den direkten, den geraden Weg, schließlich besitzt Berlin wunderbare Stadtautobahnen – jede Stadt sollte sich Stadtautobahnen zulegen: man kommt schnell durch und es gibt dort keine Fahrräder. Also über die Stadtautobahn spurten, mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit versteht sich. Und so beginnen wir unsere Reise: in Steglitz, die Autobahn verlassend, und fahren die Straße Unter den Eichen immer geradeaus, dann auf die Berliner Straße, bis man, weiter geradeaus, die Potsdamer Chaussee erreicht, welche, wie es der Name bereits sagt, direkt nach Potsdam führt. Teils stehen am Straßenrand schöne Alleebäume, am Wegesrand, zu den entsprechenden Obst- und Gemüsezeiten der Saison, verkaufen Händler, die vorgeben, aus dem Umland zu stammen, Erdbeeren, Spargel und sonst was für Obst und Gemüse an Hungrige und an Köche. Die Fahrt über die Straße ist eine Reise für sich, etwa wenn man durch das ruhige und verschlafene Zehlendorf kommt. Wie heißt ein Schlachtruf, sobald sich Nachbarn über zu laute Musik auf Kreuzberger oder Neuköllner Partys beschweren?: „Geh doch nach Zehlendorf!“ Dabei ist es schön in Zehlendorf, ab einem gewissen Alter zieht man entweder nach München – sofern man ordnungsliebend ist, graffitibefreite Zonen sowie klinisch-antibakterielle Sauberkeit mag und etwas für die Bayern übrig hat – oder nach Ottensen, wer Lehrer oder Yogatherapeut geworden ist. Und für den ganz normalen und beschaulichen Menschen mit Berliner Gemüt bieten sich Zehlendorf, Steglitz, Friedenau an. Dort wohnten, nebenbei gesprochen, Uwe Johnson, Günter Grass, meines Wissens zeitweise auch Max Frisch und Erich Kästner.

Wenn der Autofahrer endlich den fast äußersten Teil des Berliner Südwestens erreicht hat und nach Wannsee kommt, dann biegt er hinter der Eisenbahnunterführung links ab in die Bismarckstraße, und da findet sich nach kurzer Strecke rechter Hand das Doppelgrab von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist. Es befindet sich auf einem Hügel, von dem die Betrachterin oder der Betrachter auf den Kleinen Wannsee schauen können. Schöner Herbstwald, gefärbtes Laub, das ich mir betrachte, wer möchte da nicht begraben liegen? Und die Ufer sind leider besetzt von Ruder- und Segelclubs, so daß der Flaneur nicht spazieren kann. Mit diesem Blick auf den See und in den Herbstwald hinein erschoß Heinrich von Kleist am 21. November 1811 zuerst die todkranke Henriette Vogel und hernach sich selber. Davon mehr und im Detail am Todestag  – hier in Ihrem Sensationsblog, unter der Rubrik „Todesschüsse“. Als wärst Du selbst dabei, so hautnah reportiert Ihnen ihr ästhetischer Lieblingsberichterstatter Bersarin jene Ereignisse, die sich an jenem 21.11.1811 an einem trüben Novembertag am Kleinen Wannsee zutrugen. Auf dem ersten ursprünglichen Grabstein kam der Name von Henriette Vogel nicht einmal vor.

Die Anlage des Kleistgrabes ist recht verwildert, sie soll umgestaltet bzw. ästhetisch flurbereinigt werden, so daß es dort mehr Platz zum Spazieren am Wasser gibt. Ich selber begab mich, nach einer sinnierenden Minute, in der ich auch der eigenen Melancholie frönte, weil ich am Vormittag eine ziemliche schriftliche Eselei begangen habe, weiter hin zum Großen Wannsee, um dort ein wenig zu spazieren – bis hin zum Heckeshorn. Photographien von diesem Kleistgang zeige ich auf Proteus Image.

Auch die Strecke am Großen Wannsee entlang – auf der Straße, auf dem Gehsteig – führt lediglich an Häusern im Privatbesitz vorbei: ein Segel- oder Ruderverein folgt auf den anderen. Es gibt kaum einen freien Blick auf den, geschweige einen freien Zugang zum Wannsee: Members only. Zuweilen thronen am Ufer auch prachtvolle Villen. Aber es stehen zur linken ebenfalls Appartementhäuser der 70er Jahre, die architektonisch recht interessant ausschauen. Unten beim Heckeshorn geht es dann in den Wald hinein und es gibt Wege am See

Vor 70 Jahren, einige Kilometer entfernt, begannen im Oktober 1941 am S-Bahnhof Grunewald die ersten umfassenden Deportationen der Berliner Juden. Über 50 000 Juden wurden von diesem S-Bahnhof in die Vernichtungslager im Osten verbracht. Gefüllt mit 1.013 Juden in den Vieh- oder Güterwagons verließ am 18. Oktober 1941 der erste Deportationszug der Deutschen Reichsbahn den Bahnhof Grunewald.

„Die Rolle der Deutschen Reichsbahn im Holocaust blieb lange unbeachtet. Erst in den 1980er und 1990er Jahren wurden in Erinnerung an dieses Kapitel in der Vergangenheit des Bahnhofs Grunewald mehrere Mahnmale errichtet. Daher wurden die ersten Mahnmale von anderen Gruppen errichtet. Die erste Gedenktafel zur Erinnerung an diese Deportationen wurde 1953 am Signalhaus aufgestellt, allerdings wurde sie aus unbekannten Gründen wieder entfernt, auch der Zeitpunkt des Abbaus ist nicht dokumentiert. Die Einweihungsfeier wurde damals von Polizisten gestört, weil die Vereinigungsgruppe, die die Gedenktafel initiiert hatte, als kommunistisch galt. Die zweite Tafel des Gedenkens wurde erst zwanzig Jahre später im Jahr 1973 angebracht und 1986 gestohlen. Am 18. Oktober 1987, dem 46. Jahrestag des ersten Transportes, wurde ein weiteres Mahnmal von einer Frauengruppe der evangelischen Gemeinde Grunewald errichtet. Auf zwei Eisenbahnschwellen stand senkrecht eine dritte mit der Inschrift

„18.10.41“

Eine Messingplatte mit der Beschriftung

„Wir erinnern / 18. Okt. 41 / 18. Okt. 87“

vervollständigte das kleine Ensemble. Nachdem die Initiatorinnen das Mahnmal altersbedingt nicht mehr pflegen konnten, wuchs es zu und die Messingplatte wurde entwendet. 2005 wurde es dann vereinfacht, mit querliegender anstatt senkrechter Eisenbahnschwelle, wieder hergerichtet und eine neue Messingplatte montiert, …“ (Wikipedia)

Soviel zur zeitnahen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. „Entwendet“ ist ein feiner Euphemismus.

Sicherlich böte sich in bezug auf Kleist eine Text/Photostrecke an: eigene Bilder, dazu Texte von Kleist, aber mir scheint solche Anordnung doch ein wenig zu bemüht. Und um solch ein Projekt wirklich gut zu gestalten, muß man sich sehr viel Zeit nehmen, die jemand, der in Vollzeit im Beruf steht, naturgemäß nicht besitzt. Und schließlich ist „Aisthesis“ bloß ein bescheidener ästhetisch-kritisch-theoretischer Blog, aber kein Buchprojekt.

„Zeit geben“

Nachschlagender Nachtrag zur Occupy-Veranstaltung in Berlin

Ich habe es erst nach einer Woche endlich geschafft, die Photos zu sichten, deshalb gibt es diese Bilder samt einem Bericht verspätet.

Auf dem Platz vor dem Neptunbrunnen saßen oder tummelten diverse Menschen – Alte und Junge, ganz normal Gekleidete und die Verwegenen, sogar das BüSo beteiligte sich, was kein gutes Omen abgibt. Bei der DKP, nicht anders als früher, wehte im Wind ein rotes Fahnenmeer. Das kommt davon, daß jeder DKP-Teilnehmer in seinen Händen je zwei Fahnen – ich hätte beinahe geschrieben Winkelement – halten muß. Der Höhepunkt war wohl eine Gruppe junger Möchtegern- oder Halbhippies, die auf dem Boden sitzend zum Gitarrenspiel „Über den Wolken“ sangen. Was sollen wir sagen?: Dies ist der Beginn einer machtvollen und kräftigen, weltweiten Revolution: We shall not be moved, shall overcome, and overrun at least. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Lied ausgehen. Wenn es im Oberstübchen bereits hapert und klemmt, wenn zentrale Elemente des Hirns zerfressen oder zersungen sind, dann weiß ich eigentlich nicht, wie es in der Theorie, in der Reflexion, mithin beim Begreifen von Gesellschaft und ihrem Zustand noch laufen soll. Dem folgte also deutscher Gesang. Ich war schon kurz vor dem Reißausnehmen, denn solch eine Gesangs-Scheiße muß ich mir nicht antun. Wo man singt Friedenslieder, da laß Dich nicht nieder, denn nur Derangierte singen solches immer wieder. In meinen schlimmsten friedensökologisch-hippiebewegten Schulzeiten – nicht ich selber, aber vermittelt über Schulfrauen in lila Latzhosen und ähnlichem, denen man sich ja doch nicht entziehen konnte, wenn die Zahl der Flachlegungen oder Halbflachlegungen als ordentlicher Oberschüler halbwegs stimmen sollte – sangen wir nicht solchen Grottenschrott. Es muß ja nicht immer das ewiggleiche Slime-Gedröhns, Holger Burner oder „Ton Steine Scherben“ sein.

Ich wollte ursprünglich die Bilder zur Occupy Berlin-Veranstaltung hier in diesen Text einbauen, aber ich habe nicht viel Zeit heute, es ist mir zu mühsam, danken tut es einem sowieso keiner, also gibt es die Photos auf Proteus Image zu sehen.

Zum Auftakt des Protestes preschte eine Gruppe, die sich autonom und anticapitalista gab, mit einem Transparent vor den Beginn des Zuges, drängte sich auf die Spandauer Straße vor einen armseligen Veranstalterlautsprecherwagen, dessen Boxenton nicht einmal zwanzig Meter weit reichte. „Wer hat euch denn zur Avantgarde gemacht?“, pflaumte eine herankommende Fahradfrau herum. Na ja, was soll man darauf antworten? Zur Avantgarde wird man nicht gemacht – entweder man ist es oder man ist es nicht. So zumindest ging das seinerzeit in der Kunst und in der Politik ab. Aber Avantgarde war die Anticapitalista-Gruppe mitnichten. So lief der Zug mit den üblichen Rufen nach Befreiung und Widerstand und keinem ruhigen Hinterland und „Ackermann – Kofferraum“ auf die Karl-Liebknecht-Straße und auf die „Unter den Linden“ los. Diesen Ackermannslogan wiederum fand ich, weil ich ein pädagogischer Volksfreund des Kofferraums als moralische Lehranstalt bin, ganz witzig. Aber man darf solches natürlich nicht überstrapazieren. Andererseits: der Mensch lebt nicht von Metaphern allein. Aber wer will am Ende schon die Verantwortung übernehmen? Sie etwa? Und sind solch Dinge nicht vielmehr verboten? Fragen über Fragen, die Leserin und Leser bitte nicht mir stellen mögen, denn ich trinke gerade einen wunderbaren …, ach, was soll ich Güter nennen? Und so früh am Abend schon Alkohol? Aber ja! Die Bayern haben Alpenglühen und bei uns im Osten heißt das Vorglühen (vor Party).

Ich blieb vorne beim Zug, weil ich, in die Polizeifunkgeräte gesprochen, hörte: „Da vorne ist eine Gruppe, die Streß macht.“ Ah, dachte ich, herrlich, obwohl ich beim Anblick der Gruppe die Einschätzung des Führers von Zug A2 nicht ganz teilte. Kleine Verstärkung der Einsatzkräfte erfolgte, aber nicht allzu viele rückten hinzu, keine Behelmten waren dabei und keine Hundestafel. Schade. Vielleicht gibt es trotzdem gute Bilder? War es am Ende doch richtig, den Helm mitzunehmen? Die Gruppe sah aber nicht nach wirklicher Randale aus, meine begehrlichen Blicke konnten da nichts sehen. Bei einem zweiten, kürzeren Transparent mit der Aufschrift „Hello Occupy Wallstreet. Yes: Enough ist enough is enough. Hello # Globalchange“ entdeckte ich später sogar eine attraktive Frau dabei. Kurzer Blickkontakt, aber als Photograph gehört man nun einmal zu den Counterschweinen, da läßt sich nichts machen und drehen. Pig oder Mensch. Aber ich bin doch nur der Photograph!

Der Block sang zuweilen Arbeiterlieder wie „Roter Wedding“ oder „Der heimliche Aufmarsch“ eigentlich liebenswert und ich mußte vor mich hinlächeln.

„Zivischweine, Schüsse in die Beine!“ Hm, das Gehen neben einem echten schwarzen Block kann Ärger mit sich bringen, kürzlich war ich auf einen Zug der Bereitschaftspolizei angewiesen. Auch Schläge, Stöße, Schubse gegen das süße Nikon-Baby sind nicht selten – ich kann es verstehen, die wissen ja nicht, wer ich bin und kennen diesen tollen Blog nicht.
Lobe ich mich hier eigentlich zu viel und machte etwas zu starke Selbstdarstellung?
Nöh, nöh, geht schon.
Na, denn is ja man jut.

Weiter ging es am Reichstag vorbei. Und in der Heinrich-von-Gagern-Straße schwenkte der bunte voranschreitende Block mit einem Male nach rechts ab – über die große weite und wie ich beim Laufen registrierte, sehr weiten Wiese und stracks auf den Reichstag zugerannt, um dann die Absperrgitter vor der Bannmeile zaghaft wegzuschieben und sich von den Bereitschaftspolizisten des Zuges A2, die vom Mitlaufen mindestens genauso erschöpft waren wie ich, zur Seite drängen zu lassen. Auch ein paar Hanseln der Polizei des Bundestages standen da. Wäre zum Reichstag ein richtiger schwarzer Block mitgelaufen, sähe das Gebäude heute anders aus. Aber es marschierte dann sicherlich eine andere Polizeibegleitung mit. Ich zumindest habe nach diesem Sprint gesehen, daß ich trainieren muß. Einen 1. Mai in Berlin halte ich so nicht durch. Beim laufintensiven Squat Tempelhof und bei den Anti-Nazi-Demos war meine Form besser.

Da es an den Gittern vor dem Reichstag keinen Willen zum Durchkommen gab, wurde sich vor dem Objekt sitzend niedergelassen. Als einige Blockierer Zelte aufbauten, näherte sich jedoch eine Beweissicherungs- und Festnahmegruppe, um das Treiben zu beenden. Also mußte es ohne Zelte gehen. Bei den Occupy-Wall-Street-Protesten in New York sind Megaphone von der Stadtverwaltung verboten worden, damit die Bank- und Börsenmenschen nicht durch zu viel Lautstärke gestört werden und ihren üblichen Geschäften nachgehen können. Diese Megaphonabsenz kopierte die Bewegung in Berlin, und so machte einer die Durchsage ohne technische Verstärkung und die anderen wiederholten das dann im Chor wortwörtlich. „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“ „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“, so die anderen. Und so ging das immer weiter, nach dem einen Redner kam der nächste und dann kam eine Rednerin und dann wieder eine und dann ein neuer Redner. Und dazu sprach fortwährend der Protestierendenchor die gerade gehörten Worte nach. Die schlimmste Regietheaterinszenierung des 108. Castorf-Epigonen, der ein Jelinekstück gibt, konnte nicht enervierender und schlimmer ausfallen als diese unendliche Repitation des zuvor bereits Gesagten. Allein aus ästhetischen Gründen scheint es mir geboten, das Verbot von Megaphonen in New York wieder aufzuheben. Der Chor, einst Mittel der Aufklärung, regredierte hier zur Maschine des Schwafelns.

Eine solch traurige Bewegung sah ich selten. „Über den Wolken“ und Chorgespreche. Sophokles hätte zwei Becher Schierlingssaft getrunken, um diesen Darbietungen zu entgehen. Andererseits möchte ich von einer Veranstaltung nicht auf die Gesamtheit schließen. Interessant mögen sicherlich die Prozesse sein, welche sich entwickeln, wenn unterschiedliche Menschen Protest anmelden. Andererseits ist dies bei der Divergenz der Interessen ein schwieriges Unterfangen. Pessimismus des Denkens bleibt.

Insofern ist der Hinweis auf das Shoppengehen kein schlechter. Machen Sie sich einen schönen Abend, es könnte Ihr letzter sein, so meine Empfehlung.

Ich selber sitze gerne an den abgefuckten Orten vor den Ruinen und sehe euch beim Untergang zu. Und wenn ich meine Nikon dabeihabe, dann halte ich das für später fest.

Ach ja: wer meint, es seien nur die bösen Märkte und die bösen, bösen Banken und der böse, böse, böse Ackermann et al., der irrt. Den freien Markt zu verbieten, mit allem und mit jedem Geschäfte zu machen, ihn gesetzlich zu regulieren, ist in etwa so, wie einem Glatzköpfigen zu verbieten, keine Haare zu haben und ihn zum Lockendrehen zu vergattern.

„Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ (1)

Einige Bemerkungen anläßlich der Ausstellung im c/o Berlin

„Show you are not afraid. Go to restaurants. Go shopping.“
(Rudolph W. Giuliani)

„Die Olympischen Spiele werden aufgrund von Protesten von Teilnehmern und Zuschauern unterbrochen, einen halben Tag nach der Ermordung der israelischen Sportler aber wieder fortgesetzt. Dazu Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK): ‚The Games must go on‘

Avery Brundage (1887–1975), amerikanischer Unternehmer, Teilnehmer der Olympischen Sommerspiele 1912, von 1952 bis 1972 Präsident des IOK. Befürwortete die Teilnahme amerikanischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1936 und setzte sich dafür ein, dass jüdische Sportler im amerikanischen Kader durch nicht-jüdische ersetzt wurden.“
(Friedrich von Borries, München. Show You‘re not Affraid. New York. The Games Must go on,
in: Katalog „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“, S. 102)

Es ist Krieg.

Der Begriff des Terrors ist vielschichtig. Er kann in der Geschichte als Staats- oder Kirchenterror vorkommen, wenn gefoltert, getötet und auf eine Weise bestraft oder normiert wird, die über alles Maß geht – wenngleich die Akteure selber sich derart nicht beschreiben würden. Jeder der Akteure wähnt sich, innerhalb eines Rechtsbegriffes zu operieren. So steht ein Recht gegen ein anderes. Und der Begriff des Terrors, die Festschreibung des Terroristen, dient zugleich dazu, jene Gegenseite (diskriminierend) kenntlich zu machen, jenen Gegner zu beschreiben, der das Gewaltmonopol (eines Staates) in Frage stellt. Fremdbeschreibung und Selbstbeschreibung decken sich beim Gebrauch des Begriffes Terror/Terrorismus nicht.

Die Geschichte ist voll von Terror.

Als Produkt jener Dialektik der Aufklärung tauchte er in der Französischen Revolution als Terreur auf, um die gegenrevolutionären Kräfte in Schach zu halten. Mit der französischen Revolution wird der Begriff des Terrors endgültig zu einer politischen Kategorie, die Anspruch auf ein weitreichend Allgemeines machen kann – auch über den Begriff des Partisanen, wie in der Guerilla-Taktik der Spanier beim Kampf gegen die Napoleonische Besetzung und in den Aktionen der Preußischen Freikorps wie der Lützowschen schwarzen Reiter. Berechtigter Kampf gegen Unterdrückung oder ein terroristischer Akt purer Gewalt?

Es kann das, was als Terror bezeichnet wird, das Recht einer Gruppe bedeuten, Widerstand zu leisten. Wesentlich bezeichnet der Begriff des Terrors Weisen asymmetrischer Kriegsführung. Dabei geraten die Bestimmungen, was nun Terror und was Recht auf Widerstand und damit legitim sei, fließend. Der Angriff auf eine Hochzeitgesellschaft ergibt für die einen lediglich einen Kollateralschaden bei der ruhmreichen Verteidigung der sogenannten Freiheit am Hindukusch, für die anderen handelt es schlicht um einen barbarischer Akt des Mordes – mithin staatlich freigegebener Terror.

Die populäre Devise, daß man nicht nicht kommunizieren kann, zeigt sich am Phänomen des Terrorismus besonders deutlich. Terror ist die Kommunikation von Angst in zwei Richtungen: Du darfst nicht ruhig leben, so sagt es der bedrohte Staat, indem die Terrorwarnungen mal hoch und dann wieder herunter gefahren werden. Du sollst nicht ruhig leben, so sagen es die Seiten, die Terror gegen die zivilen Bevölkerungen ausüben. Insofern ist der Hinweis Giulianis – zumindest in einem guten hedonistischen Sinne – so falsch nicht, in ein Restaurant sich zu begeben und gut Essen zu gehen. Für sauberes und angstfreies Ausgehen in new York sorgte er ja bereits durch seine Politik der „Zero-Tolerance“.

Neben diesen politischen Bestimmungen, gibt es die mediale Dimension, in der den Zuschauern die Bilder des Terrors, die Bilder des Krieges samt deren Auswirkungen präsentiert werden. Terror ist eine Strategie zur Kommunikation, um eine Botschaft zu übermitteln, die nur über Bilder funktioniert, weil sie lediglich im Visuellen eine hinreichend große Zahl an Zuschauern erreichen kann. Diese Visualiserung von Macht, welche sich zuweilen in einer Ikone verdichten kann, fängt mit den abgeschlagenen Köpfen oder mit den zerstückelten Körpern an, die in der grauen Vorzeit (und bis heute hin) am Straßenrand oder in der Ortschaft, gut sichtbar, positioniert werden, damit der Feind erschaudere.

Die Ausstellung „Unheimlich Vertraut. Bilder vom Terror“ im c/o Berlin fällt überbordend und groß aus. Ich bespreche sie deshalb in mehreren Teilen. Zunächst soviel: man muß aufpassen, nicht in die Falle 9/11 zu tappen: Über das eine Ereignis wird ausufernd berichtet, über andere aber gar nicht. Es gibt in der Aufmerksamkeitspolitik der Medien verschiedene Arten von Toten. Und zugleich ist bei einer Ausstellung Skepsis angebracht, wenn im Katalog als Förderungsvermerk „A Public Affairs Programm of the Embassy of the United States“ vorkommt. Leicht verkümmert Kunst zur Staatskunst, so daß qua Ästhetik sich der Diskurs des Politischen in die gewünschte Richtung hin ausbildet. In dieser Ausstellung verhält es sich freilich nicht ganz so, weil die Bildproduktion und das, was gezeigt wird, vielschichtig ausfällt und verschiedene Aspekte und Sichtweisen auf den Terror visualisiert und teils auch künstlerisch dargestellt werden. Wenngleich das Herzstück der Ausstellung sicherlich die Auseinandersetzung mit jenen Bildern von 9/11 ist. Und so läuft auch dieser Essay in jene Falle, indem er die Produktion von Bildern sowie die Momente daran, die zu kritisieren sind, durch einen weiteren Kommentar lediglich verstärkt. Die Bilder teilen und vervielfältigen sich. Andererseits habe ich keine Lust, nichts zu schreiben. Es zirkulieren diese Bilder; und es gilt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie zu analysieren. Insofern gehört diese Ausstellung ebenso zu meine Lektüre von W.J.T. Mitchells Buch „Das Klonen und der Terror“, dessen Kritik ich demnächst fortführe.

„Unheimlich Vertraut“ zeigt sowohl Dokumentarisches, Journalistisches und die ästhetische Auseinandersetzung mit den Feldern Terror, Krieg, Medien, Kunst. Es beginnt die Ausstellung mit Pressephotographien der Anschläge aus den 70er Jahren: Angriff der RAF in Heidelberg auf die US-Army, die Bilder des zerschossenen Mercedes bei der Schleyer-Entführung, ein IRA-Anschlag auf eine britische Kaserne in der BRD. Die Photos befinden sich in Klapprahmen, so daß man die Rückseiten der Bilder ansehen kann, auf denen sich die Beschriftungen der Agenturen befinden, die dort, teils mit Schreibmaschine geschrieben, genauere Angaben zu den Bildumständen machen. Denn diese zweite Seite des Bildes schafft mit ihren Kürzeln, Stempeln, Hinweisen zur Sache und den Copyrightvermerken aus den Redaktionsstuben eine zweite Ebene – die des Vermittelten. Sie erst erzeugt den Kontext und damit die erste, tentative Einordnung des Geschehens, was dann als Wirklichkeit – und zwar in dem Sinne, daß es wirkt – in den Verkauf gelangt.

Als blutiger Auftakt der 70er Jahre und als Einschreibung eines breit gestreuten Medialen in den Diskurs des Politischen – zumindest innerhalb der BRD – gilt wohl die Geiselnahme und anschließende Exekution der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 durch palästinensische Terroristen. (Daß Kriegs- oder Terrorbilder immer schon mit dem Medialen paktieren und durch ihre Inszenierungen und Darbietungen ein bestimmtes Bild vom Krieg in die Heimatfront tragen, zeigt etwa Gerhard Paul in seinem Buch „Bilder des Krieges, Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges“ Der erste Irakkrieg etwa wurde uns als Präzisionskrieg verkauft, als gäbe es nur gerechte Tote, die natürlich allesamt nur böse irakische Soldaten waren.)

Die einzelne Photographie ist im Grunde stumm, die Geschichte, die das Photo zeigt, kann so oder auch ganz anders sein. Eine journalistische Photographie in einer Zeitung illustriert lediglich, sie gibt einen Rahmen, damit es den Leser in der Bleiwüste nicht zu sehr ödet. In diesem Akt der Visualisierung des Geschehens stechen bestimmte Bilder heraus und gelangen in das kollektive Gedächtnis. Meist sind es statische Bilder, also Photographien, seltener Fernsehbilder. Ihr Charakter ist der, daß man kurz nur anzudeuten braucht, was darauf zu sehen ist und (fast) jede und jeder weiß, welches Bild gemeint ist, man realisiert mit seinem inneren Auge: so etwa das in der Ausstellung gezeigte Photo eines der maskierten Geiselnehmers auf dem Balkon des israelischen Quartiers. Es hat sich im Gedächtnis festgebrannt. Insbesondere die Kapuze dürfte ein zentrales Element des Bildes sein, was zu seiner Unheimlichkeit einiges beiträgt. (Dies wird bei jenem bekannten Folterbild aus Abu Ghraib sinnfällig. Ich komme darauf dann im Rahmen der Lektüre von Mitchell zurück.) Die Olympischen Spiele 1972 in München waren die ersten, die europaweit Live und in Farbe übertragen wurden. Und die Geiselnahme mit dem tödlichen Ausgang war eines der ersten Ereignisse, bei dem Journalistischen fast rund um die Uhr vor Ort dabei waren und ihre Teleobjektive auf das Geschehen richteten. So sehr vor Ort und berichtend, daß auch die Attentäter bereits im Vorfeld von den Aktion der Polizei wußten und entsprechend reagierten. Der spätere Magnum-Photograph Raymond Depardon hielt dieses Ereignis in Bildern fest, wovon eine Auswahl in der Ausstellung gezeigt wird. Überboten wurde diese unmittelbare Präsenz der Medien wohl nur durch das Gladbecker Geiseldrama 1988.

Mit dem Journalistischen korrespondierend steht die Photo-Serie „My Neck is Thinner than a Hair“ von The Atlas Group/Walid Raad. Dort werden in s/w ausgebrannte, zerfetzte Autowracks gezeigt. Opfer sind keine zu sehen. Die Betrachter assoziieren das Bombenattentat, aber es kann sich ebenso um einen Unfall handeln. Doch auch die beschriftete Rückseite der Photos sagt dem Unkundigen nichts, weil der Text in arabischer Schrift steht. Erst durch die Übersetzung ins Englische erhalten die Photos einen Kontext. Die meisten der Aufnahmen wurden im Libanon gemacht. Eine Serie von zerfetztem, zerstörtem Autoschrott, teils harren Menschen um das Wrack, manchmal ist nur noch das Knäuel aus Metall abgebildet. Es wirkt wie gepreßter, verbrannter Automobilschrott als Kunstwerk. Die Bilder gleichen sich und sind doch unterschiedlich. Auch bei The Atlas Group/Walid Raad wird das Serielle betont.

Neben diesen Journalismus-Photographien zeigt die Ausstellung Bilder der österreichischen Künstlergruppe G.R.A.M., die jenes Moment des Ikonenhaften, zu dem bestimmte Bilder geraten, herausgreifen und persiflieren, indem sie solche Ikonen nachstellen: so jenen maskierten Terroristen auf dem Balkon in München, der ermordete Benno Ohnesorg oder die Festnahme Ulrike Meinhofs. Da unser Blick im Grunde bei diesen unzählige Male reproduzierten, durchlaufenden, präsentierten Presse-Bildern gar nicht mehr genau hinschaut, sondern lediglich auf das Zeichenhafte der reinen Präsenz eines Bildes reagiert, läßt sich der Unterschied teils erst auf den zweiten Blick ausmachen. Inmitten des dokumentierenden Stroms von Bildern, diesem unendlichen Fluß von Information fallen diese nachgestellten Bilder kaum heraus, und sie irritieren erst auf den zweiten Blick.

Die Ausstellung selbst macht sich dieses Strömen und Überlagern der Information zu nutze. So stört sie den Besucher in seiner kontemplativen Haltung, indem gleich zum Beginn von überall her aus den Bildschirmen Geräusche dringen. Im ausliegenden Gästebuch wurde dies negativ vermerkt, aber diese Kakophonie hat durchaus System. Im Eingangsbereich die Berichterstattung von ZDF und dem DDR-Fernsehen über das Geiseldrama in München. Auf der anderen Seite des Raumes stehen weitere Monitore, unter anderem Chrisoph Draegers „Black September“, in dessen Video inszenierte, rekonstruierte Ereignisse aus dem Olympischen Dorf mit den realen Ereignisse vermischt werden. Inmitten dieser Klangcollage, die es ebenfalls im ersten Stock gibt, betrachtet man die Photo-Serien.

Information verkommt dadurch, daß sich die Ströme vervielfältigen, überlagern und verflechten zur Desinformation, zur Nullinformation, zum (weißen) Rauschen und zur reinen Bildlichkeit des Bildes, es ist seines Inhaltes entleert und fungiert als Selbstzweck – im Fernsehen gab es dieses entleerte Spektakel als endlosen Loop der einstürzenden Twin Towers zu sehen. Insofern wäre in diesem Falle zu unterscheiden zwischen der Bild-Ikone und dem Bilderstrom.

Bei allem Krieg der Bilder und bei all den neue Fakten schaffenden Bildakten, während die Bildzeichen flottieren und Wirkungen zeitigen, sollte dabei nicht übersehen werden, daß es sich nicht um ein bloßes Zeichenspiel handelt, das sich semiotisch, ästhetisch oder im Rahmen der Bildwissenschaften lesen läßt, sondern es geschieht der Mord zugleich, und dies nicht bloß zeichenhaft oder als irgendwie zu überhöhendes „Ereignis“. Menschen töten und werden ganz real getötet. Diese pure Faktizität ist nicht zu hintergehen. Dies schließt freilich die Frage nach der Darstellung von Mord und Leid ein. Und insofern ist jene Frage Adornos in bezug auf eine Ästhetik nach Auschwitz noch lange nicht abgegolten.

Ende des ersten Teils

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