Auferstehung (3) – Pfingsten

„Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das Letzte, der Körper löste sich von den Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. Die Egge wollte schon in ihre alte Lage zurückkehren, aber als merke sie selbst, daß sie von ihrer Last noch nicht befreit sei, blieb sie doch über der Grube. ‚Helft doch!‘ schrie der Reisende zum Soldaten und zum Verurteilten hinüber und faßte selbst die Füße des Offiziers. Er wollte sich hier gegen die Füße drücken, die zwei sollten auf der anderen Seite den Kopf des Offiziers fassen, und so sollte er langsam von den Nadeln gehoben werden. Aber nun konnten sich die zwei nicht entschließen zu kommen; der Verurteilte drehte sich geradezu um; der Reisende mußte zu ihnen hinübergehen und sie mit Gewalt zu dem Kopf des Offiziers drängen. Hierbei sah er fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

2012 – Feu la cendre

Diese Folge von Ziffern mag in vielfacher Hinsicht gut einen neuen Blogtext als Überschrift kennzeichnen: als Datum im Sinne des Jahrestages, als abstrakte Angabe von Zeit, es könnte sich dabei jedoch ebenso um einen Romantitel handeln, die Assoziationen zu „2666“ liegen nahe, aber ganz so ausufernd und figurenverschränkt gerät dieser Beitrag sicherlich nicht, und wir verweilen in der BRD. Was bleibt, ist die Freude an den unwillkürlichen Korrespondenzen. Die Metapher des unendlichen Spaßes ist vielfach einsetzbar. Meine Gedanken schweifen beständig woanders hin, während ich an meinem Schreibtisch sitze. Es sei hier nebenbei daran erinnert, daß in der Literatur vor einhundert Jahren einige der bedeutendsten Werke der Klassischen Moderne entstanden: im März 1912 erschien „Der Tod in Venedig“, in der Nacht vom 22. auf den 23. September schrieb Franz Kafka seine Erzählung „Das Urteil“ in einem Zuge durch. Dieses Ereignis wird auf „Aisthesis“ datumsgenau begangen, und um dem Antialkoholiker oder eher noch dem Abstinenzler Kafka nicht mit Aquavit, aber doch mit Adäquanz zu begegnen, gibt es in dieser Nacht womöglich eine besondere Sitzung aus unserer beliebten, bisher leider noch nicht öffentlich zelebrierten und stattgefundenen Rubrik „Der Blogtrinker“, um dieses Moment der Intensität (im Schreiben) und als ästhetische Konstruktion zum Ausdruck zu bringen.

Ich lege im Grunde nicht sehr viel wert auf die Dinge, welche mir Schriftstellerinnen oder Schriftsteller privat beziehungsweise in ihrem Tagebuch zu berichten haben. Allenfalls besitzt solches den Wert des Dokumentarischen, und es kann sich dieser Text in einer neuen Anordnung zu etwas anderem verbinden, das dann wiederum zur Literatur sich transformiert. Im Grunde sind auch die Briefe und die Tagebücher Kafkas ein Stück Literatur. Soviel nur sei von Kafkas Selbstbekenntnis, welches er in ein Heft eintrug, gegeben:

„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Ich werde auf diese Passagen sowie vor allem auf „Das Urteil“ zurückkommen. Das Feuer, die Glut und die Asche. Ja, es ist für alles ein Feuer bereitet. Ich selber versenkte in dieser Woche fünf Monate digitale Korrespondenz mit einer unheilvollen Frau aus Hamburg in das digitale Nichts, es blieb nicht einmal die Asche übrig. Wie angenehm und restmelancholisch war das früher, wenn jemand die Briefe verbrannte, die nun als überflüssig sich erwiesen, die aus der Zeit fielen, und es blieb diese Schwärze zurück, zerbröckelt und ein Hauch und Wisch getätigt, damit alles in die Winde zerstäubt, jetzt brauchen wir lediglich eine Taste zu betätigen und dann noch einmal, damit es endgültig löscht. Nicht mit einem melancholischen, sondern mit einem technischen Lächeln. Aber sind Mails es wert aufgehoben zu werden, in denen eine Frau davon schreibt, in ein Restaurant wie das „IndoChine“ zu gehen? Es sind dies Orte, wo Menschen speisen, die keinen eigenen Geschmack besitzen und die Sätze von Aristoteles aus Zitatedatenbanken abschreiben. Warum halten Verblendungen so derart lange an? Eine Form, sich seiner (ästhetischen) Subjektivität als Privatissimum im Schreiben zu versichern, ist oder war der Eintrag ins Tagebuch bzw. das Schreiben von Briefen. Kafka ahnte sicherlich nicht, daß jene Tagebuchzeilen Jahre später Millionen Menschen lesen werden – eigenartige Vorstellung. Aber er begriff sich in diesen Zeilen vom 23. September durchaus als Schriftsteller, sah sich im Zusammenhang mit Wassermann und Werfel, und was den Rahmen von Deutung des Innenlebens samt den darin verschränkten Ebenen angeht, so nennt Kafka in diesem Eintrag zudem Freud. Der Subtext des „Urteils“, jene darin verborgene Struktur dürfte Kafka also nicht entgangen sein.

Der Schreibfluß als Akt der Intensivierung, als exzeptionelles Moment: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“ (F. Kafka, Tagebuch v. 23. September 1912) Andererseits gibt es eine solche Selbsttransparenz, die als Entäußerung auftritt, und eine solche Weise des Bei-sich-seins in der Offenheit von Affekt, Geist und Körperlichkeit lediglich im Modus des Fiktionalen: in der Schrift.

Die Theorie kam bei „Aisthesis“ in den letzten Tagen freilich zu kurz, was den Umständen, den gelebten Augenblicken und den vielfältigen Momenten aus dem Hier und Jetzt sich schuldete. Diese Absenz tut mir für meine Leserinnen und Leser fast ein wenig leid, aber es kommen, so sagt man, für das lesende Subjekt wieder bessere Tage. Zumindest was die Texte im Blog angeht. Nun verhält es sich jedoch derart, daß ein Essay zu Walter Benjamin oder über das Ende der Kunst sich nicht für einfachso schreibt, sondern ein Maß an Zeit benötigt.

Mögen Sie eigentlich Vollkornspaghetti? Ich nicht. Aber man kann sich sehr irren. J. und B. gingen nach einem ersten Strandspaziergang auf Usedom, bei dem wir dem kalten Wind trotzten und nach den Möwen schauten, die von zwei Spaziergängern gefüttert wurden, in den Ort Bansin hinein, wo wir in einem kleinen familienbetriebenen Hotel wohnten. Weil wir beide zudem Junkies des Außerordentlichen sind und uns gerne an jenen Orten aufhalten, die von dem französischen Ethnologen Marc Augé „Nicht-Orte“ genannt werden, konnten wir dem dortigen winzigen Einkaufszentrum nicht widerstehen. Die Photographien von diesem Ort zeige ich auf Proteus Image. Natürlich gibt es selbst in Bansin den obligatorischen 1-Euro-Shop, in welchen es uns sogleich hineinzog. Wir stöberten, schauten auf die Welt der billigen Waren, die in unansehnlicher Auslage als serielle Reihung und im Spiel der Farben dargeboten werden. An solchen Orten zeigt sich das Wesen und es fallen die Schleier. J. griff nach den Vollkornspaghetti von Buitoni für nur einen Euro, ich entgegnete, es sei nicht ihr Ernst, Vollkornspaghetti kaufen zu wollen, weil dieses Zeug nun einmal schrecklich schmecke. Allein es half nicht – die Spaghetti wurden gekauft, J. versprach, sie auf eine Art und Weise zuzubereiten, in der ich überhaupt nicht bemerken würde, daß es sich um ein schrecklich schmeckendes Vollkornprodukt handele.

Vier Tage später löste sie dieses Versprechen mittels einer wunderbaren Soße ein. Und das sind dann jene „Verzückungsspitzen des Daseins“, von denen Nietzsche schreibt, die sich einstellen, so zum Beispiel in diesen Momenten. Ich dachte bisher, meine Künste des Kochens seien hinreichend gut, aber nach diesem Abend werde ich nur noch unter Vorbehalt ein Gericht zubereiten, denn wenn ich mir ansehe, auf welch virtuose Art jene Frau in der Küche die Kunst der Improvisation und der Kombination von Elementen zu einem gelungenen Essen beherrscht, so zweifle ich an meinem Talent. Kochen ist ein kreativer Vorgang. Und deshalb sind Restaurants wie das “IndoChine” No-go-area, Gentrifizierungsscheiße, ein Restaurant, das den guten Elbblick und das, was einst dort war, zuballert mit Geld und Scheiß.

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Nebenbei bemerkt, ist das Photographieren von zubereiteter Nahrung eine schwierige Angelegenheit, denn meist sehen die Bilder von gekochtem Essen so aus, als seien die Lebensmittel zerpampt, lapschig, lantzschig; allenfalls in schwarz-weiß geht‘s, das Gekochte abzubilden. Es klafft eine Lücke zwischen dem Abbild und dem, was wir zu uns nahmen.

Zu diesem Essen gab es drei Flaschen Wein, die von uns geleert wurden, und statt des Filmes „Blow Up“, welchen ich gerne gezeigt hätte, der sich aber ausleihweise an anderer Stelle befand, spielte uns die Musikanlage unter anderem das weiße Album von Tocotronic.

Subjektivierungsweisen und Liebesdiskurse. Kommunikation und Reflexion des Selbst – Kleists Briefe

Das Problem der Subjektivität als Indikator der Moderne, so könnte die Überschrift für diesen Text ebenfalls lauten – es handelt sich bei dieser Wendung um eine Textstelle aus Karl Heinz Bohrers Buch „Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“ (S. 12), die ich leicht modifizierte. Aber diese Lesart stellt nur einen von zahlreichen anderen Aspekte der Lektüre dar. Es könnte die Überschrift ebenso heißen: Die Fallen der Subjektivität. Am Ende reiht sich dieser (Blog-)Text in eine Poetik und Erfahrung des Datums ein, welche ich in diesem Blog für dieses Jahr in unterschiedlichsten Konstellationen, in verschiedenen Weisen der Darstellung unternehme. Es wird dies eine lose Reihe, welche ich anhand eines Titels oder einer Überschrift thematisch nicht immer markiere oder kennzeichne.

Kommunikation im Sinne einer Mitteilung an eine oder einen andern, mithin jenseits monologischer und monadologischer Verfassung, ist für bestimmte Menschen schwer möglich – für sie gilt es, diese Kommunikation mit dem Anderen abzubrechen, was einem Verstummen gleichkäme und damit den Tod des Subjekts bedeutet, oder aber ihr gestörtes, zerstörendes Moment in der Phase des Abbruches, des Unstimmigen gestalterisch – gleichsam in zweiter Reflexion – auf den Begriff zu bringen und die Mechanismen, die zu dieser Zerstörung führen, (qua ästhetischer Form) in den Blick zu bekommen. Kleists Denken, seine Texte kreisen um diese Formen von Kommunikation, und darin erweist er sich als eminent moderner Schriftsteller. Kleists „Der zerbrochene Krug“ etwa ist ein Blick auf (aporetische) Kommunikation: auf ihr Mißlingen, die daraus resultierenden Mißverständnisse und auf die Momente der Verdeckung samt der damit korrespondierenden Freilegung von Wahrheit, die am Ende als das gesellschaftlich Unwahre sich erweist. (Die sexuellen Konnotationen des Textes sind noch einmal ein Kapitel für sich.) Ebenso bedeutsam ist das Sprechen über etwas: so in der „Penthesilea“: häufig wird dort von den Akteuren über Handlungen und Ereignisse kommentierend gesprochen, gleichsam als ob die griechischen Helden plötzlich ein antiker Chor wären, anstatt daß das Drama selbst in seinem Verlauf das gerade Beschriebene zur Darstellung brächte.

Kleist nahm solche Motive der Zerstörung und die Unmöglichkeit des adäquaten Ausdrucks für das frühe 19. Jahrhundert bereits vorweg: daß eine Angelegenheit nur in der dritten Person, im Konjunktiv oder womöglich sprachlich gar nicht mehr verhandelt werden kann. In Hugo von Hofmannsthals „Chandosbrief“ wurde für das 20. Jahrhundert diese Tücke des Ausdrucks dann sinnfällig und auf den Punkt gebracht manifestiert.

Bekenntnishaft schrieb Kleist an seine hochverehrte Schwester Ulrike: „Ach, es gibt kein Mittel, sich andern ganz verständlich zu machen und der Mensch hat von Natur keinen anderen Vertrauten, als sich selbst.“ (Brief an seine Schwester Ulrike von Kleist, Februar 1801, in: H. v. Kleist, Werke und Briefe, Bd. IV, S. 192, Fft/M 1986) In solchen Stellen zeigt sich die monadologisch-monologische Verfassung. Aber bei allem Bruch und bei aller Skepsis an den Formen der Mitteilung herrscht zumindest in solchen Passagen noch der Glaube an das Vertrauen bzw. an eine Form von Selbstpräsenz und Selbstrepräsentation innerhalb der Sprache und innerhalb des Subjekts. Kommunikation aber mit dem Auswendigen, dem anderen Subjekt ist wesentlich gestört – und zwar, in Kleists Diktion, von Natur aus –, wenngleich das Begehren des Sprechens dahin treibt, den unverstellten Ort einer erfüllten Präsenz (auch in der Gemeinsamkeit) zu finden. Das zeigen die Stücke Kleists gut, wenngleich man nicht voreilig von seinem Schriftwechsel und dem Biographischen auf seine Texte schließen soll. Die soziale und die physische Welt korrelieren zwar und durchdringen sich, wie so oft bei Kleist. Die Kleistsche Wunschmaschine will (einerseits) zusammenbringen, was in der Optik der Moderne nicht mehr zusammen gedacht werden kann. Und weil das nicht möglich ist, stellen sich jene Kleistschen Verwicklungen und Brüche ein, die ob der Unmöglichkeit samt dem gleichzeitigen Begehren nach der erfüllten Präsenz deshalb um so stärker hervortreten. Das reicht bis in die zerrüttete Sprache samt seiner eigenwilligen Syntax hinein.

Und innerhalb dieser Konzeption von (erfüllter) Einheit fällt Kleist dann wiederum hinter eine Moderne, welche die Kantische Ausdifferenzierung der Sphären zum Primat und zum Faktum bürgerlicher Ordnung erhob, zurück. Als Slogan oder Stichwort hierzu sei die Wendung „Kantkrise“ genannt – wenngleich zu recht bezweifelt werden darf, daß Kleist Kant überhaupt rezipierte. Diese Trennung als Signum der Moderne konnte und wollte Kleist in dieser Weise nicht akzeptieren. In seine literarischen Texten manifestiert sie sich in wechselnder Weise – etwa im „Erdbeben von Chili“, wo in den Verrüttungen, welche der Zufall der Natur produziert, Gesellschaft in den Wirbel gerät und am Ende Gewalt und Notwendigkeit um so unvermittelter hereinbrechen. Und insbesondere Kleists Briefe sind, als Medium der Selbstvergewisserung, die gleichzeitig Mitteilung in einem emphatischen Sinne sein möchte, davon durchdrungen.

Dennoch: Primat bleibt die gelungene Kommunikation, die auf ein unzerstörtes, bei sich seiendes Subjekt rekurriert, welches (verfügender) Herr im eigenen Hause ist. Das Bewußtsein des Risses, der gleichsam durch Welt und Mensch ragt – es ist bei Kleist zwar eminent vorhanden, aber der Wunsch nach Heilung ebenso: daß man ins Paradies käme, indem man die Erde einmal umrunde, wie es im Aufsatz zum Marionettentheater heißt. Welthaltigkeit und Ankunft als Wiederkehr – das ewige abendländische Motiv der odysseischen Reise. (Und manche der Bücher von Ernst Bloch beginnen ja ebenfalls in der Weise, daß sie das Motiv des klassischen Bildungsromanes als Form der Reise aufgreifen: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (E. Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie) Bei Kleist persifliert sich dieses Konzept von  Bildung aber gleichzeitig, man schaue auf die Novelle „Michael Kohlhaas“.

Insbesondere in den Briefen Kleists manifestieren sich die Formen der Selbstvergewisserung des Subjekts, der Subjektbildung. Und in diesem Sinne zeigen – contre coeur – gerade diese Briefe Kleists das spezifisch Moderne: die Ausdrucksform des Bürgerlichen, Schreiben als Selbstrepräsentation. Diesem ist freilich der Solipsismus bereits eingeschrieben – Ausdruck des Prinzips bürgerlicher Konkurrenz. „Die Notwendigkeit eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwille dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, und froh kann ich nur in meiner eigenen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.“ Und einige Zeilen weiter dann: „Das alles verstehst Du vielleicht nicht, liebe Ulrike, es ist wieder kein Gegenstand für die Mitteilung und der andere müßte das alles aus sich selbst kennen, um es zu verstehen.“ So schriebt Kleist am 5.2.1801 an Ulrike (S. 194).

Dieses (unendliche) Begehren nach Selbstpräsenz und Wahrheit als unverstellter Anwesenheit und Bei-sich-sein sowie jenes Motiv des Beim-anderen-sein als Struktur des Begehrens reicht soweit, daß es sogar den Körper erfaßt bzw. durch die (zerteilten) Zeichen des (zerstückelten) Körpers repräsentiert werden muß: Kleist an Ulrike am 13/14. März 1803: „Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll. – Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und Dir zuschicken. – Dummer Gedanke.“ (Briefe S. 309) Die Mitteilung gerät zur Teilung und Zerstückelung. Individuum est ineffabile. (Den Bezügen respektive dem Gegensatz von der Sprache des Herzens, auch im Sinne Rousseaus, dessen Texte Kleist sehr gut bekannt waren, und der Schrift als dem (scheinbar) Sekundären und Parasitären (mithin Abgeleiteten) wäre im Sinne Derridas ebenfalls nachzugehen.) Und an diesem Grundwiderspruch zwischen Selbstpräsenz, Selbstrepräsentation, Körper und Gesellschaft zerbricht das schreibende Subjekt, welches bereits gestisch auf das bürgerliche Subjekt deutet. Der Riß geht mitten durch es hindurch.

Eine ganz ähnliche Schreibsituation der monadologisch-monologischen Reflexion auf das Selbst, welche aber – über die bloße Reflexion hinaus, und anders gelagert als bei Kleist, zugleich um eine Frau kämpft – haben wir im Feld des Briefes dann 110 Jahre später. Es handelt sich um einen der faszinierendsten Schriftwechsel, die ein Autor mit einer Frau führte: Und zwar Franz Kafkas Briefe an seine Verlobte Felice Bauer. Die Briefe Felice Bauers sind nicht überliefert – am Ende war es ein Schreiben ins Nichts hinein: jenes unbeschriebene, leere Gesicht, welches Kafka bereits bei ihrer ersten Begegnung konstatierte.

Auch Kafka weiß um die Vergeblichkeit des Briefeschreibens als Medium von Fremd- und Selbstreflexion. Dies trifft insbesondere auf Liebesbriefe zu, welche sich nach Antworten sehen: daß der Strom, der unendliche Fluß des Schreibens nie abreißen möge, daß ein Brief immer ankommt, seinen Bestimmungsort, seine Bestimmung erreicht:

„Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß […] eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. [...]Briefe schreiben […] heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse können nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern ausgetrunken.“ (Franz Kafka, Briefe an Milena, S. 302, Fft/M 1986)

Zum 190. Geburtstag von Gustave Flaubert

Ich habe es vergessen, ich habe es verpatzt und vergeigt, doch selbst der klügste Kopf kann nicht alles im Leben hinbekommen. Und es schreibt sich ein guter Text kaum nebenbei. Was ich vergaß? Nun, den 190. Geburtstag Gustave Flauberts: 12. Dezember 1821 in Rouen geboren. Das haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, allesamt gewußt; und Sie haben mich nicht daran erinnert. Kein feiner Zug.

Sicherlich wäre es Flaubert egal gewesen, daß ich aktuell, mithin punktgenau nichts zu ihm schrieb und ich verspätet meinen Text darbringe – aber die Wahrscheinlichkeit, daß Flaubert es mitbekommt, ist andererseits eher gering als hoch anzusetzen. Da nehme ich aus meinem Weinglas sogleich einen verlegenen, aber doch großen Schluck vom Bordeaux, der im Schrank in der halbleeren, (nein halbvollen) Flasche noch unvertilgt und einladend herumsteht, um wenigstens im Rahmen des Französischen zu trinken: Jenes Frankreich, welches Flaubert so sehr verachtete und das er in seinen Romanen mit dem Seziermesser und mit dem Spott anging. Flaubert – ein wildgewordener Rentier und Spießbürger und dadurch, daß er sich so vollständig zurückzog und seinen Blick durch das intensive Studium eines jeden Details pflegte, der gründlichste Beobachter seiner Zeit. Spätestens nach dem (zeitweiligen) Verbot der „Madame Bovary“ im Jahre 1857 wußte Flaubert, voran er war.

Diese Gabe der sezierenden, auseinanderlegenden, kalt analysierenden Beobachtung kulminiert in seinem letzten (fragmentarischen) Werk „Bouvard und Pécuchet“. Die beiden Protagonisten streben nach Gelehrsamkeit und führen den Wunsch nach Bildung und damit auch den belesenen Fleiß eines Bildungsbürgertums, das bereits dem Kleinbürgertum entstammt, ad absurdum. Es ist dieses Buch, wie manche schreiben, nicht Flauberts bestes, weil die Figuren teils sehr starr und schematisch geraten sind, die Form ist nicht auskomponiert, was freilich auch daran liegt, daß der Romans unvollendet bleib. Die beiden Protagonisten führen ein Prinzip der Gelehrsamkeit vor, welches als inszenierte und zwanghaft betriebene Wissensproduktion und -anhäufung auf die bloße Fleißarbeit hinausläuft. Diese Art von Aneignung kann nicht funktionieren, weil solche Arbeit dem Wesen von Wissen widerspricht – bei Sartre taucht eine ähnliche Figur in seinem Roman „Der Ekel“ auf: jener Enzyklopädist bzw. Autodidakt, der seine Sicherheit durch das alphabetische Ablernen gewinnt und in dieser Arbeit doch nicht über die ersten Buchstaben hinauskommt: Sinnbild eines verkorksten Humanismus. Ich halte dieses letzte Werk Flauberts freilich für außerordentlich modern, seiner Zeit weit voraus.

Bouvard und Pécuchet wollen Menschen des Wissens sein, und sind doch zugleich die Parodie derselben. Sie widmen sich in ihren gelehrsamen Studien allen Gebieten des Wissens – von den Naturwissenschaften, der Landwirtschaft, über die Medizin, die Biologie, Geschichte, die Künste bis hin zu den höchsten Dinge: mithin der Philosophie und der Religion, kulminierend in dem Blick auf Gesellschaft. Im Grunde ist dieser unvollendete, Fragment gebliebene Roman eine Komödie der Menschheitsgeschichte. Der Gedanke der theoria hyperventiliert und kollabiert angesichts einer entfesselten Gesellschaft, welche Theorie eben nicht mehr als Selbstzweck und unabhängig von der Kosten-Nutzen-Kalkulation zu betreiben vermag und es von ihren Voraussetzungen auch gar nicht mehr kann, selbst wenn diese Gesellschaft es noch so sehr intendiert. Die Situation ist grotesk: im dörflichen, abgeschiedenen Idyll, welches ein Refugium bilden soll, gerät die Situation des Sich-Bildens aus den Fugen. Die Dorfbewohner rebellieren und verschwören sich gegen diese zwei Sonderlinge. Die abgeschiedene Welt, das gleichsam Monastische, welche einstmals den Ort der Bildung ausmachten, sind ebenso vom gesellschaftlichen Moment durchzogen und konditioniert wie jeder andere Ort der Welt auch.

Nichts kommt zu sich selbst:

„Eine zu starke Betonung des Wahren geschieht immer auf Kosten der Schönheit, wobei allerdings der dauernde Gedanke an die Schönheit dem Wahren hinderlich ist; aber ohne Ideal keine Wahrheit; und deshalb sind die Typen von dauernderer Realität als die Portraits. Übrigens will die Kunst nur die Wahrscheinlichkeit, aber diese hängt vom Beobachter ab, ist etwas Relatives, Vergängliches.
In diesen Tüfteleien fanden sie sich bald nicht mehr zurecht und glaubten immer weniger an die Ästhetik.“ (Bouvard und Pécuchet, S. 202, Fft/M 1979)

Der style indirect libre, jene erlebte Rede, welche sowohl in „Madame Bovary“ als auch in der „Education sentimentale“ die Form bestimmt, eröffnet den Blick auf das Objekt gleichsam von innen und von außen. Die bestimmte Negation ist das konstitutive Prinzip Flauberts. Und in jenen Lehrjahren bzw. in der Erziehung des Herzens zerrinnt das Leben bereits zum Anfang des Romans. Und es ist das, was sich ereignen wird, eingeklemmt zwischen einem anfänglichen und einem abschließenden lächerlichen Szenario des Scheiterns.

So fährt der Protagonist Frédéric Moreau, frisch bestandener Bakkalaureus, bereits zum Beginn dieses Bildungsromans, der eine Parodie auf die bürgerliche Bildung abgibt, von jenen Studien in der Großstadt Paris mit dem Schiff heim: und zwar dorthin, von wo er herkam: in die Provinz. Und es endet mit dem wohl absurdesten Rückblick auf jene Jahre der Bildung. Moreau und sein Freund Deslauriers überblicken ihr Leben und stellen fest, daß sie es beide verfehlt haben. Sie erinnern sich an einen Besuch in einem Bordell, der drei Jahre zurücklag:

„Ausführlich erzählten sie einander davon, und jeder ergänzte die Erinnerungen des anderen; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:
‚Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!‘
‚Ja, vielleicht war das wirklich das Beste, was wir gehabt haben!‘ sagte Deslauriers.“

Ein lakonisches Ende, und es hat, anders als der Titel des Buches andeutet, welcher in Kenntnis der Geschichte nur als ein ironischer zu verstehen ist, nicht einmal zur Liebe hin gereicht. Ein Leben, eine Jugend, welche als Höhepunkt im Bordellbesuch sich niederschlägt: Grandioser und absurder kann man sich ein Scheitern eigentlich nicht vorstellen. Im Sinne der ästhetischen Form ist der Bildungsroman mit Flaubert zu sich selber gekommen, es wacht keine Turmgesellschaft mehr schützend über dem Protagonisten, allenfalls steuert die unsichtbare Hand des Marktes, und Bildung zeigt sich in der bürgerlichen Gesellschaft als das, was sie in dieser Konstellation ist. Fortgeschrieben wird der Bildungsroman unter den Bedingungen der Moderne des 20. Jahrhunderts bei Franz Kafka.

„Die ‚Education sentimentale‘ aber ist ein Buch, das mir durch sehr viele Jahre nahegestanden ist, wie kaum zwei oder drei Menschen; wann und wo ich es aufgeschlagen habe, hat es mich aufgeschreckt und völlig hingenommen; und ich habe mich dann immer als ein geistiges Kind dieses Schriftstellers gefühlt, wenn auch als ein armes und unbeholfenes.“
(F. Kafka, Briefe an Felice, Brief v. 15.11.1912, 11 ½ Uhr abends)

„25. November.

Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehen, nichts zuzugeben und doch hält jeder noch seine eigene kindliche Elle daran. ‚Gewiß, auch diese Elle Wegs mußt du noch gehen, es wird dir nicht vergessen werden.‘

Nur unser Zeitbegriff läßt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht.“

Franz Kafka, in: Das dritte Oktavheft

Ich und Kafka

Wie ich heute, im Sessel sitzend, lese und in bezug auf Kleist Details zum Briefeschreiben nachschlagen möchte und wie ich mir so denke, daß ich eine Passage von Kafka aus seinen Briefen an Milena Jesenská nachlesen will, gehe ich also in meine Bibliothek bzw. in mein Arbeitszimmer und suche in der Abteilung Belletristik unter „K“. Ich habe natürlich alles von Kafka bei mir stehen. So dachte ich. Als ich suchte und suchte, war dieser Band „Briefe an Milena“ aber nicht an seinem Platze. Daß ich ihn verstellt haben könnte, erscheint mir unwahrscheinlich, da ich Bücher sofort wieder an ihren Ort bringe, wenn ich etwas gesucht oder sie ausgelesen habe, oder aber ich lege sie auf meine Arbeitsstapel, um sie für späterhin zu verwenden.

Entweder habe ich diesen Briefband vor langer Zeit verliehen und niemals zurückerhalten oder ich besaß ihn nie. Aber woher nur kenne ich dieses Kafka-Zitat in bezug auf das Parasitäre von Briefen, daß Briefe zu schreiben, bedeute, sich vor den Gespenstern zu entblößen? Die Destruktion des romantischen Liebesbriefes aus dem Geist der Moderne: „Geschriebene Küsse können nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken“, so schrieb es Kafka an Milena Jesenská und so notierte ich es auch in meinem Zettelkasten. (Ästhetische) Subjektivität, die sich darüber gewinnt, daß das Subjekt schreibt und sich dabei zugleich verflüchtigt. (Dazu kommt demnächst ein Text.)

Auch zur Codierung der Intimität müßte etwas geschrieben werden.

Seltsam manchmal, daß man meint, ein Buch zu besitzen und dann hat man es am Ende doch nicht. Da muß ich wohl die Tage zu meinem Buchhändler gehen, um die Bibliothek zu komplettieren.

Nachtrag: Die Passagen zum Ende des ersten Absatzes klingen,  als wäre ich Ordnungsneurotiker. Dies bin ich nicht. Ich gestehe sogar freimütig: ich bin ein unordentlicher Mensch. Um der Angelegenheit ein Motto zu geben:  Soviel Ordnung wie nötig, sowenig Arbeit wie möglich.

Franz Kafka – das Domkapitel aus „ Der Prozeß“

Eine sehr kurze Lektüre zu Kafka und zugleich ein Kommentar zu den Kommentaren des Kafka-Beitrages vom 15.3.2009

@ schlieper
Die Lesart, daß Kafka Momente des (ideologischen) Totalitarismus vorweggenommen hat, ist vollkommen richtig. Und auch im „Schloß“ lassen sich solche Aspekte ausmachen. (Wenngleich Kafka die Dimensionen des stalinistischen und faschistischen Terrors – insbesondere die deutsche Variante eines absolut eliminatorischen Antisemitismus – nicht absehen konnte, weil er diese Epoche nicht mehr erlebt hat. Insofern ist es natürlich auch ein Moment der Deutung ex post facto.)

Es kommt in solchen Vorgängen auch die Figur des homo sacer (im Sinne Agambens) zum Vorschein. Dies wäre genauer zu untersuchen: Kafkas „Prozeß“ einmal zu justieren innerhalb einer Lektüre von Agamben und Carl Schmitt.

Dies gerade macht die Faszination am Text Kafkas aus: Daß er für eine vielschichtige, vielstimmige Deutung offen ist. Die komplexe Verschränkung von soziologischen, psychologischen und innerpsychischen Momenten, aber auch Reste des Theologisch-Metaphysischen machen die Deutung Kafkas schwierig.

Das kann man bis zu jenem anderen Prozeß hin treiben, den Kafka in Berlin 1914 im Askanischen Hof über sich ergehen lassen mußte und der ihn wohl schwer getroffen haben muß. [Empfohlen sei hier der Essay von Elias Canetti „Der andere Prozeß“. Er ist interpretatorisch nicht bahnbrechend und reicht natürlich nicht an die Deutungen Adornos, Benjamins, Deleuzes/Guattaris, Politzers und Sokels heran (ja, ja , ein wenig namedroping, doch möchte ich diese Texte wirklich eindringlich empfehlen; sie sind hilfreich), aber Canetti gibt dennoch eine interessante Lesart bezüglich der „Briefe an Felice“.]

Es sind also viele Ansätze der Deutung möglich. Dennoch wirkt der Text Kafkas dabei nicht beliebig, sondern er ist von äußerster Stringenz.

@Hartmut
Nein, beim Faktischen zu verweilen, ist so falsch nicht. Es ist ja ein (teils gestischer) Realismus in der Kafkaschen Szenerie und der Sprache. „Die Autorität Kafkas ist die von Texten. Nur die Treue zum Buchstaben, nicht das orientierte Verständnis wird einmal helfen.“ (Adorno, Aufzeichnungen zu Kafka, in: Prismen, S. 305 f.)

Es ist das von Adorno genannte „Prinzip der Wörtlichkeit“, welches einem den Text vielleicht nicht näher bringt, aber doch ein wenig Beleuchtung in die Szenerie bringen kann. Kafka selbst betreibt dieses Prinzip ja in der Deutung der Gesetzeslegende („Vor dem Gesetz“) durch den Gefängnis-Kaplan. Und es ist immer wieder dieser Einbruch des Realen: Was diese Büroschilderung im Domkapitel (und nicht nur dort) betrifft, die Furcht Josef Ks. vor dem Direktor-Stellvertreter, das ist beklemmend real, das ist – wortwörtlich – genau so wie es dargestellt wird, ohne daß man weiteren Hintersinn hineinpressen müßte, (obwohl man ihn natürlich hineinpressen kann). Fast bin ich geneigt, hier einmal mit Annette Pehnts Buch „Mobbing“ gegenzulesen.

Und während Josef K. in der Bank im Wörterbuch die Sprache Italienisch lernt, entgleitet ihm die Sprache des Alltags.

Leicht kann aber das Domkapitel zu einer theologischen(-metaphysischen) Deutung verführen; insbesondere vermittels der Kirchenszenerie. Es ist dieses Kapitel zwar einerseits hilfreich, dann aber auch wieder nicht, weil es einen auf die falsche Spur lockt. Die Szenerie hat etwas von einem (expressionistischen) Krimi. Und deshalb ist Dein Hinweis, daß da jemand fertiggemacht werden soll (als ein Aspekt von vielen) eben nicht falsch (man denke nur an die Methodik in den Filmen „Gaslicht“ „Mitternachtsspitzen“oder „Bei Anruf Mord“.)

Es ist der Prozeß aber ein Krimi, welcher in seinem Ereignishorizont auch das Totalitäre in sich befaßt, wie schlieper auch geschrieben hat. „¸Ja´, sagte K., er dachte daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit einiger Zeit war er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam, wie schön war es, sich zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden.“ (S. 179, zitiert nach der Ausgabe „Gesammelte Werke“ von 1983)

Die totalitäre Verfügung über den Eigennamen und über das Subjekt, welches von anderen ausgesagt wird, ohne sich noch selber aussagen zu können; es ist dieses Sich-selbst-aussagen nur noch ex negativo möglich: „¸Ich bin aber nicht schuldig´, sagte K., ¸es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.´¸Das ist richtig´, sagte der Geistliche, ¸aber so pflegen alle Schuldigen zu reden.´“ (S. 180)

Ja, Kafka, eine Angelegenheit, die unendlich viel zu denken (auf)gibt. Es ist eine unglaubliche Prosa (und Kafka ist mit Thomas Mann und Proust zusammen das große Dreigestirn der klassischen Moderne, manche würden noch Joyce mit hinzunehmen, ich finde ihn aber so prickelnd nicht; etwas überschätzt; doch trinken konnte der Mann wenigstens), und die Lektüre des Dom-Kapitels, insbesondere der Gang durch den Dom und der Dialog mit dem Gefängnis-Kaplan um 11 Uhr, eine Stunde vor High Noon, nimmt einem den Atem.

Und es ist dieses absolute Beim-Wort-nehmen und das Insistieren bei den dunklen Stellen (die „wolkigen Stellen“ wie Walter Benjamin sie in seinem Kafka-Aufsatz bezeichnet), was schon Adorno anempfiehlt und worauf auch die große Deutung Sokels Bezug nimmt (bei Fischer erschienen, leider vergriffen, so wie Verlage wie Fischer oder Rowohlt immer mehr Autoren aus der Backlist auslaufen lassen. Auch darüber wäre ein Klage-Essay fällig. Man überlege sich das einmal: ein Schriftsteller wie Upton Sinclair ist vergriffen. Ist früher bei Rowohlt erschienen. Na ja, dafür gibt es jetzt eben Kehlmann, und ab Mai das neue Buch von Judith Hermann bei Fischer, da wird dann unmittelbar eine Lektüre und Besprechung folgen.)

Dieses Beim-Wort-Nehmen Kafkas kann ein Moment des Grauens und zugleich der Faszination dafür auslösen. Man denke nur an den genialen Apparat aus der Strafkolonie und das System der Strafe. Zugleich führt das Domkapitel aber auch die Grenze der hermeneutischen Sinn-Kohärenz und der Sinnbildung überhaupt und damit eben auch die Grenzen der Hermeneutik selbst vor. „¸Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.´“ (S. 185) So sagt es der Kaplan in seiner Deutung der einleitenden Schrift zum Gesetz. Dies spricht nicht für eine radikale Abkehr von der Hermeneutik. Diese ist absolut Notwendig. Bis zu einer Grenze hin. (Ich will dies hier aber nicht weiter ausführen, weil es sonst sehr hin zu Derrida gehen wird, um zu dekonstruieren und eine Lektüre zu unternehmen.)

Auch vermittels dieses Aufbrechens der Sinnkohärenz kann es ratsam sein, den Text beim Wort zu nehmen als Text, denn „¸Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.´“

Franz Kafka – Ein Leben wird besichtigt

Zu Rainer Stachs grandioser Kafka-Biographie.

Eine fulminante Biographie über Kafka liegt seit einiger Zeit vor, die – erstaunlicherweise – weder von der ewigen Kafka-Witwe Wagenbach noch vom braven Kärner Binder geschrieben wurde. Und es sei sogleich und dazu vorneweg gesagt: Man braucht einige Ausdauer und, um im Kafka-Bilde zu bleiben, man muß ein guter Schwimmer sein, damit Leserin und Leser diese Fülle an Material, die Rainer Stach ausbreitet, bewältigen können. Fast 1500 Seiten Leben wollen durchschritten bzw. durchlesen werden, wobei die Jahre bis 1910 noch ausstehen. Insofern ist es nicht einmal eine  komplette Biographie.

Der erste Teil behandelt die Zeit von 1910 bis 1915, in der Mitte dieses Jahres, fast schon abrupt, abbrechend, was aber aus der Methode Stachs heraus nur vollkommen konsistent ist, und heißt im Untertitel die „Jahre der Entscheidungen“; der zweite Teil („Die Jahre der Erkenntnis“) umfaßt die Zeit von 1915 bis 1924. Ein dritter Teil der Biographie wird dann den Anfang enthalten.

Eine ganze Menge Text also für einen Schriftsteller, der nicht einmal 41 Jahre alt wurde, der zu Lebzeiten zwar ganz gut bekannt, aber keineswegs berühmt war und dessen Leben, gemessen an dem anderer Schriftsteller, doch relativ ereignisarm verlief; es fand quasi weniger im Außenraum als vielmehr in einem Innenraum statt. Solche Innenräume biographisch auszuleuchten, ist nicht ganz einfach. Stach geht auf die methodischen Aspekte in einem Vorwort ausführlich ein. Weshalb darin auch der Grund liegen mag, daß Stachs Biographie eine Lücke ausfüllt, in die man schon lange hätte stoßen können, denn eine wirklich großangelegte Kafka-Biographie hat es im deutschsprachigen Raume bisher so nicht gegeben. Nicht eine einzige. Verwunderlich eigentlich, wenn man bedenkt, daß in der Forschungsliteratur die Bibliotheken voll sind von Kafkadeutungen,  Monographien und Interpretationen zu seinem Werk.

Zuvor aber sei eine grundsätzliche Frage gestellt, nämlich die nach dem Wert von Biographien. Was nützt es, was soll das: diese gegenwärtig grasierende Mode, diese Sucht nach Biographien, nach Biographischem? Weshalb dieses Herumwühlen und -schnüffeln in fremdem, ausgelebtem Leben, wieso dieses Einverleiben fremden Lebens? Zur Aufklärung über die Struktur des Textes und seiner Bewegungsgesetze trägt eine Biographie nur bedingt etwas bei. Und so drängt sich einem Literaturwissenschaftler, der eher zum werkimmanenten Vorgehen neigt, die Frage auf, ob eine Biographie überhaupt einen Mehrwert erzeugt, der einen brauchbaren Schlüssel zum Werk liefert. Die Biographie ist insofern ein wenig das Schmuddelkind der (nicht-positivistisch vorgehenden) Literaturwissenschaft, wenn es um die immanente Deutung oder die Strukturanalyse geht, und ist eigentlich perhorresziert. Und auch mir ist es eher suspekt, Motive und Stoffe in einem Text auf die Biographie des Autors zurückzuführen: Was wäre das Ergebnis, welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, wenn es tatsächlich eine Kausalität gäbe? Eigentlich gar keine. Das Werk gerät dann zur bloßen Tautologie und ist dadurch nichts weiter als eine Verdoppelung der Realität. (Spiegelungen haben uns allenfalls früher einmal bei Lacan interessiert.)

Es lassen sich aus der Logik der Sache und des Immanenzzusammenhangs eines Textes heraus  viele gute Gründe finden, die gegen die Mode des Biographischen sprechen. Allein das Schlagwort vom „Tode des Autors“ muß einen erschaudern lassen, so daß einer besser die Finger von solchen (subjektiven) Zuschreibungen und damit am besten auch von Biographien läßt. Dennoch lesen wir sie, diese Biographien; manchmal sogar ganz lustvoll. Sind sie doch als Hilfsmittel gerne gesehen und geeignet, um den sozialen sowie den geschichtlichen Kontext, in dem ein Werk steht, freizulegen, einen Blick in die Epoche zu werfen, in der das Oeuvre eines Schriftstellers seinen Ort und Fixpunkt findet. Es soll hier aber gar nicht so sehr um die Funktion des Autors, seine Stellung im Diskurs gehen und um all die Problematisierungen, die sich hinsichtlich der Frage nach dem Biographischen stellen, sondern um den Autor selbst. Weshalb – für einen Moment vielleicht – alle die Einwände und Problematisierungen, die mit dem Subjekt und damit dem Autor zusammenhängen, beiseite gelassen werden sollen. (Es kann dies an anderer Stelle im Zusammenhang etwa mit Foucaults Text „Was ist ein Autor?“ geschehen.) Es wäre hier die Biographie als selbständige Kategorie und literarische Gattung, die mit eigenständigen ästhetischen Mitteln arbeitet, im literarischen Produktionsprozeß zu bewerten und zu betrachten. Stach selbst setzt in seinem Vorwort diesbezüglich hohe Maßstäbe an.

Interessant an Stachs Biographie ist, daß sie einen Kafka zeigt, der aus den gängigen Klischees herausfällt: es ist nicht nur der Einsame, nicht nur jener, der sich gegen seinen Vater nicht wehrt, der schutzlos der Arbeiter- und Unfallversicherung Ausgelieferte, einer Anstalt, die für ihn nichts als ein Hemmnis in seinem Leben als Schriftsteller darstellt: wir lernen hier einen ganz anderen Kafka kennen, nämlich einen, der gegenüber seinen Vorgesetzten durchaus seine Interessen durchzusetzen weiß. Einen Kafka, der nicht nur unter der Erwerbsarbeit im Büro leidet, sondern ihr auch etwas abgewinnen kann, ja, der sie sogar teils als Therapie für sein Leben betrachtet. Vor allem aber sehen wir einen Kafka, der von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt (und gebraucht) wird. Dies ändert sich nicht, als nach 1918 das Führungspersonal der Arbeiter- und Unfallversicherung wechselt und sich nun aus tschechischen Beamten zusammensetzt. An dem deutschsprachigen Juden Kafka zumindest haben sie nichts auszusetzen, trotz eines nicht mehr nur latent vorhandenen Antisemitismus in Prag.

Dies alles zusammengenommen ist als Aneinanderreihung biographischer Tatsachen eher unbedeutend. Worauf es in diesem Zusammenhang jedoch ankommt, ist, daß wir in Stachs Biographie einen Kafka kennenlernen, der nicht nur lebensfremd und voller Komplexe in seinen Schreibklausen gesessen hat, sondern der zugleich einen starken Willen besaß. Seine stille halsstarrige Beharrlichkeit, wenn es um die Verweigerung der Mitarbeit in der schwägerliche Astbestfabrik ging, in die er als Teilhaber hineinmanövriert wurde, zeigt, daß er sich – freilich mit seinen eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – durchaus zur Wehr zu setzten vermochte.

Und so entwickelte Kafka seine ganz eigene Strategie des Überlebens inmitten einer ihm oftmals widrigen Umwelt, die häufig wenig Verständnis zeigte für das Spezifische. Die Weichen für die Strategien werden im ersten Teil gestellt, es sind diese Weichenstellungen insofern für Kafka die „Jahre der Entscheidungen“, die Richtung ist gespurt; mal für mal um etwas mehr; spätestens etwa nach jenem „anderen Prozeß“ im „Askanischen Hof“ zu Berlin. Jenes, was aus dem im ersten Teil der Biographie Entwickelten resultiert, wird dann in „Die Jahre der Erkenntnis“ entfaltet: daß nämlich, was vom Leben bleibt, wenn man sich erst einmal für eine bestimmte Weise der Existenz entschieden hat, und auch durch das Hereinbrechen jener Krankheit, die fortan sein Leben im Griff haben wird, ist die Richtung dann vorgegeben, und es folgt daraus eine Erkenntnis. Trotz all dieser Widrigkeiten gelingt es Kafka, einen lebbaren Modus der Existenz zu finden und eine Möglichkeit zu entwickeln, um „aus der Totschlägerreihe“ herausspringen zu können. Doch reichte am Ende die Lebenszeit nicht mehr aus, um dieses Projekt (zusammen mit Dora Diamant) konsequent durchführen zu können.

Daß Stach die Biographie mit dem Jahr 1910 beginnen läßt bzw., wie er es selbst nennt, die Blende öffnet, ist, so Stach, als methodische Vorentscheidung von der Quellenlage her vorgegeben; denn es ist dies das Jahr, wo Kafkas überlieferte Tagebücher beginnen. Zudem ist diese Zeitspanne bis hin zu den ersten Monaten des Weltkrieges der am besten dokumentierte Lebensabschnitt. Nach Stachs Sicht ist es zudem der wichtigste, weil dort eine Reihe von Entscheidungen fallen, die für alles weitere bestimmend sein werden.

Stachs Rede vom Öffnen der Blende ist dabei ganz wörtlich zunehmen. Arbeitet diese Biographie doch massiv mit dem Element des Filmisch-Narrativen: Bereits in ihrem Beginn wird ein Spannungsbogen erzeugt und aufgeladene Bilder geraten in den Focus, so nämlich die Erscheinung des Halleyschen Kometen über Europa als Auftakt der Szenerie. (Jenem Kometen, dem es vergönnt ist, daß ihn wenige nur zweimal in ihrem Leben (bewußt) sehen zu dürfen. So Ernst Jünger, der dies 1986 literarisch verarbeitete.) Anhand von Weltgeschichte öffnet sich hier das Fenster zum beschaulichen Prager Literaturbetrieb, ähnlich wie sich zum Beginn von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ mittels meteorologischer Angaben über Europa, die darauf hinauslaufen, daß es ein schöner Augusttag im Jahre 1913 war, die Sicht auf den Schauplatz eröffnet. Szenen werden bei Stach teils minutiös aufbereitet und mit Exkursen in die Zeitgeschichte hinein versehen.

Dabei geben das narrative Element und die Dramaturgie dem Text die richtige Struktur. Die nötigen Stilmittel werden von Stach gezielt und geübt eingesetzt, wie man es von Biographen nicht immer  gewohnt ist, so daß das Lesen ein Fluß bleibt, ohne aber nur träge dahinzuplätschern. Die Strömungen und Verwirbelungen sind angemessen, sie nehmen mit, ohne sogleich fortzutreiben. Stach ist zwar nahe an seinen Figuren dran, läßt sich von ihnen aber nicht vereinnahmen und mitreißen, so daß die Angelegenheit zum distanzlosen Unterfangen geriete. Die Sympathie für seinen „Gegenstand“ ist also ganz klar vorhanden, ohne daß es dabei identifizierend-anbiedernd wird. Der rhetorische Kunstgriff des Vorwegnehmens und Vorgreifens wird vielfach eingesetzt, um Spannungen aufzubauen; etwa während Kafkas Aufenthalt in Weimar, gleichsam „im Schatten junger Mädchenblüte“, im Juni 1912, wo er der 16 Jahre alten Grete Kirchner begegnet, sich ein wenig verliebt. Die Reflexionsspiralen, welche sich hierbei einstellen, werden in dieser Weimarer Szenerie der Halbverliebtheit als Vorspiel, als Skizze dessen gedeutet, was Kafka in den kommenden Jahren durchleben wird. An manchen Passagen wirkt diese Figur des Vorgriffs zwar etwas gewollt eingesetzt, im ganzen gesehen erzeugt sie aber einen Spannungsbogen, vermittels dessen sich das Geschilderte nicht nur in dröges Aufzählen der Begebenheiten erschöpft.

Einen großen Teil Raum nimmt im ersten Band dieser Biographie jedoch – wie könnte es anders sein – eine Frau ein: Auch für Kafka läßt sich die Bedeutung von Daten gar nicht hoch genug ansetzten: jene Frau, die im literarischen Schreiben und im Verfassen von Briefen eine Produktionsmaschine ankurbeln wird; schwer auszumalen, was geschehen wäre, hätte Kafka sie an jenem 13. August 1912 nicht getroffen: jene Felice Bauer: Sie wird zwar nicht die bedeutendste Frau hinsichtlich seines Lebens werden, dies war Dora Diamat, wohl aber die bedeutsamste und inspirierendste hinsichtlich seines Schreibprozesses.

Verwiesen sei vielleicht noch auf denn recht instruktiven „Epilog“, der Kafka ein wenig vor einer ihm zugesprochen Prophetie in Schutz nimmt und ihn – „vor allem in den frühen Jahren seines weltweiten Ruhms“ – als Seher des 20. Jahrhunderts einordnen will. Zu recht bemerkt Stach, das Kafka nichts vorweggenommen hatte, sondern die „Urkatastrophe“ des ersten Weltkrieges als Zeitzeuge miterlebte. Nicht mehr und nicht weniger. Überhaupt hält sich Stach aus dem Babylonischen Gewirr der Kafkadeutungen und der Interpretationen wohltuend heraus. Das Gewicht liegt genau im Biographischen und nicht in der Deutung.

Insofern liefert Stach auch keine zusätzliche und weitere Interpretation, sondern er schreibt ein Leben auf. Es werden dann im „Epilog“ zum Schluß die Schicksale derer kurz angerissen, die in Kafkas Umfeld lebten und seine Zeitgenossen waren. Seine drei Schwestern etwa kamen allesamt in den Vernichtungslagern um, und so verschwanden mit dem Hereinbrechen des Nationalsozialismus über Europa nicht nur Menschen, sondern eine ganze Epoche: „Seine Welt gibt es nicht mehr. Nur seine Sprache lebt.“ Mit diesem Satz endet die große Biographie Stachs.

So läßt sich als Fazit der umfangreichen Lektüre festhalten, daß diese Biographie den selbst gestellten Anspruch einlöst, Fakten nicht bloß trocken, sortiert und aufbereitet darzubieten, sondern zugleich einen ästhetischen Überschuß zu erzeugen vermittels der Technik des Filmisch-narrativen, durch Perspektivenwechsel mannigfaltige Einblicke zu gewähren und durch die Entfaltung von historischen Szenarien, insbesondere der Szenerie des Ersten Weltkriegs, der für die deutschsprachige Literatur mehr als bedeutsam und einschneidend war, auch die (sozial-)geschichtlichen Aspekte zu berühren. Man denke an den Inflationswinter im Berlin von 1923, welchen Kafka nur unter großen Mühen bestand. Eindringlich wird dies geschildert. Insofern ist diese Kafka-Biographie Stachs bestens geeignet, um in das weit ausgebreitete Leben Kafkas einzudringen, und sie ist vom Stil her, gerade auch durch die erzählerischen Einschübe, mehr als gut zu lesen. Die Biographie hat bei Stach einen Rang als eigenständiges ästhetisches Medium und Gattung innerhalb der Literatur erreicht, an dem sich andere Biographien über andere Personen zukünftig werden messen lassen müssen. Ich vermute aber, daß diese Art des Schreibens nicht bei jedem Gefallen hervorrufen wird, zumal das Moment des Biographischen mit jenem oben skizzierten Makel behaftet ist.

Um Stachs Biographie und das Leben Kafkas jedoch angemessen zu bewältigen, müßte man eigentlich in einem zweiten Schritt oder parallel zum Buch die Briefe und Tagebücher Kafkas lesen. Einerseits ist dies manchmal nötig, damit der zeitliche Zusammenhang nicht verloren geht, der einem zuweilen in Stachs Biographie zu entgleiten droht. So befindet sich der Leser derart im Sog des Geschehens, daß er sich an manchen Stellen fragt, ob es nun schon das Jahr 1917 angebrochen ist oder doch erst 1916. Dankbar entnimmt man bei den Zitaten dann dem Fußnotenapparat, daß es sich bei jenem zitierten Text um einen Tagebucheintrag von 1917 handelt, so daß sich der Leser dadurch immer wieder des Punktes in der Zeit vergewissert, an dem er sich gerade in Kafkas Leben befindet. Diese zeitliche Desorientierung kann bei der Lektüre manchmal etwas lästig werden, zumal für den noch nicht so Kundigen.

Andererseits würde dieses parallele Lesen eine Erweiterung des Referenzrahmens bieten, so daß die Lektüre Stachs eng eingebettet ist vom Text Kafkas und möglicherweise auch das in den Blick kommt, was nur im Bau der Text Kafkas eingegraben liegt. Doch würde ein solches Unterfangen wohl die Zeit eines Menschen sprengen, es sein denn, er wäre mit nichts anderem mehr beschäftigt als mit Kafka.

Es sei allerdings dem Interessierten, der sich erst einmal nur einen Überblick zu Kafkas Leben verschaffen will, am Ende doch die Wagenbach-Monographie bei Rowohlt ans Herz gelegt, da sich der Text Stachs manches Mal sehr mäandernd ausbreitet. Dies muß nicht immer schlecht sein, und oft vergißt man beim Lesen die Zeit, doch gibt es zuweilen auch Stellen, wo man sich auf unproduktive Weise verliert und sich wünscht, daß die Sache mehr zum Punkt und vorangebracht würde. Für den orientierenden Überblick ist Wagenbach insofern der bessere Kandidat, zumal einem bei Stach, wie oben erwähnt, die Daten manchmal entgleiten. Nichtsdestotrotz sind diese zwei bisher erschienenen Bände mehr als lesenswert. Sie sind in gewissem Sinne sogar Neuland, das betreten wurde.

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