„Work Hard – Play Hard“ – Notizen aus der Arbeitswelt: die Leistungsdarsteller

Hey Ho, let‘s go
The Ramones

„Meine Stimme weht zurück/mit dem Herbstwind. Im tiefen Himmel/finde ich mich selbst.“ So oder ähnlich kann eine selbstproduzierte, an den Zen angelehnte asiatische Weisheit lauten, die als Leer-Slogan zur Selbstfindung auftritt und als Parole eines Zen-Seminars für gestreßte Manager oder Unternehmensmitarbeiter dient. (Zugleich sind solche Sätze die Parodie auf Zen.) Diese Losung wird in gemeinsamer Kommunikation als Mantra herausgerufen, damit die Fundierung im Ich und als geistiger „Mehrwert“ derart auch die Leistung für das Unternehmen, welche zu erbringen ist, wieder stimmt. Der Leersatz am Nullpunkt des Sinns wird mit Bedeutung aufgeladen und das Gemurmel suggeriert Tiefsinn: Das leere Om Om als Geschwätz der Innerlichkeit simuliert plötzlich Gewicht von Welt. Der Körper und das Bewußtsein werden konditioniert, um in den vielfältigen Funktionsrahmen zu stehen und dort paßgenau positioniert zu werden, auf das geleistet werden kann. Solche Seminare, Angebote und analytische Beratungen, sei es für‘s Private oder aber die beruflichen Belange gibt es zuhauf – zuweilen noch mit dem Substantiv „Philosophie“ versehen: Philosophie, Zen oder was auch immer als Lebenskunst. Schlimmster Ausfluß dessen: Wilhelm Schmid. Wer einen Einblick in die Details solchen Flachsinns werfen möchte, der schaue auf seine Homepage und dort dann in den Terminplan von Wilhelm Schmid, um zu sehen, wie die Vortragsthemen lauten.

Was zunächst als eine Form von Selbst-Praktik erscheint – mithin als zweckfreie Tätigkeit des Denkens und Handelns sich konzipierte –, wird in den meisten dieser Schulungen jedoch funktionalisiert: Nur um diese instrumentalisierte Leistung der Subjekte, die lange schon keine mehr sind, geht es in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Diese Leistung wird in allen Varianten von den diversen Unternehmen zwecks Vermehrung des Kapitals zwanglos erzwungen und die Konditionierung sowie die Optimierung der Angestellten wird im schönen Schein des Events und der Motivationsmogelpackungen kaschiert. Dafür fand sich sodann der schöne Name Unternehmenskultur. Die Esoterik und jenes Asiatische, das zum reduzierten Preis eingekauft wird, bilden im Rahmen des privaten Bereichs, der den Gegenpol zur Arbeit bilden soll, bloß die andere Seite derselben Medaille einer universal verwalteten Welt und sind fusioniert. Dies zumindest ist der, im Film freilich unausgesprochene, Hintergrund jenes Dokumentarfilms „Work Hard – Play Hard“ von Carmen Losmann.

Der Untertitel für diese Filmkritik könnte ebenso lauten: Notizen aus der Unterwelt. Zum Beginn des Films blicken Zuschauerin und Zuschauer auf die Photographie eines Unternehmens, welches seinen Innenbereich zeigt, wie etwa das neue Unilevergebäude in der Hamburger Hafencity: die Betrachter sehen den Eingangsbereich: da wo es jeden Morgen zur Arbeit geht. Starr und statisch liegt diese ins Photo fixierte Welt des Entrée mit ihren gefrorenen Menschen vorm Zuschauer. Zum Beginn eine solche Photographie zu zeigen, ist eine gelungene filmische Eröffnung, wie der Film überhaupt von seinen Bildern her ästhetisch nicht schlecht gemacht ist. Zugleich beginnt ab dieser Stelle des Films, sobald der Ton einsetzt, die Geburt des sprachlichen und handlungsoptimierenden laufenden Schwachsinns aus dem Geist des Spätkapitalismus. Ständig diese Flows und das Change-Management, das Teamplay, die Kreativität wird beim Coffee an einem der Meeting Points angeregt, und derart soll auch das neuartige und nachhaltige Unilevergebäude am Strandkai konzipiert sein. Ungemein wichtig, so die befragten Architekten, sind die Meeting Points, weil gerade dort, in den Pausen, sich die meiste Kreativität freisetzt. Konstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache, die zugleich die Realität vernebelt. „Wir sind Unilever. Go for it!“ Wir müssen, wie einer im Film sagt, „diesen kulturellen Wandel [in einem Unternehmen, Bersarin] nachhaltig in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters verpflanzen.“

Diese Welt des Kapitals, der Unternehmensberatungen, der Dienstleistungsindustrie, der Multikonzerne wie Unilever ist, obwohl sie sich krampfhaft mit dem schönen Schnickschnack maskiert, kalt wie die der Schneekönigin, nur eben nicht ausgestattet mit dem analytischen Verstand, sich über seine eigenen Verhältnisse klarzuwerden. Das Interieur dieser Betriebswelt, welches in den kühlen Bildern der Kamera eingefahren wurde – es mußte hierbei nicht einmal mehr die Kälte inszeniert werden, sie stellt sich, zum Glück, für jeden, der denkt, von selbst ein, auch über die Sprache und die Weise, wie Menschen sich selber erniedrigen –, widerspricht freilich dem Anliegen dieser Welt, nämlich ihrem eigenen Anspruch: den schönen Schein der schönen neuen Welt zu verfestigen, welcher die Arbeiter, die längst keine mehr sein wollen, einhüllt und dumpf macht. Kein Zwang soll mehr ausgeübt werden, so daß ich in meiner Tätigkeit nicht mehr daran erinnert werde, zu arbeiten, wie einer der Befragten in diesem Film sich äußert. Und es wird sich im betrieblichen Miteinander einer smarten Sprache bedient, die aufs Englische zurückgreift. Es soll geschmeidig herüberkommen. Die Subjekte oder besser gesagt: die Objekte dieser Welt sind im Grunde allesamt Schauspieler: Leistungsdarsteller.

Der Film kommentiert solche Vorgänge absurder Kommunikation und sinnfreier Statements nicht, sondern gibt den vom Standpunkt der Kamera aus neutralen Einblick in verschiedene Unternehmen und in die Weisen von Unternehmenskommunikation wieder: Unilever, Kienbaum, accenture, die Deutsche Post, zudem wird ein Trainingslager für Arbeitsteams gezeigt (Ellernhof Training). Der Film wertet all das nicht, sondern zeigt Bilder, Szenen, Dialoge: wie Menschen im Gespräch in einem Assessment-Center antworten, wenn sie gefragt werden, auf welche Weise Schulungen von Abteilungsleitern stattfinden. Er zeigt Manager, welche die Selbst- als auch die Fremdoptimierung versuchen, damit’s noch besser läuft und der Zwang nicht mehr registriert werde – die Anästhesie gerät total, die Subjekte sollen nichts merken, um dafür dann umso härter und strammer zu arbeiten – das dann aber mit Freunde.

Vermutlich gibt es sogar Menschen, die aus dem Kino kommen und nach diesem Film für sich ausmachen, wie sie noch effizienter arbeiten können, um ihrem Unternehmen zu dienen. Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital kann in seiner solchen Sicht vorauseilender Affirmation freilich nicht mehr erkannt werden.

Die Angestellten verkaufen zwar immer noch ihre Arbeitskraft: Aber sie gehen nicht mehr, wie einst üblich, um 9 Uhr in den Betrieb und verschwinden von diesem abartigen Platz dann um 17 Uhr 30 wieder, in dem Wissen, daß sie nicht eine Minute länger bleiben wollen, weil sie die entsprechende Ware, wenngleich als disparitätisches Verhältnis, für den Lohn nun dargeboten haben, sondern bleiben, solange es erforderlich ist: fungible und allseits verfügbare Wesen. Kein Zwang soll entstehen: keine(r) soll daran erinnert werde, daß sie/er arbeitet.

In dieser schönen neuen Arbeitswelt schwinden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit: am Kicker, an der Orangensaftmaschine als kommunikativem Meeting Point – und nach der Arbeit läßt man sich im Crossfit Bootcamp vom Crossfit gestählten Chef trainieren, weil man’s für im laufenden Jahr geleistete gute Arbeit zu Weihnachten als Prämienleistung geschenkt bekommen hat, und freuen sich hinterher über die exorbitante Anstrengung, daß einem jedes Körperteil weh tat, und schmunzeln, weil es in diesem Crossfit-Camp genau so und nicht anders zugeht, wie es ein Spiegel-Online-Redakteur auf SpOn beschrieben hat, beim Lesen dieses Spiegel-Textes. Und flugs sind die Trainierten fit und noch besser einsatzbereit für den nächsten Arbeitstag. Ihre eigene Demütigung, die sie erfahren, bemerken sie dabei nicht mehr. Die Selbstreferenzialität der Verstumpfung und des Selbstverfehlens hat genau da ihren Ort, wo die Reflexion auf solche Mechanismen aussetzt und alles in das fröhliche Mitmachen um des Spaßes und der Leichtigkeit willen umgelabelt wird. Und dies eben ist der Ausfluß einer (falschen) Postmoderne der allgegenwärtigen Ironisierung und Eventisierung aller Lebensbereiche, wie sie in den 80er des letzten Jhds ihren Ausgang nahm. „Warum leben, wenn man schon für 10 $ tot sein kann“!“, wie ein Begräbnisinstitut sehr passend und zynisch in den USA warb und ebenso Florian Illies‘ schwachsinnige „Generation Golf“ gehört mit dazu. Meldet man gegen diese Form der Gehirnwäsche Protest an, so heißt es, man solle nicht derart humorlos sein – es sei das doch alles spaßig gemeint.

Die Zeit der Stille, welche die Subjekte dennoch neben der Arbeitswelt benötigen, wird dann in den Quatsch und den höheren Blödsinn der Esoterik, ins asiatische Denken oder in sinnloser Freizeitaktivität verpackt. Das Ich gerät zur unerschöpflichen Ressource für die Welt der Arbeit. Daß diese Welt eine solche ist, die auf den Müllhaufen gehört: auf diese Idee kommen die wenigsten. Es findet in solchen Programmen, die sich bis in die Freizeit hineinverlagern, die umfassende Optimierung des Subjekts statt.

Diese Verquickung von Arbeit und Freizeit, welche sich angleichen, registrierte bereits Adorno Mitte der 40er Jahre in den „Minima Moralia“:

„Während der Struktur nach Arbeit und Vergnügen einander immer ähnlicher werden, trennt man sie zugleich durch unsichtbare Demarkationslinien immer strenger. Aus beiden wurden Lust und Geist gleichermaßen ausgetrieben. Hier wie dort waltet tierischer Ernst und Pseudoaktivität.“
(Theoder W. Adorno, Minima Moralia, GS 4, S. 148)

Diese Trennung freilich ist im Zeichen der IT- und Werbe-Welten, die ihre Mitglieder mit den Events ködern, aufgehoben. Der Film zeigt das zwar lange nicht so drastisch, aber schon die präsentieren Szenen hinterlassen den Zuschauer ratlos. Und zugleich: jeder kennt diese Arbeitswelt. Die Weisen des Widerstandes werden mit System abgegraben, die Reflexion auf die eigenen Bedingungen werden den Subjekten von jenem System der Leistungsoptimierung und der Verwertung mit Macht ausgetrieben.

Die wohl groteskeste Szene spielte sich im Ellernhof Trainingscamp (Sitz in der Lüneburger Heide) ab: Die dort dargebotenen Rituale und die den Mitarbeitern abgepreßten Bekenntnisse im Klettergarten gleichen fatal den Mechanismen einer Sekte wie Scientology. So sagte einer der Traktierten vor versammelter Mannschaft beim Klettertraining, vor dem Sprung aus der Höhe in die Tiefe: „Ich werde demnächst noch mehr kommunizieren – was dann heißt: Mehr Umsatz!“ Und es hat gute Gründe, weshalb diese Sekte gerade im Bereich der Wirtschaft so ungemein erfolgreich ist. Scientology ist der auf den Punkt gebrachte verdichtete Kapitalismus, der sich hier als das zeigt, was er an sich bereits ist: ein totalitäres System. Die Fabulierer von der offenen Gesellschaft (beim Popper-Freund Helmut Schmidt angefangen) sollten ihre Reflexionsleistung womöglich etwas mehr auf diese Bedingungen richten.

Systematisch auch die versteckte Demütigung der Ellernhof-Delinquenten: Da mußten im Trainingscamp die vier Mitarbeiter mit verbundenen Augen in eine Art unterirdisches Holzverlies steigen (ähnlich stelle ich mir die Entführung von Arbeitgeberpräsidenten durch die RAF vor) und sich in diesem beengten Raum des Hindernisparkours mit verbundenen Augen orientieren und einen Ausgang finden. Teamplay ist gefragt. Dabei wurden sie von einer Kamera beobachtet, und im Außenbereich analysierte der Trainer die Verhaltensweisen. Bevor einer zum anderen spricht, um gemeinsam die Aufgabe zu meistern, mußte er vor Sprechbeginn in ein kleines Pfeifchen tröten. Redete der nächste, wurde wieder getrötet.

Und dann erfolgte die Teambesprechung: Zum Schluß stellte der Schulungsleiter diese Frage: „Und was nehmt ihr von hier mit nach Zuhause in euren Betrieb?“ Nach Zuhause in euren Betrieb: Suggestiver kann man eine Koppelung von doch eigentlich eher getrennten Sphären nicht betreiben. Die Identifikation mit dem, was ist, muß total sein.

An „Work Hard – Play Hard“ ist jedoch zu kritisieren, daß dieser Film nicht an die Wurzel geht, was man aber bei einer Koproduktion von Arte und ZDF nicht wird erwarten können, denn schließlich kommt dieser Film irgendwann ins Fernsehen. Der Film reißt an, bringt die gezeigten Bilder jedoch nicht in eine neue Anordnung, die das, was sowieso schon der Fall ist, übersteigt. Dadurch wirken manche Szenen am Ende doch eher harmlos. Andererseits hätten es die Unternehmen kaum zugelassen, daß aus ihren Häusern heraus noch härtere und groteskere Szenen gezeigt würden. Sehenswert zumindest ist der Film, wenngleich sich das Groteske dieses Systems sicherlich noch sehr viel mehr auf die Spitze treiben ließe. Aber dazu müßte man dann ins Theater gehen und sich die Stücke von Christoph Marthaler ansehen, weil die Monotonie dieser Arbeitswelt samt ihrer Absurdität dort bestens in Bilder transformiert wird.

Ja, Sand im Getriebe sein – es ist Erich Honeckers bester Satz, als er sagte: „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen!“: Daran sollten wir ruhig öfter denken und uns daran halten und zum Abschluß dann das Video von Deichkind uns ansehen: „Bück dich hoch“. Es bringt „Work Hard – Play Hard“ zumindest in einer lustigen Variante auf den Punkt. Aber am Ende ist auch diese Welt des Pop – hier dargeboten von „Universal Music Group“  – bloße Kompensation und bereitet zum nächsten Mitmachen vor, weil es das kathartische Lachen heraufbeschwört.

In den 80er Jahren hieß einmal ein Werbeslogan von Danone: „Früher oder später kriegen wir euch alle!“

Alexander Sokurows „Faust“

Nein: Die Sonne tönt nicht mehr nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang, sie vollendet ihre vorgeschriebne Reise nicht mehr mit Donnergang, ihr Anblick gibt weder Engel noch Mensch Stärke, wenn keiner sie ergründen mag: die unbegreiflich hohen Werke, sie sind lange nicht mehr herrlich wie am ersten Tag. Denn ein Fluch liegt über der Welt, welche zur Hölle der Immanenz geworden ist. Und der Himmel bleibt in Alexander Sokurows Verfilmung des „Faust“ wesensleer. In der Auftaktsequenz fährt die Kamera durch die Wolken, gleichsam auktorial. Aber da im Himmel befindet sich nichts. Kein Gott, keine himmlischen Heerscharen, kein Mephistopheles und keine (Hiobs-)Wette. Lediglich die Wolken ziehen vorbei und ein Spiegel, der ausschaut wie ein Flachbildfernseher, pendelt in diesem leeren Himmel. Die Frage bleibt, ob dieses eigenwillige Teil frei schwebt oder an irgend einer Aufhängung befestigt ist, die so auf eine höhere Instanz verweist. Deus absconditus oder pure Säkularisation? Denn in diesem Spiegel: da sehen wir lediglich uns selbst. Dies treibt jenes expressionistisch angehauchte Fin de Partie um, welches Sokurow mit des Deutschen Lieblingsdrama aufführt. Dann schießt die Kamera aus dem Himmel heraus in die Landschaft, in die Welt des Faust hinein.

Die Geschichte beginnt brutal, in die Welt der Menschen eintauchend, in Fausts Studierstube, und dieses Einfahren ins Wesen des Menschen ist in einem zweifachen Sinne zu nehmen. Sokurows „Faust“ reißt nicht nur metaphorisch gesprochen Innereien und Eingeweide heraus. Die Welt des Wissens beginnt als Splatter: der aufgeschnittene, autopsierte Menschenleib, welcher den weltlichen Auftakt bildet. Zuerst sehen wir ein männliches Glied, das da hängt. Dann fährt die Kamera in die aufgeschnittene Bauchhöhle. Die Hände Fausts greifen in diese Innereien eines Menschen, ziehen die Gedärme hervor, wühlen darin, Gedärme quellen heraus, so daß ein Aufschrei durchs Kino-Publikum geht, und Famulus Wagner assistiert. Sie suchen die Seele, doch finden Faust und Wagner bloß das rohe Fleisch und Innereien. Sonst nichts. Vielleicht sitze die Seele ja in den Füßen, so der Famulus, der dem Faust während des Sezierens einen Teller mit Essenskrümeln hinhält, von dem Faust leckt, während er weiter das Innere des Menschen freilegt. Eine Seele finden sie nicht.

Das, was die Welt im innersten zusammenhält, ist (vermeintlich) dem Zufall und der Kontingenz geschuldet, und wenn man tiefer blickt, der Geschichte und den ökonomischen Verhältnissen. Der Mephisto zeigt sich in dieser Faustlektüre aus gutem Grunde als Geldverleiher, mithin als Bank. Ein Wissen ist in dieser Welt aus purem Überlebenswillen nicht mehr möglich. „Wie wäre es“, so Famulus Wagner, „wenn es das Gute gar nicht gibt, sondern nur das Böse?“ Faust ist ob der Frage zunächst irritiert, aber eine rechte Antwort darauf weiß auch er nicht. Denn in der Tat: diese Möglichkeit bestünde.

Die Dialoge verzweigen sich ins Absurde, und abweichend vom Goethe-Text treten Faust und sein irrsinnig bis debil wirkender Famulus Wagner, der sich am Ende darauf versteigt, der große Wagner oder gar der Faust selber zu sein, auf wie Hamm und Clov. Die Fragen sind zwar noch bohrend, aber sie gleiten bei Faust ins Ermatten über. Selbst das Gretchen und das Lager ihrer gemeinsamen Lust bleiben für den Faust ein Augenblick auf der Jagd nach dem Nichts.

Der gesamte Film spielt in einer Welt der Enge, Famulus Wagner und Faust zwängen sich gemeinsam durch einen schmalen Türrahmen, ein typischer Theaterslapstick (und vom Theater borgte der Film einiges), die Gassen jener kleinen Stadt, in der Faust lebt, sind schmal, die Menschen drängen sich beständig aneinander: nicht weil sie Schutz und Geborgenheit suchen, sondern weil ihre Welt zu klein für sie geworden ist. Es ist nicht mehr die Welt des Mittelalters, sondern Sokurow verlegt den Faust in jene ausgehende Goethezeit – wie wir schon in den Diskursen zu Kleist gelesen haben, ist das die Welt der aufkeimenden Moderne. Und zum Ende des Filmes, als Faust und Mephisto die Stadt wegen des Mordes an Gretchens Bruder verlassen müssen, bemerkt Faust es: Das Jägerhaus und die alte Mühle: sie sind fort, denn die Zeiten sind im Wandel, dies weiß Mephisto nur allzu genau. Die Mühle und das Jägerhaus? Die gibt es schon lange nicht mehr, so Mephisto mit höhnischer Stimme. Faust hätte zusätzlich zur Theologie, Philosophie, Medizin und  Juristerei auch die Volkswirtschaftslehre studieren sollen.

Diese Zerrüttungen der Subjekte affizieren noch die Bildästhetik, und wesentlich für Sokurows „Faust“ ist das Moment des Expressiven zu nennen. Freilich kommt diese Expression teils als Entleerung daher: Das fängt bei den Bildern an, denen die Farben und jeglicher Binnenkontrast entzogen sind, die Welt erscheint im Spiegel der Kamera erbleicht und fahl. Und zudem geraten die Bilder durch eine spezielle Linsenkonstruktion der Kamera in bestimmten Sequenzen verzehrt und verzogen, so daß sich die Proportionen der Körper verformen. Da sitzt dann ein normaler Kopf und Oberkörper des Mephisto auf einem viel zu großen Unterleib. Insbesondere in den Dialogen zwischen Faust und Mephisto wird dieses Mittel häufig eingesetzt. Und die Stadt selber ist verzerrt und perspektiviert wie im Cabinett des Dr. Caligari. Hier wären sicherlich auch die Bezüge zum expressionistischen Film und zu Murnaus Verfilmung des Faust zu nennen.

Es ist ein bleiche Welt der Notwendigkeit. Und immer wieder greift der Film auf die Körperlichkeit zurück: das fängt bei den Ausscheidungen des Mephisto an, die er im Hause des Faust vornimmt, nachdem er als Demonstration von Macht den Schierlingstrank zu sich nahm, der aber bei ihm seine Wirkung nicht tat, und das geht weiter, wenn man Mephist nackt im (Frauen-)Bade sieht: der Körper eines Freaks, vollständig dekonstruiert, das Geschlechtsteil Schwanz hängt als Rudiment eben nicht vorne, wo es der Norm nach hingehört, sondern hinten.

Sokurows Faust ist, ebenso wie der Goethes, ein Getriebener, aber doch anders als in jenem Drama, denn das strebende Suchen geht Sokurows Faust völlig ab, was ihm fehlt ist primär Geld, und es ist ihm nicht mehr um den Augenblick zu tun, bei dem zu verweilen sei und von dem man sagen könne, er sei so schön. Es gibt diese Augenblicke, dieses Gaukelspiel von Welt und Überwelt wie sie Goethes Mephisto dem Faust bietet, nicht mehr. Selbst jene Nacht bei Grete ist nicht die Erfüllung, sondern ein Moment von vielen. Die Kamera fährt über ihre Schamhaare. Die Lust spart der Film jedoch aus. Es gibt keine Schreie der körperlichen Leidenschaft. Nichts, das Nichts ist es, was Insistenz zeigt. Und Faust muß im Anschluß an jene Nacht bei Gretchen, die bereits weiß, daß Faust ihren Bruder erstach, fliehen, da er als Mörder erkannt, und die böse Mutter der Grete von Mephisto durch Gift gerichtet wurde. Das Gretchen freilich bleibt zurück, weder gerettet, noch gerichtet. Faust und Mephisto zwängen sich in mittelalterliche Rüstungen, die, so Mephisto, zur Flucht und Panzerung dringend nötig seien. Was bei Goethe als Reise in die Welt sich konzipiert, als Versuchung und Verlockung, das bleibt in Sokurows „Faust“ ein Zwängen durch enge Schluchten, ein Aufstieg zwar, denn es geht den Berg hinauf, aber dort angekommen wartet bloß ein Geysir, der wild tost. Und der Tod.

Alle Erkenntnis der Philosophie ist in dieser Welt des reinen Überlebens ohne Bedeutung. Sokurows Faust ist dies bewußt: alles Wissen scheint nichtig, er ist ein vollkommen desillusionierter Mensch, dem bereits bekannt ist, daß der Himmel leer ist, daß es keine Seele gibt, sondern bloßen Körper, und selbst dieser zeichnet sich durch die Hinfälligkeit. Vergeblich ist alles. So erschlägt Faust am Ende dieses Weges auf dem Hochplateau den Mephisto, begräbt ihn unter Steinen, den mit Blut geschlossenen Vertrag mißachtend, und zieht suchend weiter über das Feld der Gebirgs- und Kraterlandschaft. Nach vorne taumelnd. Mephisto glaubte noch an die Seele und daß diese nach dem Tode ihm gehöre, Faust schon lange nicht mehr. Sein Glaube stammt aus den Kellern der Pariser Existenzphilosophie und in der Aufsteigerung dieses Absurden und Sinnleeren steht er in direkter Verwandtschaft zu den Figuren Becketts, die niemals mehr zu enden vermögen. Ein Mensch der Tat ist er nimmer, und so ist seine Übersetzung des Anfangs vom Johannesevangelium bei Sokurow bloße Makulatur.

Von der Bildästhetik bis hin zur metaphysischen Aufladung ähnelt Sokurow zuweilen seinem Lehrer Andrej Tarkowsi. Aber bei Sokurow heften sich die Sinnfragen an den Körper und an das unmittelbare Begehren, das bereits in seiner Erfüllung und im Augenblick des Vollzuges schal wurde. Ein erweiterter Blick auf diesen Film wird sich allerdings erst werfen lassen, wenn man auch die Vorgängerfilme dieser Tetralogie über die Macht, welche von Lenin, Hitler und Hirohito handeln, sich ansieht. Aufgrund dieser Bezüglichkeiten ist es konsequent, daß Sokurow mit dem Fauststoff sehr frei umgeht und ihn neu anordnet und montiert. Die Sprache in dem Film ist zwar im Original deutsch, aber der Text ist frei, nur vereinzelt tauchen Zitatfetzen aus dem Goethetext auf. Ein wenig allerdings hinterläßt der Film mich ratlos. Es ist einer von denen, die man sicherlich noch ein zweites Mal sehen müßte. Was er zeigt, ist jedoch eine Welt der Beklemmung. Es ist unsere Welt – jedoch ins Gewand des 19. Jahrhunderts maskiert.

Kontaktwunden

„Bei Kontaktwunden wurde der Lauf der Waffe direkt an den Körper gehalten … Der äußere Rand der Eintrittswunde ist durch den heißen Rauch angesengt und vom Ruß geschwärzt. Der Ruß ist so in die versengte Haut eingebrannt, dass man ihn weder durch Waschen noch durch heftiges Schrubben von der Wunde entfernen kann.“
Vincent J.M. DiMaio M.D., Gunshot Wounds: Practical Aspects of Firearms, Ballistics and Forensic Technique

Kapitalismus läßt sich einerseits in die Analyse und in den Blick der Theorie nehmen, indem seine Begriffe gleichsam auf den Begriff gebracht werden, und er stellt sich zugleich – gewissermaßen phänomenologisch – über seine verschiedenen Ausprägungen dar, etwa wenn man sich die Kriminalität ansieht, welche eine Gesellschaft produziert: Indem man auf Verbrechen, Gewalt und Strafe schaut sowie darauf, wie eine Gesellschaft mit diesen Phänomenen umgeht und welche Auswirkungen das wiederum auf eine Gesellschaft zeitigt. So geraten auch die Produktionsweisen von Wirtschaft in den Fokus.

Als Stichwort für das destruktive Moment der Produktionsbedingungen sei hier Mexiko genannt, welches kurz davor steht, zum failed state zu geraten bzw. bereits ein solcher ist. Aber es lassen sich auch andere westliche Länder nennen. (Zudem stellt sich natürlich die Frage, was man als Kriminalität definiert: der Tod von Menschen, die die EU-Außengrenzen passieren, läßt sich sehr wohl auch in juristischen Begriffen als Mord bezeichnen. Die Tötung und Verfolgung von Sinti und Roma in Ungarn oder Italien bspw., welche vermittels staatlicher Billigung geschieht, wäre durchaus juristisch zu ahnden.)

In bezug auf diese Aspekte ist der Krimi oder der Detektivroman immer auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte: nimmt man nun Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“, welcher einen Blick in die Epoche des Viktorianischen Zeitalters wirft und zugleich das Ideal einer analytischen Verfahrensweise hochhält über Raymond Chandlers Detektivgeschichten, die in einer abgebrühten zynischen Großstadtwelt spielen, welche bloß noch für sich agierende Individuen kennt, bis hin zu den surrealen, gesellschaftskritischen Krimis von Léo Malet. Die Frage Brechts, was nun das größere Verbrechen sei: eine Bank zu gründen oder sie einfach nur zu überfallen, bleibt immer im Raume stehen und mithin virulent.

Im Krimi sedimentiert sich Gesellschaft samt deren Kritik – egal ob das mit oder ohne Intention des Autors geschieht. David Simons Reportage-Roman „Homicide“ (1991) sowie die sich daran anschließend Fernsehserie „The Wire“ rücken der US-Amerikanischen Gesellschaft auf den Leib. David Simon ist Journalist, Polizeireporter und Drehbuchautor. Er recherchierte im Morddezernat der Stadt Baltimore, wo jährlich etwa 250 bis 300 Morde geschehen. Anhand dieser Stadt im Bundesstaat Maryland wird der Verfall von Gesellschaft dargestellt.

Das Buch ist mehr im Stil der literarischen Reportagen gehalten, die Serie fiktionaler; ihr werden stilbildende Eigenschaften für die Fernsehserienlandschaft nachgesagt. Sieht man einmal von dem affirmativen Moment ab, das dem Fernsehen grundsätzlich innewohnt, solange es als Medium nicht die Produktionsart von Bildern und damit verbunden die Strukturierung des Blickes ändert, so ist an diesem Urteil einiges dran, insofern ich das nach den ersten acht Folgen der Serie beurteilen kann. Wesentlich ist hier, daß es in „The Wire“ kein gut oder böse mehr gibt. Die Polizeiermittlungen sind reiner Selbstzweck und auch die Gangster, die Drogendealer werden als Menschen geschildert – das Schwarz/Weiß- bzw. Gut/Böse-Schema fällt komplexer aus. Die Dealer werden ebenso sachlich gezeichnet wie die Polizisten. Die Dealer gehen ihrem Geschäft im Grunde nicht anders nach als der bankgründende Kapitalist. Es wird eine vollständig verlotterte Gesellschaft gezeigt.

Ich lasse mich insofern beim Lesen von „Homicide“ und beim Betrachten der Serie überraschen. Wobei ich vorab schon sagen muß: „The Wire“ ist zwar spannend, ich freue mich auf die nächste Folge, während ich auf meinem Krankenlager liege, aber sie ist auch nicht überwältigend. An „Twin Peaks“ reicht im Sinne des Ästhetischen und der Konstruktionsleistung so schnell nichts heran. Aber nichts desto trotz bleibt „The Wire“ eine gutgemachte Serie, und wir wollen doch mal schauen, ob ich hier iom Blog etwas über Buch und Serie schreiben werde, isnofern beide etwas zum Schreiben hergeben.

Ja, und Kontaktwunden können vielfältig ausfallen. Man sollte sich zumindest vor den Schußwaffen in acht nehmen, da lassen sich beim vorisichtigen Umgang mit denselben oder gar bei ihrer Vermeidung jene Wunden gut umgehen.

Stardust Memories: Lars von Triers „Melancholia“

Tritt man nach diesem Film aus dem Kino, so ist die Sicht auf die Welt, welche das Subjekt im Draußen umfängt, eine andere – zumindest für eine kurze Weile. Der Blick in den Himmel fällt skeptisch aus: der bestirnte Himmel über mir mit seinen bleichen Farben. Der Film ist, dies gleich vorweg geschrieben, meisterlich; er ist betörend, verstörend, ergreifend, wie Kino neben seiner analytischen Qualität zu sein hat – so wie mich „Blow up“, „Die Verachtung“, „Der unsichtbare Dritte“, „M“, „Lost Highway“ oder „Fahrraddiebe“ u.v.m. ergriffen. Gutes Kino berührt etwas im Subjekt: das Vermögen zur Empfindung und das Vermögen zum Denken. Und es irritiert zugleich.

„Melancholia“ hätte sicherlich die eine oder andere Auszeichnung verdient. Doch Filmpreise werden nicht immer nach binnenästhetischen Maßgaben verteilt.

Der Beginn des Filmes nimmt bereits das Ende vorweg. Es wird gestorben worden sein – alle, so steht zu vermuten – und es wird die Erde hernach nicht mehr so wie vorher aussehen. Zarte, fragile, fast zu schöne, eben melancholische, bitter-süße Bilder vom bevorstehenden Untergang werden zu der Ouvertüre aus Wagners „Tristan und Isolde“ als Auftakt geboten. Fin de siècle, aber gesamtkosmisch gespielt. In Zeitlupe oder wie man heute schreibt in Slow Motion bewegen sich die Protagonistin Justine (Kirsten Dunst) und ihre ansonsten realitätstüchtige, aber mittlerweile vollständig verzweifelte Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) durch die Park- und Waldlandschaft des Landwohnsitzes. Unendlich schön, in ihren verendenden Farben neigt sich die Welt. Letzter morbider Charme der Welt, die zerfällt. Ein schwarzes Pferd bricht zusammen. Neben Justine regnet es tote Vögel vom Himmel. Aber all dies wirkt an keiner Stelle aufdringlich oder outriert. Die Braut Justine in ihrem weißen Kleid in Zeitlupe laufend, umschlugen, gehalten von Wurzeln, Moos und Geäst. Ein stilisiertes Bild, das sicherlich auch um des Effektes willen erzeugt wurde, eine Rückblende. Ein Traumbild. Aber es verdichtet das Geschehen in einem einzigen Bild. Auch das kann Film: die Photographie zu erzeugen.

Manchmal sind diese Bilder fast zu schön, zu stillisiert, ästhetisierend. Man möchte vergehe. Aber dennoch: die Bilder passen, sie sind stimmig. Es ist das Ende. Claires Sohn steht da, im Wald, und schnitzt am Holz für den Bau der rettenden Zauberhöhle. Der Beginn des Filmes zeigt, was die Stunde geschlagen hat. Wer in diesen Film eintritt, der muß, anders als im Hollywood-Katastrophenfilm, wo es sich – zumindest für einige – am Schluß doch gut fügt, alle Hoffnungen fallen lassen. Der Schluß des Filmes ist … Nein, das sei nicht verraten. Soviel nur: er ist anrührend, ohne aber kitschig oder aufgeblasen zu sein, wie man es von apokalyptischen Filmen aus der Unterhaltungsklasse gewohnt ist. Soviel aber sei verraten: Der Schluß des Filmes: das ist der Tod.

Obwohl der Zuschauer bereits seit der ersten Minute weiß, was sich am Ende zutragen wird, schaut man den rückgeblendeten Ereignissen gebannt zu. Bereits bei der Anfahrt der allzu fröhlichen Braut und ihres Bräutigams in der Stretchlimousine, die nicht um die Kurve des schmalen Waldweges kommt, ahnt der Betrachter: das wird nicht gutgehen, da stimmt etwas nicht.

Der Film hat zwei Teile: Der erste heißt „Justine“ und beginnt mit Justines Hochzeitsfeierlichkeiten auf dem pompösen Schloß ihres Schwagers. Braut und Bräutigam (Alexander Skarsgård) treffen um Stunden verspätet auf dem großbürgerliche Anwesen – samt einem 18-Loch-Golfplatz – ein, wo die Feierlichkeiten im großen Kreise stattfinden. Man kann diese Feier kurz als Gesellschaftstragödie zusammenfassen. Sehr skandinavisch: eine Mischung aus Vinterbergs „Das Fest“ – freilich mit den entsprechenden Abänderungen – und Bergmannscher Psychologie: die beständige Zermürbung, Zerfleischung und bloßer Schein. Handkamerafahrten, die in die Gesichter hinein gehen. Eine angespannte Schwester Claire sitzt da oder läuft herum. Sie möchte die Feier bestens ausrichten. Sie ahnt bereits, daß hier etwas aus dem Ruder laufen wird; sie redet ihrer Schwester zu, sie erwartet, daß sich Justine zusammen nimmt. Aber das geht so einfach nicht. Hinzu kommt Claires sichtlich genervter Ehemann John (Kiefer Sutherland), der das Geld besitzt und der für diese Investition etwas erwartet. Immer wieder verläßt Justine die Feierlichkeiten, zieht sich zurück, legt sich ins Bett, geht spazieren, badet, läßt die Gäste zurück. Immer unerträglicher wird ihr die Anwesenheit unter den Gästen. Justine leidet unter Depression. Kirsten Dunsts Gesicht spricht Bände, wenn sie im Bett daliegt, und es reicht das bloße Mienenspiel ihres Gesichtes aus, um all die Abgeschlagenheit, den Unwillen, das große Nichts und die Schwermut zu zeigen, während die Kamera, wie so häufig, in Großaufnahme an das müde Gesicht heranfährt. Zu recht ist Kirsten Dunst in Cannes mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet worden. Es ist nicht einfach, einen solch stillen Zustand nur über die Mimik zu spielen. Mit Worten läßt sich vieles ausdrücken, in den Gesten sowie in der Mimik fällt dies um einiges schwieriger aus.

Am Himmel dieser Hochzeitsnacht strahlt im Sternbild des Skorpion ganz besonders und fast rot der Stern Antares. Und Justine weiß mit einem Male, daß sich etwas verändert hat – hellsichtig und feinfühlig-vorausahnend, wie man es besonders den sensiblen und empfänglichen Menschen nachsagt. Sie ist die einzige, die – später, Tage nach der Hochzeit – die exakte Zahl der gesammelten Hochzeitsbohnen errät. 678. Während der Bräutigam beim Eintritt und als er eine weiter Bohne zu den anderen in Glas hinzutat, eine Millionensumme nannte. Justine weiß. Es ist das Ende der Welt, und die sozialen Differenzierungen sowie das Gebalge um den Aufstieg werden angesichts dessen schal.

Die nächtliche Feier endet schließlich im Debakel: Justine verliert ihre Arbeit als Artdirektorin, weil sie ihren (widerlichen) Chef (John Hurt) in schwerster und berechtigter Weise beleidigt, und sie verliert am Ende ihren Bräutigam, der diesen Dingen kaum gewachsen sich zeigt. Der Chef der Agentur ist schließlich sein Trauzeuge. „In guten wie in schlechten Zeiten“ hört bereits nach dem ersten Anwehen von Schwierigkeit auf, Bürgerlichkeit gibt sich, wie bei Strindberg, als eine Groteske. Justines Welt ist eine andere.

Der zweite Teil des Filmes heißt „Claire“. Um sich von der Depression zu erholen, lebt Justine einige Tage, vom Leiden geplagt, im Anwesen ihrer Schwester (bzw. ihres Schwagers). Claire ist die Frau, welche dem Leben zugewandt ist, die ihm sich gewachsen zeigt, die ihre Schwester auf liebevolle Weise wieder aufbauen möchte. Unterschiedlicher können Schwestern nicht sein. Währenddessen werden im Schloß von Ehemann John die Vorbereitungen für die Passage des Sternes „Melancholia“ vorangetrieben, um dieses Schauspiel genau beobachten zu können. Claire ist nicht ganz wohl dabei, denn sie glaubt eher den unheilvollen Prophezeiungen. Aber John ist Wissenschaftler und mit dem untrüglichen Realitätssinn ausgestattet, daß nach den Berechnungen nichts geschehe und der Stern in einem grandiosen Schauspiel einen Vorbeiflug an der Erde liefern wird, der unvergeßlich bleibt.

Je näher der Stern der Erde kommt, desto mehr belebt sich Justine und desto hellsichtiger und auch sarkastischer fällt ihr Blick aus. Der Stern passiert die Erde, schwebt vorbei. Und als Claire sieht, daß der Stern nicht an der Erde vorbeizieht, sondern, von der Schwerkraft der Erde angezogen, wieder zurückkehrt, ist die Welt von Claire, all ihr Realitätssinn und ihre Tauglichkeit für die pragmatische Welt dahin. Ihr geschäfts- und realitätstüchtiger Mann hat sich bereits mit Tabletten aus dem Leben gebracht. Zurück bleiben Claire und der Sohn.

Claire will in das nahe Dorf fliehen und realistisch-sarkastisch entgegnet Justine darauf: „Was hat denn das Dorf damit zu tun?“ Claire will weintrinkend auf der Terrasse sitzen. Eine Scheißidee, so befindet Justine. Im Angesicht des Todes ist alles ohne Bedeutung; was es gilt, ist, um des Kindes willen, die Gelassenheit zu bewahren. Diese steigert sich bei der anfangs durch und durch depressiven Justine merklich – je mehr sich der Stern „Melancholia“ nähert. Fast genießt sie diese Nähe, das, was paasieren wird. Es versetzt sie in Erregung.

Wenige Tage vorher, als noch alles gut auszugehen scheint, obwohl Claire dem Optimismus ihres Mannes nicht traute, sonnt sich Justine nachts im fahlen grünlich-blauen Licht des Sternes nackt auf einem Felsen. Mancher wird in solchen (und in anderen Szenen) die Naziästhetik ausmachen: eine blonde Frau mit einem makellosen Körper, Wagners Musik, ästhetisierende Bilder und Blick auf die untergehende Welt. Götterdämmerung. Ja, das mag sein. Von Trier spielt damit ohne darin zu versinken, und er treibt dieses Spiel stimmig – auch über den Gebrauch der technischen Mittel: Die Kameraführung und die Lichtverhältnisse greifen Aspekt von Dogma auf: das Licht ist zu großen Teilen so, wie die Lichtverhältnisse sind, die Kamera verhält sich unruhig, und sie gerät bei bestimmten Bildern dann statisch, arbeitet fast wie ein Photoapparat. Und häufig geht die Kamera in Großaufnahme an die Protagonisten heran. Trier dringt in die Gesichter ein.

Zudem ist diese Geschichte eine ganz andere als nur ein apokalyptischer, endspielhafter und ästhetisierender Film vom Untergang, der in den schönen Bildern schwelgt. Es ist dies ein Film über zwei Schwestern. Und von einem Kind. Zudem bleibt festzuhalten: der Ästhetizismus und der Reigen schöner Bilder fallen am Ende tödlich aus: ein Schlußstrich, bereits am Anfang, den Herr Goebbels sicherlich nicht zugelassen und als (französische) Dekadenz gebrandmarkt hätte. Denn eine blonde Frau gibt sich schließlich dem Leben und nicht dem Tode hin. Und wenn schon nicht dem Leben, dann wenigstens dem Führer oder eben jenem Bock von Babelsberg.

Die Art, wie von Trier mit Bildern arbeitet und wie er Schönheit und Schrecken paart, kann kaum das Argument für die Ästhetik der Faschisten sein. Mit der Wucht und der Kraft von Bildern arbeitet von Trier zudem seit Anbeginn, schon in seinem Kinodebüt „Element of Crime“: Bilder eines Endspiels. Rotes Nachtglühen.

Klarsichtig erblüht Justine in der Katastrophe und ihre Sicht auf die Welt fällt böse aus. Diese Welt hat es nicht besser verdient, das Gute läßt sich zählen, und sie arbeitete in einer Branche, in der sie weiß, wovon sie spricht – nämlich in der Welt der Werbung. Justines Versunkenheit, sie löst sich mit der Nähe jenes Sternes. Und das Gesetz in mir: es kann Ungeheuer hervorbringen, welche die Realität darstellen. Das Innere manifestiert sich im Äußeren. Aber diese Katastrophe ist dennoch real. Es ist keine Projektion, kein Traum, wenngleich man im Sinne strukturaler Psychoanalyse und mit ein wenig Zizek im Gepäck womöglich einen Dreh in den Traum und hin zur Projektion findet.

Die blaue Stunde kurz vor dem Schluß. Im Gras und in den Sträuchern wimmeln ein letztes Mal die Insekten, dann hören sie auf, und die Pferde, welche im Film beständig wieherten, sind nun still. Keine drastischen Fernsehbilder sind bei von Trier zu sehen oder besorgte Staatschefs im Fernsehen, die irgend etwas verkünden. Denn es gibt nichts mehr zu verkünden. Was bleibt, sind drei Menschen. Zwei Frauen und ein Kind. Kein Mann. Es ist „Melanchola“ ein Science Fiction, eine jener negativen Utopien. Und er handelt zugleich von den Strömen des Bewußtseins. Diesen Film im Hinblick auf Tarkowskis „Solaris“ zu interpretieren, kann insofern ganz falsch nicht sein. Der Bezug ist über die Anspielung auf das Bild „Die Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel d. Ä., welches in beiden Filmen auftaucht, (und auch über jenen Fluß) gegeben. Gleich zu Anfang, nach der Eröffnungssequenz, kommt Bruegels Bild kurz in den Blick der Kamera, als Justine die Kunstbibliothek umstellt und die dort aufgeschlagenen Bücher mit abstrakten Gemälden durch solche der Flämischen und Deutschen Renaissance ersetzt. Eine flüchtige und zugleich eine der vielen schönen Szenen des Films.

Der Verweis auf Dürers „Melencolia I“ liegt ebenso nahe, wenngleich ihn von Trier nicht überstrapaziert. Es reicht der Name der Sterns vollständig aus, allenfalls in der Gartenarchitektur tauchen dezent gesetzte Steinkugeln auf, im Garten stehen, statt Zirkel, Waage oder Stundenglas optische Instrumente, sprich Teleskope.

Der Film hat von vielem etwas, dies aber in einer guten Dosierung, so daß es nicht mit dem Hammer in den Zuschauer gehauen wird. Er ist opulent, ästhetizistisch und spielt mit Bildern, aber anders als Greenaway, der mir bei diesem Film zuweilen in den Sinn kam. Es gibt Anspielungen, Zitate, Verweise – eben jene auf Tarkowski – und auch den kleinen Schuß Autoreferenzialität. Wenn Claire den Stern Melancholia googelt, so verweist dies eben auf von Triers Film, denn wenn ich in Echtzeit googele, so erscheint an oberster Stelle „Melancholia“ als Film und in Wikipedia, das Claire aufruft, gibt es lediglich Dürers und von Triers „Melancholia“. Es ist eine Schleife.

Trier schuf einen Film von apokalyptischer Wucht und von Anmut zugleich: Wenn im Tode dieser drei Menschen die letzte Würde gewahrt wird, die im Grunde schon lange aus der Welt gewichen ist. Und eben diesen Verlust registrierte Justine (als Mensch) seismographisch. Deshalb ist sie diejenige, welche am wenigsten erstaunt über diesen drohenden Tod ist, ihm gelassen-böse ins Auge blickt. Nackt auf einem Felsen liegend, sonnt sie sich im grün-blauen Glanze dieses todbringenden Sterns. Vergeblichkeit. Ein wunderbares Bild. Und sie schafft am Ende die Zauberhöhle für das Kind. Anrührender kann ein Tod nicht ausfallen. Geschichte und Leben schrumpfen auf drei Menschen und auf den Einschlag eines Sterns. Der Zusammenhang und die Immanenz verglühen. Kunst antizipiert das, was gewesen sein wird.

Lars von Trier gelang ein cineastisches Meisterwerk, und insbesondere Charlotte Gainsbourg sowie Kirsten Dunst spielen unter diesem Regisseur, wie es besser nicht geht. Der Schreiber dieser Zeilen ist noch drei Tage später von diesem Film gefangen und mag keine anderen bewegten Bilder mehr sehen.

Elsaß – Obernai

In den dunklen, schmalen Gassen der kleinen Fachwerkhäuserstädte des Elsaß spielt sich die französische Provinz ab. Es ist jene Mischung aus Bigotterie, Langeweile, Spießertum, Behaglichkeit, Tourismus, fragiler Schönheit, Verschlafenheit, und ein wenig sind es auch die Phantome des Hutmachers. Claude Chabrol besaß den richtigen Blick für jene Provinz und ihre Menschen. Der großartige Inspektor Lavardin reagierte darauf in der ihm eigenen Art, die genau richtig war: ironisch, zynisch, sarkastisch. Bösartig. Und natürlich überführte der Inspektor den bürgerlichen Verbrecher.

Auf den ersten Blick muten jene Städte und kleinen Ortschaften des Elsaß charmant an: all das Fachwerk. Diese Behaglichkeit laugt sich aber nach einer Weile aus. Die Fassade ist eine gebrochene. Wie überall auf der Welt, freilich je nach Lokalität in jeweils anderer Ausprägung und Gestalt, ist es das Gleiche: man erinnere sich an jene erste Kamerafahrt in David Lynchs „Blue Velvet“, die den Auftakt abgab und die durch eine amerikanische Stadt ging. Zum Beginn eine Musik wie in einem Filmdrama der 40er Jahre. Greller bonbonfarbener Kitsch und die Behaglichkeit, das amerikansiche Blumenidyll der Vorstädte. Sonntags in der kleinen Stadt, und das Verhängnis beginnt mit einem Gartenschlauch und einem Schlag. Ein grotesker Todesauftakt. . Nch der Idylle. Darunter aber, bei der Fahrt in den Garten, in das Gras und Gestrüpp hinein, da gelangt der Blick in das Reich der Insekten: all das Krabbeln und Kriechen. Wie Maden in einer Leiche. Auf Mallorca sah ich auf einem Gang durchs Gebirge zwei verweste Schafe liegen, deren ehemals weiße Wolle sich in ein durchgesupptes, weiches Braunschwarz verwandelt hatte. Der Übergang zwischen Gestalt und Zermatschtem war fließend. Die beiden Tiere lagen dort, ihre Köpfe auf die Erde gebettet, es krochen nicht einmal mehr Maden im Fleisch oder Fliegen umschwirrten es, jedoch ging von dem Aas ein widerlicher Geruch aus. Bei „Blue Velvet“ handelt es sich um einen der besten Filmanfänge. Er bringt den Abgrund, der überall, in jedem Detail in jeder Regung wohnt – von der Liebe bis in die gesellschaftlichen Verhältnisse hinein – in das Bild.

Weilt man etwa eine Woche lang in solchen französischen Fachwerkstädten, dann realisiert man mit etwas Fähigkeit zur Empfindung sehr schnell das, was Flaubert gesehen haben muß und das er nicht müde wurde, mit Spott zu bedecken und in die Schrift der Literatur zu bringen. Man lese hierzu sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“, „Madame Bovary“ oder „Bouvard und Pécuchet“.

Aber zurück zum Elsaß zu der kleinen Stadt Obernai, welche etwa 30 km südwestlich von Straßburg liegt. Einige Photographien gibt es auf Proteus Image zu sehen. Machen Sie sich ansonsten ein schönes Wochenende und bis demnächst.

Twin Peaks

Ich habe dieses freudige Ereignis meinen Leserinnen und Lesern noch gar nicht mitgeteilt, weil ich erst gestern wieder in die Fernsehzeitung hineinschaute, welche meiner Tageszeitung beiliegt. Für die nun, welche genauso wenig fernsehen wie ich, möchte ich diesen Tip abgeben: es gibt wieder die grandiose und großartige Serie „Twin Peaks“ des Regisseurs David Lynch auf Arte, und zwar immer Dienstagabend, heute so ab 22.35 Uhr, jeweils gleich zwei Folgen hintereinander.

Diese Serie ist derart fein und genau konstruiert, das Geschehen entwickelt sich langsam, baut sich auf. Und obwohl nicht bei jeder Folge Lynch die Regie führt, ist diese Serie doch aus einem Guß, zumindest bis zur Hälfte hin, nach der dann die Auflösung des Kriminalfalls kommt. Ich habe die Lösung beim ersten Sehen bereits nach der dritten Folge gewußt. Professionelle Deformation.

Kleinstadtidylle und der äußerste Schrecken begegnen sich, auch dies ein Motiv für den Reiz. Dazu ein attraktiver, witziger, intelligenter und sehr unkonventionell agierender FBI-Agent, der auf einen sehr angenehmen Sheriff trifft. Natürlich: die Serie spielt mit den Klischees, aber dies macht sie gut, so daß es ansehbar ist.

Oh, wie freue ich mich auf meine geliebte Audrey Horne. Ein Frauentyp, bei dem ich schwach werde, diese Art sich zu geben, sich zu bewegen. Und dann erst der Gerichtsmediziner Albert Rosenfield. Ach, ich gerate ins Schwärmen, und man sollte ein Kunstwerk in keinem Falle identifikatorisch wahrnehmen. Aber ein kleines Moment der unmittelbaren Lust sei bei dieser grandiosen Serie, die ich jeder Leserin, jedem Leser anempfehle, doch erlaubt. Und wie hieß bereits ein Aufsatz von Roland Barthes?: „Die Lust am Text“. Ein Titel, den ich immer sehr schätzte, ohne dabei aber sogleich dem unvermittelten Verlangen anheimzufallen.

So, und nun viel Vergnügen mit einer der besten Fernsehserien, die es gibt. Und wer weiß: vielleicht fühle ich mich durch diese Wiederholung inspiriert, zu Twin Peaks etwas zu schreiben.

Macht kaputt, was euch kaputt macht – Jean-Luc Godard (2)

Masculin – Feminin oder: die Kinder von Marx und Coca Cola“

Vielleicht gälte es, den Strom der Bilder, welcher eine kontinuierliche Geschichte ausbilden und erzählen möchte, zu (unter-)brechen zugunsten eines Verströmens der Bilder. Kino ist in seiner Hollywood-Variante als Produkt der Kultur- und Bewußtseinsindustrie von seiner Erzählstruktur, vom Filmisch-Narrativen her weitgehend linear angelegt. Kino – das ist Hollywoodmacht plus Linear-Visualisierung der gesamten Welt. Die Bilder dienen der Geschichte in ihrer Chronologie, sind auf den Plot hin konstruiert. Das Kino ist die konventionellste der Künste und in dieser Form darum eben keine rechte Kunst. Es muß auf Bedürfnisse schielen, weil es sich verkaufen muß, verkaufen will. Einen „Western“ wie Jodorowskys „El topo“ möchten und können nur wenige sehen. Die surrealen, verschobene Bildanordnungen, wenn sich der Bilderstrom in und mit seiner chronologischen Anordnung auflöst, wenn die Ordnung in der Zeit sich bricht und wenn Wahrnehmungen umgepolt werden, hat sich in der Ontologie des Kino-Bildes nicht einschreiben können. Allenfalls als Nische für Film-Freaks fristet das ein Dasein. In den 80er Jahren war man auf gute Programmkinos angewiesen oder man fuhr hunderte Kilometer weit, um bestimmte Filme, die selten gezeigt wurden, zu sehen. „Filme sind Waren. Man muß die Waren verbrennen. Aber Vorsicht: nur mit dem inneren Feuer.“ [aus: Histoire(s) du cinéma]

Zuweilen gibt es jedoch diese Filme, die zwar für ein breites Publikum gefertigt wurden, aber dennoch Konterbande enthalten. In einer noch relativ ausgewogenen Form geschieht dies bei „Masculin – Feminin“. Junge Männer, mit politischem Bewußtsein, in Paris lebend, Plakate klebend, Aktionen gegen den Vietnamkrieg durchführend, sie bereiten die Revolution vor. Dargestellt wird dieser Blick in das Paris der 60er Jahre in 15 Sequenzen, durch Texteinblendungen oder peitschende Geräusche, die an Schüsse erinnern, abgeteilt oder unterbrochen. Eine, zumindest was die Männer anbelangt, linksaktivistische gleichzeitig hedonistisch veranlagte Jugend wird dort gezeigt – Stil mit Protest paarend –, die sich in einem Spiel von Fragen und Antworten verliert, der unendliche Strom einer dialogischen Situation. Fragen die von privat bis politisch reichen. Der Film führt die Befragung in Permanenz vor.

Und nirgends rauchen die Helden so schön, wie in französischen Filmen. Der Protagonist Paul, welcher beständig an seiner Zigarette zieht: Im Café, im Waschsalon, auf der Straße, während er Madeleine umwirbt. Eine Jugend, die ihr Leben inmitten des Konsums und des Zweifels führt. Das, wogegen sich der Protest richtet, etwa der Krieg in Vietnam, bleibt in den Kinobildern jedoch außen vor. Die Bilder zeigen das Leben in Paris, Straßenszenen aus dem Alltag. Nebensächlichkeiten des Lebens. Daß der Film diese Bilder ausspart, macht im Grunde seine Stärke aus.

Aber auch das Private ist politisch: Die latente Revolte, welche dann einige Jahre später im Pariser Mai 68 ihren Ausdruck finden wird, gibt das Thema ab. Die kapitalistisch organisierte Gesellschaft erweist sich, so könnte man mit Foucault formulieren, durchsetzt von den Mechanismen der Macht und den Zwangsnormativierungen: Die Strukturen von Armee und Arbeit, wie ein Satz im Film heißt: es sind die gleichen. Doch hat diese Jugend genauso am Immanenzzusammenhang teil, etwa Madeleine, die als Sängerin Schallplatten aufnimmt und ihr Geliebter Paul, der in einem Meinungsforschungsinstitut arbeitet.

Was bei Godards Filmen auffällt: es herrscht keine Psychologie bzw. Psychologisierung vor, der Innenraum des Bewußtseins ist gesellschaftlich ausgestattet, die Motivationen der Figuren ergibt sich, die Handlungen ereignen sich zuweilen fast wie aus heiterem Himmel heraus. Während das Geschehen, die innere Bewegung der Figuren bei Eric Rohmer etwa in den Dialogen diffizil auseinander gelegt wird – ohne dabei in Trivialpsycholgie abzugleiten: keiner fing so schön wie Rohmer diese höchst banalen Alltäglichkeiten samt individuellen Antriebskräften ein – das ist bei Godard zutiefst gesellschaftlich motiviert, die Dialoge sind wunderbar artifiziell, Interviewsituationen. Beständig befragt eine Figur die andere. Zuweilen wirkt die Szenerie wie eine soziologische, dann wieder wie eine an der Markt- und Konsumforschung orientierte Fragestunde. „Dialog mit einem Konsumprodukt“ heißt eine Interviewsequenz, die Paul mit einer jungen Frau („Mademoiselle 19 Jahre“) führt.

Hat der Sozialismus noch eine Zukunft?“ „Die durchschnittliche Französin existiert nicht“. Texte durchkreuzen die Bilder.

Es herrscht in diesem Film ein soziologischer, dokumentarischer Blick auf die französische Gesellschaft, insbesondere auf die Jugend, und es zeigt sich in „Masculin – Feminin“ der Blick der Jugend auf die Welt. Es war dies die (wunderbare) Zeit, als der schöne Glaube herrschte, daß sich in der Popkultur ein Moment der Revolte manifestierte; der Mensch in der Revolte ist der Mensch im Pop. (Adorno war klug genug, diesen Trug sofort zu durchschauen.) „Le philosophe et le cineaste ont en commune une certain manier d‘etre, une certain vue du monde, qui est celle d‘un generation.“ wie es in einem Einblendtext im Film heißt. Bei Merleau-Ponty steht in der deutschen Übersetzung: „Wenn also Philosophie und das Kino übereinstimmen, wenn Reflexion und technische Arbeit dieselbe Richtung nehmen, so deshalb, weil der Philosoph und der Cineast eine bestimmte Art zu sein gemeinsam haben, eine bestimmte Weltsicht, welche diejenige einer Generation ist.“ (Maurice Merleau-Ponty, Das Kino und die neue Psychologie, S. 46, in: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003)

Gegenüber dem (klassischen) Hollywood-Film eignet der Geschichte eine den Realismus überbordende Form, die allerdings diesen Realismus nicht vollständig eskamotiert, ihm aber eine andere Fluchtlinie verpaßt – es gibt Sprünge, eine unlogische, eine auf den ersten Blick zuweilen kaum motivierte Handlung, die zur Übersprungshandlung gerät: wenn Paul einem Mann am Flipper zuschaut, der spielt und der mit einem Male ein Klappmesser zieht, Paul bedroht, sich zum Schluß jedoch unvermittelt das Messer selber in den Bauch rammt. Dialoge von Menschen, die mit dem Pot nichts zu tun haben werden plötzlich gezeigt. Genau so, wie man im Café oder in einer Bar andere am Nebentisch beobachtet und in ihre Gespräche hineinhört.

Surreale, unmotivierte Einschübe ergeben sich, die wie der Straßenlärm in den Film von außen einbrechen. Randnotizen durchbrechen die Narration, indem sie neue Narrationen erzeugen, die als Nebenhandlung natürlich wieder abbrechen müssen. Die Bild/Ton-Spur wird auf besondere Weise eingesetzt: teils als massive Hintergrundgeräusche, welche die Dialoge zu übersteuern drohen. Tonschnitte. Wenn ein Paar das Café betrifft, die Tür des Café zufällt und mit einem Male kein Geräusch mehr zu hören ist. Oder aber es folgt ein unendlicher Lärm. Der Ton ist, insbesondere in seiner Verstärkung, der Sache nicht akzidentiell: das unendliche Rauschen der Straße, unvermittelt brechen Geräusche in den Dialog herein. Die Großstadt ist nicht nur ein Anlaß für Bilder, ein Ort für die Optik, sondern genauso einer der Akustik.

Und es werden natürlich auch in „Masculin – Feminin“ die für Godard typischen Schnitt gesetzt: Wenn der Mann spricht, ist die Frau zu sehen, spricht die Frau, so richtet sich die Kamera auf den Mann. Sicherlich nicht mehr so revolutionär und in der Wendigkeit gehandhabt wie bei „Außer Atem“ – jenem Film, den Godard aufgrund seines konventionellen Charakters später vernichtet (verbrannt) sehen wollte. Das Abrupte oder vermeintlich Sinnlose kulminiert in dem lakonischen Schluß des Films, wenn Madeleine – leidenschaftslos – und eine Freundin auf der Polizeiwache ihre Aussage machen (Befragung durch die Polizei), da Paul während einer Wohnungsbesichtigung, die er mit Madeleine unternahm, um eine gemeinsame Wohnung zu kaufen, unvermittelt aus dem Fenster fiel, während er Photos machte.

Der Film reagiert auf diesen Tod mit einem Schulterzucken. Die Zeiten des Melodrams lebten sich ab, und es ist für die großen Gefühle kaum Platz. Raum für Identifikation läßt der Film einzig in der Art, wie man elegant eine Zigarette in der Hand hält. Wir sind Konsumprodukte, Maschinen, die vertilgen, produzieren, konsumieren, zuweilen kluge und oft kindische Fragen stellen.

Gebt uns das Fernsehen und ein Auto, aber erlöst uns von der Freiheit.“ So heißt es an einer Stelle im Film. Manchmal sind die Situationen sicherlich nahe am politischen Engagement gebaut, und in späteren Filmen Godards wird die Parteinahme augenfällig, zuweilen gar fragwürdig, wenn er etwa in „Ici et ailleurs“ („Hier und da“) Golda Meir mit Hitler vergleicht. Seine Filme wurden, wie in „Ça va bien“, mit den Jahren politischer. Sie gerieten zu einer Frage des Klassenkampfs: „Es ist richtig, seine Chefs einzusperren!“, so heißt es in dem Film, während einer Werksbesetzung, die in der Tradition des Brechtschen Theaters inszeniert ist. Das Einsperren des Chefs ist – nebenbei – eine Aktionsform, welche in Frankreich eine gute Tradition hat. Von der Technik her interessant ist es, wie mit den Mitteln des Films eine Multi- bzw. Simultanperspektivität erzeugt wird, wobei es sich um Mittel handelt, die eher an das Theater, denn an den Film erinnern.

Gut sind die Filme Godards allerdings nicht wegen, sondern trotz seines politischen Engagements. Was bleibt, etwa in „Masculin – Feminin“ ist die Rätselspur des Films. Angesiedelt zwischen einer outrierten, theatralischen Sprache der französische Klassik und dem Banalen, dem Politischen, den profanen Liebeswehen des Alltags, er ist durchsetzt mit Anspielungen auf Literatur, wie in zahlreichen Godard-Filmen. „Masculin – Feminin“ hinterläßt beim Betrachten einen eigenwilligen Sog, zieht in die Geschichte hinein. Verknüpfte sich in „Die Verachtung“ noch das Individuelle mit dem Schicksalhaften, mit dem Mythos und gerät zu einer Tragödie, die angesiedelt ist zwischen der Konzeption sowie dem Dreh eines Films (mit Fritz Lang als Regisseur), der Liebe, dem Verrat und dem Begehren, so fährt „Masculin – Feminin“ die Temperatur herunter. Der Mythos ist weitgehend ausgeschieden, was übrig bleibt, ist die Gesellschaft. Sie bricht an den Rändern, an den Rahmen der Szenen in den Film hinein.

Atemlose Bilder – zum 80. Geburtstag von Jean-Luc Godard (1)

„In der Popkultur liegen alle Stücke gleich nah zur leeren Mitte“ (Bersarin)

Kino – das ist die große Täuschung der Sinne, und es ist die wunderbarste Lüge – sieht man einmal von geliebten Objekten ab. (Und wir Fetischeure wissen, wovon wir hier sprechen.) Kino, respektive Film ist ein komplexes Medium, das dazu beitrug, Sehgewohnheiten und Wahrnehmungen umzupolen, aufzubrechen und sie im selben Zug zu zementieren: sie festzuzurren.

Film ist ein Medium, das nicht mehr nur im Kino seinen Ort besitzt. Denn es spielt eine bestimmte Sorte Film das Geld nicht mehr ein, wenn sie nur im klassischen Verleih gezeigt würde. David Lynchs skizzenhaftes Material zu „Mulholland Drive“ geriet so umfangreich, daß es seine Fernseh-Serie „Twin Peaks“ (30 Folgen) übersteigt. Kein Produzent ist bisher bereit gewesen, ein solches Vorhaben zu finanzieren, weder als Serie noch als Mehrteiler im Kino. So blieb nur ein Residuum übrig, welches 2001 in die Lichtspielhäuser kam.

Kino ist nicht Film. Im Französischen existiert neben „film“ das wunderbare Wort „cinéma“. „Ich mache keine Filme, ich mache Kino“, so sagte Godard einmal.

Die erste Filmvorführung fand bekanntlich in der Antike in einem ungastlichen Hinterhofkino statt: In Platons Höhle. So zumindest erzählt es der Mythos. Neorealismus. Wir existieren inmitten von Bildern, die uns umgeben, wir existieren inmitten von Deutungsanforderungen: wie ein Bild zu lesen sei.

Die Geschichte des Films ist zugleich und im selben Atemzug die Geschichte einer Verstumpfung, Verschattung und Überblendung der Sinne. Verblendung in der zerstreuten Rezeptionshaltung und radikale Aufklärung über die Welt in einem – in Sequenzen, in Bild-/Tonspuren. Sie laufen bei dieser Geschichte in paralleler Spur. Verzauberung und Lüge, entgrenzte, verdichtete Wahrnehmung und Konfektionsware von der Stange sitzen in derselben Reihe. Es gibt Filme, die sind sowohl für die Unterhaltung, das Vergnügen, aber auch für den Diskurs des Theoretikers geschaffen: Chaplin und Hitchcock, Griffith und de Palma gehören etwa dazu. Dann existieren jedoch Filme, die übersteigen den kontemplativen, versunkenen Blick des Zuschauers und brechen das Auratische der Unterhaltung auf, wie seinerzeit jener Schnitt durchs Auge in Buñuels/Dalis „Ein Andalusische Hund“. Zu dieser Reihe gehören die Filme Godards.

Sein noch vor dem ersten veröffentlichten Spielfilm gedrehtes Werk „Der kleine Soldat“ bezeichnete Godard im Rückblick als faschistisch. Dies mag – auch im Rahmen des Politischen –, übertrieben erscheinen, zumal der Film für keine Seite Partei nimmt. Denn die algerische FLN und die französische Armee samt ihren Geheimdiensten standen sich in der Brutalität in nichts nach. Dies vermerkt der Film vermittels der Handlung lakonisch. Die landläufige Identifikation mit den Filmhelden fällt hier schwer. Es gibt nur kalte Charaktere. Allenfalls die Anspielungen auf Kunst, wenn von dem Protagonisten Bruno Bach, Beethoven oder Aragon genannt werden, mag als Relikt des bürgerlichen Ästhetizismus durchgehen. Im Laufe der Politisierung Godards erschien ihm dies im Rückblick womöglich als Schwäche. Das Revolutionäre bleibt in diesem Film Einsprengsel; es wird im Modus des Verweisens lediglich gestreift. Etwa wenn eine der arabischen Kombattanten in zwei kurzen Einblendungen die Schriften Maos liest. Darin gerade liegt die Stärke des Films: er nimmt nicht Partei und gerät gerade durch diese Enthaltung zur Parteinahme.

Ästhetisch setzen „Der kleine Soldat“, vor allem aber „Außer Atem“ in der Anordnung von Montage und Mise en Scène neue Maßstäbe. Ein ganz anderer Rhythmus, ein wilder Bildsound bestimmte mit einem Male den Film, obwohl diese beiden frühen Filme Godards von der Story her klassische Plots aufgriffen.

„Der kleine Soldat“ entstammt dem Genre des Agentenfilms. Was den Plot beider Filme anbelangt, ist die primäre Quelle Hollywood: der klassische, düstere Kriminalfilm, wie in „Außer Atem“ – ohne Happy End, Film noir eben, aber technisch und in ihrer Form treiben diese beiden Filme weit über Hollywood hinaus. Insbesondere „Außer Atem“ ist zwar eine Hommage, wie ja auch Truffaut und Wenders einer bestimmten Sorte des amerikanischen Films ihre Aufwartung darbrachten. Noch in der Anordnung der Szenen, wenn der Protagonist vor einem Bogart-Plakat sich vergleicht, an seiner Zigarette ziehend, oder wenn kurz der Schriftzug eines Filmplakates von Aldrich auftaucht, der für einen Augenblick kurz zu lesen ist: „Gefährlich leben bis zum Schluß“, was wohl gut als Motto des Films fungieren kann, dann ist das Anspielung und Programm dieses Filmes in einem. (Und auch Jean-Pierre Melville kurz spielt mit.) Und doch verläßt „Außer Atem“ vermittels seiner Konstruktion die B-Movie-Ecke.

Die Schnitte in „Außer Atem“ – so der von Godard erfundene Jump Cut – und die Kameraführung sind exzeptionell: rasant, ungewöhnlich, neu. Der Blick ist irritiert. Die Geburt eines anderen Kinos (aus dem Geist des aufkeimenden Pop). Während des Dialogs zwischen Michel und Patrica bei einer Autofahrt durch Paris: die Kamera ist immer seitlich von schräg hinten auf den Hinterkopf Patricias gerichtet, ihr kurzes blondes Haar im Blick, während Michel nicht zu sehen ist. Godard schrieb in seinem (äußerst lesenswerten) Buch „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“:

„Ich erinnere mich noch sehr gut, wie dieser berühmte Schnitt zustande kam, der heute immer in Werbefilmen verwendet wird. Wir haben uns alle Einstellungen vorgenommen und systematisch das geschnitten, was wegkonnte, uns dabei aber bemüht, einen Rhythmus einzuhalten. Zum Beispiel gab es da eine Sequenz mit Belmondo und Seberg im Auto – das war gedreht: eine Einstellung auf ihn, eine auf sie, sie antworten einander. Als wir zu dieser Sequenz kamen, die gekürzt werden mußte wie alle anderen auch, haben wir mit der Cutterin Kopf oder Zahl gespielt. Wir haben uns gesagt: Statt ein Stückchen bei ihm und ein Stückchen bei ihr zu kürzen und lauter kurze Einstellungen von beiden zu machen, kürzen wir vier Minuten, indem wir entweder ihn oder sie ganz rausnehmen, und dann schneidern wir einfach eins ans andere, als ob es eine einzige Einstellung wäre. Dann haben wir gelost um Belmondo und Seberg, und Seberg ist dringeblieben.“ (S. 29 f.)

Der Einsatz des Lichts (keine Kunstlicht) und die unkonventionelle Kameraführung, die Arbeit mit einer Handkamera nehmen das Dogma-Manifest von 1995 vorweg. Straßen- und Innenszenen wurden weitgehend ohne künstliche Ausleuchtung gedreht. Bei den (wenigen) Nachtszenen wurde ein hochempfindlicher Film verwendet. Das alles hat es für ein breiteres Publikum so bisher nicht gegeben.

Wie die Kamera auf die Darsteller gerichtet ist und sie in den Blick nimmt, etwa wenn Michel durch das Hotel schreitet, das ist göttlich wie die Citroën Déesse, welche in manchen Einstellungen (leider kurz nur) zu betrachten sind. „In der D.S. Steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur wecken soll.“ (R. Barthes, Mythen des Alltags, S. 77, Fft/M 1989)

Man kann sich an diesen ungewöhnlichen Einstellungen, an diesem Blick der Kamera in „Außer Atem“ nicht sattsehen. Aber dieses neue Verfahren Schnitt und Szenen in eine veränderte Anordnung zu bringen, reicht über das bloß subjektive Moment heraus und hat sein Motiv in der Logik der Sache. Es ist keine bloße Gangstergeschichte, der Plot ist im Grunde nur Aufhänger und Köder. Godard wird dieses Montage-Verfahren weiter ausbauen – und insbesondere in seinen späteren Filmen gesellen sich die Texteinblendungen dazu.

Godards Filme sind mehr als Filme, es sind, neben dem Narrativen und Technischen gleichzeitig theoretische Essays: verfilmte Filmgeschichte. Bei Godard gelingt auf wunderbare Weise die Selbstreferenzialität des Mediums, ohne dabei jedoch in die bloße Theorie abzugleiten, die Spannungsmomente brechen nicht ab. Immerzu telefoniert Michel, beständig ist er in Bewegung und Unruhe, um an Geld zu kommen. „Außer Atem“ ist, zumindest in nuce, bereits ein solcher Film über das Filmen. Die dem ersten Anschein nach seichte Geschichte mag zunächst darüber hinwegtäuschen. Der Plot von „Außer Atem“ ist trivial, eine B-Movie-Gangstergeschichte: die letzten Tage eines kleinen Ganoven, der einen Polizisten erschoß, werden uns gezeigt. Das außerordentliche Gemachtsein dieses Films, sein Spezielles in der Komposition der Bilder erschließt sich insbesondere, wenn man das Remake „Atemlos“ (1983, mit R. Gere und Valérie Kaprisky) als Kontrastmittel schaut: es handelt sich bei diesem Stück um filmischen Dreck (So zumindest mein Eindruck als ich diesen Film seinerzeit sah.) Zuweilen ist es jedoch ganz gut, sich einen schlechten Film anzuschauen. Das Gute tritt dann umso stärker in den Blick.

Wer „Außer Atem“ nur als einen Film noir wahrnimmt, übersieht Wesentliches. Der Film ist zwar einerseits kinotypische Unterhaltung, aber über den Aspekt der Form bereits sehr viel mehr. Deutlicher noch und verdichteter geschieht diese Selbstreferenz des Mediums dann in „Die Verachtung“, welchen man als den wohl klassischsten seiner Filme bezeichnen kann.

Und natürlich ist „Außer Atem“ auch ein Film, der den Klang von Paris einfängt. Aber ist dies noch jenes Paris der langsam verbleichenden Second Empire-Moderne, welche sich residual in die 50er Jahre rettete, die Sartresche Subjektmoderne als filmischer Mythos oder aber handelt es sich bereits um den Rhythmus einer ganz anderen Moderne, einer des (Post-)Strukturalismus, der Dekonstruktion von Wörtern und Bildern, wo alles in Auflösung sich befindet? Musikalisch wäre hier sicherlich noch einmal an den Jazz anzuknüpfen.

„Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ so lautet ein Satz des Protagonisten Bruno in „Der kleine Soldat“. Bahn verschafft sich diese Wahrheit jedoch in einem illusionären Medium, sozusagen in den Falten des Scheins. Diese Wahrheit gerät in den weiteren Filmen Godards zunehmend komplexer und sie wird politischer so in „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola“. Davon mehr im zweiten Teil.

Jean-Luc Godard

Über Film kann man (womöglich) nur in der Sprache des Films sprechen. Die Selbstreferenzialität des Mediums. Es wird hier am Wochenende einen Text zu Jean-Luc Godards 80. Geburtstag geben. Nein, keinen Text, sondern eine Hommage. Zunächst aber die Bilder meiner ersten Godard-Filme, die ich in den frühen 80er Jahren sah.

As Time Goes By

Zum 75. Geburtstag von Woody Allen

So sehr die Philosophie, welche in Woody Allens Filmen (zumindest bei bestimmten Filmen) im Detail und in den Dialogen steckt, individualistisch gefärbt ist – eben eine Pastiche-Variante der Existenzphilosophie, gemischt mit (amerikanischer) Psychoanalyse –, so sind seine Filme eben durch diesen Umstand zugleich gesellschaftlich geprägt und übersteigen die Ebene bloßer Befindlichkeiten. Diese Filme werfen den Blick auf die moderne US-Stadt (von den 20er Jahren ab) samt einem Teil ihrer Bewohner. Insbesondere aber ruht die Perspektive auf New York, seinem New York, die Kamera entfaltet den Mikrokosmos einer speziellen Personage: das weiße, intellektuelle hedonistisch-individualistisch gestimmte, politisch eher links stehende, demokratisch wählende amerikanische Ostküsten-Bürgertum, welches die Couchs der Psychoanalytiker und diverser anderer Therapeuten bevölkerte: 70er Jahre-Szenerien und Impressionen einer Stadt. Auch wer niemals in New York war, weiß nach dem „Stadtneurotiker“ und „Manhattan“, wie diese Stadt unter einem bestimmten Blick, unter dem Auge von Allens hervorragendem Kameramann Gordon Willis ausschaut.

Diese in die Dialoge der Protagonisten eingestreute Mischung aus Kierkegaardscher, Heideggerscher und Sartrescher Existenzphilosophie gepaart mit jüdischer Theologie bzw. einem radikalen Vergeblichkeitsdenken ist mit extremem Pathos behaftet – schließlich geht es um das vermeintlich Ganze: nämlich die eigene Existenz – und doch ist es zugleich eine Philosophie des Klamauk, teils in der Nähe zu den Marx Brothers, deren Slapsticks: sozusagen in Zeitlupe gedehnt: weshalb sich in diesen Sinnfragen vermittels des gesteigert Grotesken das Unwahre derselben zeigt. Der Tod ist zwar (und womöglich) ein existentielles Faktum, unhintergehbar, ein Existenzial, um zu heideggern, und er taucht etwa in „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ personifiziert als Sensenmann auf. Aber so ernst nun doch wieder nicht, als daß sich nicht ein Witz oder eine Pointe entlocken ließe. Im Original heißt es „Love and Death“, was als Titel für einen in Russland spielenden Film zur Zeit Napoleons sehr viel passender ist. Ein überbordender Film, der in surrealer Manier Unverbundenes kombiniert und zusammenlegt; ein Feuerwerk an Witz, Spott und Tieftheologischem. Einer der schönster Satz darin, wenn jene Frau, im Bett mit dem Protagonisten, konstatiert: „Du bist der größte Liebhaber, den ich hatte!“ „Ich übe auch viel, wenn ich allein bin.“

Doch stehen diese Komödien in ihrem Ernst filmisch zugleich Ingmar Bergman sehr nahe, dessen Name in Allens Filmen an einigen Stellen auftaucht. Aber trotz dieses Einflusses von Bergman, selbst in den Komödien: ununterscheidbar manchmal das Genre: ist das nun eine Tragödie oder bloß eine Komödie? Die Dinge liegen nahe beieinander. Allens Filme schreiben „Das Schweigen“ oder „Wilde Erdbeeren“, „Fanny und Alexander“ (wunderbar!) fort, überwuchern, umwachsen sie, jedoch als – zuweilen unfreiwillige – Komödie, ironisch gebrochen. Doch sind – bei einer gewissen Grundstimmung insbesondere der frühen und mittleren Werke – die Filme Allens zu vielfältig, um sie auf einen Begriff einzudampfen. Das bloß Komische reicht nicht hin. Über 40 Filme, die er schuf; pro Jahr einer, so kann man überschlagsmäßig rechnen – nicht alle waren immer gut. Manchmal verließ der Betrachter das Kino ratlos. Lediglich eine attraktive Begleitung tröstete einmal über die Ratslosigkeit hinweg, und das so gut, daß ich hinterher schon wieder ratlos war. Woody Allen ist ein Berserker der filmischen Arbeit, dies erklärt die hohe Zahl an Filmen. Dieses Prinzip ist mir von meiner eigenen Photographie her vertraut, wenn man nichts anderes mag als dieses, dann probiert man bis in die Unendlichkeit hinein. Daß Allen besessen in einem guten Sinne ist, sieht man seinen Filmen, auch den schlechteren, qualitativ dennoch an.

Welche Filme zu seinen besten zählen, darüber wird man lange debattieren können. Was wären die Kriterien? Das Humoreske, das Filmische, die Montage, die mise en scene? Mit „Matchpoint“ zumindest öffnete sich in den späten Jahren noch einmal eine ganz andere Ebene, die quer liegt zu den Filmen der frühen 90er oder der späten 70er und denen der 80er Jahre, wobei ich letztere allerdings für seine besten halte: „Radio Days“, vor allem „The Purple Rose of Cairo“, „Hannah und ihre Schwestern“, und – es ist fast ein Gemeinplatz geworden: „Manhattan“ sowie „Der Stadtneurotiker“. Es entfaltet sich in diesem Filmen ein ganz eigenes Szenario einer teils untergegangen, vergangenen Welt: ein Abglanz des Kapitalismus of the old school, Dialoge, die in ihrer Oberflächlichkeit und in ihrer pseudophilosophischen Verquatschtheit schöner und besser nicht geführt werden können: Woody Allen, der Rohmer von New York. Er überführt die geistige Schmalspurschickeria. Wenn da in einer Warteschlange vor dem Kino ein eifrig-beflissen erotisch-begieriger Mann einer Frau die Medientheorie Marshall McLuhans versucht zu erklären, während jedermann in der Menschengruppe dem Dialog zuhört: und da tritt mit einem Male Marshall McLuhan himself aus der Menschenmenge heraus und sagt, daß seine Theorie dem gerade Gesagten diametral entgegen steht, dann ist diese Szenerie eine solche Offenbarung, die sich wohl jeder schon einmal gewünscht hat, dem das Gequassel eines Halbgebildeten im universitären Betrieb oder in einer Bar derart auf die Nerven ging. Und so geschehen im „Stadtneurotiker“. Eine meiner liebsten Filmszenen.

Die Dialoge und die Stadt in ihren Facetten korrespondieren. Am instruktivsten vielleicht in seiner großen Hymne an den Big Apple. Und der Auftakt von „Manhattan“ ist meisterhaft: wenn ich das sehe, möchte ich sofort in ein Flugzeug steigen und dorthin: Die ersten schrillen, gellenden Töne der Musik im Auftakt, die Skyscraper in CinemaScope, eine Photographie fast, stillstehend gebannt, unspektakulär und doch wie ein Schlag in den Magen; die Leuchtreklame: dann: „Parking“, „Manhattan“; Filmbilder, wie Photos gefügt und komponiert: der Film in schwarzweiß gehalten. Denn New York: das ist schwarzweiß. Ein umkreisender Anfang elogiert diese Stadt: das konfigurierende Moment, was die Sprache des jene Filmbilder von New York kommentierenden Protagonisten nicht in die Form zu bringen vermag vor lauter Emphase für diese Stadt: von der Hymne über die Predigt bis zur Kulturkritik: das leisten die mannigfaltigen Bilder, die Straßenszenen, die Gebäude, die Menschen von New York aus sich heraus.

„New York war seine Stadt und würde es immer sein.“ Und dann spielt und dreht diese Musik von George Gershwin auf, eine Musik („Rhapsodie in Blue“), die ich bis zu diesem Zeitpunkt für affirmativ und unbedeutend hielt. Aber in dieser Konstellation, in diesem Film paßte das Affirmative, dieses große Ja, mit einem Male exakt und bildete eine wunderbare Bild-Ton-Spur. Es gibt Filme, da vergißt man diese (einsamen oder gemeinsamen) Rezeptions-Momente, diese Gedanken, Reflexionen nicht, als man jenen Film zum ersten Mal sah. „Manhattan“ gehört dazu. Genau diese Augenblicke müssen in die Sprache gebracht und fruchtbar gemacht werden.

Man kann „Manhattan“ nicht – und keinen anderen Film, wenn er gut genug ist – nacherzählen, also von Bild/Ton auf Schrift-Sprache umschalten: Die aberwitzigen Dialoge, den intellektuellen Smalltalk der Nichtigkeiten: filmisch auf den Punkt gebrachtes Geschwätz der Kulturschickeria. Und es handelt sich zugleich um verwickelte Liebesgeschichte: Liebe zwischen Menschen und die Liebe zu einer Stadt.

In den 90ern setzte glücklicherweise noch einmal eine Drehung in Allens Filmen ein, so daß es nicht zur Routine wurde. Etwa mit „Schatten und Nebel“. Nicht alles davon geriet gut, aber es war für diese Entwicklung wichtig. Bei „Ehemännern und Ehefrauen“ machten eine sehr blonde Filmbegleiterin und ich den Fehler, uns im Kino zu weit nach vorne zu wagen: vierte, fünfte Reihe. Das ist bei einem teils mit Handkamera gedrehten Film wie nach zwei Flaschen Wein, so daß es, inklusive der mitgebrachten Flaschen am Ende des Filmes vier waren. Ach, was waren das für gute Kinozeiten, als es noch keine ekelerregenden Multiplexkinos gab, wo Kontrolleure mit Nachtsichtgeräten schauen, was im Zuschauerraum sich ereignet. Wer mag da noch Verbotenes tun?

Wie soll man einen solchen Text schließen?: Wohl mit einer Ermunterung, die da lauten könnte: Mach‘ weiter, Sam!

Oder mit zwei Zitaten von Woody Allen selbst:

„Das wahre Sein, so führte Nadelmann aus, sei nur an Wochenenden zu erlangen, und selbst dann gehe es nicht ohne Leihwagen. Nadelmann zufolge ist der Mensch kein ‚Ding‘ abseits von der Natur, sondern ‚in die Natur verflochten‘, und er kann seine eigene Existenz nicht wahrnehmen, ohne erst mal so zu tun, als ginge ihn alles gar nichts an, um dann schnell in die gegenüberliegende Zimmerecke zu rennen in der Hoffnung, rasch einen Blick auf sich zu werfen.“

„Das ewige Nichts ist OK, wenn man entsprechend gekleidet ist.“

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