Glück als Ausnahmezustand – 40 Jahre „Die Legende von Paul und Paula“

Glück und Liebe gibt es nur begrenzt. Sie verteilen sich auf wenige Augenblicke des Lebens. Es sind diese „Verzückungsspitzen des Daseins“ an bestimmte Menschen und an bestimmte Konstellationen gebunden. Jener Kairos, den der eine nutzt und der andere nicht, mag im Hinblick auf die Liebe ebenfalls hilfreich sein. Was bleibt am Ende? Die Imagination in der Kunst?

Es bricht alles zusammen. Gleich zum Anfang. Eine Explosion und die Altbauten stürzen ein. Ein Rauch steigt auf, und Stimmen murmeln im Hintergrund, Geräusche tönen leise aus der Sprengung heraus, eine riesige Baustelle tut sich auf, Wohnraum für Arbeiterinnen sowie Arbeiter im real existierenden Sozialismus, und Altes muß weichen, weil Neues folgt. Und dann, während das Haus stürzt und Trümmer rauchen, setzt diese Musik ein: ich kann die Puhdys auf den Tod nicht leiden, allein der Bandname ist bescheuert. Aber hier paßt diese Musik von Peter Gotthard komponiert, von den Puhdys musizierend dargeboten. Das Klavier, das hämmert zum Auftakt, und die Gesangstimme singt: „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt …“ Eine verwüstete gesprengte Stadtlandschaft zeigt sich. Eines der Fenster in einem der letzten Altbauten, nähe Alex, die bald nicht mehr sind, öffnet sich, und Paul schmeißt alle jene Dinge, welche zwei Menschen in einem Leben aus Liebe und Alltag einst teilten, auf die Straße hinaus. Gegenstände fliegen, Teller klirren, Spiegel und Porzellan zerbrechen. Abbruch. Abbruch der Musik, Abbruch eines Hauses und im Hintergrund taucht aus dem Trümmerdampf der gerade erbaute Fernsehturm am Alexanderplatz auf. Die Plattenbauten kommen, die alte Stadt weicht. Paul tritt aus dem Haus, das nur noch kurze Zeit stehen wird, in den Händen jene Photographie von Liebe und Leidenschaft, die Paul und Paula in wilder, leidenschaftlicher, zärtlicher, tief-sinnlicher Umarmung und im Moment höchsten Glückes abbildet und bannt. Die Fotografie fixiert den Moment. Der Film erzählt die Geschichte dieses Moments.

13_04_02_1

Dem Menschen sind nur wenige solche exzeptionelle Augenblicke vorbehalten. Ein Märchen, ein Traum. Aber es endet, wie alle schönen Dinge zwischen Menschen, die bis ins Extrem leidenschaftlich und mit wenig Vernunft in den Aktionen sich verhalten, tödlich und tödlich und tödlich. Ein Leben wird getilgt: Paul steht vor jenem Haus und bedeckt mit seinen Händen, fast schamhaft, jene wunderbare Photographie, die zwei Wesen in tiefer Liebe zeigt. Dann lösen sich die Hände vom Bild. Film und Photographie sind das Abbild dieser unendlichen Liebe. Eine Legende.

Es erfolgt nach dieser Szene der Schnitt, die ersten Filmbilder aus Hausschutt und Abschied, die diese Liebe von Paul und Paula einrahmen, sind vorbei, und es setzt die Rückblende ein. Die Geschichte kann ihren Lauf nehmen: Paula tritt aus der Tür ihres Hauses auf die Straße (gespielt von Angelica Domröse), ihre Bewegung, sie geschehen aus den Hüften heraus. Angelica Domröse spielt diese junge Frau auf eine intensive und anrührende Weise. Und wenn Paula im Laufe des Films Paul anschaut und wie ihr Gesicht vor Glück strahlt: diese Momente spielt Angelica Domröse mit fabelhafter Leichtigkeit. Es sind die 70er Jahre, und es herrscht in der DDR Umbruch. Und Paul (gespielt von Wilfried Glatzeder) betritt in dieser zweien Szene ebenfalls die Straße. Ach, ich brauche die Story des Films eigentlich nicht nachzuerzählen, denn es kennt ihn jede/r. Er verläuft, wie die meisten Liebesgeschichten verlaufen. Es geht wie es geht. Eine Frau lernt einen Mann kennen, ein Mann zunächst die eine Frau, aber es ist nicht der richtige Mann, nicht die richtige Frau. Die Routine des Alltags erdrückt die Regungen des Lebens. Und in jenem einen Moment glücklicher Fügung, wie sie zuweilen im Leben sich ereignen, da tritt die eine Frau, der eine Mann ins Blickfeld des je anderen Menschen. Die beiden Wesen, die füreinander bestimmt sind. Natürlich ist das Illusionstheater. Aber in dieser Szenerie der „Legende“ paßt es. Plötzlich, nach einer durchtanzten Nacht in einem Club, stehen Paul und Paula gemeinsam am Straßenrand, inmitten der Nacht, Hand in Hand harren sie, Partnertausch: da wo eben noch Paula irgend einen Mann und Paul irgend eine andere Frau aufgegabelt hatten, um wenigstens eine angenehme Nacht gemeinsam zu verbringen, da funkt es mit einem Male. Das läuft blitzschnell ab, wie sich da wahlverwandschaftsgleich die Richtigen finden. 

Für die DDR-Oberen war die Geschichte dieses Films ein Ding der Unmöglichkeit: Der Funktionär Paul – verheiratet mit einer attraktiven, aber leicht vulgären Frau, ein Kind, in guter Position und bereits eine Wohnung in der Platte ergattert – bricht aus und verläßt die geordnete Bahn: Denn das kann doch nicht alles gewesen sein – dieses Leben im Korsett. „Die Legende von Paul und Paula“ visualisiert den Versuch von (im Grunde harmlosem) Ausbruch aus dem Alltag der DDR. Er zeigt Liebeszenen, die im Grunde Kitsch pur sind und einen Betrachter wie mich aufs tiefste abstoßen müßten: Wenn Paul und Paula in einem Meer aus Blumen baden oder auf jenem Kahn auf der Spree schippern. Im Grunde sind dies die privaten Momente des Lebens, die sich nicht erzählen oder fixieren lassen, ohne daß es zum Kitsch und Klischee gerinnt. Doch in diesem Film paßt es, und zwar wesentlich wegen der Schauspieler und durch die Bilder.

„Die Legende von Paul und Paula“, von Heiner Carow: das ist und bleibt nach wie vor ein bezaubernd-poetischer Film, witzig, laut, verwegen, zärtlich, genau gefilmt. Ulrich Plenzdorf („Die neuen Leiden des jungen W.“) schrieb das Drehbuch. „Die Legende von Paul und Paula“ gehört zu jenen Filmen, die ich mir immer wieder ansehe. Nicht deshalb, weil es ein Dokument der untergegangenen DDR ist, sondern dem Film wohnt ein besonderer Reiz inne, ein Spiel und eine Leichtigkeit trägen diesen Film, denn er handelt von einer unmöglichen Liebe. Eben eine Legende. Die Illusion maskiert sich nicht, sondern zeigt sich als Illusion – als eine allerdings notwendige Illusion – wie z. B. in jener Kahnszene. Es ist ein Märchen, nein: eine Legende, die an keiner Stelle kitschig oder übertrieben wirkt, melancholisch und Leidenschaftlich wie es tiefe Liebe zwischen Zweien sein sollte. Solche Filme wie dieser sind einzig in der DDR und zu genau dieser Zeit möglich gewesen. Weder in den USA noch im Kino der BRD hätte diese wundervolle melancholische Tristesse, die zugleich lachen und traurig macht, diese Atmosphäre einer Stadt mitsamt der unendlichen Leidenschaft, gedreht werden können. Dieser Film ist auch ein Berlin-Film – ein Film über die aufregendste Stadt Deutschlands.

Liebe ist eine wunderschöne, eine traurige, eine melancholische Angelegenheit. Um diese Melancholie, diese Freude und Lust samt dem Verzweifeln schreiben oder in Bilder bringen zu können, muß sich der Mensch diesem Gefühl aussetzen. Es geht nicht anders. Auch wenn einer hinterher alle Dinge, alle Objekte zum Fenster hinausschmeißt: Vielleicht damit keine Erinnerung mehr bleibt, vielleicht auch, um neu anzufangen.

Am 29.3.1973 hatte der Film im Berliner Kino Kosmos vor einer Vielzahl an DDR-Oberen Premiere. Die Bonzen saßen am Ende des Films wie erkaltet und mit steinerstarrten Gesichtern in den Kinosesseln. Diejenigen Zuschauer aber, welche ihre Karten im nicht-reglementierten Verkauf erhielten, applaudierten geschlagene 20 Minuten. Zu recht.

„Die Legende von Paul und Paula“ ist einer der poetischsten deutschen Filme. „Die Legende von Paul und Paula“ ist einer der schönsten Liebesfilme. Er bringt ein Gefühl (als Ausbruch) und eine Zeit (als Aufbruch) auf den Punkt. „Die Legende von Paul und Paula“ ist mit einer Intensität gespielt und inszeniert, die berührt. Ich bin für Liebesfilme und für die Gefühlsvorlagen des Hollywoodkinos wenig empfänglich, ausgenommen es geht darum, die semantischen Codierungen der Filmbildsprache zu knacken. Hier aber – eben im DDR-Film –wird auf eine Weise direkt und derart intensiv angespielt, daß ich mich frage: Wie funktioniert das? Selbst all der Kitsch und die Rührungen ergeben einen konsistenten Film.

„Nicht loslassen!“, sagt Paula zu Paul in dem Moment innigster Nähe, wie zwei Menschen sich nur nahe sein können, und die unnachahmliche Mimik von Angelica Domröse zeigt, daß Paula es genau so und nicht anders meint: Daß Liebe niemals enden möge. Doch sie endet. Letal und als Verausgabung. In nur wenigen Filmen küßten sich, wenn Haut an Haut geht, zwei Menschen so schön, so leidenschaftlich und tief, wie in diesem Film.

„Wie denn? Soll ich von dem einzigen Mann, den ich liebe kein Kind haben?“ „Paula, ein drittes Kind überstehst du nicht!“ So der Arzt. „Gibt es denn keine Chance für mich, nicht die geringste?“ Der Sachzwang steht gegen die unendliche Liebe. Alles zu wagen, auch gegen die Vernunft: das mußte die Männer in Funktionärsfunktion und die Partei-Greise dieses inzwischen untergegangenen Landes tief verstört haben. Und Paula läuft in der Schlußszene mit ihrem blau-karierten Kleid, das im Wind weht, vor lauter Glück im Angesicht einer winzigen Chance mit rudernden Armen in den Schacht der U-Bahn, um zu ihrem Paul zu fahren, sie verschwindet, verschluckt, im Dunkeln. Und als das Schwarz des Schachtes als letztes Bild von Paula verbleibt, erzählt bereits die Stimme des Erzählers lakonisch aus dem Off: „Paula hat die Geburt des Kindes nicht überlebt.“ Es ist eine Legende.

Paula_3

Das Glück dieser unendlichen Liebe hält als Bilderfolge bis heute durch und hält die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bann.

Die Brechung des Blicks, die Verfransung sowie die Tonspur zum Wochenende (kulturindustrielles Pastiche)

„Die echte Zeit ist bedeutungslos“ (Don DeLillo, Der Omega Punkt)

Wir erhalten in der Ordnung sowie in der Darbietung der Bilder nur noch die Fetzen, die sich in die Retina brennen. Selbst dann, wenn sich die Bilder den Anschein von geordneter Folge geben. Es bleiben Fragmente im Blick, Wahrnehmungstrümmerteile als Bild. Dieses Gestöber der Partikel überlagert noch den blinden Fleck, ritzt und schneidet die Retina an, beschneidet in dieser herrlich kleistschen-buñuelschen Weise die Augenlider und erzeugt insgesamt ein weißes Rauschen. „Mein letzter Seufzer“. Dieses Rauschen ist das von Bildern, die in vielfältiger Weise den Blick konditionieren und zugleich erweitern. Daß sich in unseren Wahrnehmungen Interferenzen und Überlagerungen einschleichen, Trugbilder, Phantasmagorien (der Waren) sich über unsere Sinne legen und unsere (Denk-)Verhältnisse sowie Daseinsform bestimmen und wir in den Bilderwelten der Großstadt die Chocks parieren mußten, stellte bereits Walter Benjamin in seinen Studien zu Baudelaire als einer der ersten fest. Die Technik – als eine Weise des Seins – bestimmt das Bewußtsein. (Wobei man hier zugleich auch eine materialistische Simplifizierung bei Benjamin wittern und konstatieren kann, wie bereits Adorno das in jenem Brief von 1936 tat: der schädliche Einfluß von Brecht – sage ich mal so mit einem kleinen Augenzwinkern.) Und auch in der Kunst kann man – nicht anders als in den übrigen Rahmungen des Medialen – den Bildern nur schwer noch trauen. Zwei Weisen des bitteren, des kalten und dennoch exakten Blickes gilt es am Wochenende zu ergründen: zum einen die kalten, harten, dokumentierenden und zugleich inszenierenden Photographien von Erasmus Schröter (DDR) in der Galerie „only photographie“ (noch bis zum 23.10). Schröters Bilder sind Höhepunkte einer teils surrealen, teils Menschen festbannenden (DDR-)Photographie at its best, die gekonnt mit dem Licht arbeitet: die Bilder dokumentieren und überspitzen zugleich, der Blick von Schröter fällt dabei nicht unbedingt freundlich aus. Erasmus Schröter ist einer der ganz großen Photographen aus der DDR, 1956 in Leipzig geboren, 1985 ausgebürgert. Traurig, daß es bei Wikipedia nicht einmal einen Eintrag zu ihm gibt. Ich verlinke  auf seine Facebookseite, weil ich von diesen Bildern derart angetan bin, daß ich beim Betrachten immer wieder nur Staunen kann. (Auf die großangelegte Ausstellung in der Berlinischen Galerie „Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989 werde ich demnächst eingehen.) Was die Sprache und die Erweiterung der ästhetischen Form betrifft, so haben die Photographinnen und Photographen der DDR für die Kunst der Photographie Großes geleistet und Bilder produziert, die ein gelungenes Pendant zur Photographie des so demokratisch-freien Westens bilden. (Ein feiner Besprechungstext zu Schröter folgt. Naturgemäß.) X

X

X

X

xX

(Alle Photographien: © Erasmus Schröter)

Die andere Weise des Blickes, der dem Zusammenhang, dem Kontext, dem Sinn sowie dem normalen Fluß der Bilder nicht mehr traut, gehört der Darbietung des (Medien-)Künstlers Douglas Gordon (GB). In der Akademie der Künste wird bis zum 4.11. Gordons Mehrkanal-Videoinstallation „Pretty Much Every Film and Video From About 1992 Until now“ gezeigt, die einen Zusammenschnitt seiner Filme und Videos bietet. Für den Fetischisten des fragmentieren, des gedehnten, des verzerrten Bildes, der Montage und des veränderten Blickes (auf Film) wie es bereits Godard nicht müde wurde, den herkömmlichen Blick, das herkömmliche Bild zu dekonstruieren, indem vom Konzept einer linearen Weise des Erzählens abgewichen wurde, ist diese Ausstellung sicherlich von Bedeutung. Douglas Gordon erhielt bereits im zarten Alter von 30 Jahren den Turner Prize (1996), und in diesem Jahr den Käthe-Kollwitz-Preis.

Sein bekanntestes Werk ist „24 Hour Psycho“, das 1993 zum ersten Mal in Glasgow und dann in Berlin gezeigt wurde. Darin wird der Hitchcock-Film „Psycho“ auf eine Länge von 24 Stunden gedehnt. Imposant dabei und vollständig ins Fragment, in die Details und in die Splitter aufgelöst: die legendäre, dramatische, dramaturgisch perfekte Duschvorhangszene. Keine meiner Freundinnen mag bei mir duschen, seit ich es gelernt habe, diese Szene in der nötigen Verlangsamung und Ausdehnung perfekt nachzuspielen und die Imitatio Norman Bates zu geben, ganz im Geiste einer Ästhetik des Bösen und der schwarz-blutigen Romantik (wie wir sie in Frankfurt/Main in einer großen Ausstellung bewundern können), und es läuft den Frauen, ganz wunderbar wie in dem De Palma-Film „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, das Blut in die Wanne. Auch wenn es nicht das der ersten Menstruation ist und niemand dabei ins Lachen fällt. Aber diese Details gehören gar nicht so sehr hierher. Das Strafrecht (und auch das Völkerrecht) werden wir dann am Sonntag zur Besprechung von Juli Zehs Debüt „Adler und Engel“ streifen.

Gordon verlangsamt die Szene und das erzeugt mit dem selben Material im Grunde eine ganz neue Montage, obwohl nichts anders geschnitten wird und die Abfolge der Bilder bleibt wie sie ist. Bloß gerät der Fluß der Zeit aus den Fugen. Mehr nicht. Eine so simple wie geniale Idee, das Wesen von Film und Zeit gleichermaßen zu transformieren. In Don DeLillos Roman „Der Omega Punkt“ spielt dieses Kunstwerk, daß dann 2006 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde,eine wesentliche Rolle. Zu Douglas Gordon und der Ordnung des Blickes würde ich gerne die zwei Bände des semiotisch-phänomenologisch inspirierten Kino-Buches von Gilles Deleuze gegenlesen („Das Bewegungs-Bild“ sowie „Das Zeit-Bild“). Aber es reicht – schlechter Kalauer, aber eben leider wahr – die Zeit dazu nicht aus.

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, das Wochenende des Nikolai E. Bersarin ist gut ausgefüllt, und der Bewohner des Grandhotel Abgrund muß keine Menschen sehen, sondern er befaßt sich lediglich mit Bildern und den Szenen, die sich im Kopfkino auf so wunderbare Weise abspielen. Die Struktur des Begehrens knüpft sich in gleicher Weise in die Phantasmen wie sie auch auf das Reale angewiesen ist, um all die feinen Texte und die Bilder zu erzeugen, die so liebevoll in unseren Köpfen spuken. In diesem Sinne: Ihnen einen guten Start ins Wochenende und hier Ihre geliebte und bewährte Tonspur zum Wochenende. Lassen Sie es krachen! x

X

Abwesenheitsnotiz – 13. August 1961

Tonspur zum Sonntag – 13. August 1961: so wollte ich ursprünglich diesen Beitrag samt dieses Videos nennen, aber am Ende erschien es mir doch zu zynisch, denn die Opfer an der Grenze sind real; es war dies kein Ulk und kein Karneval. Lustig ist dieses Stückchen dennoch und der Text dazu nicht einmal völlig falsch. Die ganze Absurdität ist im Grunde großartig. Zugleich müßte dieses Video mit einem die Satire erklärenden Kommentar versehen werden, weil ansonsten die Empörung der sogenannten rechtschaffenen Menschen einsetzt. Aber nach einer Litanei von Erläuterungen ist es eben keine Satire mehr. Ja, empört Euch. Doch an der richtigen Stelle. Über die sogenannte Mauer, über die Opfer im Todesstreifen empörtet Ihr Euch seit Jahrzehnten, regtet Euch auf. Das fiel leicht.  Wer jedoch vom Kapitalismus nicht reden will, der soll auch bei den Mauertoten und bei denen, die im Stasiknast gebrochen wurden oder einfach verreckten, die Klappe halten. Am Samstag soll in Berlin eine oder fünf oder was was ich wie lange Minuten geschwiegen werden. Als ob nicht genug geschwiegen wird über ganz andere Dinge. Es sind diese Rituale so verlogen, daß einer kotzen möchte.

Wir danken im Rahmen dieses 13. August  insbesondere den Grenzschützern von Frontex, welche den Zugang nach Europa regeln und die inzwischen viel gelernt haben,  ihr Handwerk auf eine sehr viel subtilere Weise betreiben als die Postengänger und deren Befehlshaber. Wir danken ihnen für ihren unermüdlichen, natürlich auf der Basis des Rechts abgesicherten Einsatz. So muß man es nämlich machen, liebe untergegangene DDR, ohne viel Aufsehen und ohne große Worte, unter der Beibehaltung der Illusion, daß hier die Medien frei über alles berichten können. Sandmann, lieber Sandmann. Daß diese Medien es natürlich nicht tun und ein absaufendes oder von der Marine aufgebrachtes Boot im Mittelmeer mit mehreren Toten kaum eine Spaltennachricht wert ist: da muß man schon sagen: Gute Leistung. Die Grenztruppen der DDR waren gegen Euch Lappen. Über Euch aber berichtet keiner. Ihr tötet still und leise, durch Unterlassen zum Beispiel, alles zu unserem Segen. Doch auch Ihr seid nur Büttel, Vollzugsorgane, das klingt so abstrakt und unsinnlich wie Geschlechtsorgane; und trotzdem seid Ihr Fleisch von ihrem Fleisch. Ihr tut das für unsere gut gedeckten Tische.

Aber wie sprach schon Karl Valentin: Wie gut, daß in der Zeitung immer genau das drinnen steht, was in der Welt geschieht, kein Jota mehr, keines weniger.

_______________

Ansonsten kündige ich an, daß ich zwei Wochen im Urlaub bin. Einmal wieder geht es durch Deutschland, unsere Heimat; diesmal reise ich in das schöne Elsaß, und sicherlich bringe ich mir von dort viel Wein mit, insofern nicht die Gitarre und die Koffer jener Frau, mit der ich zusammen reise, den ganzen Stauraum einnehmen.

Der Blog ist natürlich in diesen zwei Wochen geschlossen. Die Kommentarfunktion hier und bei Proteus Image abgeschaltet. Ich bin Offline, lese nicht im Internet, lese keine Blogs. Es kann zwar hier im Blog kommentiert werden, aber der Kommentar wird nicht gesendet, sondern erst nach meiner Rückkehr freigeschaltet. Neue Texte (oder ggf. Antworten auf Kommentare) schreibe ich , wenn ich von meiner Reise zurück bin in der bei Aisthesis gewohnten Qualität.

Gehaben Sie  sich wohl, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich eine schöne Zeit und ansonsten viel Spaß, wo auch immer Sie sich befinden.

 

15 Jahre Kulturzeit

Heute gilt es – artig und bildungsbürgerlich beflissen, wie dieser Blog ist – ein Jubiläum zu feiern, und zwar gibt es beim Fernsehsender 3sat seit 15 Jahren „Kulturzeit“. Ob man Kultur (im Sinne des Feuilletons) im Fernsehen präsentieren kann? Die Frage ist klar mit „nein“ zu beantworten. Dennoch bietet die Sendung einen guten Überblick, regt an, zeigt, was wo stattfindet, greift zuweilen auch politische Debatten auf, führt Interviews, so am Freitag mit Fritz J. Raddatz über seine Tagebücher, die schon auf der „To buy“-Liste stehen.

Daß ein solches Projekt, daß Feuilleton im Fernsehen nicht in die notwendige Tiefe geht, ist geschenkt. Doch zahlreiche Sendungen sah ich mit Gewinn. Und am liebsten schaue ich mir „Kulturzeit“ an, wenn die äußerst attraktive und – ja, ich muß es in diesem Zusammenhang sagen – sehr erotische Andrea Meier moderiert.

So: und weiterhin gibt es auf „Proteus Image“ neue Photographien, und zwar von Leipzig.

Da wir uns bereits im Rahmen der Kultur befinden, zeige ich zudem ein kleines Zeitdokument. Verwandtenbesuch von West- nach Ostberlin:

X

18. März 1990

20 Jahre keine DDR, Teil 15

Ach ja, ach ja, dieses Datum vergaß ich einzutragen. Nun muß ich es nachtragen. Denn da wählten diese Menschen dort die Freiheit. Ahh – ja, ach ja. Sozusagen die Märzgefallenen.

Gute Satire auch dort zu lesen.

Ansonsten geben wir die Tonspur zum Sonntag:

Berlin – Hohenschönhausen (1)

Zwanzig Jahre keine DDR (9)

 

09_10_23_1

 

09_10_23_2

 

09_10_23_3

 

09_10_23_4

 

09_10_23_5

 

09_10_23_6

 

09_10_23_7

 

09_10_23_8

 

Alle Photographien: © Bersarin 2009

Der letzte Tag der DDR: Leipzig, 9. Oktober

20 Jahre keine DDR (8)

09_10_09_1

 

09_10_09_2

 

09_10_09_3

 

„Die Dekoration ist ein Denkmal. Es stellt in hundertfacher Vergrößerung einen Mann dar, der Geschichte gemacht hat. Die Versteinerung einer Hoffnung. Sein Name ist auswechselbar. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Denkmal liegt am Boden, geschleift drei Jahre nach dem Staatsbegräbnis des Gehaßten und Verehrten von seinen Nachfolgern in der Macht. Der Stein ist bewohnt. In den geräumigen Nasen- und Ohrlöchern, Haut- und Uniformfalten des zertrümmerten Standbilds haust die ärmere Bevölkerung der Metropole. Auf den Sturz des Denkmals folgt nach einer angemessenen Zeit der Aufstand. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Die Straße gehört den Fußgängern. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Angsttraum eines Messerwerfers: Langsame Fahrt durch eine Einbahnstraße auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu, der von bewaffneten Fußgängern umstellt ist. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Wenn der Zug sich dem Regierungsviertel nähert, kommt er an einem Polizeikordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Regierungsgebäudes erscheint ein Mann mit schlecht sitzendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, zieht auch er sich hinter die Flügeltür aus Panzerglas zurück. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber. Ich stehe im Schweißgeruch der Menge und werfe Steine auf Polizisten Soldaten Panzer Panzerglas. Ich blicke durch die Flügeltür aus Panzerglas auf die andrängende Menge und rieche meinen Angstschweiß. Ich schüttle, von Brechreiz gewürgt, meine Faust gegen mich, der hinter dem Panzerglas steht. Ich sehe, geschüttelt von Furcht und Verachtung, in der andrängenden Menge mich, Schaum vor meinem Mund, meine Faust gegen mich schütteln. Ich hänge mein uniformiertes Fleisch an den Füßen auf. Ich bin der Soldat im Panzerturm, mein Kopf ist leer unter dem Helm, der erstickte Schrei unter den Ketten. Ich bin die Schreibmaschine. Ich knüpfe die Schlinge, wenn die Rädelsführer aufgehängt werden, ziehe den Schemel weg, breche mein Genick. Ich bin mein Gefangener. Ich füttere mit meinen Daten die Computer. Meine Rollen sind Speichel und Spucknapf Messer und Wunde Zahn und Gurgel Hals und Strick. Ich bin die Datenbank. Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Flügeltür. Wortschleim absondernd in meiner schalldichten Sprechblase über der Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig / Mit meinem ungeteilten Selbst.

(…)

Bildschirme schwarz. Blut aus dem Kühlschrank. Drei nackte Frauen: Marx Lenin Mao. Sprechen gleichzeitig jeder in seiner Sprache den Text ES GILT ALLE VERHÄLTNISSE UMZUWERFEN, IN DENEN DER MENSCH . . . Hamletdarsteller legt Kostüm und Maske an.“

 Heiner Müller, Die Hamletmaschine

Die DDR wird 60 Jahre alt: 7. Oktober 2009

Auf den ausdrücklichen Wunsch einer sehr guten Freundin führen wir also diese Serie fort:

Zwanzig Jahre keine DDR (7)

 

09_10_07_1

 

09_10_07_2

 

09_10_07_3

 

09_10_07_4

 

09_10_07_5

 

09_10_07_6

 

Alle Photographien: © Bersarin 2009

„Ostzeit“ – No Country for Old Men

Über die Ausstellung „Ostzeit.
Geschichten aus einem vergangenen Land“

 Viel ist zur DDR gesagt, geschrieben und gezeigt worden, auch im Gebiet des Ästhetischen. Zahlreiche Ausstellungen, Dokumentationen, Photographien gab es bereits zu sehen, und auch dieser Blog hat seine Photo-Serie „20 Jahre keine DDR“ laufen, die in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt wird. Im Jahr des Mauerfalls und im darauf folgenden der Vereinigung beider Staaten ist ziemlich sicher damit zu rechnen, daß auch die ästhetischen Auseinandersetzungen mit der DDR zunehmen werden, was ja zu erhoffen ist. Zu wünschen wäre zudem eine umfassende Ausstellung zur DDR. Vor zehn Jahren in Weimar wurde diese Chance bezüglich der Bildenden Kunst leider kläglich und kleinlich verspielt.

Nun gibt es im „Haus der Kulturen“ in Berlin – leider nur noch bis zum 13.9.2009 – eine kleine, aber nichtsdestotrotz gelungene Photographie-Ausstellung von vier DDR-Photographen (und einem Westphotographen) über deren Ansichten zu einem mittlerweile untergegangenes Land zu sehen. Es handelt sich bei den Bildern in dieser Ausstellung wesentlich um Alltagsphotographien und Dokumente aus den 70er und 80er Jahren der DDR. Dinge, Szenen, ein Ambiente, das es heute und dieser Art nicht mehr gibt. So kann man im „Haus der Kulturen“ die Photos von Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Ute Mahler, Werner Mahler und Maurice Weiss (Westdeutschland) sehen, die sich mit ganz unterschiedlichen Themenkomplexen beschäftigen.

Im wesentlichen sind diese Photographien Dokumente und Impressionen über ein verschwundenes, abgewickeltes Land; sie handeln von einer Zeit, die so nicht mehr existiert. Dies macht sicherlich für den unbefangenen Betrachter einen fast pervers ethnologischen Reiz aus, aber auch der DDR-Kundige, welcher einmal in diesem Land lebte, wird diesen Bildern sicher einiges abgewinnen können oder zumindest leise raunen: „Ja, so war es in der Tat.“

Doch sind diese Photographien weit mehr und zugleich auch sehr viel weniger als ein Zeitdokument. Denn sie liefern eine rein subjektive Sicht auf verschiedene Aspekte, unter denen man ein Land und seine Lebenswelten betrachten kann. Insofern ist diese Ausstellung nicht repräsentativ für eine umfassende Sicht auf die DDR, auf ihren Alltag, ihre Menschen, weil sie zu wenig Bildmaterial ausbreitet, zu wenige Photographen sprechen läßt, als daß es (soziologisch oder photographieästhetisch) umfassend sein könnte. Man muß diese Ausstellung deshalb als eine subjektive Auswahl annehmen, die einzelne Aspekte ausbelichtet; eben – wie es der Ausstellungstitel bereits sagt – als „Geschichten“ betrachten, die nie das Ganze, sondern die Aspekte, Ausschnitte, willkürlichen Eindrücke und Teile zeigen und damit eben dem Subjektiven verhaftet sind. Es bleibt also der Fragmentcharakter hervorzuheben, was jedoch im Falle dieses Sujets wiederum ganz gut paßt.

Was aber kann man im „Haus der Kulturen“ sehen? Unterschiedliches wird da in reiner Schwarz/weiß-Photographie ausgestellt. Da sind zunächst Harald Hauswalds Bilder vom DDR-Alltag: Männer, die in der U-Bahn zur Arbeit fahren, eine Kneipenszene, die obligatorische Warteschlange darf nicht fehlen, verfallene Geschäfte, posierende Kinder beim Brunnen der Völkerfreundschaft am Alexanderplatz. Kurze Szenen, aus einem Alltag herausgegriffen. Meist sind sie dem richtigen, gelungenen Moment geschuldet, in dem genau zum richtigen Zeitpunkt der Auslöser betätigt wurde, wodurch genau diese Geste, genau dieser eine Moment, dieser besondere Blick festgehalten wurde. Man wird sich solche Genauigkeit beim Sehen heute im Zeitalter des Digitalen kaum noch richtig vorstellen können, wie das einmal gewesen sein mochte: den geglückten Augenblick abzupassen, ihn im voraus zu erahnen und dann einzufangen, festzuhalten, was gar nicht festzuhalten ist; dieses Gespür zu haben und untrüglich, zielgenau zwei drei Bilder zu machen, denn Orwo-Film war teuer und rar. (Den Photographen im Westen ging es nicht anders, wenn sie auf eigene Rechnung arbeiteten. Ilford und Kodak waren zwar nicht rar, doch auch nicht billig. Ach, gute alte Zeit des Analogen, gute alte F3.) Heute ist es bequemer, weil man einfach nur mit dem Finger auf den Auslöser hält und der Motor-Drive die Photos herausschießt, während die Kamera fleißig auf der cf-Karte speichert. Eines der geschossenen Bilder wird dann schon passen. Ich erwähne dies lediglich und spreche es etwas sentimental beiseite, um den Lesern und den Leserinnen sozusagen ein Bild davon zu machen, was für eine hohe Kunst es ist, diesen richtigen Moment zu erwischen, so wie es Hauswalds, aber auch die anderen Photographen dieser Ausstellung taten. Wer darüber etwas lernen möchte, der schaue sich neben den Klassikern der Augenblicksphotographie (Cartier-Bresson, Doisneau) die Bilder Hauswalds an. (Und wer etwas über den geglückten Augenblick gepaart mit der exakten Komposition erfahren möchte, der sehe auf die Photographien von Werner Mahler.)

Eindrucksvollstes Bild dieser Alltagsszenen von Hauswald ist sicherlich, in grobem Korn gehalten, exakt auskomponiert, in der Schräge, die Vorbeifahrt der drei Volvo-Staatslimousinen, abgedunkelt; während im Hintergrund auf einer Art Tafel der Parolenschriftzug über einer Mauer oder aber einer Wand steht und schwebt: „ES LEBE DER MARXISMUS – LENINISMUS !“ Trauriger kann eine Botschaft eigentlich nicht sein. Natürlich, die kontrastarme Schwarz/weiß-Ästhetik, das trübe Grau-in-Grau des Straßenzuges – einzig die drei Limousinen stechen in ihrem Schwarz hervor – trägt einiges dazu bei, die Tristesse des real existierenden Sozialismus noch einmal hervorzuheben. Den armseligen alten Mann, der mit der einen Hand tief im Papierkorb sucht, während er in der andern eine Vistram-Einkaufstasche hält, hätte man allerdings eher in der BRD als in der DDR vermutet. Auch dieses Bild spricht für sich.

Weiterhin gibt es von Hauswald eine Serie, die „Am Rande der Republik“ heißt. Photographien von Freunden, Bekannten, Oppositionellen, Punks, Umweltaktivisten, eine Abschiedsparty nach einem genehmigten Ausreiseantrag, eine Dichterlesung mit Heiner Müller und Sascha „Arschloch“ Anderson sind da zu sehen. Hier überwiegt in der Tat das Dokumentarische, das eine oppositionelle Lebensweise im Bild festhält.

Dokumentarisch und dabei zugleich doch von einem ganz eigenen ästhetischen Wert und ästhetischer Wirkung sind die Photographien von Werner Mahler, so mit der Serie „Berka“, einem Dorf in Thüringen, dessen Bewohner und deren Leben Mahler ab 1977 ein Jahr lang als Diplomarbeit dokumentierte. Herausgekommen sind wunderbare Momente eines dörflichen Alltags, die Arbeit, das Leben, die Feiern, exakt eingefangen mit einer ganz eigenen Ästhetik und einem speziellen Ausdruck, der von Zuneigung zum Gegenstand und zugleich von der notwendigen Distanz zeugt, um so etwas zu schaffen. „Berka“ ist eine durch und durch geglückte und auskomponierte Serie, wie man es selten sieht.

Auch hier zeigt sich einmal wieder, daß die gelungene dokumentierende und gleichzeitig ästhetisch bedeutsame Photographie Zeit braucht, um überhaupt erst mit den Verhältnissen, mit den Menschen und den Situationen vertraut zu werden, so daß diese Menschen es irgendwann zulassen, wenn sie in ihrem Alltag, in ihrem Leben photographiert, also festgehalten und fixiert werden. Man sieht den Photographien an, daß da jemand in einer geschlossenen Gemeinschaft Bilder fertigte und dabei doch nicht störte oder ungebührlich in die Personen eindrang. Ungeheure Photographien mit einer eindringlichen Wirkung sind da bei Werner Mahler entstanden, die berühren, so möchte man fast schon etwas kitschelnd sagen.

In bestimmtem Sinne auch Arbeiterphotographie, wenngleich doch nicht ganz dem Bitterfelder Weg folgend, ist Werner Mahlers Serie „Bergbau“, die er 1975 photographierte, drei Jahre bevor die Steinkohlegrube „Martin“ bei Zwickau, in der die Photos entstanden, geschlossen wurde. Hin zur Jugendkultur bzw. zur Hooligan-Szene, die es in der DDR offiziell nicht gab, gehen seine Photographien der Fans vom 1 FC Union aus dem Jahre 1980 („Der Verein“). Auch sei seine Dokumentation des Abiturjahrganges einer Oberschule aus Oranienburg (bei Berlin) von 1978 erwähnt. Über dreißig Jahre sowie eine Wende mit Systemwechsel liegen zwischen den ersten Portraits 1977/78 und 2009. Entstanden sind Bilder von Menschen jeweils im Abstand zwischen 5 und 7 Jahren, die, mit den wechselnden Möbeln im Hintergrund, für sich selber sprechen und Zeit mitsamt ihren Veränderungen sichtbar werden lassen.

Ähnliche Interieur-Aufnahmen, allerdings statisch, ohne Menschen und nicht dem Wandel der Zeit ausgesetzt, was in diesem Zusammenhang des Veränderlichen sicherlich interessant gewesen wäre, hat Sibylle Bergemann gefertigt, als sie die Photo-Serie „P2“ fertigte. Photographien aus den verschieden, im Stile der Zeit eingerichteten Wohnzimmern jenes Plattenbautyps P2, der Anfang der 60er Jahre in der DDR gebaut wurde. Besondere Erwähnung und Betrachtung sollten auch die Photographien Bergemanns aus „Clärchens Ballhaus“ sowie der Errichtung des Marx/Engels-Denkmals auf dem Marx-Engels-Forum finden. (Diese Photos sind auch im gerade erschienen „Zeit Geschichte“-Heft zu Marx abgebildet.)

In ganz anderer Weise hat Ute Mahler den Alltag der DDR dokumentiert: So in ihrer Photostrecke „1 Mai, internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“, wo sie beim obligaten Aufmarsch der Arbeiter, die zugleich als Beherrschte und Herrschende in einem fungieren, direkt unter der Tribüne der Obrigkeit stand und in die Gesichter der Defilierenden hineinphotographierte: die Kampfgruppen, die Mitglieder der Sportorganisation Dynamo, die Betriebsgruppen ins Bild brachte. Doch gibt es auch einen Blick auf die Tribünen, auf Egon Krenz und Margot Honecker.

Explizit politisch ist diese Photographie nicht, und sie will es auch nicht sein. Gerade dadurch aber, vermittels dieser gewissermaßen sich ins Neutrale setzenden Perspektive des teilnahmslosen Beobachters erhalten jene Photographien, zumindest im Rückblick, etwas Politisches. Interessant wäre es zu wissen, ob sie damals veröffentlicht werden durften oder die Zensur nicht passierten.

Zudem ist im Rahmen des Alltäglichen der DDR das fast schon soziologisch zu nennende Photographie-Projekt „Zusammen leben“ von Ute Mahler zu nennen, wo verschiedene Konstellationen des Miteinander von Menschen bzw. Lebewesen (es ist auch ein Hund mit dabei) abgebildet werden. Auch hier werden die Gesichter und Umgebungen eines Alltags ausgeleuchtet und in die Szene gesetzt: mal mit heiteren, dann wieder mit vollständig trostlos wirkenden Menschen, manche sind sie entrückt, wie die Familie Glatzeder, am Küchentisch sitzend, kurz vor der Ausreise in den Westen. Oder jene ältere Frau im Bikini mit dem Hund. Zumindest dieser Hund schaut sehr aufmerksam, fast kritisch, wie Boxer zu blicken pflegen, in die Kamera hinein. Anderen sieht man ihr Glück an, so wie jene junge, sehr schöne blonde Frau, die den zurückgestreckten Kopf eines jungen Mannes in Lederjacke berührt, oder das Brautpaar, das glückselig strahlt, während die Wände des Schlafzimmers mit Westprodukten gepflastert sind: ein Persil-Karton, eine Mon Chéri-Packung, Nimm 2-Folie, eine Underberg-Verpackung und vieles mehr. Soziologisch sind diese Kamera-Blicke bzw. solche Photographien, weil sie Menschen in ihren sehr verschiedenen DDR-Lebenswelten in unterschiedlichen Kontexten zeigt.

Am Rande der Ausstellung werden auch Dokumente der DDR-Modephotographie aus einschlägigen Zeitschriften wie der „Sibylle“ gezeigt. Gut eröffnet sich hier ein ganz eigenes Bild der Frau im Hinblick auf Mode und Selbstbewußtsein, das der Westen so eher nicht kennt, und schnell sieht man auch, daß eine gute Modestrecke keineswegs in Paris oder New York geschossen werden muß. Insbesondere die Photos Sibylle Bergemanns und Ute Mahlers, deren Modephotos auch in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen dies gut. Gerade daß es nicht immer so glatt und ohne Schnörkel abgeht wie etwa in der „Vogue“, macht den Reiz dieser Illustriertenansichten aus. Aber das Thema Mode und die DDR im Spiegel der Photographie ist wohl noch einmal ein gesondertes Thema für eine ganz eigene Art von Ästhetik. Hierzu findet gegenwärtig (auch nur noch bis zum 13.9.09) eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum in Berlin statt.

Und natürlich werden auch die letzten Züge der DDR durch Maurice Weiss dokumentiert, der gleich nach dem 9.11.1989 über die Grenze ging und als freier Photograph Photos von jenen wilden, überschwenglichen Tagen schoß, die bei manchem dann Jahre später einen gehörigen Kater hinterließen. Der ästhetische Wert dieser Photographien ist zwar eher gering anzusetzen, doch als Dokument für die letzten Tage eines alt gewordenen Landes taugen sie allemal.

Zu sehen gibt es hier also vieles und ganz Disparates, welches dem Betrachter ausgebreitet wird. Abschließend muß man als Kritik an der Konzeption dieser Ausstellung allerdings sagen, daß der Ausstellungsraum nicht optimal gewählt ist. Der Lichteinfall durch das Frontfenster ist extrem störend und erzeugt ärgerliche Reflexionen auf den Bildern. Auch ist die Klanginstallation „Hausklang“, dieser immer wieder ertönende Gong, der mich an den Flughafen von Palma de Mallorca und den Beginn einer Durchsage erinnert (jene monotone Frauenstimme: „ocho, ocho, neuve, siete“), ist nervend; mir ist nicht ganz klar, was das beim Betrachten der Bilder soll. Man mag das als Mäkelei auffassen, doch mir kommen durch diese Koinzidenzen die guten Photos etwas achtlos präsentiert vor. Was für diese ansonsten gelungene Ausstellung sehr schade ist.

Auch daß man im Katalog rein gar nichts über die Umstände und Hintergründe der Bilder erfährt: ob es Verbote gab (bei Hauswald wohl naheliegend, bei Ute und Werner Mahler nicht so ganz klar) und wo die Photographien veröffentlicht wurden bzw. zu sehen waren: darüber hätte man sich schon Informationen gewünscht. Stattdessen gibt es Texte von Ingo Schulze und auch einen von Alexander Osang, der bereits in der Berliner Zeitung erschienen ist, die eigentlich nichts mit der Ausstellung zu tun haben. Man hätte genauso aus Plenzdorfs „Die neuen Leidendes jungen W.“ zitieren können, es hätte denselben Effekt gehabt. Mir erscheint dieses Vorgehen der Redaktion, als sie den Katalog konzipierte, etwas beliebig, doch ist es wahrscheinlich eher den schlechten Arbeitsbedingungen als dem Unwillen der Redaktion geschuldet, wie ich vermute. Wegen der Texte (vom Nachwort Wolfgang Kils einmal abgesehen) lohnt sich dieser Katalog insofern leider nicht. Dafür aber sollte man sich unbedingt diese gelungene Ausstellung im „Haus der Kulturen“ ansehen.

 „Ostzeit. Geschichten aus einem vergangenen Land“, im Haus der Kulturen, Berlin, vom 14.8 bis 13.9.2009, Katalog bei Hatje Cantz für 39,80 EUR.

Berlin – Ecke Schönhauser

Zwanzig Jahre keine DDR (5)

09_06_28_1

 

 08_06_08_D300_5704

 

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 54 Followern an