Brandenburger Tor und Protest

Seit dem 24.10. hungerstreiken vor dem Brandenburger Tor einige der Flüchtlinge, die von Würzburg aus ihren Protestmarsch nach Berlin antraten, um gegen haarsträubende Lebensbedingungen in den Asylunterkünften und gegen das Asylrecht in der BRD zu protestieren. Zum Beispiel gegen den Zwang, bestimmte Regionen nicht verlassen zu dürfen – euphemistisch Residenzpflicht genannt.

Nachlesen über aktuelles Geschehen und informieren kann man sich hier.

Dieser Hungerstreik wird von verschiedenen Staatsstellen zwar geduldet, aber insgeheim hoffen die Regierenden auf das Wetter – auf Kälte, Regen, Schnee. Zelte und schützende Aufbauten sind grundsätzlich verboten und wurden von der Polizei sofort entfernt. Die Strategie der Polizei ist eindeutig: Tagsüber gibt die Polizei den netten Bullenonkel und macht den Grüßaugust. Nachts hingegen werden Isomatten, Schlafsäcke und andere wärmende Gegenstände gewaltsam entfernt. Der Umgang der Bullen wird, sobald die Dunkelheit einbricht und die Zuschauer sowie die Touristen fort sind, hart, es wird die strenge Linie gefahren. Schließlich gibt es zu dieser Zeit nur wenige Zeugen. Darüber braucht man sich nicht zu empören, weil es nicht anders zu erwarten ist.

Der für diesen Bereich zuständige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (und nun raten Sie, welcher Partei er angehört: Na?), zudem Leiter der Abteilung Gesundheit, Personal und Finanzen, schweigt, hält sich bedeckt, so wie eh und je die SPD sich bedeckt hielt. Inzwischen wurde gegen Dr. Christian Hanke und den Innensenator Frank Henkel von Privatpersonen Strafanzeige gestellt. Diese Aktion dürfte eher symbolischer Natur sein und im Sand verlaufen. Aber das ist egal, weil dadurch immerhin ein Medienecho, sei es auch noch so klein, geschaffen wird.

Eine Freundin, die am Brandenburger Tor nächtigte, schilderte mir die Situation, der die Menschen in der Kälte ausgesetzt sind, als entwürdigend und das Vorgehen der Polizei als unverhältnismäßig.

„Wir, die hungerstreikenden Flüchtlinge und die Aktivisten, haben friedlich demonstriert. Die Polizei entwendete mit Gewalt Schlafsäcke, Isomatten, Wolldecken und sogar Pappe! Es wurde uns von den Polizisten ständig ins Gesicht geleuchtet, wir wurden immer wieder fotografiert und gefilmt. Mehrere von uns wurden verhaftet und es gab Verletzte. Ich selbst war gen Morgen so stark unterkühlt, dass ich vor Schmerzen kaum noch gehen konnte. Meine Bewunderung und mein Respekt gilt den Flüchtlingen. Soviel Mut, soviel Zusammenhalt und soviel Liebenswürdigkeit. Schämt Euch, Ihr, die Ihr Menschen abscheulicher als Tiere behandelt !!! Und wir brüllen Euch weiter ins Gesicht: Kein Schlafsack ist illegal, denn schlafen woll’n wir überall !!!“

Sicherlich ist dieser Blog nicht wirkungsmächtig, aber es kann trotzdem nicht schaden, daß alle die, welche in Berlin leben, am Brandenburger Tor vorbeischauen und nützliche Dinge oder Geld mitbringen, um diese Aktion zu unterstützen. Vielleicht auch, sich dazuzusetzen, sofern Zeit und Kraft da ist. Schlafsäcke oder Isomatten brauchen in der Kälte nicht mitgebracht zu werden, weil sie vom Bullenpack weggestohlen werden. Wärmende Kleidung hingegen ist erlaubt. Zu bewundern sind vor allem die Menschen, welche sich nachts mit dazusetzen und ausharren. Weshalb gibt es eigentlich bei den Zeitungen keine Reporter, die sich nachts mal auf den Weg dahin machen, sich mit aufs Pflaster hocken und darüber schreiben? Die Seite drei einer Zeitung ist in der Regel für solche Reportagen vorgesehen.

Schlimm ist – nebenbei gesprochen – der Alltagsrassismus, der sich während solcher Anlässe zeigt. Was ich von Touristen, die dort standen, hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich frage mich, wie man derart ohne jedes Herz und ohne jeden Verstand sein kann: Aber die Mechanismen, die das Bewußtsein zurichten, sind im Grunde ja bekannt. Identifikation mit dem Aggressor ist nur ein Stichwort dazu. Hätten diese Menschen, die da am Brandenburger Tor ausharren, hungern und Protest anmelden, für die Senkung der Kraftstoffpreise demonstriert – bei gleicher Hautfarbe und bei gleicher Situation –: es fiele das Echo im SpOn-Forum und vor Ort anders aus! Wer sich ein Bild von dieser Art von Diskussion machen will und mit welcher Unbarmherzigkeit bestimmte Menschen denken, der braucht nur in den Diskussionsthreat bei SpOn zu schauen.

Interessant – pars pro toto – auch solche Kommentare:

#191 28.10.2012 18:39 von stufenbarren

Das wird ja immer lächerlicher. Selbst schuld, sie sitzen freiwillig dort. Ich frage mich immer, wer solchen “verfolgten” Leuten immer das große ABC des “wie forder ich erfolgreich mehr(vor allen Dingen Geld)-und mache das Land, welches mir armen verfolgten Menschen Asyl gewährt und Unterhalt zahlt am besten schlecht. Typischerweise berichtet der Spiegel natürlich nicht, daß die Polizisten bereits beschimpft und beworfen wurden. Würden sie sich das gegenüber Poilzisten in Ihren Heimatländern auch erlauben? Und wer bringt ihnen bei, daß man das ungestraft in Deutschland tun darf???

Würde der Spiegel mal MIT Forum über die Trauerfeier für den ermordeten Johnny K. berichten, daß ist m.E. weitaus wichtiger! Aber ach nee, der Täter war ja kein Deutscher den man für rechts erklären kann… also unwichtig. Beschämend!

Nomen est omen: das Deutsche Turnreck tönt: NPD oder ähnliches, so steht zu vermuten, in den SpOn-Foren, die dort als Meinungsmacher und Anheizer agiert – natürlich gedeckt durch die freie Meinungsäußerung und sich auf den gesunden Menschenverstand berufend, jener Verstand, der sich seinen Standortvorteil beharrlich sichern möchte.

Aber wie es der Blogger Che2001 – sinngemäß wiedergegeben – so schön formulierte, wenn gegen den Mißbrauch von Asylrechten geschrien wurde: Wir haben doch 1990 auch 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen können.

Wer sich für die rhetorische Brillanz polizeilicher Einsatzleitung interessiert, die oder der mögen hier schauen:

3. Oktober 2012 – Erste Ladung

Auch dieses Jahr versäumt Ihr Serviceblog Aisthesis es nicht, den herrlichen dritten Oktober zu begehen. Im Sinne des Begriffes, naturgemäß: Als ästhetizistischer Flaneur. Ach, die guten alten Zeiten. „One way or another.“ (Blondie. Es kann kein Schäferhund schöner heißen.)

Als Feiertag und Datum wäre der 9. November womöglich angebrachter, aber da ist das Wetter zum Flanieren nicht mehr so freundlich und dem Spaziergänger gewogen.

Eine erste Serie von meinem heutigen Gang durch Berlin-Mitte gibt es auf Proteus Image

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Ansonsten bleibt zu sagen, als Tonspur zum Oktober: Wir wollen nur noch Girrrrls skateboarden sehen:

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Daily Diary (42) – Die Vielfalt des deutschen Waldes (2)

Ich will keine Politik, ich will kein Gesülze, ich will keine Literatur, die Befindlichkeiten hochschraubt, ich will keine Empfindungen, keine Identitäten, keine Subjekte, kein Ich, keine Spuren, die in der Welt bleiben, ich will keine Wärme, sondern die Kälte, ich will keine Geselligkeit, sondern die kalten Sterne, das frostige Verglühen, die Sprache des Eises. Ich liebte das bereits in den 80er Jahren: und diese Musik, welche zum Danse Macabre gespielt wurde, kam einer ungeheuren Erweckung gleich, fast wie die erste Erektion, nein besser noch als diese Aufrichtung: die „Einstürzenden Neubauten“ (ab Ende der 80er wurden sie uninteressant): „Es ist Krieg in den Städten und das ist gut so!“ Ich schätze die Weltverdüsterung, ich möchte deren Photograph sein. Ich möchte die Welt in einer Photographie einfrieren, wo alles still steht. Jeder Satz ist überflüssig, jedes Gesicht – na ja: fast jedes. Aber ein kaltes Herz des Ästhetikers läßt sich nicht erweichen, ebensowenig wie das eines Lagerkommandanten, und das Lager ist, nach Giorgio Agamben, der „Nomos der Erde“ (Carl Schmitt): Machen wir uns den Schlachtruf der spanischen Faschisten zu eigen, und polen ihn auf die Weise, wie es der Surrealist Fernando Arabal in seinem legendären Film tat: „Viva la muerte“!

Erst unter der schwersten und härtesten Folter offenbarte der mühsam in die Gefangenschaft Gebrachte jene Weisheit, die dem Menschen als Wissen und Praxis eigentlich nicht zukommen sollte. König Midas preßte sie unter der Qual des Körpers aus ihm heraus: jenem Waldgott und Lehrer des Dioniyos, der zugleich als Quell der Weisheit galt: der Satyr Silenos.

Nietzsche tilgt an dieser Stelle in seiner „Geburt der Tragödie“ aus dem Mythos die Grausamkeit bzw. er formuliert es euphemistisch, gleitet über das Wundmal hinweg, und noch in der Figur des Apollon verschweigt Nietzsche den Marsyas und das, was jener diesem antat. Es klafft in der Antwort des Silenos eine Leerstelle, nämlich die Ausformulierung der Folter, und diese Lücke im Diskurs des Abendlandes samt seiner Metaphysik bleibt dem Denker der Tragödie verborgen oder ist ihm lediglich eine Randbemerkung wert:

„Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: ‚Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.‘“(F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie …“. S. 35, in KSA 1, München 1988)

Eine gute und kluge Antwort. Die Frage, die ich mir jedoch stelle: Weshalb schwieg Silenos unter der Folter? Es gibt eigentlich keinen Grund, diese Wahrheit des Subjekts zu verschweigen. Und weshalb gerät die Tragödie bei Nietzsche, daß nämlich die Griechen das Entsetzlichste und den Schrecken des Daseins erkannten und empfanden, zu einer anthropologischen Konstante und zum Daseinsgeraune, während im gleichen Moment das Geschichtsphilosophische, das Faktische ausgespart wird?: Die Folter und das Lager. Nur kurz spricht Nietzsche einige Sätze weiter von der „entzückungsreiche[n] Vision des gefolterten Märtyrers“ und nennt das, was geschah, beim Namen.

Um aber nicht nur dem ubiquitären Schrecken, sondern auch dem deutschen Idyll, insbesondere diesem besonders schönen Tag morgen, zu huldigen, an dem die BRD sich vor 23 Jahren anschickte, 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen, während diesem Land ansonsten bereits eine Schiffsladung Menschen auf dem Mittelmeer Probleme bei der Unterbringung bereitet, sofern nicht ganz einfach das Schiff schon vorher versenkt wird, gibt ihr Serviceblog Aisthesis die Photographien zum deutschen Wald.

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Hinweis in fremder Sache

Für alle Freunde oder Haßliebhaber und -liebhaberinnen New Yorks gibt es in der Sonntaz einen sehr schönen und stimmungsvollen Bericht zu New York, den die Grafikerin und Illustratorin Juliane Pieper geschrieben und illustriert hat. Zu lesen hier, und wenn man die taz unterstützen will, weil man sich nicht die ganze Zeitung kaufen wollte, dann kann man für den Artikel auch ein wenig Geld bezahlen, was ich im Rahmen dieser Zeitung für mehr als gut halte.

Es stehen in der taz auch noch andere lesenswerte Berichte, und eine Aktion in Andalusien wie diese, den Supermarkt zu plündern, sollte auch in der BRD ein probates Mittel sein. Es geht darum, den Leuten etwas wegzunehmen, die anderen etwas gestohlen haben. Zum Beispiel ist Niedriglohn Diebstahl sowie Körperverletzung dazu!

Was ist links?

In der Berliner Zeitung gab es ein Interview mit Jutta Ditfurth:

Frage: Ist nicht auch in der Linken ein Kernproblem, dass es auf der einen Seite Machthunger gibt, auf der anderen eine grundsätzliche Ablehnung der herrschenden Verhältnisse?

J. Ditfurth: Naja, dass Oskar Lafontaine ein ‚Radikaler‘ sein soll, erheitert mich, wenn ich mich an seine autoritäre, systemkonforme Politik als SPD-Funktionär erinnere. War er nicht auch stolz darauf, das Asylrecht mit abgeschafft zu haben? Die Linkspartei ist heute nur eine kleine sozialdemokratische Partei. Wenn man sich ihre Geschichte seit 1990 anschaut, ist es traurig, dass sie ihre immensen Möglichkeiten nicht genutzt hat, die sich links in dieser Gesellschaft mit dem Anpassungsprozess der Grünen ergeben haben.

Lafontaine und die Westlinke werden aber von außen und von eigenen Genossen gerne als vorgestrige Fundis dargestellt.

Ein drolliger Vorwurf. Man muss sich doch nur anschauen, welchen Anpassungsprozess zur Zeit Sahra Wagenknecht hinlegt, die sich selbst mal als Kommunistin oder Marxistin sah. Jetzt plötzlich erklärt sie Leuten wie mir, in welchen wunderbaren kapitalistischen Verhältnissen wir in der Bundesrepublik bis zu den 90er-Jahren gelebt haben. Sie verklärt den Kapitalismus als soziale Marktwirtschaft und bezieht sich positiv auf Ludwig Erhard. Was da in der Linkspartei radikal genannt wird, stammt also aus ehemaligen Führungskreisen der SPD oder steckt gerade in ganz spezifischen Anpassungsprozessen an die herrschenden Verhältnisse.

Ich denken, diese Passagen bedürfen keines Kommentars, und falls Sahra Wagenknecht solche Formulierungen tätigte, zeigt sich doch immer wieder der schädliche Einfluß des Mannes auf die Frau – zumindest bestimmter Männer.

Am 23.6. keine Bild-„Zeitung“ in den Briefkasten!

Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner Schaden zuzufügen, geht nicht, ist zumeist auch justiziabel, wenn man erwischt wird. Es handelt sich sowieso nur um austauschbare Charaktermasken, die im Sinne der Verwertungslogik ihre Sache mal gut, mal schlecht machen. Daran werden sie gemessen. Da nützt auch der Kofferraum als geistig-moralische Lehranstalt wenig. Man kann es aber anders anfangen und ihnen bzw. diesem Konzern wehtun. Denn Schmerzen bereitet es diesen Masken an der Stelle, wo es sie Geld kostet.

Am 23.6.2012 möchte die Bild-„Zeitung“ ihren Dreck zum 60jährigen Geburtstag dieses Blattes als kostenlose Jubiläums-Ausgabe an jeden Haushalt der BRD als Briefkastensendung verteilen. Dagegen läßt sich opponieren, indem geneigte Leserin, geneigter Leser Widerspruch gegen eine solche Zusendung einlegen. Dies kann und sollte man an dieser Stelle, über diese Aktion machen. Die Mail an den Springer-Konzern läßt sich zudem bearbeiten/editieren: Und am besten fordern die Schreibenden in dieser Mail zugleich eine Bestätigung darüber an, daß die mitgesandten Adreßdaten nach § 6 Abs. 1 Bundesdatenschutzgesetz gelöscht werden. Macht Arbeit: ergo: kostet den Konzern Geld.

Und es bleibt dabei: Nicht nur Springer enteignen!

Günter Grass. Noch n’Gedicht? Oh, bitte nicht!

Was wird das hier, Herr Grass?: Der Musikantenstadl der Dichtung, die Ergüsse des ästhetischen Minderleisters, die Kapitulation vor der Form? Wer einen Text zu Israel schreiben möchte, wer Israel kritisieren will, der mag das tun. Aber er sollte es dann nicht Gedicht nennen, wenn es sich um keines handelt. Grass ist, wie Böll, Andersch, später dann Walser ein Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands – manchmal (aber nicht immer) gilt jener Satz: No Country for Old Men. Die „Blechtrommel“ ist gut, aber vieles glänzt durch ästhetische Belanglosigkeit. Die langweiligste Literatur der Welt wurde in Deutschland nach dem Kriege verfaßt, sieht man von wenigen Ausnahmen wie Arno Schmidt einmal ab.

Und nun kommt Günter Grass zur Israeldebatte. Er nennt den Text „Gedicht“. Seine politischen Statements fielen mir deshalb auf, weil sie teils undifferenziert sind – dicht bei der Lichterkettenbetroffenheit gebaut. Gut gemeint, ist aber häufig das Gegenteil von gut gemacht. Wenn Schriftsteller politisch Stellung nehmen, sich engagieren, so geht das nicht immer so aus, wie man es sich zuweilen wünscht. Es entsteht oft ein hoher, ein hohler, ein phrasenhafter Ton. Ich gebe diesen Text von Grass im ganzen wieder. Wer es durchhält, das zu lesen, ist gut konstituiert. Ich stelle das hier hinein auch aus satirischen Gründen. Es ist im Grunde zum Lachen, wenn es nicht so traurig und bescheuert wäre. Aber trotz alledem: bitte wenigstens bis nach unten scrollen, weil ich da noch zwei Zeilen schreibe.
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

So etwas gehört mit zehn Jahren Besuch und Lernen an einer Schreibschule oder mit einem Kursus Kreatives Schreiben bestraft. Solche Texte zu lesen, erzeugt Grausen. Es ist ein dummer, totgebrauchter Begriff, aber hier trifft er: Fremdschämen.

Oh, wenn Du geschwiegen hättest: Wir hielten Dich zwar auch dann nicht für Weise, aber es täte wenigstens nicht so derart im Kopfe weh. Dieser Text ist die Kapitulation vor der Form, zeugt vom Mangel an Bewußtsein für dieselbe. Was kommt als nächstes? Eine Hommage an Wolfgang Borcherts Gedicht „Sagt nein“? Die freie Form zu benutzen, bedeutet nicht, sogleich jeden Einfall herunterzuschreiben, der gerade in den Sinn kommt.

Zugegeben: das politische Gedicht ist ein schwierig zu bewältigendes Gedicht. Das heißt aber nicht, es sei deshalb unmöglich, ein solches zu komponieren. Bereits durch ein winziges Verschweigen hindurch, durch die kleine Verschiebung läßt sich im Ausdruck und auch über die Form mehr vermitteln und in die Darstellung bringen als mit jenem Grassschen Holzhammer.

Allerdings ist der Vorwurf, das „Gedicht“ sei antisemitisch, genauso idiotisch wie das „Gedicht“ selbst. Der Text ist nicht antisemitisch, sondern schlecht gemacht. Manchmal ist schweigen besser als fabulieren.

Abend der Gaukler

Gestern Abend war’s raus: dachte mancher vor fast zwei Jahren noch, wir blieben von dem Pastor aus Rostock verschont wie vor der Pest sowie der Cholera und freute sich klammheimlich über Christian Wulff samt seiner Frau, so erwies sich diese Freunde – seit gestern spätestens – als trügerisch, haltlos und falsch. Ein Mann, ein Wort, eine Partei und gekürt (und später dann wohl auch gewählt) wie im SED-Einheitsstaat, seinerzeit, in einhelliger Akklamation von der einzigen Partei, die es in der BRD momentan gibt, alternativlos selbstverständlich: CDSUFDPSPDGRÜN. Gelebte Demokratie. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“

Die Springerpresse wird diese Kandidatur freuen, die Wirtschaft mag es, wenn auf diesem Stuhle jemand mit dem Neoliberalsprech sitzt, wie wir es bereits bei Hotte Köhler so sehr schätzen. Erst den abgefeimten geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) geben und hinterher den zerknirschten Kritiker des Exzesses im Kapitalismus simulieren und diesen als neoliberal geißeln.

„Es mag aber der FDP gefallen haben, dass Gauck, wenig nachdenklich, die Proteste gegen den Finanzkapitalismus als ‚albern‘ bezeichnet hat, von Arbeitslosen und Einwandern mehr Eigeninitiative fordert und Hartz IV vollkommen in Ordnung findet. So ähnlich hat das auch der seinerzeitige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle gesagt, als er nach der Hartz-IV-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von ‚römischer Dekadenz‘ schwadronierte.“

So schreibt es Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Aber es trifft der Artikel von Prantl nicht das Wesen. Doch immerhin: dieser Hinweis auf das Gerede von Gauck ist nicht ganz unwichtig. Interessanter und lesenswerter scheint mir da der Bericht in der taz – insbesondere im Hinblick auf das Moment der medialen Inszenierung von Politik. Es wird der Schein aufrecht erhalten, denn der Laden muß weiter laufen. ZK. (Zum Kotzen)

Zum 300. Geburtstag Friedrich II.

Zum Rühmen und zum Ehren ist da nicht viel – er war ein Kriegstreiber, eine Menschenschinder, ein Despot – einer von vielen in Europa. Nicht mehr und nicht weniger. Gewürzt und geschmückt wird das Leben des Despoten für die Nachwelt mit all den scheinbar spaßigen Anekdoten. Dieser Habitus ist besonders in Berlin und Brandenburg beliebt. Ja, das Lied vom Wasserrad: wenn es doch wahr wäre. Aber immerhin kann Satire diese Typen mit dem Lachen töten, indem die gelungene Satire diese Gestalten dem Spotte preisgibt. An diesem Tag wird’s aber in den seltensten Fällen geschehen. Die Herrschaft schwingt große Reden, und auch ich bin mit dabei, muß aber zum Glück keine Reden für den Markt feilbieten. Tradition, Preußen, Deutschland, Pflicht, damit alles so bleibt, wie es ist. Der immergleiche Schmonz, welcher im Faseln dargeboten wird, die immergleichen, verdorbenen Traditionsstränge, die fortgewebt und internalisiert werden von schulaufan, ohne daß da einer käme und eine ganz andere Tradition auftut und aufzeigt, die es ja ebenso gegeben hat – und sei es nur, daß man die Geschichte einmal nur von unten her erzählt, wie es aus diesem Blicke aussah. Eine Geschichte von der anderen Seite.

Am heutigen Tage gibt es nichts, rein gar nichts zu feiern. Es ist die Selbstanschauung des Staates, welche in solchen symbolischen Akten durchgeführt und gravitätisch zelebriert wird. „Die Fiktion des Politischen“, um einen Titel von Philippe Lacoue-Labarthe abzuwandeln. Doch der Laden fliegt mit schöner Regelmäßigkeit den Subjekten, welche sich als solche noch glauben und zelebrieren, sowieso um die Ohren. Bleiben wir also beim unendlichen Gelächter, und in diesem Rahmen sei eine kleine Skizze von F.W. Bernstein gegeben.

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„Aisthesis“ stellt sich hinter den Bundespräsidenten

Halten auch Sie zu ihm: Denn wenn Christian Wulff nicht mehr im Amt bleibt, so wird uns Joachim Gauck beschert. Und dies kann wahrlich keiner wollen. Andererseits: einer ist wie der andere: Charaktermasken.

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