Brandenburger Tor und Protest
31. Oktober 2012 17 Kommentare
Seit dem 24.10. hungerstreiken vor dem Brandenburger Tor einige der Flüchtlinge, die von Würzburg aus ihren Protestmarsch nach Berlin antraten, um gegen haarsträubende Lebensbedingungen in den Asylunterkünften und gegen das Asylrecht in der BRD zu protestieren. Zum Beispiel gegen den Zwang, bestimmte Regionen nicht verlassen zu dürfen – euphemistisch Residenzpflicht genannt.
Nachlesen über aktuelles Geschehen und informieren kann man sich hier.
Dieser Hungerstreik wird von verschiedenen Staatsstellen zwar geduldet, aber insgeheim hoffen die Regierenden auf das Wetter – auf Kälte, Regen, Schnee. Zelte und schützende Aufbauten sind grundsätzlich verboten und wurden von der Polizei sofort entfernt. Die Strategie der Polizei ist eindeutig: Tagsüber gibt die Polizei den netten Bullenonkel und macht den Grüßaugust. Nachts hingegen werden Isomatten, Schlafsäcke und andere wärmende Gegenstände gewaltsam entfernt. Der Umgang der Bullen wird, sobald die Dunkelheit einbricht und die Zuschauer sowie die Touristen fort sind, hart, es wird die strenge Linie gefahren. Schließlich gibt es zu dieser Zeit nur wenige Zeugen. Darüber braucht man sich nicht zu empören, weil es nicht anders zu erwarten ist.
Der für diesen Bereich zuständige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (und nun raten Sie, welcher Partei er angehört: Na?), zudem Leiter der Abteilung Gesundheit, Personal und Finanzen, schweigt, hält sich bedeckt, so wie eh und je die SPD sich bedeckt hielt. Inzwischen wurde gegen Dr. Christian Hanke und den Innensenator Frank Henkel von Privatpersonen Strafanzeige gestellt. Diese Aktion dürfte eher symbolischer Natur sein und im Sand verlaufen. Aber das ist egal, weil dadurch immerhin ein Medienecho, sei es auch noch so klein, geschaffen wird.
Eine Freundin, die am Brandenburger Tor nächtigte, schilderte mir die Situation, der die Menschen in der Kälte ausgesetzt sind, als entwürdigend und das Vorgehen der Polizei als unverhältnismäßig.
„Wir, die hungerstreikenden Flüchtlinge und die Aktivisten, haben friedlich demonstriert. Die Polizei entwendete mit Gewalt Schlafsäcke, Isomatten, Wolldecken und sogar Pappe! Es wurde uns von den Polizisten ständig ins Gesicht geleuchtet, wir wurden immer wieder fotografiert und gefilmt. Mehrere von uns wurden verhaftet und es gab Verletzte. Ich selbst war gen Morgen so stark unterkühlt, dass ich vor Schmerzen kaum noch gehen konnte. Meine Bewunderung und mein Respekt gilt den Flüchtlingen. Soviel Mut, soviel Zusammenhalt und soviel Liebenswürdigkeit. Schämt Euch, Ihr, die Ihr Menschen abscheulicher als Tiere behandelt !!! Und wir brüllen Euch weiter ins Gesicht: Kein Schlafsack ist illegal, denn schlafen woll’n wir überall !!!“
Sicherlich ist dieser Blog nicht wirkungsmächtig, aber es kann trotzdem nicht schaden, daß alle die, welche in Berlin leben, am Brandenburger Tor vorbeischauen und nützliche Dinge oder Geld mitbringen, um diese Aktion zu unterstützen. Vielleicht auch, sich dazuzusetzen, sofern Zeit und Kraft da ist. Schlafsäcke oder Isomatten brauchen in der Kälte nicht mitgebracht zu werden, weil sie vom Bullenpack weggestohlen werden. Wärmende Kleidung hingegen ist erlaubt. Zu bewundern sind vor allem die Menschen, welche sich nachts mit dazusetzen und ausharren. Weshalb gibt es eigentlich bei den Zeitungen keine Reporter, die sich nachts mal auf den Weg dahin machen, sich mit aufs Pflaster hocken und darüber schreiben? Die Seite drei einer Zeitung ist in der Regel für solche Reportagen vorgesehen.
Schlimm ist – nebenbei gesprochen – der Alltagsrassismus, der sich während solcher Anlässe zeigt. Was ich von Touristen, die dort standen, hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich frage mich, wie man derart ohne jedes Herz und ohne jeden Verstand sein kann: Aber die Mechanismen, die das Bewußtsein zurichten, sind im Grunde ja bekannt. Identifikation mit dem Aggressor ist nur ein Stichwort dazu. Hätten diese Menschen, die da am Brandenburger Tor ausharren, hungern und Protest anmelden, für die Senkung der Kraftstoffpreise demonstriert – bei gleicher Hautfarbe und bei gleicher Situation –: es fiele das Echo im SpOn-Forum und vor Ort anders aus! Wer sich ein Bild von dieser Art von Diskussion machen will und mit welcher Unbarmherzigkeit bestimmte Menschen denken, der braucht nur in den Diskussionsthreat bei SpOn zu schauen.
Interessant – pars pro toto – auch solche Kommentare:
#191 28.10.2012 18:39 von stufenbarren
Das wird ja immer lächerlicher. Selbst schuld, sie sitzen freiwillig dort. Ich frage mich immer, wer solchen “verfolgten” Leuten immer das große ABC des “wie forder ich erfolgreich mehr(vor allen Dingen Geld)-und mache das Land, welches mir armen verfolgten Menschen Asyl gewährt und Unterhalt zahlt am besten schlecht. Typischerweise berichtet der Spiegel natürlich nicht, daß die Polizisten bereits beschimpft und beworfen wurden. Würden sie sich das gegenüber Poilzisten in Ihren Heimatländern auch erlauben? Und wer bringt ihnen bei, daß man das ungestraft in Deutschland tun darf???
Würde der Spiegel mal MIT Forum über die Trauerfeier für den ermordeten Johnny K. berichten, daß ist m.E. weitaus wichtiger! Aber ach nee, der Täter war ja kein Deutscher den man für rechts erklären kann… also unwichtig. Beschämend!
Nomen est omen: das Deutsche Turnreck tönt: NPD oder ähnliches, so steht zu vermuten, in den SpOn-Foren, die dort als Meinungsmacher und Anheizer agiert – natürlich gedeckt durch die freie Meinungsäußerung und sich auf den gesunden Menschenverstand berufend, jener Verstand, der sich seinen Standortvorteil beharrlich sichern möchte.
Aber wie es der Blogger Che2001 – sinngemäß wiedergegeben – so schön formulierte, wenn gegen den Mißbrauch von Asylrechten geschrien wurde: Wir haben doch 1990 auch 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen können.
Wer sich für die rhetorische Brillanz polizeilicher Einsatzleitung interessiert, die oder der mögen hier schauen:














Letzte Kommentare