Hegemann – die Zweite – und Klappe: Erste Szene: „Was du auch machst, sei bitte schlau, meide die Marke Eigenbau!“ (Tocotronic)

Von allen Frauen die liebsten,
warn mir die, welche piepsten.

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Bitte, liebe Leserinnen, legen Sie mir meinen Vers nicht frauenfeindlich aus. Betrifft doch dieses von mir gedichtete Phänomen auch eine Figur aus der Hochliteratur, oldschool sozusagen, und zwar die Sängerin Josefine, welche die gewogene Lesererin aus Kafkas später Erzählung kennt. Und so würde ich darüber gerne schreiben wollen, aber es geht nun einmal nicht.

Ich winde mich, ich ziere mich, flüchte vom Schreibtisch an ganz andere Orte. Ach, ich weiß nicht, ob ich wirklich mag. I moag net. Mir zieht sich das Zwerchfell zusammen; diaphragmatische Konvulsionen stellen sich ein. Aber an anderer Stelle habe ich es versprochen, das gilt es zu halten, denn was du bist, bist du nur durch Verträge: Zumindest diesen zweiten Teil noch schreibe ich über jenes naseweise Kind sowie sein zartes Büchlein. Es ist wirklich zum Gotterbarmen, und ich habe mir diese Lektüre angetan. Ich zog sie bis zum Schluß durch; also die Lektüre, nicht die Hegemann. (Gott bewahre, ich steh auf blond.)

Ich weiß nicht, was Maxim Biller et al. geritten hat, solche Lobeshymne in der FAZ zu schreiben. Insbesondere über Ursula März von der „Zeit“ wundere ich mich. Bei Iris Radisch hingegen gar nicht, denn manche kommen zum Posten des Literaturkritikers wie die Jungfrau zum Kinde, wie Jesus zum Kreuz, wie Mohammed zum Jack Russell Terrier, wie Abraham zum Tranchiermesser. Für meine damalige Freundin und heutige Mitbewohnerin sowie für mich war das Auftreten von Frau Radisch im „Literarischen Quartett“ jedes Mal Anlaß, in schallendes Gelächter oder aber böse Häme auszubrechen. Zumindest war das mal eine andere Art von Erheiterung als der ewig vertrottelte, beständig angesüffelt wirkende Karasek. („Bersarin“, schallt da die gestrenge Stimme, „du sollst nicht in Nebensätzen ablenken, sondern in die Sache gehen, dich vertiefen! Versteife dich auf den Text!“ Was bleibt mir da noch weiter übrig, wenn so die vielfältigen Stimmen zu mir sprechen.)

Ja, womöglich kommt im Text „Axolotl Roadkill“ sogar die eine und die andere Einsicht zusammen: Da erwacht in dem mittelalten Rezensenten des Feuilletons die Erinnerung an das Verlorene: Daß diese Zeit der Jugend als die beste des Lebens erscheint: Wie das war, als man erwachsen wurde. Denn davon handelt das Buch wesentlich. Gelebtes Leben, hingerotzte Wörter, an jeder Ecke unerhörte Begebenheiten. EIn einziger Tag ein odysseeischer Kosomos. Es gehört das Buch zur Adoleszenz-Literatur, allerdings zu der der verfickten, verkotzten und natürlich voll abgefahrenen Sorte. Solches mag manchen in seinem Urteil gewogen machen. Da wagt eine einmal etwas. Zugleich ist das Buch der Versuch, einen Vater zu finden und den Ort der Herkunft zu ergründen, ein tastendes Suchen nach Unbekanntem.

Und es ist natürlich nicht jeder Satz des Buches schlecht geschrieben, nicht überall formuliert der Schreiber, wer immer es sein mag, pubertär. Manchmal schreibt er auch altklug. Das Buch melangiert unheilvoll, und diese ersten 204 Seiten wimmeln von Klischees, schiefen Bildern, Wortmüll und -ballast, die nicht Prinzip der Konstruktion sind, sondern sich vielmehr dem Mangel schulden, eine Geschichte kompositorisch bewältigen zu können. („Geh‘ doch nach Leipzig in die Schule!“, möchte man da rufen.) Insofern ist es eben, wie Maxim Biller fabuliert, kein Buch, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten müsse.

Da ist Marcel Reich-Ranicki recht zu geben, wenn er (in anderem Kontext, nicht in bezug auf Hegemann) sagt, daß es nicht reiche, sich in die Perspektive des Kindes zu versetzten, nur um einen Vorwand zu haben, naiv und unbeholfen schreiben zu dürfen. Nein, gerade der Kinder- oder Jugendblick ist der schwierigste, die wenigsten können das, hier eine differenzierte, genaue, ja besondere Sichtweise zu entwickeln. Meist dient er als Vorwand, schludrig zu formulieren und zu komponieren.

Ach ja und was all dieses Zusammenschustern und -klauen anbelangt, wofür der Begriff des Samplings herhalten muß, das wußte schon Max Frisch, etwa in seiner Erzählung Montauk: „Lebe im Zitat.“ (Gesamtausgabe Bd. VI, S. 685) Ein Text, der jener „Neuen Subjektivität“ der 70er Jahre geschuldet ist. Damals erstrebte ein Autor das Ziel, möglichst authentisch, ja wahrhaftig zu berichten, sei es aus der Arbeitswelt, der Welt der Frau oder der inneren Welt heraus: das zu sagen, was der Fall ist. Nachdem die Identitätslogik versagte, erscheint dies nicht mehr ohne weiteres möglich. Da muß zu Konstrukten und Steigerungen Zuflucht genommen werden. Die Art, wie das geschieht, gereicht jedoch dem Buch nicht zum besten, und deshalb stimmt dort einiges nicht.

Sprachmüll schreibend aufzuhäufen, um Sprachmüll als Sprachmüll zu entlarven, mag in aufklärerischer oder provokativer Absicht geschehen, wie zuweilen bei Jelinek. Es kann aber gut passieren, daß sich in diesem Verfahren Spiegelungen einstellen und bloß weiterer Sprachmüll produziert wird. Über Hegemanns „Axolotl Roadkill“ kann man mit Fug und Recht sagen: Plattitüden pflastern ihren Weg: „‚Ich gebe kein Geld mehr für Drogen aus, die Musik nicht zum Klingen bringen.‘“ Das sind irgendwo aufgeschnappte Sätze.

Da hilft auch das dem Buch vorangestellte Motto von Pro7 „We love to entertain you“ nicht mehr viel. Wenn man nichts zu sagen hat, redet man sich auf die Unterhaltung, das Zitat und das kulturindustrielle Wesen heraus, welches man – selbstredend – persifliert. Wenn das dissozierte Ich aber von einer Welle der Signifikanten zur anderen Signifikantenwelle gleitet und surft, Theoriekost und Kotz verrührt, dann bleibt nicht viel mehr übrig als bloßes Iterieren und Speien. Dabei hätte es zu einem gutes Buch über das Erwachsenwerden geraten können, trüge der Text nicht so dicke auf. Der Wunsch, ein Ich zu sein, und die Suche, vermittelt über die abwesende Mutter, die sich umbrachte, ist ja per se kein schlechtes Thema. Ein Plot ist da.

Aber der Text ist viel zu dicht dran, und so sieht er nichts. Woran sich einmal wieder zeigt: Unmittelbarkeit nix gut, wie schon Hegel wußte. Es war aber keine Lektorin, kein Lektor vorhanden, der die Sache hätte lenken können. Wenn ein Gescheiterter über sein Scheitern schreibt, ein Suchender über sein Suchen berichtet, dann sollte er dies aus der Perspektive desjenigen tun, der einen Abstand aus der Reflexion besitzt. Durch irgend einen Trick muß man eine Barriere erzeugen, erzählerisch eine andere Position konstruieren. Clemens Meyer meisterte dies in seinem großartigen Debüt von 2006 „Als wir träumten“. Selbst Judith Hermann mit „Sommerhaus später“ traf – zunächst einmal – gut den Ton. Daß sie in die medial inszenierte Spur des deutschen Froileinwunders hineingestellt wurde (oder sich hineinstellen ließ), spricht nicht gegen ihren Text. Den selten dämlichen Begriff des Fräuleinwunders haben nicht die Schriftstellerinnen geprägt, wenngleich sie ihm auch nicht oder nur zaghaft widersprachen. Was die Oberflächlichkeit und das Vorgestanzte der Sprache betrifft, so ist Judith Hermann gegen Hegemann aber ein Gold.

Es gibt so viele gute und lesenswerte Debüts. Dieses Buch von Hegemannn gehört definitiv nicht dazu. Es lohnt nicht einmal, sich darüber an einzelnen Textstellen lustig zu machen.

So, zum Schluß: Und wie sonst selten, stehen wir da: besoffen. Die Hose auf und keine Frage bleibt offen.

Und wer als junger Mensch gerne liest und ein Buch über junge Menschen lesen möchte, das mehr ist als eine Aneinanderreihung von Abgefucktheit, und wer auf der nächsten wilden Party ein wenig glänzen will, und zwar nicht durch ausgefallene Drogen oder merkwürdige Tiere (ja, liebe Leserin, lieber Leser, Sie ahnen, was kommt und was man nicht machen soll, weil uncool), der nennt natürlich keinesfalls den Namen Hegemann, denn um als wirklicher Kenner sich zu erweisen, wirkt dies eher schädlich, sondern sie oder er werden, wie nebenbei, den Namen Denton Welch in sich hineinnuscheln, wenn es um Literatur zur Adoleszenz geht. So zum Beispiel nuschele man das Buch „In Youth is Pleasure“.

Clemens Meyers Erzählungsband, „Die Stadt, die Lichter“

So manchen Schriftsteller zieht es in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder zu einem ganz bestimmten Milieu hin, und schwer nur kommt er davon weg in seinem mehr oder weniger langen Schriftstellerleben: Den einen drängt es zum gehobenen feinen Bürgertum oder in die Welt des Adels, andere zur Demimonde, dann wieder zieht es welche zu Großwildjägern und Abenteurern, oder es gibt Schriftstellerinnen, die es zu den untätigen, fragmentierten Melancholikern und den Endzwanzigern, Dreißigern treibt, die partout nicht erwachsen werden wollen. Und so muß man sich als Schriftsteller vorsehen, bei diesem mehr oder weniger freiwillig gewählten Milieu stehenzubleiben, ohne sich dabei literarisch weiterzuentwickeln.

Thomas Mann gelang es ganz gut, Stagnation zu vermeiden, ästhetisch Stimmiges abzuliefern und dabei gut, stilvoll und bedeutsam zu bleiben, Proust schrieb nur einen ganz großen (philosophischen) wundervollen Roman (sieht man einmal von „Jean Santeuil“ ab), da war es nicht weiter schwierig, nicht auf der Stelle zu treten, zumal ja in aller Komplexität nicht nur eine Epoche besichtigt wurde, ein Blick hinter die Vorhänge des Pariser Adels fiel sowie die „Existentiale“ Liebe und Eifersucht ausgeleuchtet wurden. Genug für ein Leben, so sollte man meinen. Henry Miller und Hemingway sind ein amerikanischer Fall für sich, der Oberfranke würde hier sagen „Paßt schoan“. Bei Judith Hermanns neuen Buch „Alice“ wird man sehen, ob sie es vermag, sich vom zuweilen enervierenden Judith-Hermann-Sound zu lösen, der zum ästhetischen Selbstgänger wurde.

Wie aber steht es um Clemens Meyer?, so sei hier einmal oberlehrerhaft in den Raum gefragt, jenen Schriftsteller des Jahrgangs 1977, den wir seit 2006 als einen „Durchstarter“ kennen. Mit „Als wir träumten“ ist ihm ein beeindruckendes sowie fulminantes Debüt gelungen, welches mit Fug und Recht „Roman“ genannt werden kann. Als Erstlingswerk eine Stecke von über 500 Seiten zu durchpflügen und dies dann auch noch vom Schreiben und vom Stil, von der Konstruktion und vom Stoff her gut hinzubekommen, ist eine Leistung. Der Roman hat ein Wendemilieu zum Thema, das wohl nicht dem entspricht, was der übliche Intellektuelle sich einmal vorstellte, als von den großen Wenderomanen oder gar dem großen Wenderoman die Rede war. Nun, auch Clemens Meyer hat den nicht geschrieben. Aber er hat ein ostdeutsches Milieu geschildert, das sonst nur in den „Sozial“-Reportagen von „Spiegel“- oder „Stern“-TV vorkommt, wenn es um deviante Jugendliche aus der Platte geht. Crime sells.

Doch Meyer ist mit „Als wir träumten“ mehr als ein Roman über deviante Jugendliche gelungen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, seiner Liebe, seiner Freunde, schildert die Hoffnungen und Träume einer Clique Jugendlicher im Nachwendeleipzig. Dies alles ist so erzählt, daß man gerne weiterliest. Ein Roman aus der Gosse zwar, der aber im Grunde die existentiellen Dinge der Jugend nennt. Er handelt von Größe, Liebe und Feigheit, von Brutalität und Perfidität, er ist pubertär aufgeladen, weil es die Welt derer ist, die aus der Pubertät entwachsen. Öfters einmal gibt es reichlich was auf die Fresse, daß es beim Lesen wehtut. Und man liest weiter wie im Rausch, legt das Buch, am Schluß angekommen, atemlos beiseite.

Nein, das Buch ist nur zu einem kleinen Teil eine Milieuschilderung; Meyer will in seinem Debütroman nichts und niemanden mit wohligem Gruseln vorführen, sondern er ist konzentriert bei der Sache, und gerade dadurch bringt der Roman es auf den Punkt: das, was da in jenen Wendejahren im Osten und mit „dem Osten“ geschehen ist, was viele in ihrer Nachbarschaft erlebt haben. Indem der Roman das Alltägliche einer bestimmten neu entstandenen Klasse beleuchtet, ohne dabei Partei zu beziehen, ist er im Grunde ein extrem politischer, obwohl Meyer „nur“ aus der Sicht und Position des Protagonisten Daniel heraus schreibt und beschreibt. Über die lange Distanz des Romans hat das gut funktioniert. Doch reicht das auch aus für die kurze Stecke der Erzählung?

 In Meyers zweitem Buch „Die Nacht, die Lichter“ sind es Erzählungen oder, wie es im Untertitel heißt, „Stories“, wir kennen dies ja schon von Ingo Schulze, wo es aber umgekehrt lief, daß ein ganzer Roman „Simple Storys“ hieß. Hier nun sind es tatsächlich Stories, man muß das unbedingt deutsch aussprechen, wie es ja auch in Deutsch geschrieben ist und so wie jemand (am besten norddeutsch intoniert) sagt: „Nun vertell man keine Schtories!“, wenn er jemandem zu verstehen geben will, daß da fabuliert oder ein wenig übertrieben wird. Bei Meyer allerdings wird nichts über- oder untertrieben. Erzählt werden Geschichten, also Stories mitten aus dem Leben, aus einem Alltag heraus, der manches Mal nur traurig und trist ist.  Doch erzählt wird dies ohne den Hang zur Melancholie oder zur Verklärung.

Wozu dient die Story?: Sie will, anders als etwa die (Thomas Mannsche) sprachgewaltige, ausladende Erzählung oder die Novelle, kurz pointieren, in wenigen knappen Sätzen skizzieren; schnelle Dialoge treiben die Handlung. Das ist die Tradition der amerikanischen short story, wie sie seit den 90er Jahren bei vielen Schriftstellern wieder in Deutschland angesagt war. Eine ganze Generation, so könnte man überspitzt sagen, fühlte sich plötzlich zur amerikanischen Tradition eines Raymond Carver hingezogen, schrieb Vorworte für die in Deutschland veröffentlichten Bücher Carvers. Das langatmige, weit ausholende und mäandernde Erzählen ist vorbei. Der Erzähler beeindruckt vielmehr mit Lakonik, und es herrscht Verknappung vor. Die Story fängt in ihrer Sprache den jeweiligen Geist der jeweiligen Zeit ein, aber sie bietet nicht, wie der Roman oder die klassische Erzählung, ein manchmal groß angelegtes Panorama, sondern arbeitet vielmehr als photographischer Schnappschuß. Ein paar Bilder, ein Blitz, eine Szenerie kurz aufleuchtend und dann die Nacht. So eben geht es auch in dem Band von Clemens Meyer zu, in der Tradition der short storys, jedoch mit einem deutschen Underdogsujet: kurz und knapp, einen Assoziationsraum eröffnend.

Es sind fast alles Geschichten von ganz unten oder aus dem „Milieu“, meist enden sie verhängnisvoll oder zumindest ohne große Hoffnung. Selten bricht in die Tristesse einer Hochhaussiedlung der Hauch des Anderen ein, kommt eine Ahnung auf, daß es auch ein Leben da draußen, außerhalb gibt, wenn etwa wie in „Warten auf Südamerika“ einer aus der alten Clique Karten von dort schreibt und es „geschafft“ zu haben scheint. Doch eigentlich bleibt alles wie es ist, der Einbruch des Besonderen ist kurz nur. Manchmal hält der Schluß auch eine völlig unerwartete Wendung bereit, so wie etwa in der Erzählung „Wagen 29“. Ansonsten ist es, wie es ist, es ist so, wie es dort zugeht, ganz positivistisch gesprochen. Manches Mal wünscht man sich, daß es gut ausgehen möge, so beim Lesen von „In den Gängen“. Wer einmal in einem jener Großsupermärkte als Aushilfe oder als Festangestellter gearbeitet hat, der findet die Charaktere, die Art von Menschen, die dort im Food- und Non-Food-Bereich arbeiten müssen oder wollen, und die Atmosphäre der Arbeit exakt getroffen wieder: diese Mischung aus Solidarität, Einsamkeit, Verzweiflung, kleinen Scherzen, die helfen, die Tätigkeit erträglich zu machen, gemischt mit einer schlecht bezahlten Arbeit. Doch gleitet Meyer nicht in den Sozialkitsch ab, schon gar nicht vertraut er auf irgend ein Potential, daß diese Menschen ändert und sie dazu bringt, ihre Lage durchschauen zu können. Vielmehr beißen sich die Charaktere an Hoffnungen fest, die hinterher nur bitter enttäuscht werden, so wie bei jenem Mann, der für seinen erkrankten Hund das Geld zur Operation auf der Pferdewettbahn gewinnen muß, weil er diesen Eingriff aus eigener Tasche kaum bezahlen kann. Zum Schluß gewinnt er das nötige Geld sogar, und zwar durch die Hilfe eines Kumpels, der Perdewetten einst als Profi betrieb. Doch Geld zu gewinnen und Geld zu behalten, sind zweierlei Dinge. Die Wendung ist überraschend und leider lakonisch-drastisch.

Clemens Meyer hat einen genauen Blick für die Charaktere und die Szenerien. Knappe Beschreibungen, daß man sich sogleich im Geschehen wiederfindet und weiß, was Sache ist. Teils bedient Meyer sich des Mittels der Elipse, doch weiß man gleichsam intuitiv sofort, worum es geht. Da muß nicht viel gesagt werden, so wie in der Erzählung, die dem Band ihren Titel gab. Das Eliptische baut den Spannungsbogen auf. Erzählerisch und technisch ist das gekonnt. Andererseits erwartet man dies auch von einem Erzähler, welcher das „Deutsche Literaturinstitut Leipzig“ besuchte.

Doch nie gerät die Schilderung der Underdogs zum Selbstzweck; es hat nicht dieses furchtbar Gekünstelte eines Bukowski, wo in jedem zweiten Satz das Wort „Ficken“ lauert, obwohl manches von Meyer dem Sujet nach genauso gut von Bukowski stammen könnte. Um das Heikle einer solchen Verwechselung weiß Meyer sicherlich. Eher schon steht das Erzählen in guter alter Tradition Hemingways als Vater eines bestimmten Typus von amerikanischer Short Story oder befindet sich in der Gesellschaft Carvers. Szenen, Alltäglichkeiten, die zu Momenten verdichteten Episoden des Lebens, das Déjà-vu, was einen bei mancher Story überkommt, enthalten oftmals ein allgemeingültiges Moment; auch wenn es nicht das Milieu ist, aus dem man selber(ohne eigenes Zutun und Verdienst) entstammt. Doch pointiert Meyer „existentielle“ Momente, die einem Intellektuellen genauso widerfahren können wie einem, der ohne jegliche Mittel einfach nur durchkommen will. Kurz präzise, schnörkel- und umstandlos wird hier geschrieben, so daß solche Momente, von denen man weiß, daß es sie einmal gab kurz nur aufscheinen, freilich in verfremdeten Zusammenhang. Doch rückt man einmal von der Perspektive des Underdogs ab und sieht auf das Generelle, so kommt einem einiges recht vertraut vor.

Und wenn man noch weiter im Namensregister stöbern will, so bietet sich bezüglich des Sujets womöglich der Vergleich mit dem phantastischen Denis Johnson an, etwa mit seinem Erzählungsband „Jesus Son“, wenngleich Meyers Duktus sehr viel ruhiger ist als der voranstampfende Johnson. Obwohl diese Verortung in einem Namensfeld eigentlich nie gut ist, denn Meyer ist Meyer, so wie Johnson nun einmal Johnson ist. Doch kann durch ein solches Verorten ein wenig der Raum und damit zugleich der Rahmen, in dem die Bewegungen stattfinden, gezeigt werden.

 „Als wir träumten“ setzt sich von dem Band mit Erzählungen insofern ab, weil in diesen „Stories“ das Mißgeschick und das Geschehen mittlerweile ganz und gar Bundesrepublik geworden bzw. ins Allgemeine gewendet ist. Nicht mehr viel ist geblieben von jener Wendezeit in Leipzig. Das, was in der Erzählung „Wagon 29“ passiert, kann sich überall ereignen und ist ein existentielles Moment. Was in dem Roman sehr speziell angelegt war, nämlich der Verfall einer Ordnung und ihre Okkupation durch eine Leerstelle sowie der Kampf aller gegen alle, damit jeder ein Quentlein vom neuen Glück abbekäme, und dadurch an einen historischen Ort gebunden war, transponiert Meyer nun. Diese Geschichten sind ortlos geworden, und sie könnten zugleich an jedem Ort in Deutschland spielen. Gut erzählt sind sie, und man bleibt nicht, wie so oft, wenn Erzählen zum artifiziellen Zweck halb-organisierter Selbstreferenzialität der Generation Diskurs geworden ist, mit der Frage zurück „Was soll das eigentlich alles?“ Dies allerdings ist in der heutigen Zeit schon recht viel, wenn da jemand begabt erzählen kann und auch etwas zu erzählen hat. Es bleibt am Ende nur übrig, Clemens Meyer für sein drittes Buch, das ja der Legende nach das schwerste sein soll, viel Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen.

 Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter. Stories, Fischer Verlag, Frankfurt/M 2008, ISBN: 978-3-10-048601-1, 272 Seiten, 18,90 EUR

Harald Welzers „Klimakriege“ (3. Teil)

Warum wir das, wogegen wir vor 20 Jahren
protestiert haben, mittlerweile normal finden 

 

„Aus der Völkermordforschung wissen wir, wie schnell
die Lösung sozialer Fragen in radikale Definitionen
und tödliche Handlungen übergehen kann,
und so etwas abzuwenden, wird eine Probe darauf sein,
ob Gesellschaften aus der Geschichte lernen können oder nicht.“

Harald Welzer

 

IV Shifting baselines

Woher kommt diese „Apokalypseblindheit“? Weshalb wissen wir in unserer westlichen Moderne (oder Spätmoderne, Transmoderne, Postmoderne?), die wir eigentlich über das Potential kritischer Reflexion verfügen, die Zeichen der Zeit nicht nur nicht zu deuten, sondern wollen sie gar nicht erst bemerken? Wollen wir das nicht sehen, was momentan vor sich geht; können wir das womöglich gar nicht sehen? Vom Standpunkt des Futurum exactum betrachtet, (Welzer widmet ihm ein kleines Kapitel), den wir als denkende Wesen einnehmen können – und auch die Option des Möglichkeitssinns steht uns zu Gebote, um erweiterte Perspektiven zu gewinnen – sollten wir darüber nachdenken, ob wir eine Welt in diesem Lichte wirklich wollen. Vielleicht können dieser Blick vom Futurum exactum her und der Möglichkeitssinn Mittel abgeben, unsere Referenzrahmen zu überprüfen und zu hinterfragen. Es erfordert dies freilich einen Raum und Resonanzboden für Reflexion sowie einen öffentlichen Diskurs. Diesen könnten die Medien zwar liefern, doch scheint ihnen nicht viel daran gelegen. Ich rede hier nicht einmal vom Privatfernsehen oder den öffentlich-rechtliche Medien, dem „Spiegel“ (dem Sturmgeschütz der Akklamation) und ihren bewußt eingesetzten Narkoseprogrammen. Hier ist nichts zu erwarten. Aber wenn nicht einmal mehr Zeitungen wie die „Zeit“ oder Tageszeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „Berliner Zeitung“ einen leisen warnenden Ton anstimmen können, dann liegt etwas im argen. Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen, so hört man allenthalben sagen. Na, mal sehen. Eine Wette möchte ich darauf nicht eingehen. „Du mußt Dein Leben ändern“, wie das neue Buch von Sloterdijk heißt? Möglicherweise nein, sondern: „Du mußt nur die Laufrichtung ändern!“vielleicht eher und mit Kafka ganz pessimistisch in den Raum gesprochen. Doch hierzu zum Ende hin mehr.

Wann eigentlich beginnen soziale Katastrophen? Welzer beschreibt in Anlehnung an Jared Diamonds „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, jedoch mit ganz anderer Zielrichtung, die soziale Katastrophe auf der Osterinsel und wie es möglich ist, daß eine Kultur Dinge veranstaltet, die bis zur Selbstpreisgabe desaströs sind, ohne daß in der Gesellschaft ein Bewußtsein darüber herrscht oder sich Widerstand regt. Wenn im öffentlichen Diskurs bemerkt wird, daß Dinge sich geändert haben und schwerwiegende Folgen sich einstellen werden bzw. bereits eingestellt haben, ist es meist zu spät.

„Die soziale Katastrophe der Osterinsel beginnt nicht, wenn der letzte Baum gefällt wird, sowenig wie der Holocaust mit der Installierung der ersten Gaskammer in Auschwitz anfängt. Soziale Katastrophen beginnen dort, wo falsche Entscheidungsrichtungen eingeschlagen werden – also dort, wo Distinktions- und Statusregeln auf den Osterinseln den Verbrauch von Holz für die Skulpturenproduktion fordern oder dort, wo wissenschaftlich begründete Annahmen über die Ungleichheit von Menschen in Deutschland den Rang von Gesetzen und Verordnungen erhalten.“

Genau dieser Aspekt ist es, den Welzer auf den Punkt bringt und wo er, vollkommen richtig, insistiert: Wir müssen einen (sozialen) Blick entwickeln für solche Angelegenheiten, und wir benötigen ein Sensorium für soziale Katastrophen. Es ist hierbei eine ganze Gesellschaft gefordert. Dies kann man vollkommen neutral festhalten, ohne in Alarmismus und Angstkommunikation zu verfallen.

Bei solchem Wandel in den Werthaltungen und solcher Veränderung von Normen innerhalb einer Gesellschaft handelt es sich um sozialpsycholgische Mechanismen, für die Welzer den Begriff der „shifting baselines“ verwendet, welchen er der Umweltpsychologie entnimmt (S. 214). Menschen halten immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den „natürlichen“, der mit ihrem Lebens- und Erfahrungshorizont zusammenfällt (S. 214), und Menschen verändern sich mit mit ihrer Umwelt in ihren Wahrnehmungen und Werten gleitend, ohne daß sie dies jedoch selber bemerken (S. 16). Shifting baselines sind insofern auch dafür verantwortlich, was wir für normal halten und was nicht (S. 217). Man denke etwa an die Systeme der Überwachung: Die Generation, welche in diesem Jahrzehnt Kind ist, wird Videokameras, Gentests und biometrische Daten für ein normales Prozedere halten, und die Abfrage persönlichster Daten ist für diese Generation selbstverständlich. Wissen und Wahrnehmen hängen auf das engste zusammen:

„Denn Einmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, mit den verfügbaren Referenzrahmen zu erfassen versucht, obwohl es sich um ein präzedenzloses Geschehen handelt, das selbst erst eine Referenz für spätere vergleichbare Ereignisse liefert.“ (S. 219)

Hierin eben liegt eine Erklärung dafür, warum wir nicht wissen, daß wir nichts wissen; wir schauen mit unserem uns zur Verfügung stehenden Blick und sehen ohne zu sehen. (Ein ganz aktuelles Beispiel für ein Sehen ohne zu sehen, sind die gegenwärtigen Umwälzungen und die Weltwirtschaftskrise. Bei einigen scheint noch rein gar nichts angekommen zu sein.)

Kann man dieses Verhalten als moralischen Vorwurf an die Subjekte und die Diskurse herantragen? Man kann diese Dinge zunächst einmal nur konstatieren und muß sich überlegen, was dies als Konsequenz bedeutet. Welzer zitiert hinsichtlich dieser Problematik den Soziologen Norbert Elias, welcher es als „eine der schwierigsten Aufgabe der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.“ (S. 220) Ich halte diese Rekonstruktion (nicht nur in bezug auf die anderen, vergangenen Zeiten, sondern auch hinsichtlich der unseren Zeit) für extrem wichtig, um dadurch ein Begreifen dessen, was gegenwärtig geschieht, vermittels Analogieschluß zu forcieren und den blinden Fleck sichtbar zu machen. Foucaultsches und Luhmannsches Instrumentarium schadet dabei als Rüstzeug und als Zusatz zu dem bereits verwendeten Mitteln keineswegs. Man müßte nur (insbesondere bei Luhmann) die Perspektive ein wenig variieren.

Welzer zeigt anhand des Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozesses der Juden im nationalsozialistischen Deutschland (Welzer hat zu diesem Feld umfangreiche Forschung geleistet) und an anderen Beispielen ausführlich, wie Mechanismen der Wahrnehmung und Interpretation von sozialen Tatsachen funktionieren und die Beteiligen dabei nicht einmal merken, was vor sich geht. Diskursive Moralphilosphie, in solcher Perspektive, kann nur scheitern und appelliert ins Nichts hinein, was schon Schopenhauer wußte. Aber auch individualistische, auf moralischer Intuition oder die Kraft des Subjekts beruhende Positionen werden es schwer haben, ein Korrektiv abzugeben. Insofern stellt Welzer fest:

Angesichts des Phänomens der gleitenden Referenzpunkte wird man sich auch angesichts ganz anderer Problem- und Veränderungslagen nicht der Illusion hingeben wollen, ihre moralischen Überzeugungen würden Menschen schon an irgendeiner Stelle eines gegenmenschlichen Prozesses innehalten und zum Besseren zurückkehren lassen. Das geschieht oft selbst dann nicht, wenn dieser Prozess selbstzerstörerisch zu werden droht.“ (S. 230 f.)

Für eine Moralphilosophie sind dies allerdings düstere Aussichten. Es haben sich die Ethik und die Philosophie überhaupt diesen Einsichten jedoch zu stellen. Allein schon aus dem Grund, daß unsere Zukunft und die Art und Weise, wie wir und nachfolgende Generationen zukünftig leben wollen, davon abhängt. Hier ist das Projekt der Aufklärung absolut weiterzutreiben. Welzer insistiert darauf, und sein Buch ist hierzu ein gewichtiger Beitrag.

 

V. Ökologische Kommunikation

Die ökologischen Probleme sind nicht neu: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Bericht des „Club of Rome zur Lage der Menschheit“, den „Grenzen des Wachstums“ gab es erste Warnungen und Hinweise (S. 110). Daß die sozialen Folgen der ökologischen Probleme bis heute kaum oder zu wenig diskutiert werden, steht in krassem Gegensatz zum Alter der ökologischen Debatte, so Welzer. Und dies ist richtig: Selbst in den frühen 80er Jahren auf dem Höhepunkt der Ökologiebewegung in der BRD bis hin zu Tschernobyl wurde zwar sehr viel über die Probleme und ihre Folgen gesprochen, doch weder in der internen Debatte der verschiedenen Gruppierungen und Strömungen, noch in jenem medialen Grunddiskurs, der etwa Begriffe wie Smog und Waldsterben ubiquitär machte, tauchten die sozialen Folgen richtig auf.

Mit Luhmann könnte man hier natürlich (systemtheoretisch) einwenden, daß ein System eben nur das kommunizieren kann, was es aufgrund seiner Differenzierung zur Umwelt und seiner systemimmanenten Binnenunterscheidung kommunizieren kann. Alles andere wäre eine Überforderung des entsprechenden Systems. So wird, vereinfacht gesagt, niemand vom System des Rechts Kunstwerke erwarten und vice versa. Doch ist es nur bedingt hilfreich, wenn es um Lösungen geht, ex negativo zu argumentieren, was nicht geht. Wenngleich die Luhmannsche Position schon eine erste Erklärung darüber abgeben mag, warum bestimmte Themen eben nicht kommuniziert werden können. Hier gilt es, Dinge fruchtbar zu machen.

Was die ökologische Debatte betrifft, sei nur auf seine Arbeit „Ökologische Kommunikation“ von 1986 hingewiesen. Ich wäre gerne noch intensiv darauf eingegangen, doch kann hier nicht der Raum dafür sein. Lesenswert ist dieses Buch jedoch, wenngleich es nicht unumstritten ist und problematische Punkte enthält. Ein Zusammen- und Gegenlesen mit Welzer wäre aber spannend. (Eine Luhmann dekonstruierende und gegen den Strich verfahrende Lektüre allemal.) Und es wäre für die hier skizzierten Probleme womöglich eine Ergänzung um Luhmann sinnvoll, wenngleich dies nicht unbedingt im Theorieansatz Welzers gegründet liegt und Luhmannsches Theoriedesign dem Denken Welzers eher entgegensteht: Sind es doch für Welzer nicht Strukturen und Diskurse, sondern es muß aus jener Welt der Strukturen zurückgefunden werden zu Strategien, mit denen „soziale Wesen“, mithin Subjekte, versuchen ihr Dasein zu bewältigen. (S. 44) Hier gilt es nach Welzer, die Potentiale des Subjekts zu entfalten. (Inwieweit in solchem Ansatz auch Probleme liegen, kann ich hier nicht weiter behandeln; dies ist ein Aspekt für sich, der unter dem Titel „Subjektphilosophie“ besprochen werden müßte; es wird aber in diesem Jahr Aufsätze zur Postmoderne und zum Poststrukturalismus geben, zumal anläßlich des 25. Todestages von Michel Foucault in diesem Jahr. Dieser darf nicht unkommentiert bleiben.)

Ich halte, um es kurz zu fassen, diesen teils sehr subjektzentrierten Ansatz Welzers, wenn man ihn verabsolutiert und als Königsweg begehen möchte, für eine Verknappung, denn es beraubt sich eine umfassende Theorie doch durch das Abschneiden der strukturellen und diskurstheoretischen Elemente ihres besten Instrumentariums zur Analyse, wenn es darum geht Zusammenhänge erst einmal deskriptiv zu erfassen oder gar Erklärungen dafür zu finden, warum bestimmte Themen von bestimmten gesellschaftlichen Subsystemen wie Recht oder Wirtschaft eben nicht oder erst unter bestimmten Bedingungen kommuniziert werden können. Hier bietet die Systemtheorie durchaus Erklärungen an, ohne daß man beim Nachdenken darüber sogleich zum Strukturfunktionalist werden müßte.

 

VI. Ausblicke

Vielfach wirft „Klimakriege“ bezüglich seiner Themen die Netze sehr weit aus. So werden Themenfelder wie der Nationalsozialismus und (islamischer) Terrorismus unter dem Kapitel „Veränderte Menschen“ sehr ausführlich behandelt, um die hier wirkenden Mechanismen der Verschiebung von Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Realität aufzuzeigen. Dies geschieht, um die oben skizzierte Theorie der „shifting baselines“ und deren Implikationen zu verdeutlichen und so bei (möglichen) Zukunftsszenarien Handlungsmuster zu antizipieren. Welche Optionen würden gewählt, wie sehen Möglichkeiten des politischen Handelns aus, wenn der Westen einem noch mehr ansteigenden, unaufhaltsamen Strom von Umweltflüchlingen ausgesetzt sein wird und der Druck an den Außengrenzen der EU zunehmend steigt? Noch mögen wir es als unmenschlich empfinden, Flüchtlinge in kaum schwimmtauglichen Beförderungsmitteln im Meer einfach ertrinken zu lassen, anstatt sie zu retten (obwohl dieses Ertrinkenlassen schon vielfach geschieht); noch erscheint es uns als absurd und dem europäischen aufgeklärten Geist widersprechend, daß Patrouillenboote der Grenztruppen auf Flüchtlingsboote schießen, um sie zur Umkehr zu bewegen, und bewußt den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Bei einem veränderten Referenzrahmen jedoch, wenn der Druck im Kessel steigt, erscheinen solche Lösungen gar nicht mehr so abwegig. Schnell setzt die Gewöhnung und Erleichterung über diese endlich ergriffenen Maßnahmen ein. Und es werden sich ausreichend Journalisten sowie Intellektuelle finden, die dieses Vorgehen nicht mehr nur beschweigen, sondern explizit gutheißen werden.

 Natürlich sind diese Annahmen erst einmal spekulativer Natur, und der wohlmeinend Abwägende, für den Ruhe die erste Bürgerpflicht und Tugend ist, wird entgegnen, daß diese Szenarien und die daraus resultierenden Handlungsfolgen nicht zu beweisen seien und der Hypothesencharakter des Konstruktes (und auch des Buches von Welzer) doch sehr stark sei. Es werde hier zudem sehr Unverbundenes und Disparates wie der Genozid in Ruanda und der Holocuast zusammengebracht mit der Wahrnehmung von Südkalifornischen Fischern bezüglich der Überfischung des Pazifiks. Es mögen diese von Welzer geschilderten Zukunftsaussichten so sein oder auch nicht, wir wissen es eben nicht, was in der Zukunft geschieht, das ist vollkommen richtig. (Korrekt muß man sagen: die möglichen Aussichten, denn Welzer antizipiert nichts und stellt nichts als soziale Tatsache dar, was nur spekulativer Natur ist.) Daß aber Menschen auf Freiheitsrechte verzichten zugunsten von Sicherheit, kann man bereits an der gegenwärtigen Debatte über die Gesetze zur Bekämpfung von Terrorismus ablesen.

Solches läßt sich zunächst einmal ganz neutral konstatieren. Denn daß ein Staat Maßnahmen gegen terroristische Bedrohungen trifft, ist legitim, da es die Pflicht eines Staates ist, seine Bürger gegen Terrorismus zu schützen (siehe Teil 1 dieses Essays, am 30.3.). Zu Fragen bleibt aber dabei, was solche Maßnahmen für die Formen sozialen Zusammenlebens und für die Art, wie Gesellschaften Dinge zukünftig wahrnehmen und bewerten, bedeuten.

Es sollte nicht zu viel Vertrauen in die Stabilität von Werten sowie in Normalitäts- und Zivilisierungsstandards gelegt werden (S. 239). Denn mit der Zuspitzung von Problemlagen geht meist ein schleichender Wandel dieser Werte und der Gewichtung von Werten einher. Bestes Beispiel ist hier der Umgang mit persönlichen Daten, mithin das Recht auf informationelle Selbstbestimmung: Brach bereits Jahre vor der Volkszählung von 1987, die im Vergleich zum Umgang mit Daten in der heutigen Zeit harmlos zu nennen ist, noch ein Sturm der allgemeinen Entrüstung auch bei denjenigen aus, die nicht unbedingt „links“ zu nennen sind, so bleibt in unserer Zeit eine Reaktion aus angesichts des heutigen Umgangs mit persönlichen Daten im Zeitalter des Internet und der verstärkten Überwachung. (Siehe hierzu etwa die Ausführungen Welzers S. 234 – 238.) Anhand solcher Beispiele zeigt Welzer sehr gut auf, wie die Theorie der „shifting baselines“ funktioniert. Wir glauben, ganz dieselben geblieben zu sein und dennoch haben sich unser Referenzrahmen und unsere Wertmaßstäbe unmerklich ein Stück verschoben.

So kann man abschließend festhalten, daß dieses Buch viel erreichen möchte und zugleich mit der Adlerperspektive über die Dinge gleitet. Insofern ist es ein wissenschaftliches Buch, welches sich nicht nur an das wissenschaftlich gebildete Fachpublikum, sondern an eine breitere Allgemeinheit wendet. Verstehen kann dieses Buch beim Lesen jeder. Es wird nicht mit Begriffen herumgeschwurbelt und epigonaler Diskursklamauk betrieben (nichts gegen Derrida, Foucault, Deleuze, Barthe: dies ist eine ganz andere Liga als jene nachbetenden Signifikantenreiter. Hier weiß ich mich gewiß mit meinem Blogkollegen Hartmut einig, dem ich manche Anregungen aus seinem Blog „Kritik und Kunst“ verdanke.)

Klimawandel beschränkt sich nach Welzer nicht nur auf das Absterben von Wäldern (und damit einhergehender Bodenerosion), das Abschmelzen von Gletschern und auf andere meteorologische Phänomene, sondern es entwickeln sich daraus ganz eminente politische und soziale Folgen, die mit dem bloßen Blick auf diese klimatischen Ursachen noch lange nicht hinreichend erfaßt sind. (S. 110) Dies stellt Welzer vollkommen richtig heraus. Die Auseinandersetzung mit dem sozialen Folgen und eine politische Debatte stehen hier noch aus. Ich hatte dies im zweiten Teil des Essay bereits angesprochen. Ein sehr wichtiger Punkt stellt für mich dar, daß Welzer diese Probleme nicht individualisiert, wie dies von Politikern einer bestimmen Provenienz gerne getan wird. Es reicht nicht aus, auf bestimmte Produkte oder weite Flugreisen zu verzichten. Dies dient lediglich der Selbstberuhigung und ist naiv, wenn solches Verhalten nicht zugleich mit einer Reflexion auf umfassende Mechanismen begleitet ist. (Insofern ist eben kein Mensch von der Philosophie entbunden, sondern vielmehr zu ihr verpflichtet.)

Bei den im Buch angesprochenen Problemen geht es Welzer zudem nicht um monokausale Erklärungen für die neuen Klimakriege, da „Gewaltkonflikte (…) immer ein Produkt mehrerer paralleler und ungleichzeitiger Entwicklungen (sind)“ (S. 111). Das Niveau der Theorie muß hinreichend komplex sein, um das Feld zu erfassen.

Das Buch entwirft, dies muß man ganz hart sagen, Katastrophenszenarien, von denen man sich wünscht, daß sie nicht eintreffen mögen, so Welzer. Doch steht es zu vermuten an, daß diese Szenarien eintreffen werden, wenn der Schlaf der Vernunft anhält. Die Folgen des Klimawandels „werden nicht nur die Welt verändern und andere Verhältnisse etablieren, als man bislang kannte, sie werden auch das Ende der Aufklärung und ihrer Vorstellung von Freiheit sein. Aber es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat.“ (S. 17, Hervorh. von bersarin.)

Es wird Kriege gegeben haben: Es bleibt zu fragen, wie dieser Punkt aussieht, von dem aus wir, nachdem diese Kriege (vielleicht) einmal zu Ende sind, sagen werden, daß es Kriege gegeben hat, falls es sich nicht um zukünftige Kriege handelt, die, wie heute schon im Kongo, von verschiedenen Kriegsindustrien auf Dauer gestellt sind, um mit ihnen beständige Profite zu erzeugen.

Welzer hat jedoch mit seinem Buch eine Spur gelegt, der es zu folgen, und einen Rahmen gesetzt, den es mit der detaillierten Forschung auszufüllen gilt. Was nun ansteht, das ist die Kärnerarbeit der Geisteswissenschaften wie der Soziologie, der Politikwissenschaften und der Philosophie (aber auch der Jurisprudenz und der Rechtsphilosophie/-theorie) und den Naturwissenschaften, auf diese Anforderungen zu reagieren und konkrete Theorien auszuarbeiten. Wir werden uns der Fragen stellen müssen, wie eine Gesellschaft aussehen wird und aussehen kann, die etwa mit massiven zunehmenden weltweiten Flüchtlingsströmen umgehen muß.

Doch diese Theorien werden allesamt nichts nützen, wenn es damit einhergehend nicht auch eine Politik gibt, die dafür sorgt und es für absolut notwendig und dringlich erachtet, daß die Erkenntnisse aus solchen Theorien zugleich umgesetzt werden müssen. Denn es genügt nicht, um hier Marx’ 11. Feuerbachthese anzuzitiern, die Welt bloß zu interpretieren und in der Theorie die Problematik zu durchdringen, sondern diese Welt muß zugleich verändert werden. Es gilt, Praktiken zu entwickeln, ohne dabei aber die Möglichkeiten von Politik (utopistisch im schlechten Sinne) zu überfordern, denn leider ist der gleichzeitig auch ideologisch gebrauchte Satz nicht vollkommen falsch, daß Politik die Kunst des Möglichen sei, was aber nicht bedeutet, dabei den Möglichkeitssinn auszuschalten. Es geht also um ein Konzept der kleinen Schritte. (Hoffen wir nur, daß für diese noch die Zeit reicht.) Wie Veränderungen trotzdem möglich sein können, wenngleich nur langsam, hat die Entwicklung hinsichtlich des ökologischen Bewußtseins gezeigt. Heute haben auch die Parteien, die früher nicht gerade als Vorreiter ökologischer Themen bekannt waren, ökologische Themen im Programm. Diese sind, bei aller Oberflächlichkeit, doch Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses geworden. Dies hat jedoch eine lange Zeit gebraucht.

Daß sich Politik mittelfristig ändert, läßt sich für Welzer etwa über eine „Erhöhung der Kommunikations- und Teilhabechancen“ an Debatten und und Entscheidungen über zukunftsrelevante Fragen innerhalb einer Gesellschaft erreichen (S. 270). Denn eine Gesellschaft, „die größere Teilhabe und höheres Engagement erlaubt, ist besser in der Lage, dringende Probleme zu lösen, als eine, die ihre Mitglieder gleichgültig läßt.“ (S. 271) Es wird hier eine dritte Moderne gefordert, die bewußt die Strategie einer reflexiven Moderne einschlägt. Inwieweit dieses Konzept aber tragen mag und nicht bloß frommer Wunsch bleibt, dies sieht auch Welzer. Insofern gibt es noch ein zweites Kapitel „Was man tun kann und was nicht II“, das ein eher düsteres Szenario hinsichtlich der Zukunft bereithält. Der Hoffnungsraum ist hier klein wie die durch Hartz IV zugewiesenen Wohnungen.

So möchte ich zum Schluß die letzten Sätze dieses instruktiven und mehr als wichtigen Buches, das ich jedem zum Lesen empfehlen möchte, zitieren:

„Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben ­– als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.“ (S. 278)

Es ist dies eine bittere Aussicht. Doch werden wir uns ihr irgendwie stellen und uns vor allem aber zu ihr verhalten müssen.

Harald Welzers „Klimakriege“, Teil 2

 „Dunst ist die Welle
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder
Feuermann tanzet über die Felder!“
(Theodor Storm, Die Regentrude)

 

II. Der Schlaf der Theorie und Prognostisches

Es wird Kriege und Konflikte, Morde und Genozide geben, von denen wir heute noch nichts ahnen, und dies womöglich in Regionen, wo wir es eigentlich nicht für möglich gehalten haben. „Die mit der Erderwärmung einhergehenden Raum- und Ressourcenkonflikte werden in den nächsten Jahrzehnten fundamentale Auswirkungen auf die Gestalt der westlichen Gesellschaften haben …“ (S. 22). Daß solche Klimakatastrophen wie das Ansteigen der Meeresspiegel nicht nur in (teils instabilen) Dritt- oder Schwellenländern ein ungeheures und ungeahntes Konfliktpotential entfalten können, sondern auch in den hochentwickelten Ländern zu einem Umkippen der sozialen Ordnung und der Sicherungssysteme führen kann, dies hat – zumindest im Ansatz – die Überschwemmungskatastrophe von New Orleans gezeigt. (S. 112) Eine Katastrophen wie der Hurrricane „Katarina“ und die damit verbundenen Folgen für New Orleans weisen eine Richtung: So wurde durch die Zerstörung der Stadt und die Abwanderung von 250 000 Bewohnern durch diese Katastrophe nicht nur eine neue Sozialstruktur implementiert, sondern die Stadt hat zugleich eine neue politische Geographie erhalten (S. 42 f.). Insofern ist die Bezeichnung „Naturkatastrophen“, so Welzer völlig falsch: es handelt sich hier aufgrund der Vorkommnisse um soziale Katastrophen. (Zudem ist die Natur, so Welzer, kein Subjekt,, das handeln kann und es ist ihr egal, ob der Meeresspiegel ansteigt oder nicht und ob Tier- und Pflanzenarten aussterben oder sich weiterentwickeln.)

Auch ist der Krieg im Sudan, ich nannte diesen bereits im ersten Teil des Essays, für Welzer nur ein Vorspiel und ein Vorblick in die Zukunft. Wenn nun (zukünftige) Gewalt immer häufiger als probates Mittel der Auseinandersetzung erscheint und wenn Klimakriege und soziale Katastrophen deshalb unausweichlich werden, weil mit der zunehmenden Erderwärmung eine Veränderung der Lebensbedingungen einhergeht und Ressourcen wie Ackerland und Wasser knapp werden, dann stellt sich die Frage, worauf solche Thesen basieren. Denn leicht ist der Vorwurf in der Welt, daß hier lediglich Angstkommunikation erzeugt werden soll, daß es sich um einen überspannten Öko-Fundamentalismus handelt oder lediglich ein weiteres Modethema medial hochgekocht werden soll, so wie man es in den achtziger Jahren mit den Themen Waldsterben oder Smog tat. Man kann darüber lange streiten, wenngleich dieser Streit angesichts der Situation, in welcher wir uns befinden, relativ widersinnig ist.

Die Beispiele aus der jüngsten Geschichte, die Welzer anführt, zeigen jedoch, daß die Katastrophenszenarien nicht unbedingt herbeiphantasiert sein müssen. (Doch hierzu später mehr.) Und zugleich zeigt Welzers Buch, daß das Problem ein grundsätzliches ist. Es reicht nicht aus, auf eine Flugreise zu verzichten oder weniger Auto und mehr Fahrrad zu fahren. Es ist dies nur eine (falsche) Individualisierung des Problems; solche Änderungen individuellen Verhaltens gehen nicht an die Wurzeln heran und sind insofern unzureichend, weil sie im globalen Rahmen kaum etwas bewirken. Sie sind zwar löblich, dienen aber eher dem eigenen Gewissen. Und etwas zynisch kann man hinzufügen: sie dienen auch dazu, über das Grundproblem nicht weiter nachdenken zu müssen, und so stellt solches Verhalten oft auch eine Strategie der Kompensation dar, um es sich in einer Nische gemütlich und kuschelig zu machen und die anstrengenden Mühen des Nachdenkens sowie der Theorie zu umgehen.

Was die Klimafolgen betrifft, welche Naturereignisse und ökologischen Szenarien sich auf der Erde ereignen können, wenn die globale Temperatur um 2 ° Celsius ansteigt, so mögen dies die naturwissenschaftlich ausgebildeten Experten diskutieren. Es gibt hier genug Planspiele und Modelle, die den Klimawandel simulieren, und die Naturwissenschaften sind nicht nur mitten in einer Diskussion, sondern auch in ihren Theorien äußerst produktiv.

Bei den Sozial- und Kulturwissenschaften dagegen herrscht, so Welzer, ein eigentlich unangemessenes Schweigen, als ob sie diese Probleme nichts angingen und Phänomene wie „Gesellschaftszusammenbrüchen, Ressourcenkonflikten, Massenmigrationen, Sicherheitsgefährdungen, Angst, Radikalisierung, Krieges- und Gewaltökonomie“ (S. 45) nicht in ihrem Zuständigkeitbereich liegen.

Die Geisteswissenschaften, die Anstöße vermitteln könnten, insbesondere die Disziplin der Philosophie und Soziologie hüllen sich zu dem Thema der Gewaltfolgen und den Möglichkeiten von Konflikten in Schwiegen. So sagt Welzer in einem (überhaupt sehr lesenswerten) Interview auf SpOn:

„Das ist ja das Problem, dass die zuständigen Wissenschaften solche Entwicklungen in den letzten Jahren völlig verpennt haben. Die beschäftigen sich mit Diskursen und Metaproblemen, mit hochkomplexen Foucaultschen Theorien oder mit der Kulturgeschichte des Fahrstuhls. Sie bekommen aber nicht mit, wenn eine ganze Hemisphäre unterzugehen beginnt, so wie 1989 der Ostblock. Damals ist die Gesellschaftstheorie praktisch zum Erliegen gekommen.“

In solchen Sätzen steckt leider viel Wahrheit, und es ist ein Makel, aber zugleich auch eine Herausforderung für die Theorie. Denn die Geisteswissenschaften haben, anders als die Naturwissenschaften, im Hinblick auf die Klimafolgen noch keine Konzepte in bezug auf die daraus resultierenden Konflikte. Welzer versucht nun, auf diesem Terrain mit seinem Buch „Klimakriege“ Abhilfe zu schaffen, zumindest jedoch heuristische Mittel bereitzustellen und ein Bewußtsein für diese Probleme zu vermitteln.

Ein klein wenig jedoch muß man die Geisteswissenschaften und die ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten in Schutz nehmen: Sie sind nicht gut für Prognostisches angelegt und eignen sich kaum für den Blick in die Zukunft. Dies weiß natürlich auch Welzer. Doch etwas Substantielles liefern die Geisteswissenschaften in der Regel erst post festum. Die Soziologie kann deviantes Verhalten von Crash-Kids oder die plötzliche Zunahme von Suiziden bei Jugendlichen im nachhinein gut erklären, aber nicht vorhersagen, wann es wieder einmal so weit ist, daß diese Phänomene signifikant auftreten. Sehr gut kann man die Strukturen sowie die Verhaltens- und Rationalisierungsmuster von Tätern etwa während der NS-Zeit untersuchen (Welzer hat dies in seinen Büchern ausgiebig getan), schwierig jedoch ist es, zu sagen, wann solches zukünftig wieder einmal geschehen wird. Erst im zeitlichen Verzug setzt dann die Analyse ein, und so wußte schon Hegel in den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, daß die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt, wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt und eine Gestalt des Lebens alt geworden ist.

Bezüglich dieses prognostischen Aspektes liegt insofern ein grundsätzliches Problem vor. Selbst eine Wissenschaft wie die Ökonomie, die zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften angesiedelt ist und die sich mathematischer Modelle wie der Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung bedient, kann nur schwer die Folgen vorhersagen, die sich aus einem bestimmtem wirtschaftlichen Handeln ergeben könnten. Es ist dieses Schweigen im Grunde Ausdruck methodischer Hilflosigkeit.

Doch trotz dieser Schwierigkeit sollte es nicht unversucht gelassen werden, den Rahmen der Geisteswissenschaften auszuweiten und zu ändern, denn hinsichtlich der Gewaltfolgen, die sich sich aus den Klimafolgen heraus ergeben, hat Welzer in seinem Buch einige handfeste Argumente und Beispiele zur Hand, um unsere Normalitätserwartungen, daß alles so bleiben möge wie es ist, und unsere Blindheiten zu erschüttern: Und man kann es nicht oft genug, litaneiartig fast, wiederholen und sagen und warnen:

Es gibt für Europa und den nordamerikanischen Kontinent kein Grundrecht darauf, in kriegsfreien Zeiten zu leben, und es ist die keine unumstößliche Gesetzlichkeit, daß für uns Frieden und (weitgehend) demokratische Verhältnisse herrschen.

Diese letzten 64 Jahre im westlichen Europa und Noramerika sind eine sehr besondere Epoche. Für uns ist sie Normalität. Im Blick der Geschichte, welche über Jahrtausende reicht, wird diese Epoche einst eine winzige Fußnote gewesen sein.

Welzer versucht, in seinem Buch einen gangbaren Weg zu finden; so geht es ihm nicht einfach darum, „eine Untersuchung über zukünftige Kriege und Gewaltkonflikte rein prognostisch anlegen zu wollen, weil sich soziale Prozesse nicht linear entwickeln – man kann heute nicht wissen, welche Wanderungen das Auftauender Permafrostböden in Sibirien in Gang setzten wird …“ (S. 15) Vielmehr beruhen die (möglichen) Zukunftsszenarien, die öffentliche Beunruhigung hervorrufen werden, auf Daten und Forschungsergebnissen über Geschehnisse aus der Vergangenheit (S. 16). Es wird also von Bekanntem auf Unbekanntes geschlossen und hochgerechnet, wodurch die Geisteswissenschaften ein methodisches Sensorium für Veränderungen entwickeln könnten. Wieweit ein solches Vorgehen wissenschaftstheoretisch legitim ist, müßte man in einer Kritik vielleicht gesondert beurteilen. Ich vermute jedoch, daß hier einige Schwierigkeiten liegen, die es verhindern, eine Theorie argumentativ „wasserdicht“ zu machen.

Was man den Sozial- und Kulturwissenschaften jedoch zumuten kann, ohne daß sie sich dabei auf ein prognostisches Terrain begeben müßten, ist, daß sie Theorien und Strategien zu entwickeln haben, wie etwa mit den Folgen von sozialen Katastrophen als Effekte des Klimawandels, wie mit Gesellschaftszusammenbrüchen oder failed states umzugehen sei. Zudem sind diese Dinge nicht rein theoretische Probleme, die im abstrakten Raum schweben und deren Lösung ästhetischer Selbstzweck ist, sondern sie sind eminent praktischer Natur, weil, etwas pathetisch gesprochen, von ihnen unsere Zukunft abhängt; insofern erfordern diese Probleme dringend Lösungen.

 

III. Sozial sinnhaftes Handeln

Für Welzer ist es absolut notwendig, aufzuzeigen, was  soziale Katastrophen für eine Theorie der Gesellschaft tatsächlich bedeuten (S. 35). Denn hier liegt ein eklatanes Mißverhältnis vor zwischen den Katastrophen, die sich im 20. Jahrhundert ereigneten, und den Theoriebildungen, die sich sich daraus ergeben haben. Geschichtstheorie und politische Theorie haben bisher, so Welzer, kaum Theoriekonzepte entwickelt, und die wenigen Denker, die sich mit dem Verhältnis von sozialen Katastrophen und Gesellschaftstheorie befaßten, sind rar. „Dabei haben gerade die sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in aller Deutlichkeit gezeigt, dass ethnische Säuberungen und Völkermorde keine Abweichung vom Pfad der Moderne darstellen, sondern als soziale Möglichkeiten mit modernen Gesellschaftsentwicklungen erst entstehen.“ (S. 35)

Solche Katastrophen sind nicht das ganz Andere der Moderne, ihr perverser Alp oder der „Zivilisationsbruch“ und „Rückfall in die Barbarei“ – Welzer zitiert hier Dan Dinners gleichnamiges Buch und aus Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ -, sondern sie sind integraler Bestandteil der Moderne, was ja bereits Adorno/Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ ausgiebig untersucht haben. Diese fatale Dialektik der Moderne muß man in den Blick bekommen, wenn man begreifen will, welche (verhängisvollen) Möglichkeiten in der Zukunft lauern.

Welzers Analyserüstzeug, um mit diesen Problemen und Anforderungen umzugehen, ist die Sozialpsychologie und die Soziologie. Und so ist ein zweiter Grundgedanke Welzers aus einer Theorie der Handlungsrationalität bzw. der Sinngebung von Handlungen abgeleitet: nämlich das Phänomen, daß es Menschen immer wieder gelingt(Völker-)Mord und Moral in eine für Außenstehende verblüffende Übereinstimmung zu bringen, ohne daß ein Rest an Scham oder Schuldgefühl bei den Tätern vorhanden wäre. Gründlich räumt Welzer dabei mit dem Vorurteil auf, daß solches kollektives Morden aus Aggression und in bestimmten Epochen auftretenden Bluträuschen geschähe und eine anthropologische, wenngleich irrationale  Konstante sei. Welzer geht es vielmehr darum, die „Herstellung sinnhafter Referenzen“ (S. 38) beim Töten zu untersuchen, die dem Genozid immanente Rationalität aufzuzeigen und dabei festzuhalten, daß Gewalt historisch und sozial spezifische Formen hat und in ebenso spezifischen Kontexten der Sinngebung stattfindet (S. 39). Diese „spezifischen Kontexte der Sinngebung“ arbeitet Welzer etwa an den Bespielen des Genozids in Ruanda oder dem Holocaust heraus. Welzer steht hier ganz in der Tradition einer Max Weberschen Soziologie, wie dieser sie in den „Soziologischen Grundbegriffen“ formuliert: 

„§ 1. Soziologie (…) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ¸Handeln´ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ¸Soziales´ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“

Es geht auch bei solch sozialen (abartigen) Prozessen wie einem Genozid durchaus um den, nach Weber, mit solchen Handlungen verbundenen subjektiven Sinn, den sich die Handelnden stiften. Insofern heißt dieses Kapitel bei Welzer völlig folgerichtig „Töten macht Sinn“. Dies mag zunächst widersinnig klingen, doch wenn man sich Welzers Untersuchungen genauer ansieht und sich mit dem Gebiet der Gewaltforschung befaßt, wird man schnell gewahr werden, daß die Täter nicht außerirdisch böse Monstren sind, sondern oftmals der nette, fette Opa oder Vater von nebenan, die ihre Handlungen in einen für sie selber und ihre Angehörigen kohärenten Referenzrahmen einbinden können. Dies eben macht ja auch die Schwierigkeit aus, zu begreifen, was geschehen ist und was noch wird geschehen können. Daß eben beunruhigt so: es ist nicht, wie es uns mancher Film darstellt, der schon äußerlich kalte und extrem böse amoralische SS-Mann, der mit den Wassern des Nietzscheismus gewaschen ist und einen Schäferhund als beständigen Begleiter hat, sondern es sind Menschen, die mitten unter uns weilen und die neben ihrer Arbeit in Polen bei den Polizeibataillonen ansonsten zu Hause treusorgende Familienväter sind.

Nicht ganz zuzustimmen ist dabei Welzers These, daß die gesellschaftswissenschaftlichen Deutungsintrumente nicht geeicht sind partikulare Sinnsysteme wie etwa ein Konzentrationslager zu erfassen, die zwar nach außen hin sinnlos erscheinen, aber in ihrer Binnenlogik in Sinnsysteme eingebunden sind, weil diese Deutungsinstrumente an rationalen Handlungsmodellen orientiert sind (siehe S. 36). Webers Soziologie etwa geht es eben um jenen „subjektiv gemeinten Sinn“, den er ganz klar von einem objektiven Sinn scheidet. (Siehe hierzu etwa „Wirtschaft und Gesellschaft“ S. 1 f.) Insofern ließe sich gerade mit Webers Konzept bestens soziales Handeln in verschiedensten Gesellschaftsformationen untersuchen und Totalitarismusforschung betrieben, insbesondere auch vermittels seiner Herrschaftssoziologie (man denke nur an seine Ausführungen zur „Charismatischen Herrschaft“).

Aber auch Adorno/Horkheimer haben, nicht nur in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, die die Herrschafts- und Verfallsgeschichte von Subjekt und Subjektivität beschreibt, auf der Makroperspektive einiges geleistet. Und diese Liste läßt sich um einige Namen ergänzen, ob man nun so unterschiedliche Bücher wie Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ nimmt, Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“, Richard Sennets „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ oder „Der flexible Mensch“. Natürlich haben alle diese Autoren sich nicht mit dem von Welzer skizzierten Problemzusammenhängen auseinander gesetzt, weil diese Probleme relativ neu sind, doch liegen hier Arbeiten vor, an die die Forschung und mithin die Geisteswissenschaften anknüpfen und die sie für ihre Theorien fruchtbar machen können.

Das Schweigen der Theorie, das Welzer zu recht beklagt, ist darin gegründet, daß den Geisteswissenschaften (spätestens seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts)  systematisch jede Form kritischer Theorie ausgetrieben wurde. Sie fristet ein Nischendasein.

Im dritten und letzten Teil des Essays werde ich auf Welzers Theorie der shifting baselines eingehen und dann eine abschließende Bewertung zu Welzers Buch geben.

Zu Harald Welzers „Klimakriege“ ­– Klimakatastrophe oder Angstkommunikation? (Teil 1)

Es wird Krieg gegeben haben Oder: Die zukünftige Konjunktur des Futurum exaktum

I. Vorbemerkungen

Nein, zu warm war dieser Winter diesmal nicht. Nein, Stürme gab es das letzte Jahr auch nicht so viele wie die Jahre zuvor, und die Niederschlagsmenge, die im März fiel, war im Großraum Brandburg-Berlin ganz in Ordnung. Der Bauer kann nicht klagen. „Wenn es doch nur im Sommer nicht wieder so trocken wird, Frau Heinze.“ „Na wat denn, Frau Kruptschek, wenn sie in meinem Urlaub wieder mal nicht richtig meine Balkonpflanzen jießen und nur dit trockene Jestrüppzeuch zurückbleibt, dann kann dit ja och nüscht werden. Schiebmse dit man nich auf die Hitze.“

So richtig merken wir bei uns noch nichts von den beständig angekündigten klimatischen Veränderungen. Und Nachrichten senden ihre Berichte nur spärlich aus den Regionen, die weit entfernt liegen und wo sich (mögliche) Klimakatastrophen abspielen. Allenfalls Vorboten und Zeichen zeigen sich. Der mediale Diskurs ist momentan auf anderes gepolt. Wie sagte es einst Karl Valentin: Wie passend ist es doch eingerichtet, daß in der Zeitung immer genau das drinsteht, was in der Welt so passiert.

Wenn man aber einmal vom Modischen der Themen und des Diskurses absieht, so erschien letztes Jahr ein Buch, welches aus der Vielfalt an Stimmen und Stimmungen herausragte, weil es unaufgeregt und sachlich Wesentliches zu sagen hat und den Anstoß für eine noch völlig ausstehende Debatte in den Geisteswissenschaften gibt, und zwar insbesondere in den Politik- und Sozialwissenschaften, aber auch der Philosophie, was etwa (universalistische) Gerechtigkeitstheorien betrifft. Doch dazu später mehr. Zudem liefert dieses Buch vielfältige Argumente dafür, weshalb bei dem Thema des Klimas Natur- und Kulturwissenschaften zusammenarbeiten sollten und müssen. Das Klima, welches man für gewöhnlich als naturwissenschaftliches Phänomen betrachtet, hat eminente soziale Folgen und wird, wenn es sich verändert, Gesellschaften radikal umpolen, so eine der Grundthesen des Buches. Auf die (möglichen) Konsequenzen möchte das Buch von Welzer einen Blick werfen.

Es sei auch gleich vorweg gesagt: Es handelt sich hier um ein bemerkenswertes und fundiertes Buch, welches ein heuristisches Werkzeug abzugeben hat für weitere ausstehende Forschungen der Politik- und Sozialwissenschaften. Es werden hier Standards gesetzt, die nicht mehr unterschritten werden können, wenn es um die argumentativen Zusammenhänge und die Vorgaben, wie zu forschen sei, geht.

Dabei ist es vollkommen nebensächlich, ob es sich bei diesem zunehmenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur nun um einen anthropogenen, also um einen durch Menschen gemachten Effekt handelt oder ob die Klimaschwankungen auf natürliche Weise verursacht sind, so Welzer. Die Debatte darüber ist ein Scheinproblem und wird auf dem Gefechtsplatz der Nebensächlichkeiten ausgetragen. Denn die in diesem Buch beschriebenen sozialen Folgeprobleme werden so oder so auftauchen. Und deshalb ist eines sicher: Es wird Krieg gegeben haben. Allerdings muß man hinzufügen, daß diejenigen, welche eine anthropogene Verursachung der steigenden globalen Temperatur leugnen, zunehmend weniger werden. Sinnvoll ist es insofern schon, davon auszugehen, daß diese Probleme durch Menschen, insbesondere in der Vergangenheit durch die Industrienationen verursacht wurden.

Eine zusätzliche Ungerechtigkeit (und eine Fortsetzung unseres kolonialen Erbes) ist es, daß dabei, diejenigen Länder, die am meisten zu den Emissionen beitragen, in der Regel den geringsten Direktschaden davontragen bzw diesen sehr viel besser abfedern können, wenn etwa Überschwemmungen oder Waldbrände auftreten, während umgekehrt die ärmsten Länder kaum zu Emissionen beitragen, aber dennoch am meisten unter den Folgen zu Leiden haben. (S. 10)

Welzers Buches setzt als Hauptthese einen direkten Zusammenhang von Klimawandel und neuen Kriegen1 an und will sich mit der zentralen Frage beschäftigen, wie Klima und Gewalt zusammenhängen (S. 14). Denn häufig werden uns Kriege, Auseinandersetzungen und Konfliktherde in anderen Teilen der Welt unkritisch als etwas dargestellt, was sie gar nicht sind. Systematisch findet in vielen Medien eine Verschleierung und ein Verschweigen von Ursachen statt. So wie etwa die Schiffsentführungen in den Gewässer am Horn von Afrika bzw. vor Somalia unkritisch als kriminelle Akte organisierter Banden dargestellt werden. Selten wird auch der Grund hierfür erwähnt. Denn tatsächlich handelt es sich bei den Entführern teils um Fischer, deren Fanggründe von ausländischen Fischflotten leergefischt wurden. Diesen Menschen wurde, mit anderen Worten, ihre Lebensgrundlage entzogen. So haben sie sich – ganz kapitalistisch – auf eine lukrative andere Tätigkeit verlegt,woraus dann – auch ganz kapitalistisch angegangen – gleich ein ganzer Wirtschaftszweig wurde. Oder ein Krieg wie im Sudan wird uns als Auseinandersetzungen von Ethnien oder von religiösen Gruppierungen nahegebracht. Es handelt sich bei diesem Konflikt/Krieg in Darfur aber nicht, wie die Medien vielfach glauben machen wollen, um einen Konflikt von verschiedenen Ethnien (dies ist nämlich nur ein sekundärer Aspekt), sondern aufgrund der Versteppung und der Ausbreitung der Südsahara im Westsudan geht es um den Zugang zu Ressourcen wie Land und Wasser. Dieser Konflikt, welcher das Resultat klimatischer Veränderungen ist, gibt ein pars pro toto ab, denn: „Der Blick in den Sudan ist ein Blick in die Zukunft“, schreibt Welzer (S. 25).

Es werden die Welt noch viele solcher Kriege erwarten, erst recht dann, wenn der Druck im Kessel steigt und Ressourcenknappheiten nicht mehr am Verhandlungstisch gelöst werden können, weil kaum noch Ressourcen vorhanden sind. „Gewalt findet unter Handlungsdruck statt und fordert Erfolge. Bleiben diese aus, werden neue Gewaltmittel ersonnen, die immer wieder angewendet werden, wenn sie sich als effizient erwiesen haben. Und Gewalt ist innovativ, sie schafft neue Mittel und Verhältnisse.“ (S. 12) Diese ganz wesentlichen Ausführungen Welzers zum Gewaltdiskurs pointieren eine Entwicklung, die uns erwarten kann und deren Folgen für uns noch unabsehbar sind.

Mit den zunehmenden Konflikten kann weiterhin eine Veränderung einhergehen, die für uns wohlstands- und demokratieverwöhnte Europabewohner nur schwer vorstellbar und erträglich ist: daß nämlich aus der Sicht eines Historikers des 22. Jahrhunderts „das ganze westliche Gesellschaftsmodell mit all seinen Errungenschaften von Demokratie, Freiheitsrechten, Liberalität, Kunst und Kultur …“ (S. 13) nur noch als deplaziert erscheint, ein seltsames, gestrandetes Relikt aus grauer Vorzeit: Es wird Demokratie gegeben haben. Dies sei schwer vorstellbar? Nein, das ist es leider nicht.

Demokratie in der westlichen Welt ist nicht durch ein unverrückbares Naturgesetz garantiert und verbrieft. Und die Annahme ist irrig, daß Demokratie, nur weil sie schon so lange da ist, wohl nicht so schnell verschwinden wird. Ihr Verschwinden kann schneller gehen, als wir es denken können. Denn anhand der Theorie von sich verschiebenden Referenzrahmen und shifting baselines zeigt Welzer an zahlreichen Beispielen sehr eindringlich, wie sich Wert- und Moralvorstellungen unmerklich verschieben können, ohne daß die Bewohner einer System- und Lebenswelt dies überhaupt wahrnehmen. Nicht nur die Klimawirkungen durch die „schrankenlose Vernutzung fossiler Energie“ erzeugen Unwägbarkeiten in der Entwicklung, sondern auch die „Grenzen des Wachstums“ bringen das westliche Modell an seine Grenzen. Es entstehen Konsequenzen, mit denen keiner gerechnet hat.

Es ist dazu nicht einmal der große böse Unbekannte von außen nötig, um diese Abschaffung zu leisten. Die Teilnehmer einer Gesellschaft betreiben dies vielfach selbst und betrachten die Verschiebungen als selbstverständlich. Worum es sich hierbei handelt, sind Prozesse, die sich einerseits intrinsisch abspielen und andererseits einem kollektiven Impuls folgen. Harald Welzer ist nicht umsonst Sozialpsychologe, und er schildert diese Prozesse, die zu einer Veränderung von Wahrnehmung führen, sehr präzise. Als Beispiel für solche unmerklichen Verschiebungen sei hier nur im Zusammenhang mit dem 11.September 2001 der Verzicht auf Freiheitsrechte zugunsten von Sicherheit genannt. Wir haben uns schleichend an Dinge gewöhnt, gegen die mancher vor 20 Jahren mit Vehemenz protestiert hätte.
 

Zwischenspiel Terrorismus: „Keep on Rockin’
in a Free World“ 

Nebenbei bemerkt: es geht hier nicht darum, gegen einen (durchaus existenten) Terrorismus (dieser ist kein Simulacrum, die Türme sind, unabhängig von der medialen Inszenierung und Vernutzung, durchaus real eingestürzt, und [islamischer] Terrorismus ist auch nicht das Resultat und Konstrukt einer jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung) sich wehrlos zu zeigen. Im Gegenteil: Ein Staat steht in der absoluten politischen Pflicht, seine Bürger so weit wie möglich und auch bestmöglich zu schützen. Die Frage ist nur, wie dies geschieht und wie sich hierbei Wahrnehmungsmuster ändern und Dinge aufgrund einer Güterabwägung aufgegeben werden, die vorher als erstrebenswert erschienen. Der Terrorismus und der Anti-Terror-Kampf haben den Blick verändert.

Doch hinsichtlich dessen,wie sich die Spirale der Gewalt weiter hochschrauben wird, können sich westliche Gesellschaften einer Sache gewiß sein, und diejenigen, die im Umgang mit den Systemen der Überwachung und dem Einsickern dieser Systeme in unsere Gesellschaft als Selbstverständlichkeiten – teils zu recht – das allerschlimmste befürchten, ohne dabei die Dialektik von Notwendigkeit, Demokratieverlust und Möglichkeiten der Bewahrung von Demokratie in den Blick zu bekommen: ihnen sei gesagt: Diese (radikal-islamischen) Kräfte, die absolut zu bekämpfen sind, werden keine einzige Regung, keinen Aspekt unserer Lebens und unsres Systems dulden. Die, denen unsere tolerante Gleichgültigkeit, unser analytisches Verständnis, unsere desinteressierte Toleranz gilt, warten vielleicht nicht unbedingt darauf, aber sie werden keine sich bietende Gelegenheit ungenutzt lassen.

Wer „die“ sind? Der politische Islam, aber auch weitgehend säkulare arabische Staaten wie Syrien und der (damalige) Irak sowie die palästinensischen Autonomiegebiete haben jene Menschen mobilisiert: Die Bilder der Jubelnden und Feiernden aus den arabischen und persischen Großräumen, die gezeigt wurden, als jene Türme im September einstürzten, sind eben keine Ausnahme, wie manche es darstellen wollen. Auch die Kundgebungen in Ländern, in denen ansonsten keine Demonstration erlaubt ist, zum damaligen Karikaturenstreit zeigen ein leicht zu mobilisierendes Potential; und sie zeigen zudem, wie schnell und blitzartig Themen, die in westlichen Medien verhandelt werden, umgepolt und benutzt werden können, um Konflikte zu erzeugen, und zugunsten eines Gewaltdiskurses umgelabelt werden. Diese instrumentell mobilisierten Massen meinen es nicht nur ernst, sondern machen es auch, wenn es sein muß und man sie läßt. (Es muß aber gar nicht einmal so weit aus Europa heraus gegangen werden, sondern es reicht die teilnehmende Beobachtung bei einer palästinensische Anti-Israel-Demonstration in Berlin oder Paris, um die Potentiale an Haß zu sehen, die sich leicht instrumentalisieren lassen.)

Daß ihr Haß Gründe hat und die andere (düstere) Seite der westlichen Moderne ist und mit dem kolonialen Erbe zusammenhängt, das wir mit uns tragen, sei geschenkt. Wir werden diese Gründe so schnell weder aufklären noch beseitigen können. Die Carl Schmittsche Freund/Feind-Unterscheidung, die von jenen islamischen (politischen) Kräfte gezielt benutzt wird und die der politischen Linken Anathema ist, obgleich sie selber damit implizit und ungewußt beständig operiert, spiegelt sich automatisch zurück und muß zwangsläufig zum symmetrischen Bestandteil westlicher Handlungsrationalität werden. Hierin liegt das aufschaukelnde Element solcher Konflikte, selbst dann, wenn man versucht, ihnen pragmatisch zu begegnen. Diese Aporie stellt auch Welzer korrekt heraus, so daß Gewalt zunehmend als (selbstverständliche) Lösungsmöglichkeit von Problemen fungiert. Doch wird sich seine Sichtweise vermutlich von einem strategischen-politischen Blick, welcher sich mit der Terrorismusforschung und -bekämpfung beschäftigt, unterscheiden, da es Welzer um Lösungen gehen wird, die konfliktvermeidend sind.

Insofern ist hier auch – am Rande gesagt – der Ansatz, der bei der Ausstellung „Embbeded Art“ (in der Berliner Akademie der Künste) gewählt wurde, zu kritisieren. Er simplifiziert in seinen Thematisierungen des Überwachungs- und Strafdiskurses die Problematik dieser Techniken. Die meisten der Werke sind (politisch-philosophisch gesehen) unterkomplex. Und darin gerade besteht ja die Schwierigkeit zwischen Scylla und Charybdis hinduchzusegeln und jene Dialektik ausbalanciert zu bekommen: Eine (gewollte?) schleichende Erodierung von Freiheitsrechten, die zu einem unmerklichen Abgleiten ins Totalitäre führt (als erodierende europäische Demokratie sei hier Italien paradigmatisch genannt), zu vermeiden und gleichzeitig einer terroristischen Bedrohung zu begegnen, die es gleichfalls darauf anlegt, Modelle von Demokratie (auch sozialistischer Demokratie!) insgesamt in den Orkus zu jagen vermittels Selbstmordattentätern, auf die im Paradies dann 72 Jungfrauen warten, was für viele Männer eine lockende Versuchung darstellen mag. (Und diese Denkmuster sind nicht von einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ angefressen, was sich – zunächst einmal – als Handlungsvorteil erweist.)

Zu recht erwähnt Welzer hier, daß das Selbstmordattentat im Diskurs der arabischen Welt eine Neuerung darstellt, die es vor zwanzig Jahren in diesem Extrem noch nicht gab und an die sich die Bewohner dieser System- und Lebenswelt gewöhnt haben. Auch eine Form der shifting baselines. Die betroffenen Familien haben für diesen Tod Weisen der Rationalisierung gefunden. Neben dem Geld und dem gestiegenen Sozialprestige für die Familie wird, so Welzer, die Todesnachricht über das Ableben des Selbstmordattentäters (Welzer nennt diese zu recht „menschliche Bomben“) nicht bei den Todesanzeigen, sondern unter der Rubrik Hochzeitsanzeigen verbreitet. So haben in der arabischen Welt menschliche Bomben die Flugzeugentführung sowie das klassische Sprengstoffattentat (als Gewaltdiskurs der siebziger und achtziger Jahren) abgelöst, ohne daß dieser Paradigmenwechsel groß in den Blick gerückt ist. Und auch der Westen hat seine Reaktionsmuster angepaßt und an dieser neuen Form von Terrorismus ausgerichtet. Dazu gehört auch die Erzeugung von Angstdiskursen durch (konstruierte) Bedrohungsszenarien. Diesen Punkt zu konstatieren, heißt wiederum und im Umkehrschluß nicht, daß alles an Terror staatlich inszeniertes Simulacrum ist. Terroristische Bedrohung ist real. Es gibt Terrorismus.

 Ich werde mich in nächsten Essay weiter mit Welzers Buch beschäftigen und eine Darstellung und Analyse geben. Ich bitte diesen kleinen Exkurs zum Terrorismus zu entschuldigen, aber er stand bezüglich der Ausstellung „Embedded Art“ noch aus.

 

(1) Dabei sei es in diesem Zusammenhang erst einmal in der Diskussion hintenangestellt, ob die Unterscheidung zwischen neuen und alten Kriegen, wie sie etwa Mary Kaldor in ihrem Buch „Neue und alte Kriege“ und Herfried Münkler in seinem interessanten Buch „Die neuen Kriege“ ansetzen, triftig ist oder nicht. Ich werde wohl demnächst noch einiges zu den Begriffen Krieg und Gewalt veröffentlichen. Es ist dies aber ein Themenblock für sich, den ich nicht auch noch und zusätzlich in den umfagngreichen Welzer-Essay mit aufnehmen möchte.

 

Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Fischer Verlag, 19,90 EUR, 336 Seiten, ISBN 978-3-10-089433-5

Für ein Sachbuch im allgemeinen Wissenschaftsbereich hat dieses Buch ein sehr hervorragendes Register (ausführliches Sachwort- und Personenverzeichnis) und vor allem ein gutes Literaturverzeichnis. Dies ist leider bei vielen Büchern nicht selbstverständlich. Lediglich die Gliederung der Kapitel ist zu rügen, weil sie unzureichend strukturiert ist. (Man hätte besser in der Form I., 1. a) usw. strukturiert.)

Franz Kafka – Ein Leben wird besichtigt

Zu Rainer Stachs grandioser Kafka-Biographie.

Eine fulminante Biographie über Kafka liegt seit einiger Zeit vor, die – erstaunlicherweise – weder von der ewigen Kafka-Witwe Wagenbach noch vom braven Kärner Binder geschrieben wurde. Und es sei sogleich und dazu vorneweg gesagt: Man braucht einige Ausdauer und, um im Kafka-Bilde zu bleiben, man muß ein guter Schwimmer sein, damit Leserin und Leser diese Fülle an Material, die Rainer Stach ausbreitet, bewältigen können. Fast 1500 Seiten Leben wollen durchschritten bzw. durchlesen werden, wobei die Jahre bis 1910 noch ausstehen. Insofern ist es nicht einmal eine  komplette Biographie.

Der erste Teil behandelt die Zeit von 1910 bis 1915, in der Mitte dieses Jahres, fast schon abrupt, abbrechend, was aber aus der Methode Stachs heraus nur vollkommen konsistent ist, und heißt im Untertitel die „Jahre der Entscheidungen“; der zweite Teil („Die Jahre der Erkenntnis“) umfaßt die Zeit von 1915 bis 1924. Ein dritter Teil der Biographie wird dann den Anfang enthalten.

Eine ganze Menge Text also für einen Schriftsteller, der nicht einmal 41 Jahre alt wurde, der zu Lebzeiten zwar ganz gut bekannt, aber keineswegs berühmt war und dessen Leben, gemessen an dem anderer Schriftsteller, doch relativ ereignisarm verlief; es fand quasi weniger im Außenraum als vielmehr in einem Innenraum statt. Solche Innenräume biographisch auszuleuchten, ist nicht ganz einfach. Stach geht auf die methodischen Aspekte in einem Vorwort ausführlich ein. Weshalb darin auch der Grund liegen mag, daß Stachs Biographie eine Lücke ausfüllt, in die man schon lange hätte stoßen können, denn eine wirklich großangelegte Kafka-Biographie hat es im deutschsprachigen Raume bisher so nicht gegeben. Nicht eine einzige. Verwunderlich eigentlich, wenn man bedenkt, daß in der Forschungsliteratur die Bibliotheken voll sind von Kafkadeutungen,  Monographien und Interpretationen zu seinem Werk.

Zuvor aber sei eine grundsätzliche Frage gestellt, nämlich die nach dem Wert von Biographien. Was nützt es, was soll das: diese gegenwärtig grasierende Mode, diese Sucht nach Biographien, nach Biographischem? Weshalb dieses Herumwühlen und -schnüffeln in fremdem, ausgelebtem Leben, wieso dieses Einverleiben fremden Lebens? Zur Aufklärung über die Struktur des Textes und seiner Bewegungsgesetze trägt eine Biographie nur bedingt etwas bei. Und so drängt sich einem Literaturwissenschaftler, der eher zum werkimmanenten Vorgehen neigt, die Frage auf, ob eine Biographie überhaupt einen Mehrwert erzeugt, der einen brauchbaren Schlüssel zum Werk liefert. Die Biographie ist insofern ein wenig das Schmuddelkind der (nicht-positivistisch vorgehenden) Literaturwissenschaft, wenn es um die immanente Deutung oder die Strukturanalyse geht, und ist eigentlich perhorresziert. Und auch mir ist es eher suspekt, Motive und Stoffe in einem Text auf die Biographie des Autors zurückzuführen: Was wäre das Ergebnis, welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, wenn es tatsächlich eine Kausalität gäbe? Eigentlich gar keine. Das Werk gerät dann zur bloßen Tautologie und ist dadurch nichts weiter als eine Verdoppelung der Realität. (Spiegelungen haben uns allenfalls früher einmal bei Lacan interessiert.)

Es lassen sich aus der Logik der Sache und des Immanenzzusammenhangs eines Textes heraus  viele gute Gründe finden, die gegen die Mode des Biographischen sprechen. Allein das Schlagwort vom „Tode des Autors“ muß einen erschaudern lassen, so daß einer besser die Finger von solchen (subjektiven) Zuschreibungen und damit am besten auch von Biographien läßt. Dennoch lesen wir sie, diese Biographien; manchmal sogar ganz lustvoll. Sind sie doch als Hilfsmittel gerne gesehen und geeignet, um den sozialen sowie den geschichtlichen Kontext, in dem ein Werk steht, freizulegen, einen Blick in die Epoche zu werfen, in der das Oeuvre eines Schriftstellers seinen Ort und Fixpunkt findet. Es soll hier aber gar nicht so sehr um die Funktion des Autors, seine Stellung im Diskurs gehen und um all die Problematisierungen, die sich hinsichtlich der Frage nach dem Biographischen stellen, sondern um den Autor selbst. Weshalb – für einen Moment vielleicht – alle die Einwände und Problematisierungen, die mit dem Subjekt und damit dem Autor zusammenhängen, beiseite gelassen werden sollen. (Es kann dies an anderer Stelle im Zusammenhang etwa mit Foucaults Text „Was ist ein Autor?“ geschehen.) Es wäre hier die Biographie als selbständige Kategorie und literarische Gattung, die mit eigenständigen ästhetischen Mitteln arbeitet, im literarischen Produktionsprozeß zu bewerten und zu betrachten. Stach selbst setzt in seinem Vorwort diesbezüglich hohe Maßstäbe an.

Interessant an Stachs Biographie ist, daß sie einen Kafka zeigt, der aus den gängigen Klischees herausfällt: es ist nicht nur der Einsame, nicht nur jener, der sich gegen seinen Vater nicht wehrt, der schutzlos der Arbeiter- und Unfallversicherung Ausgelieferte, einer Anstalt, die für ihn nichts als ein Hemmnis in seinem Leben als Schriftsteller darstellt: wir lernen hier einen ganz anderen Kafka kennen, nämlich einen, der gegenüber seinen Vorgesetzten durchaus seine Interessen durchzusetzen weiß. Einen Kafka, der nicht nur unter der Erwerbsarbeit im Büro leidet, sondern ihr auch etwas abgewinnen kann, ja, der sie sogar teils als Therapie für sein Leben betrachtet. Vor allem aber sehen wir einen Kafka, der von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt (und gebraucht) wird. Dies ändert sich nicht, als nach 1918 das Führungspersonal der Arbeiter- und Unfallversicherung wechselt und sich nun aus tschechischen Beamten zusammensetzt. An dem deutschsprachigen Juden Kafka zumindest haben sie nichts auszusetzen, trotz eines nicht mehr nur latent vorhandenen Antisemitismus in Prag.

Dies alles zusammengenommen ist als Aneinanderreihung biographischer Tatsachen eher unbedeutend. Worauf es in diesem Zusammenhang jedoch ankommt, ist, daß wir in Stachs Biographie einen Kafka kennenlernen, der nicht nur lebensfremd und voller Komplexe in seinen Schreibklausen gesessen hat, sondern der zugleich einen starken Willen besaß. Seine stille halsstarrige Beharrlichkeit, wenn es um die Verweigerung der Mitarbeit in der schwägerliche Astbestfabrik ging, in die er als Teilhaber hineinmanövriert wurde, zeigt, daß er sich – freilich mit seinen eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – durchaus zur Wehr zu setzten vermochte.

Und so entwickelte Kafka seine ganz eigene Strategie des Überlebens inmitten einer ihm oftmals widrigen Umwelt, die häufig wenig Verständnis zeigte für das Spezifische. Die Weichen für die Strategien werden im ersten Teil gestellt, es sind diese Weichenstellungen insofern für Kafka die „Jahre der Entscheidungen“, die Richtung ist gespurt; mal für mal um etwas mehr; spätestens etwa nach jenem „anderen Prozeß“ im „Askanischen Hof“ zu Berlin. Jenes, was aus dem im ersten Teil der Biographie Entwickelten resultiert, wird dann in „Die Jahre der Erkenntnis“ entfaltet: daß nämlich, was vom Leben bleibt, wenn man sich erst einmal für eine bestimmte Weise der Existenz entschieden hat, und auch durch das Hereinbrechen jener Krankheit, die fortan sein Leben im Griff haben wird, ist die Richtung dann vorgegeben, und es folgt daraus eine Erkenntnis. Trotz all dieser Widrigkeiten gelingt es Kafka, einen lebbaren Modus der Existenz zu finden und eine Möglichkeit zu entwickeln, um „aus der Totschlägerreihe“ herausspringen zu können. Doch reichte am Ende die Lebenszeit nicht mehr aus, um dieses Projekt (zusammen mit Dora Diamant) konsequent durchführen zu können.

Daß Stach die Biographie mit dem Jahr 1910 beginnen läßt bzw., wie er es selbst nennt, die Blende öffnet, ist, so Stach, als methodische Vorentscheidung von der Quellenlage her vorgegeben; denn es ist dies das Jahr, wo Kafkas überlieferte Tagebücher beginnen. Zudem ist diese Zeitspanne bis hin zu den ersten Monaten des Weltkrieges der am besten dokumentierte Lebensabschnitt. Nach Stachs Sicht ist es zudem der wichtigste, weil dort eine Reihe von Entscheidungen fallen, die für alles weitere bestimmend sein werden.

Stachs Rede vom Öffnen der Blende ist dabei ganz wörtlich zunehmen. Arbeitet diese Biographie doch massiv mit dem Element des Filmisch-Narrativen: Bereits in ihrem Beginn wird ein Spannungsbogen erzeugt und aufgeladene Bilder geraten in den Focus, so nämlich die Erscheinung des Halleyschen Kometen über Europa als Auftakt der Szenerie. (Jenem Kometen, dem es vergönnt ist, daß ihn wenige nur zweimal in ihrem Leben (bewußt) sehen zu dürfen. So Ernst Jünger, der dies 1986 literarisch verarbeitete.) Anhand von Weltgeschichte öffnet sich hier das Fenster zum beschaulichen Prager Literaturbetrieb, ähnlich wie sich zum Beginn von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ mittels meteorologischer Angaben über Europa, die darauf hinauslaufen, daß es ein schöner Augusttag im Jahre 1913 war, die Sicht auf den Schauplatz eröffnet. Szenen werden bei Stach teils minutiös aufbereitet und mit Exkursen in die Zeitgeschichte hinein versehen.

Dabei geben das narrative Element und die Dramaturgie dem Text die richtige Struktur. Die nötigen Stilmittel werden von Stach gezielt und geübt eingesetzt, wie man es von Biographen nicht immer  gewohnt ist, so daß das Lesen ein Fluß bleibt, ohne aber nur träge dahinzuplätschern. Die Strömungen und Verwirbelungen sind angemessen, sie nehmen mit, ohne sogleich fortzutreiben. Stach ist zwar nahe an seinen Figuren dran, läßt sich von ihnen aber nicht vereinnahmen und mitreißen, so daß die Angelegenheit zum distanzlosen Unterfangen geriete. Die Sympathie für seinen „Gegenstand“ ist also ganz klar vorhanden, ohne daß es dabei identifizierend-anbiedernd wird. Der rhetorische Kunstgriff des Vorwegnehmens und Vorgreifens wird vielfach eingesetzt, um Spannungen aufzubauen; etwa während Kafkas Aufenthalt in Weimar, gleichsam „im Schatten junger Mädchenblüte“, im Juni 1912, wo er der 16 Jahre alten Grete Kirchner begegnet, sich ein wenig verliebt. Die Reflexionsspiralen, welche sich hierbei einstellen, werden in dieser Weimarer Szenerie der Halbverliebtheit als Vorspiel, als Skizze dessen gedeutet, was Kafka in den kommenden Jahren durchleben wird. An manchen Passagen wirkt diese Figur des Vorgriffs zwar etwas gewollt eingesetzt, im ganzen gesehen erzeugt sie aber einen Spannungsbogen, vermittels dessen sich das Geschilderte nicht nur in dröges Aufzählen der Begebenheiten erschöpft.

Einen großen Teil Raum nimmt im ersten Band dieser Biographie jedoch – wie könnte es anders sein – eine Frau ein: Auch für Kafka läßt sich die Bedeutung von Daten gar nicht hoch genug ansetzten: jene Frau, die im literarischen Schreiben und im Verfassen von Briefen eine Produktionsmaschine ankurbeln wird; schwer auszumalen, was geschehen wäre, hätte Kafka sie an jenem 13. August 1912 nicht getroffen: jene Felice Bauer: Sie wird zwar nicht die bedeutendste Frau hinsichtlich seines Lebens werden, dies war Dora Diamat, wohl aber die bedeutsamste und inspirierendste hinsichtlich seines Schreibprozesses.

Verwiesen sei vielleicht noch auf denn recht instruktiven „Epilog“, der Kafka ein wenig vor einer ihm zugesprochen Prophetie in Schutz nimmt und ihn – „vor allem in den frühen Jahren seines weltweiten Ruhms“ – als Seher des 20. Jahrhunderts einordnen will. Zu recht bemerkt Stach, das Kafka nichts vorweggenommen hatte, sondern die „Urkatastrophe“ des ersten Weltkrieges als Zeitzeuge miterlebte. Nicht mehr und nicht weniger. Überhaupt hält sich Stach aus dem Babylonischen Gewirr der Kafkadeutungen und der Interpretationen wohltuend heraus. Das Gewicht liegt genau im Biographischen und nicht in der Deutung.

Insofern liefert Stach auch keine zusätzliche und weitere Interpretation, sondern er schreibt ein Leben auf. Es werden dann im „Epilog“ zum Schluß die Schicksale derer kurz angerissen, die in Kafkas Umfeld lebten und seine Zeitgenossen waren. Seine drei Schwestern etwa kamen allesamt in den Vernichtungslagern um, und so verschwanden mit dem Hereinbrechen des Nationalsozialismus über Europa nicht nur Menschen, sondern eine ganze Epoche: „Seine Welt gibt es nicht mehr. Nur seine Sprache lebt.“ Mit diesem Satz endet die große Biographie Stachs.

So läßt sich als Fazit der umfangreichen Lektüre festhalten, daß diese Biographie den selbst gestellten Anspruch einlöst, Fakten nicht bloß trocken, sortiert und aufbereitet darzubieten, sondern zugleich einen ästhetischen Überschuß zu erzeugen vermittels der Technik des Filmisch-narrativen, durch Perspektivenwechsel mannigfaltige Einblicke zu gewähren und durch die Entfaltung von historischen Szenarien, insbesondere der Szenerie des Ersten Weltkriegs, der für die deutschsprachige Literatur mehr als bedeutsam und einschneidend war, auch die (sozial-)geschichtlichen Aspekte zu berühren. Man denke an den Inflationswinter im Berlin von 1923, welchen Kafka nur unter großen Mühen bestand. Eindringlich wird dies geschildert. Insofern ist diese Kafka-Biographie Stachs bestens geeignet, um in das weit ausgebreitete Leben Kafkas einzudringen, und sie ist vom Stil her, gerade auch durch die erzählerischen Einschübe, mehr als gut zu lesen. Die Biographie hat bei Stach einen Rang als eigenständiges ästhetisches Medium und Gattung innerhalb der Literatur erreicht, an dem sich andere Biographien über andere Personen zukünftig werden messen lassen müssen. Ich vermute aber, daß diese Art des Schreibens nicht bei jedem Gefallen hervorrufen wird, zumal das Moment des Biographischen mit jenem oben skizzierten Makel behaftet ist.

Um Stachs Biographie und das Leben Kafkas jedoch angemessen zu bewältigen, müßte man eigentlich in einem zweiten Schritt oder parallel zum Buch die Briefe und Tagebücher Kafkas lesen. Einerseits ist dies manchmal nötig, damit der zeitliche Zusammenhang nicht verloren geht, der einem zuweilen in Stachs Biographie zu entgleiten droht. So befindet sich der Leser derart im Sog des Geschehens, daß er sich an manchen Stellen fragt, ob es nun schon das Jahr 1917 angebrochen ist oder doch erst 1916. Dankbar entnimmt man bei den Zitaten dann dem Fußnotenapparat, daß es sich bei jenem zitierten Text um einen Tagebucheintrag von 1917 handelt, so daß sich der Leser dadurch immer wieder des Punktes in der Zeit vergewissert, an dem er sich gerade in Kafkas Leben befindet. Diese zeitliche Desorientierung kann bei der Lektüre manchmal etwas lästig werden, zumal für den noch nicht so Kundigen.

Andererseits würde dieses parallele Lesen eine Erweiterung des Referenzrahmens bieten, so daß die Lektüre Stachs eng eingebettet ist vom Text Kafkas und möglicherweise auch das in den Blick kommt, was nur im Bau der Text Kafkas eingegraben liegt. Doch würde ein solches Unterfangen wohl die Zeit eines Menschen sprengen, es sein denn, er wäre mit nichts anderem mehr beschäftigt als mit Kafka.

Es sei allerdings dem Interessierten, der sich erst einmal nur einen Überblick zu Kafkas Leben verschaffen will, am Ende doch die Wagenbach-Monographie bei Rowohlt ans Herz gelegt, da sich der Text Stachs manches Mal sehr mäandernd ausbreitet. Dies muß nicht immer schlecht sein, und oft vergißt man beim Lesen die Zeit, doch gibt es zuweilen auch Stellen, wo man sich auf unproduktive Weise verliert und sich wünscht, daß die Sache mehr zum Punkt und vorangebracht würde. Für den orientierenden Überblick ist Wagenbach insofern der bessere Kandidat, zumal einem bei Stach, wie oben erwähnt, die Daten manchmal entgleiten. Nichtsdestotrotz sind diese zwei bisher erschienenen Bände mehr als lesenswert. Sie sind in gewissem Sinne sogar Neuland, das betreten wurde.

Daniel Kehlmann, Brecht, der postmoderne Roman und ein Literaturrätsel

 Ich habe seinen neuen Roman „Ruhm“ nicht gelesen, und obwohl er vom Thema der Identität sowie dem Spiel zwischen realer und virtueller Welt her interessant sein könnte, denke ich, daß mich Kehlmanns Roman am Ende nicht interessieren wird: zu künstlich das Spiel, zu konstruiert das ganze. Am Ende doch nur konventionell, angereichert nur um ein paar Kinkerlitzchen. Ich lasse mich aber gerne überraschen und eines besseren belehren. (Vielleicht irgendwann mehr dazu. Und mittlerweile, bei einer vor Büchern überquellenden Bibliothek will jeder Kauf eines Buches gut überlegt sein, obwohl es natürlich jedem anzuraten ist, Bücher zu kaufen. Ich für meinen Teil aber, so denke ich manchmal, habe meine Schuldigkeit getan und müßte es mir eigentlich zur Regel machen, für jedes gekaufte Buch eines zu verkaufen oder besser noch zu verschenken.)

   Vielleicht hat mich in dem Zusammenhang mit Kehlmann auch die schnoddrige, bürschelnde, oberlehrerhafte Art über Brecht zu faseln, die von keinerlei Kenntnis getrübt war, geärgert. Wohlfeile Sätze werden dargeboten, die nüscht kosten. Ja: da bereitet einer sein Debüt als staatstragender Dichter vor. Widerwärtiger Vorgang. Mögen die Nachgeborenen Kehlmann messen an seinen Worten, die er zu dieser Gesellschaft gefunden hat, wenn dereinst das, was sich soziale Marktwirtschaft nannte, abgeurteilt sein wird als das, was sie tatsächlich ist. Dazu passend der Auftritt im „Zeit-Magazin“. Inszenierung und Gefasel. Oh, sagte die Schwiegermuter am heimischen Tisch, als die Ausführungen Kehlmanns beendet waren, wie vernünftig ist diese Generation der 1975 Geborenen. Wieviel Weisheit und Einsicht da waltet. Der Großvater nickte stumm dazu. Die Kuchengabel klackte am Teller. Kehlmann wollte gerade anheben, einige Worte zu gestalten. Sie hingegen lächelte verlegen und wußte schlagartig: es ist der falsche.

Manche von Brechts Theaterstücken mögen simpel sein, wenn man sie von einer philosophisch-(kritisch-theoretisch-)marxistischen Position aus analysiert, gerade dort, wo er versucht, Funktionsweisen des Kapitalismus aufzuzeigen (Heilige Johanna) oder den Aufstieg des Faschismus zu skizzieren (Arturo Ui). Daß aber selbst solches noch mehr taugt und hält als vieles von dem, was heute geschrieben wird, das mag sich bereits daran zeigen, daß bei einem vordergründig mißlungenen Text wie dem Ui (denn Faschismus ist mehr als die Verwicklungen von Gangstern und Gemüsehändlern) eine absolut gelungene Theaterinszenierung werden kann: so nämlich die Inszenierung von Heiner Müller am „Berliner Ensemble“ mit Martin Wuttke als Ui. Dies immerhin zeigt, daß dieser Text doch und trotz alledem schillernd und vielschichtig genug ist, um zu bestehen. Mir soll es aber heute nicht darum gehen, ein (kritisches) Lob Brechts zu singen. Und auch möchte ich mich mit Kehlmann nicht weiter befassen. (Dies zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht.)

Doch möchte ich im Zusammenhang des Spiels mit der Identität auf einen – wohl etwas vergessenen – Schriftsteller aufmerksam machen, der lange vor dem allseits ausgerufenen postmodernen Spiel mit Existenz und Identitäten seinen Verwirrspiel-Spaß trieb mit seinen Romanfiguren: da kommt einem Schriftsteller sein Romanheld abhanden, flieht aus dem Roman, lebt sich so durch in Paris, wird von anderen Romanschriftstellern eingefangen, am Ende stürzt die Romanfigur ab, der Roman hat sich selbst erfüllt. (Le vol d’Icare, im Deutschen mehr schlecht als recht übersetzt mit „Der Flug des Ikarus“. Die Doppelbedeutung von „vol“ als „Raub“ und als „Flug“ geht leider verloren.) Oder es träumen sich zwei Existenzen, während die eine schläft, beginnt die andere zu existieren: zwei parallele Handlungsebenen, die sich dann im Paris 1964 begegnen. („Die blauen Blumen“)

Und jetzt ahnen Sie, welcher Schriftsteller es sein wird: Da kommt eine Göre vom Land zusammen mit ihrer Mutter, die dort ihren Liebhaber treffen will, nach Paris. Die Göre wird von Ihrem Onkel Gabriel am Bahnhof1 abgeholt, möchte aber keinesfalls die Stadt sehen, wie man es sich von einem Landei, das nach Paris kommt, denken mag, sondern will, rotzfrech und eigenwillig wie sie ist, gar nichts anderes in Paris als Metro fahren. (Was ja auch ein unschlagbares Erlebnis ist, und wo gibt es das schon, von Stalingrad nach Oberkampf zu fahren (Linie 5).) Doch zum Zeitpunkt ihres Besuches streikt die Metro. Und so beginnt ein Sprachspiel von Verwirrnis und Verwicklung, von Tempo und Dialog, eine Hommage an diese wunderbare Stadt, in aberwitzigen Szenen; etwa wenn Gabriel mit seinem Freund, dem Taxifahrer Charles, sich beim Taxi-Sightseeing vor der Göre streiten, ob es sich bei dem Gebäude nun um das Pantheon handelt oder nicht. Und so setzt sich der Aberwitz durch das gesamte Buch fort. Atemberaubend. Am Schluß des Romans endete der Streik zwar, und es ist die Göre durchaus Metro gefahren, doch hat sie, vollständig erschöpft von diesem turbulenten Aufenthalt, gerade da geschlafen. (Kongenial verfilmt das ganze von Louis Mallle.)

Und nun wissen Sie es bestimmt: die Göre heißt Zazie und ihr Schöpfer Raymond Queneau.

Ich weiß, dies alles, diese Art zu schreiben, wirkt lange nicht so ausgeklügelt wie die (Nicht-)Identitätskonzepte der (postmodernen) neueren Literatur und manchmal – vielleicht – auch antiquiert, aber der surreale, anarchische Spaß eines Raymond Queneau – und: ich muß, ich kann gar nicht anders, ich muß ihn hier mit dazu nennen, denn er darf keinesfalls unter den Tisch fallen: den Prinz von Saint-Germain-des-Prés, den anderen Großen der französischen modernen Literatur: – und der Witz eines Boris Vian ist dafür um so größer, gerade weil das Kunstfertige, fein Ziselierte und dadurch eben auch immer ein wenig kunsthandwerklich Wirkende dieser postmodernen Identitätsspielchen bei Queneau und Vian vollständig fehlt. Bei diesen herrscht großes (Kasper-)Theater: eher Radau und Rummelplatz, doch auch grandioses Sprachspiel und -witz; dies vor allem in Absetzung zur oft zu erdenschweren und existential-verhangen, politisch engagierten Literatur eines anderen Großen vom Saint-Germain-des-Prés: Jean Sol Patre (B. Vian). Dennoch sollte der philosophische Einschlag (insbesondere bei Queneau) nicht unterschätzt werden. Er läßt es halt nur nicht so raushängen. Ein gutes Korrektiv also, diese beiden. Gerade in diesen Tagen.

Queneau ist in sparsam ausgewählten Werken neu nur noch bei Wagenbach zu haben, die Taschenbuchausgabe im Fischer Verlag existiert nicht mehr, „Zazie“ gibt es bei Suhrkamp, die legendären „Stilübungen“ über den Autobus S auch: Hohe Philosophie, eine Lektion in Rhetorik und ein ungeheurer Lesespaß, wie eine einzige Szene in immer neuen Variationen geschildert wird. Leider gibt es diese schönen alten Autobuse in grün-weiß (oder grün-beige?), mit einer Plattform hinten, in Paris nicht mehr. In den 80er Jahren meine ich sie noch gesehen zu haben. Die Strecke von der Contrescarpe nach Champerret konnte man damals noch abfahren. Doch diese Plattform ist womöglich nur eine getäuschte Erinnerung, die eher den französischen Filmen entspringt.

Boris Vian ist bei Wagenbach und Zweitausendeins erschienen, dort eine sehr bibliophile Ausgabe mit den großartigen Covern von Art Spielgelman, aber auch bei Wagenbach ist die Ausstattung sehr ansprechend, für den Puristen auf alle Fälle geeigneter. Allein Titel wie „Wir werden alle Fiesen killen“ und „Ich werde auf eure Gräber spucken“ haben mich bereits als Schüler aus meiner Lethargie gerissen.

Demnächst gibt es hier über Boris Vian mehr. In diesem Jahr nähert sich schließlich sein 50. Todestag. Alt ist er leider nicht geworden, aber wen die Götter lieben, …

 (1) Kleine Preisfrage. Kommt die Göre nun am Gare d’ Austerlitz oder am Gare de Lyon an?

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