Von der ungeheuren Lust, ein Ich zu sein – Johann Gottlieb Fichte zum 250. Geburtstag

Diese Würdigung kommt verspätet, aber die Wahrheit läuft uns andererseits nicht weg: Die Philosophie Fichtes wird sich auch vier Tage später nicht grundsätzlich wandeln oder einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden.

Es war mir immer verhaßt: dieses Bild, seit Schulzeiten an, denn es zeigt den Biedermann als Brandstifter und Spießbürger zugleich:

Die Truppen Napoleons, die in Preußen und Österreich intervenierten, waren sicherlich keine himmlischen Heerscharen, die für eine bessere Welt antraten, um Preußen und Österreich vom Joch königlicher sowie kaiserlicher Tyrannei zu befreien. Aber schlimmer als Frankreich erschienen mir immer der preußische Staat und Österreich insbesondere. Wohl auch aus dieser Österreichwut heraus gründet sich meine Liebe zu Thomas Bernhard. Obwohl diese Sicht, Frankreich als Befreier zu feiern, zugleich übertrieben ausfällt, denn im Grunde ist jeder Staat zu dieser und zur heutigen Zeit von Übel, scheint mir die Invasion Napoleons über Europa doch als ein probates Mittel, eine andere Epoche zu schaffen – ähnlich wie es Goethe in seiner „Kampagne in Frankreich“ beim Kanonendonner von Valmy notierte. Jedoch die schönste, gelungenste Sentenz zu diesem, unserem Staat, der aus Preußen erwuchs, stammt nun einmal – nein: nicht von dem Nationalphilosophen Fichte, sondern von Wolfgang Neuss, und der Satz geht so: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.“

Aber machen wir die Philosophie nicht an den Äußerlichkeiten eines Bildes fest.

Mit der Veröffentlichung „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ trat Fichte hervor, das Publikum hielt diese zunächst anonym publizierte Schrift für ein Werk Kants – nämlich seine lang erwartete Religionsphilosophie. Kant klärte auf, Fichte ward berühmt. Leicht gestaltete Fichtes Weg sich freilich nicht, kam er doch aus armen Verhältnissen. Es war sein Werdegang zu seiner Zeit (und auch heute noch) keine Selbstverständlichkeit: aus einer Weberfamilie heraus mit acht Geschwistern machte es sich im 18 Jahrhundert nicht für selbstverständlich Karriere als Philosoph.

Im sogenannten Deutschen Idealismus angesiedelt, der eben nicht mit Kant, sondern mit Fichte seinen Anfang findet, setzte er eine Markierung, die sowohl für die Deutsche Romantik, Schelling und Hegel als auch für das Denken und Dichten Hölderlins von Bedeutung werden sollten: die absolute Reflexion, in der Sein und Selbst zu Deckung kämen und wo das Trennende der herkömmlichen Reflexion, die lediglich auseinanderschneidet, aufgehoben ist. (Für Hegel besaß der Begriff der Reflexion deshalb zugleich einen pejorativen oder zumindest defizitären Status, weil das, was in der Bestimmung im Grunde erst zu entfalten wäre, bereits allem Sein und Denken und das heißt dann: einschließlich des Seins des Subjekts voraussetzungslos vorgeordnet wurde. Die Wendung „Reflexionsphilosophie“ bei Hegel ist nicht freundlich gemeint. Eine erste Bestimmung davon samt ihrer Kritik liefert er in seiner Differenzschrift, die ich als Einstieg in die Philosophie Hegels zur Lektüre empfehle.)

Trotzdem ist diese Bewegung des Fichteschen Denkens konsequent, betrachtet man sie aus ihrer Zeit, denn sie greift die einschneidende Stelle aus einem der epochalen Werke der Philosophie heraus und gruppiert um diese Passage herum eine Philosophie des Subjekts: jenes zentrale Kapitel aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“, welches die Basis und zugleich den Drehpunkt für die Philosophie nach Kant bildete: „Von der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption“, wo es bei Kant heißt:

„Das Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung, die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung. Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das Ich denke, in demselben Subjet, darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird.“ (K.d.r.V., B 132, 133)

Wieder ist es – wie so häufig in Kants Konzeption – das duale Verhältnis von Anschauung und Begriff, das in seiner letzten Konsequenz – freilich ohne die notwendige Vermittlung – an seinen archimedischen Punkt gelangt. Jede Vorstellung läßt sich als die eines Gegenstandes ansetzen und ebenso als Teil unseres Ichs. Insofern fällt das Vermittelnde und Konstituierende ins Subjekt selbst. Nur dieses erbringt solche Syntheseleistung, was zugleich den Status der Welt der Dinge, der Objekte tangiert, die nicht mehr, wie bei Descartes, als Gegebenheiten angenommen werden können. Dieser gesamte Paragraph 16 der „Kritik der reinen Vernunft“ verdient es, immer wieder und wieder gelesen zu werden. Es ist, in die Wiederholung und in das Denken, auf den Begriff und die Vorstellung gebracht, gleichsam reines Zen, und wenn ich in Phrasen stanzte, schriebe ich: ungeheuer tief gedacht und zugleich schwierig in seiner Konzeption. Worin liegt dieses grundsätzlich Neue und weshalb übersteigt diese Kopernikanische Wendung der Philosophie hin zum Subjekt in einem modernen Sinne Descartes Prinzip des Cogito als fundamentum in concussum? Obwohl auch bei Kant eine gewisse Statik vorliegt, beginnt hier die Bewegung des Selbstbewußtseins, das nicht mehr nur als starres Prinzip, sondern als aktives, hervorbringendes Vermögen konzipiert wird – dies reicht erkenntnistheoretisch von der Welt der Erscheinungen bis zur menschlichen Freiheit hin. Einerseits findet sich bei Kant das sich selbst Durchhaltende im Denken (als Substanz), welches jedoch andererseits als Akt der Spontanität, d.h. als aktives Vermögen sich konzipiert: die Bedingungen des Denkens überhaupt freisetzt und die Einheit im Urteilen stiftet und dabei zugleich vom empirischen Denkakt sich abtrennt, weil dieses „Ich denke“ – Descartes Cogito-Formel übersteigend – einen Begriff von Form bedeutet, indem es die Vorstellung des „Ich denke“ hervorbringt und dabei zugleich die Verbindung von Mannigfaltigem (in der Anschauung) ermöglicht. Subjekt und Objekt fallen ins Subjekt selbst hinein. Einen solchen Akt nennt Kant Selbstbewußtsein. An dieses Konzept eines unteilbaren Fixpunktes, der zugleich ein aktives Vermögen darstellt, knüpft Fichtes Text an, indem er sein Denken auf das höchste Prinzip der Philosophie richtete. In mehreren Anläufen und Varianten unterbreitete Fichte es in seiner „Wissenschaftslehre“, in der er eine Prinzipientheorie des Wissens begründet, welche die Erkenntnis- wie auch die Handlungsregeln umfaßt, und zwar aus einem unbedingten Grundsatz heraus. Manfred Frank schreibt in seinem Buch „Einführung in die frühromantische Ästhetik“:

„Grundlage seines [Novalis‘ bzw. Hardenbergs] wie des Fichteschen Denkens war die Einsicht – man kann sie fast für ein Generationserlebnis erklären –, daß das Faktum unseres Selbstbewußtseins nicht aus Entgegensetzungen der Reflexion erklärt werden kann: Sich auf sich zurückwendend und das gefundene dem findenden Bewußtsein unter dem Titel ‚Ichheit‘gleichsetzend, mußte die Reflexion mit dem Inhalt beider Relata schon bekannt sein; anders könnte sie das in Objektstellung Erfaßte nicht als dasselbe wie das Subjektive erkennen. Darum kann sich die Reflexion aber überhaupt gar nicht als den Urheber des Selbstbewußtseins ansehen, höchstens als einen Ort, in welchem ein anderswoher schon Bekanntes noch einmal zum Thema eines ausdrücklichen Aufmerkens wird. Fichte suchte diesen Sachverhalt dadurch zu berücksichtigen, daß er der Ichheit Unmittelbarkeit zusprach, in ihr ist das Objekt mit dem Subjekt unmittelbar (d.h. nicht vermittelt über ein begriffliches Wissen) identisch.“ (S. 249 f.)

Es ist das Sich-selbst-Setzen des Ichs, um das Fichtes Philosophie kreist, und gleichzeitig versucht er, die Kantische Trennung von praktischer und theoretischer Vernunft einer Revision zu unterziehen. Dieser Begriff des Ichs bei Fichte darf jedoch nicht als individualisierter genommen werden, und er liest sich ebenso wenig im Sinne einer ersten Person Singular. Vielmehr handelt es sich um einen Strukturbegriff, dem eine transzendentale Qualität zukommt. Dieses Ich ist die reine Produktivität sowie Tätigkeit, was in jenem häufig zitierten Satz terminiert:

„Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit desselben. – Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses blossen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: das Ich ist, und es setzt sein Seyn, vermöge seines blossen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Product der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und ebendasselbe; und daher ist das: Ich bin, Ausdruck einer Thathandlung; aber auch der einzig-möglichen, wie sich aus der ganzen Wissenschaftslehre ergeben muss.“ (Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, § 1 Erster, schlechthin unbedingter Grundsatz)

Fichtes Philosophie bricht nicht die Bahn, wie das die Hegelsche dann tat, aber sie öffnete Tore: sei dies nun innerhalb der Romantik, wenn man Novalis‘ „Fichte-Studien“ liest, welche um diese Reflexionsfigur kreisen, oder aber für das Konzept einer Philosophie des Selbstbewußtsteins, die nicht beim bloßen Ich = Ich und damit beim leeren Om Om verharrt.

„Das Ich setzt sich selbst, …“: Als Arthur Schopenhauer während einer Vorlesung Fichtes in Berlin diese Sätze vernahm, malte er dazu in seinen Notizen in ironischer Absicht einen Stuhl.

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Über Bersarin
Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

23 Antworten auf Von der ungeheuren Lust, ein Ich zu sein – Johann Gottlieb Fichte zum 250. Geburtstag

  1. che2001 sagt:

    Jetzt mal grob reingeklotzt, weil immer noch wahr:

    http://www.materialien.org/texte/materialien/Antiimperialismus_80er.pdf

    DAS ist links.

  2. summacumlaude sagt:

    Vielen Dank für Deine kräftigen Worte, die auch mit berechtigter Kritik an Fichte, zumal an seiner Rezeptionsgeschichte nicht spart. Ist jemand für seine eigene Rezepzion verantwortlich? Was sagte Fichte wohl hierzu? Mit Sicherheit kein klares Nein…

    Ich wollte dann auf einen Jenenser Professorenkollegen Fichtes abheben, auf die Wesensverwandheit eines Medicus, der auch Stücke schrieb, und der in seiner medizinischen Dissertation über die Maschine Gehirn als Objektivum auf der einen Seite, und das Ich-Erleben, das Selbst-Bewußtsein auf der anderen Seite nachdenkt und hierbei durchaus damals schon Brüche, nicht Aufgehendes registriert. Wo kommen die biologische Maschine Gehirn und das Ich-sagende Subjekt zusammen; heute würde man wohl fragen: Wo ist die “Schnittstelle”? Das erkannte schon Schiller als Problem und gibt idealistische Antworten hierauf. Er will die Maschine frei wissen von maschinären Zwängen und Determinationen. Hier treffen sich die beiden wohl, zumindest vermute ich das aufgrund meiner Kenntnis von Fichtes Philosophie (die aber ist lückenhaft). Das Thema lag damals einfach in der Luft, Schillers Dissertation erschien übrigens 1780, also vor der KdrV. Nun gut, damit hätte ich schließen wollen, wäre mir nicht – angeregt durch Deine Worte – ein bemerkenswerter Brief Fichtes an Schiller beim Nachschmökern aufgefallen.

    Es muß sich um eine Ablehnung eines für die Horen angebotenen Fichte-Essays handeln (der Ablehnungsbrief ist mir nicht bekannt) und Fichte reagiert auf diese Ablehnung u.a. wie folgt:

    “Die Verworrenheit der Begriffe, die Sie mir zutrauen, ist ein wenig arg. Ich konnte Ihnen nicht zumuten, daß Sie die Aufgabe, gegen den gewöhnlichen Sinn der Worte, der mir keinen Sinn zu haben scheint, faßten, wie ich sie gefaßt habe; aber ich konnte erwarten, daß Sie einem Mann (….) zutrauten, er möchte vielleicht durch Richtung seines Denkens auf einen bestimmten Gegenstand etwas an demselben entdeckt haben, welches Sie ohne diese bestimmte Richtung Ihres Nachdenkens nicht sehen; nicht aber, daß Sie auf einmal in Ihm den verworrensten aller verworrenen Köpfe vermuten würden! Ich habe mich geirrt, wie ich sehe.
    Die Sache ist die: Sie haben meine Aufschrift unrichtig, oder, daß ich es geradeheraus sage, Sie haben die ganze Idee gar nicht verstanden; denn der Sinn, den Sie ihr geben, ist kein Sinn.
    (…..)”

    nach Klärung der eigenen Position – es geht wohl um die Differenz von Sprache, Buchstaben und Verstehen, Geist; also wer die Buchstaben hat, hat noch nicht den Geist, aber Buchstaben sind natürlich nicht dem Geist entgegengesetzt – schimpft Fichte über Schiller:

    “…Zu welchem Stümper machen Sie mich! Sie müssen den Aufsatz sehr flüchtig gelesen haben.”

    Damit nicht genug. Fichte poltert weiter. Nun sind Schillers eigenen philosophischen Schrifften auf dem Prüfstand. Und? Das Urteil über Schillers Philosophie?

    “…Jeder lobt, sosehr er kann, aber er hütet sich wohl vor der Frage: was denn eigentlich darin stehe?”

    Herrlich. Mir übrigens sind Schillers vom somatischen kommmende Dissertationen auch immer verständlicher gewesen, als seine philosophischen Schriften.
    Das nur nebenbei: Man verstand sich dann doch wieder, Fichte und Schiller trafen sich weiterhin.

    Im Atheismusstreit hat Schiller kaum eine Rolle gespielt, andere betreiben das intrigante Geschäft, Fichte aus Jena loszuwerden. Und der ging dann auch stolz wie immer. Die genaue Darstellung dieses Streites wäre einmal sehr interessant; man könnte gut die damalige professorale und studentische Wirklichkeit im Spiegel der höfischen Zeit dartun. Der Vorwurf des Jakobinertums als Vernichtungsurteil gegen unliebsame Personen, die nicht auf dem “Boden der Ordnung” stehen. Ist es heute so viel anders?

    So quatsche ich hin….

  3. Bersarin sagt:

    Auch ich habe für die Ergänzungen zu danken. Ja: Fichte und Jena. Da tat sich auch jener Herr aus Weimar hervor. Wenn ich so das Alltagstreiben all der Menschen verfolge, dann weiß ich, weshalb ich mich dem Alltag, soweit es nur irgend geht, mit Regelmäßigkeit entziehe. Am Ende stecken immer die Pfründe und der Kampf um den besten Platz am Futtertrog dahinter. Nicht überall, aber häufig.

  4. willy56 sagt:

    Bersarin, es gibt da einen anderen interessanten text von Fichte, nämlich die „Rezension des Aenesidemus“ (Werke Bd. 2), in dem er sich mit dem gleichnamigen Werk von Gottlob Ernst Schulze auseinandersetzt. Es trägt den Untertitel „Vertheidigung des Skepticismus gegen die Anmaassungen der Vernunftkritik“, ist 1792 erschienen und leistet eine fundamentale Kritik an Kants Transzendentalphilosophie. Schulzes Hauoptargument ist, dass Kants Unterscheidung von Ding an Sich und Erscheinung die (objektive)Gültigkeit der Kausalität vorraussetzt, während Kant diese nur als Kategorie des Verstandes gelten lassen will, die die über die Sinne ins Bewusstsein gelangenden Informationen über das „Ding an sich“ strukturiert aber in der Realität nicht vorkommt. Schulze sagt z.B.:

    „Ist aber die Causalität nur etwas zu unsern Vorstellungen und zu unserer Denkart gehöriges, so darf man auch nach einem wirklichen Ursprunge unserer Erkenntnis aus etwas davon Verschiedenem und nach einer wahren Ursache derselben gar nicht fragen. Die Bestimmung des Prinzips der Causalität, welche in der Vernunftkritik aufgestellt worden ist, zerstört also alle Philosophie über den wahren Ursprung und die eigentliche Entstehungsart unserer Kenntnisse, und erklärt alle Behauptungen über diesen Ursprung und alles, was man aus diesen Behauptungen ableitet, für leere Hirngespinste.“ (Aenesidemus S. 177)

    Und etwas später:

    „Soll die Frage, ob wir wirklich im Stande sind, die Dinge an Sich zu erkennen, oder nicht? Einen Sinn haben, so muss es schon ausgemacht und gewiss seyn, das es Dinge an sich außer unseren Vorstellungen giebt. Denn wozu will man untersuchen, wie etwas beschaffen sey, und in welchem Verhältnisse es zu uns stehe, wenn es noch ganz ungewiss ist, das es überhaupt etwas sey. … Soll es nun aber gewiss seyn, daß die Gegenstände außer uns durch Einwirkung auf unsere Sinne Vorstellungen hervorbringen, so muss es schon gewiss uhnd ausgemacht seyn, daß diesen Gegenständen, auch in wieferne sie etwas außer uns sind, daß Prädikat der Kuasalität zukomme, und solange dies noch unausgemacht ist, solange können wir auch nicht wissen, ob die Dinge an sich im Stande sind, durch Einwirkung auf unsere Sinne Vorstellungen zu veranlassen.“ (dto. S. 262f.)

    Zunächst einmal ganz überzeugend aus meiner Sicht. Wenn die Kausalität keine objektive Eigenschaft der Welt ist, sondern nur eine Kategorie des erkennenden Verstandes, ist es eigentlich nicht möglich, ein Kausales Verhältnis zwischen Ding an sich und Bewusstsein zu behaupten.

    Fichte versucht nun, in seiner Rezension dieses Buches, Kants Philosophie zu verteidigen. Er sagt:

    „Es ist der menschlichen Natur garnicht eingepflanzt, sondern es ist ihr vielmehr geradezu unmöglich, sich ein Ding unabhängig von irgendeinem Vorstellungsvermögen zu denken. …
    Den Gedanken des Aenesidemus aber von einem Dinge, das nicht nur von dem menschlichen Vorstellungsvermögen, sondern von aller und jeder Intelligenz unabhängig Realität und Eigenschaften haben soll, hat noch nie ein Mensch gedacht, und es kann ihn auch keiner denken; man denkt allemal sich selbst als Intelligenz, die das Ding zu erkennen strebt, hinzu.“

    Nun ja, das überzeugt mich eher nicht. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und Nachmittags zurückkomme, finde ich meine Wohnung genauso vor, wie ich sie verlassen habe. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass sie auch während meiner Abwesenheit existiert hat, aber die Annahme ist doch wohl plausibler, als zu glauben, dass sie nicht existiert hat, weil niemand an sie gedacht hat während meiner Abwesenheit. Ich sehe da kein Problem.

    Fichte hingegen dachte anders, und so zog er eben die Konsequenz aus Kants Transzendentalsphilosophie: Wenn die Dinge nicht unabhängig von einer sie denkenden Intelligenz denkbar sind, dann muss eben diese Intelligenz als primäres vor den Dingen gedacht werden, dann ist die Welt eben eine Setzung des Ich (wenn auch nicht des empirischen sondern des transzendentalen ich), womit dem ich eine qasi göttliche Stellung zugemessen wird. Aber das ist eben die Konsequenz der kantischen Transzendentalphilosophie, und es ist Fichtes Verdienst, diese Konsequenz gezogen zu haben, anders als Hegel.

    Und ich denke es hängt mit dieser ganzen radikal idealistischen Haltung zusammen, dass Fichte einer der geistigen Vorfahren des Faschismus geworden ist. Bertrand Russell schreibt in „Die geistigen Väter des Faschismus“ (1935): „Die ganze Bewegung dient, von Fichte angefangen, methodisch der verstärkten Selbstachtung und Machtgier, und stützt sich dabei auf Überzeugunggen, für die nur spricht, dass sie schmeichelhaft sind. Fichte brauchte eine Doktrin, die ihm das Gefühl verlieh, Napoleon überlegen zu sein.“

    Deshalb sind solche idealistischen Philosophien, die das Ich über alles andere Stellen (egal ob in direkter Form wie bei Fichte oder indirekt wie bei den Diskurstheoretikern, die behaupten, es gäbe keinen nichtdiskursiven Zugang zur Realität) so attraktiv für Menschen mit mit einem übergroßen Ich.

  5. Bersarin sagt:

    Gottlob Ernst Schulze ist, wenngleich er eine Kritik an Kant anspricht, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dennoch nicht klar geworden, worum es Kant innerhalb der Philosophiegeschichte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ eigentlich ging und was die Konzeption des Dings an sich als Grenzbegriff bedeutet. Den Sinn der Kopernikanischen Wende verfehlt Schulze mit diesen Passagen vollständig. Deshalb hat man in der Philosophie später von Kant viel, von Schulze eher wenig vernommen. (Wobei auch dies kein Kriterium abgibt, denn Dinge unterliegen dem Wandel.)

    Erkenntnistheorie vor Kant machte eben den Fehler, vom Objekt her zu denken und dessen Bestimmungen zu nehmen. (Wobei das zugleich eine Vergröberung darstellt; wer Aristoteles‘ Metaphysik liest, gerät ja nicht bloß an eine Ontologie.) Weiterhin und neben der Erkenntnistheorie: Metaphysik, die „Königin aller Wissenschaften“ stellte Fragen, die so nicht zu beantworten waren und wurde zum „Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten“. Der Auftakt der KdrV mag diesbezüglich einige Fragen aufhellen: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ Kants Leistung liegt darin, Dinge in der Analyse auseinander gelegt und in Differenz gebracht zu haben, die vorher ungeschieden genommen wurden.

    Richtig ist es allerdings, einige Gedanken auf die Kausalität und das Ding an sich zu richten. Das Ding an sich als unbekannte Ursache der Erscheinungen, wie es bei Kant an einer Stelle heißt, stellt eine paradoxe Situation dar, die Deutung erheischt.

    Was das Ich bzw. eine Philosophie des Selbstbewußtseins betrifft: Nein, das ist keine notwendige Konsequenz aus der Kantischen Philosophie, sondern eine der möglichen Folgerungen. Hegel löst das Problem dann in eine ganz andere Richtung auf, der es nicht um ein Ich oder um bloße Subjektphilosophie geht, und deshalb bedeutet Fichte innerhalb der Philosophie eine Zwischenstufe. Wie es überall so ist: es gibt eine erste und eine zweite Reihe.

    Bertrand Russell mag viele Verdienste haben. Diese liegen allerdings nicht in der Philosophie gegründet. Und diese Schwachfugverzapfung, wo von philosophischen Positionen auf empirische Einstellungen geschlossen wird, passiert regelmäßig dann, wenn eine oder einer nicht fähig ist, die Ebenen auseinander zu halten.

    Von den Diskurstheoretikern hast Du rein gar nichts begriffen: Denen geht es, ähnlich wie Fichte, gerade nicht um ein empirisches Ich. (Da sieht man wieder, was passiert, wenn die Differenz empirisch/transzendental eingezogen wird.) Und selbst die Kategorie des Subjekts besitzt einen ganz anderen Stellenwert als im Deutschen Idealismus. Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ beschreibt in geschichtlicher Analyse einen Diskurs, in dem sich das Subjekt als Subjekt überhaupt erst herausbilden konnte. In diese Bewegung des Denkens hinein fällt natürlich auch Kant, denn Foucault außerordentlich schätze.

    Was das alles mit einem übergroßen Ich zu tun haben soll, das mag sich allein dem Willy erschließen. Aber das passiert eben, wenn alle Dinge durcheinander purzeln. Wie gesagt: an der Kritik Schulzes an Kant gibt es Aspekte, die aufzugreifen sind. Aber es sollte dabei nicht alles mit allem verrührt werden.

  6. Willy56 sagt:

    Vielleicht kannst du das mit dem Verfehlen der „Kopernikanischen Wende“ noch mal etwa genauer ausführen. Ich halte Schulzes Kritik jedenfalls für zutreffend, und wenn das Verhältnis von Ding an sich und Erscheinung von Kant nicht überzeugend bestimmt worden ist, ist damit ja wohl seine ganze Transzendentalphilosophie hinfällig.

    Übrigens lassen sich die Fragen, „die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann“, durchaus beantworten, die Welt ist ja 1781 nicht stehen geblieben. Richard Dawkins schreibt am Anfang seines „Selfish Gene“: „Philosophy and the subjects known as ‘humanities’ are still taught almost as if Darwin had never lived.” Nun lebte Kant ja lange vor Darwin und wusste von dessen Erkenntnissen nichts, aber wir heutigen kennen sie und können uns z.B. erklären, warum wir die Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erkennen vermögen. Quine schreibt dazu ins einem wichtigen Aufsatz „The Nature of natiral Knowledge“:

    „In a dog´s experience, a clatter of pans in the kitchen has been followed by something to eat. So now, hearing the clatter again, he goes to the kitchen in expectation of dinner. His going to the kitchen is our evidence of his expectation. …he hears something similar to the old clatter and proceeds to expect something similar to the old dinner. … it is by experimental reinforcement and extinction that we cam assess similarities for the dog, determining whether event a is more similar to b than to c for him. … for the dogs habit formation, his primitive induction, involved extrapolationalong similarity lines engendered expectation of the old dinner episode. Here, at it´s most primitive, is the question ‘Why is science so successful?’

    Why should the dog’s implicit similarity ratings tend to fit world trends in such a way as to favor the dog’ s implicit expectations? The answer is offered by Darwin’s theory of natural selection. Individuals whose similarity groupings conduce largely to true expectations have a good chance of finding food and avoiding predators, and so a good chance of living to reproduce their kind.

    What I have said of the dog holds equally for us. … We predict in the light of observed uniformities, and these are uniformities by our subjective similarity standards. These standards are innate ones, overlaid and modified by experience, and natural selection has endowed us, like the dog, with a head start in the way of helpful, innate similarity standards.“ (Quine, Quintessence, S. 289 f.)

    Und etwas später heißt es, unter Bezug auf das wesentlich differenziertere menschliche Erkennen:

    „Biologically, still, it is like the animal´s learning about cats and owls; it is a learned improvement over simple induction by innate similarity standards. It makes for more and better prediction.“

    Man kann also das menschliche Erkennen durchaus erklären, ohne auf mystifizierende metaphysische Annahmen zurückzugreifen. Der menschliche Geist erkennt die Gesetze der Natur nicht, weil er selbst ihr diese vorschreibt, sondern weil diese Gesetze objektive Eigenschaften der Welt sind und sich das Erkenntnisvermögen in Anpassung an diese Gesetze gebildet hat.

    Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass Darwin in deinem Weltbild praktisch nicht vorkommt, wo es doch sonst kaum etwas gibt, was du nicht gelesen hast.
    In diesem Zusammenhang kann ich ein Buch wärmstens empfehlen:

    Auch ansonsten sind deine Urteile wieder mal wenig überzeugend. Bertrand Russell ist ganz unzweifelhaft einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, als Begründer der modernen Logik und der Analytischen Philosophie. Er hat allerdings wenig über Ästhetik und allgemeine Kulturkritik geschrieben, was ja deine Hauptinteressengebiete sind. Allerdings hat er schon 1920 erkannt, dass der Marxismus in Russland zur Katastrophe führen musste .

    Und was Fichte betrifft: Hast du mal die „Reden an die Deutsche Nation“ gelesen? „Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend“, heißt es da. Jedenfalls ist die Verbindung des Deutschen Idealismus zum Faschismus (und Stalinismus) sehr viel evidenter als Adornos These vom Zusammenhang von Aufklärung und Faschismus.

  7. Bersarin sagt:

    Morgen mehr, sofern ich überhaupt dazu Lust habe.

  8. Bersarin sagt:

    Zu Kants Kopernikanischer Wende möchte ich folgendes sagen:

    Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis, die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch bloße Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte; ob sie gleich älter ist, als alle übrige, und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen werden sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich in Stecken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie sich anmaßt) a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige Male den Weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen, gewesen sei.

    Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht bloß verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt; welche Anzeige können wir benutzen, um bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als andere vor uns gewesen sind?

    Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden sind, was sie jetzt sind, wäre merkwürdig genug, um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist, nachzusinnen, und ihnen, soviel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zustande bringe, richten sich auch nach dem Gegenstande, und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit, wegen der Art, wie ich a priori hiervon etwas wissen könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen muß, welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, sofern sie bloß durch Vernunft und zwar notwendig gedacht, die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich doch lassen), hernach einen herrlichen Probierstein desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode der Denkungsart annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen. Dieser Versuch gelingt nach Wunsch, und verspricht der Metaphysik in ihrem ersten Teile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt, davon die korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung jenen angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori ganz wohl erklären, und, was noch mehr ist, die Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe der Gegenstände der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren genugtuenden Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart unmöglich war. Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion unseres Vermögens a priori zu erkennen, im ersten Teile der Metaphysik ein befremdliches und dem ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Teil beschäftigt, dem Anscheine nach sehr nachteiliges Resultat, nämlich daß wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade die wesentlichste Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis a priori, daß sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns unerkannt, liegen lasse. Denn das, was uns notwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, ist das Unbedingte, welches die Vernunft in den Dingen an sich selbst notwendig und mit allem Recht zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt. Findet sich nun, wenn man annimmt, unsere Erfahrungserkenntnis richte sich nach den Gegenständen als Dingen an sich selbst, daß das Unbedingte ohne Widerspruch gar nicht gedacht werden könne; dagegen, wenn man annimmt, unsere Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richte sich nicht nach diesen, als Dingen an sich selbst, sondern diese Gegenstände vielmehr, als Erscheinungen, richten sich nach unserer Vorstellungsart, der Widerspruch wegfalle; und daß folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wir sie kennen, (sie uns gegeben werden,) wohl aber an ihnen, sofern wir sie nicht kennen, als Sachen an sich selbst, angetroffen werden müsse: so zeigt sich, daß, was wir Anfangs nur zum Versuche annahmen, gegründet sei. Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der spekulativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Übersinnlichen abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen Erkenntnis Data finden, jenen transzendenten Vernunftbegriff des Unbedingten zu bestimmen, und auf solche Weise, dem Wunsche der Metaphysik gemäß, über die Grenze aller möglichen Erfahrung hinaus mit unserem, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnisse a priori zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns die spekulative Vernunft zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens Platz verschafft, wenn sie ihn gleich leer lassen mußte, und es bleibt uns also noch unbenommen, ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn durch praktische Data derselben, wenn wir können, auszufüllen.

    In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzuändern, und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht nun das Geschäft dieses Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, sowohl in Ansehung ihrer Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau derselben. Denn das hat die reine, spekulative Vernunft Eigentümliches an sich, daß sie ihr eigen Vermögen, nach Verschiedenheit der Art, wie sie sich Objekte zum Denken wählt, ausmessen, und auch selbst die mancherlei Arten, sich Aufgaben vorzulegen, vollständig vorzählen, und so den ganzen Vorriß zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann und soll; weil, was das erste betrifft, in der Erkenntnis a priori den Objekten nichts beigelegt werden kann, als was das denkende Subjekt aus sich selbst hernimmt, und, was das zweite anlangt, sie in Ansehung der Erkenntnisprinzipien eine ganz abgesonderte, für sich bestehende Einheit ist, in welcher ein jedes Glied, wie in einem organisierten Körper, um aller anderen und alle um eines willen da sind, und kein Prinzip mit Sicherheit in einer Beziehung genommen werden kann, ohne es zugleich in der durchgängigen Beziehung zum ganzen reinen Vernunftgebrauch untersucht zu haben. Dafür aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen Vernunftwissenschaft, die es mit Objekten zu tun hat (denn die Logik beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt), zuteil werden kann, daß, wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnisse völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt, als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl, zum Gebrauche niederlegen kann, weil sie es bloß mit Prinzipien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs zu tun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher, als Grundwissenschaft, auch verbunden, und von ihr muß gesagt werden können: nil actum reputans, si quid superesset agendum.

    Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu hinterlassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses Werkes wahrzunehmen glauben, daß der Nutzen davon doch nur negativ sei, uns nämlich mit der spekulativen Vernunft niemals über die Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen, und das ist auch in der Tat ihr erster Nutzen. Dieser aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, daß die Grundsätze, mit denen sich spekulative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt, in der Tat nicht Erweiterung, sondern, wenn man sie näher betrachtet, Verengung unseres Vernunftgebrauchs zum unausbleiblichen Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, über alles zu erweitern und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche die erstere einschränkt, sofern zwar negativ, aber, indem sie dadurch zugleich ein Hindernis, welches den letzteren Gebrauch einschränkt oder gar zu vernichten droht, aufhebt, in der Tat von positivem und sehr wichtigem Nutzen, sobald man überzeugt wird, daß es einen schlechterdings notwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen) gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit erweitert, dazu sie zwar von der spekulativen keiner Beihilfe bedarf, dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Diesem Dienste der Kritik den positiven Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel, als sagen, daß Polizei keinen positiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäft doch nur ist, der Gewalttätigkeit, welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben könne. Daß Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als sofern diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstande als Dinge an sich selbst, nur sofern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teile der Kritik bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße Gegenstände der Erfahrung folgt. Gleichwohl wird, welches wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen, doch wenigstens müssen denken können. Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendiggemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung, von eben denselben, als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht gemacht, so mußte der Grundsatz der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d. i. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten; weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt (als Sache an sich selbst) genommen habe, und, ohne vorhergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze notwendig gemäß und sofern nicht frei, und doch andererseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun gleich meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch keine spekulative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt zuschreibe, erkennen kann, darum weil ich ein solches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit, bestimmt erkennen müßte, (welches, weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist), so kann ich mir doch die Freiheit denken, d. i. die Vorstellung davon enthält wenigstens keinen Widerspruch in sich, wenn unsere kritische Unterscheidung beider (der sinnlichen und intellektuellen) Vorstellungsarten und die davon herrührende Einschränkung der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen fließenden Grundsätze, statt hat. Gesetzt nun, die Moral setze notwendig Freiheit (im strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens voraus, indem sie praktische in unserer Vernunft liegende ursprüngliche Grundsätze als Data derselben a priori anführt, die ohne Voraussetzung der Freiheit schlechterdings unmöglich wären, die spekulative Vernunft aber hätte bewiesen, daß diese sich gar nicht denken lasse, so muß notwendig jene Voraussetzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen, deren Gegenteil einen offenbaren Widerspruch enthält, folglich Freiheit und mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegenteil enthält keinen Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit vorausgesetzt wird,) dem Naturmechanismus den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als daß Freiheit sich nur nicht selbst widerspreche, und sich also doch wenigstem denken lasse, ohne nötig zu haben, sie weiter einzusehen, daß sie also dem Naturmechanismus eben derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in den Weg lege: so behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz, und die Naturlehre auch den ihrigen, welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung der Dinge an sich selbst belehrt, und alles, was wir theoretisch erkennen können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen Natur unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich kann also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des notwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher Grundsätze bedienen muß, die, indem sie in der Tat bloß auf Gegenstände möglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwohl auf das angewandt werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln, und so alle praktische Erweiterung der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der Metaphysik, d. i. das Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist. – Wem es also mit einer nach Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefaßten systematischen Metaphysik eben nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft ein Vermächtnis zu hinterlassen, so ist dies kein für gering zu achtendes Geschenk; man mag nun bloß auf die Kultur der Vernunft durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt, in Vergleichung mit dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne Kritik sehen, oder auch auf bessere Zeitanwendung einer wißbegierigen Jugend, die beim gewöhnlichen Dogmatismus so frühe und so viele Aufmunterung bekommt, über Dinge, davon sie nichts versteht, und darin sie, so wie niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem zu vernünfteln, oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen, und so die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verabsäumen; am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vorteil in Anschlag bringt, allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Religion auf sokratische Art, nämlich durch den klarsten Beweis der Unwissenheit der Gegner, auf alle künftige Zeit ein Ende zu machen. Denn irgend eine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen, und wird auch wohl ferner, mit ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist, darin anzutreffen sein. Es ist also die erste und wichtigste Angelegenheit der Philosophie, einmal für allemal ihr dadurch, daß man die Quelle der Irrtümer verstopft, allen nachteiligen Einfluß zu benehmen. Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften, und dem Verluste, den spekulative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten Besitze erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen Angelegenheit, und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der reinen Vernunft zog, in demselben vorteilhaften Zustande, als es jemalen war, und der Verlust trifft nur das Monopol der Schulen, keineswegs aber das Interesse der Menschen. Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker, ob der Beweis von der Fortdauer unserer Seele nach dem Tode aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der Freiheit des Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die subtilen, obzwar ohnmächtigen Unterscheidungen subjektiver und objektiver praktischer Notwendigkeit, oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriffe eines allerrealsten Wesens, (der Zufälligkeit des Veränderlichen, und der Notwendigkeit eines ersten Bewegers,) nachdem sie von den Schulen ausgingen, jemals haben bis zum Publikum gelangen und auf dessen Überzeugung den mindesten Einfluß haben können? Ist dieses nun nicht geschehen, und kann es auch, wegen der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler Spekulation, niemals erwartet werden; hat vielmehr, was das erstere betrifft, die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche (als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich) nie zufrieden gestellt werden zu können, die Hoffnung eines künftigen Lebens, in Ansehung des zweiten die bloße klare Darstellung der Pflichten im Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das Bewußtsein der Freiheit, und endlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung, Schönheit und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein den Glauben an einen weisen und großen Welturheber, die sich aufs Publikum verbreitende Überzeugung, sofern sie auf Vernunftgründen beruht, ganz allein bewirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehen, daß die Schulen nunmehr belehrt werden, sich keine höhere und ausgebreitetere Einsicht in einem Punkte anzumaßen, der die allgemeine menschliche Angelegenheit betrifft, als diejenige ist, zu der die große (für uns achtungswürdigste) Menge auch eben so leicht gelangen kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein faßlichen und in moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschränken. Die Veränderung betrifft also bloß die arroganten Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Recht in vielen anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den Gebrauch mitteilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten (quod mecum nescit, solus vult scire videri). Gleichwohl ist doch auch für einen billigeren Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt immer ausschließlich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig, es zu sein; weil, so wenig dem Volke die fein gesponnenen Argumente für nützliche Wahrheiten in den Kopf wollen, ebensowenig kommen ihm auch die eben so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil die Schule, so wie jeder sich zur Spekulation erhebende Mensch, unvermeidlich in beide gerät, jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft einmal für allemal dem Skandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich Metaphysiker (und als solche endlich auch wohl Geistliche) ohne Kritik unausbleiblich verwickeln, und die selbst nachher ihre Lehren verfälschen. Durch diese kann nun allein dem Materialismus, Fatalismus, Atheismus, dem freigeisterischen Unglauben, der Schwärmerei und Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealismus und Skeptizismus, die mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. Wenn Regierungen sich ja mit Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so würde es ihrer weisen Fürsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die Vernunftbearbeitungen allein auf einen festen Fuß gebracht werden können, als den lächerlichen Despotismus der Schulen zu unterstützen, welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei erheben, wenn man ihre Spinneweben zerreißt, von denen doch das Publikum niemals Notiz genommen hat, und deren Verlust es also auch nie fühlen kann.

    Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft in ihrem reinen Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt, (denn diese muß jederzeit dogmatisch, d. i. aus sicheren Prinzipien a priori strenge beweisend sein,) sondern dem Dogmatismus, d. i. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen), nach Prinzipien, so wie sie die Vernunft längst im Gebrauche hat, ohne Erkundigung der Art und des Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen. Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft, ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit, unter dem angemaßten Namen der Popularität, oder wohl gar dem Skeptizismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen Prozeß macht, das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die notwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft, die notwendig dogmatisch und nach der strengsten Forderung systematisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt werden muß; denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, gänzlich a priori, mithin zu völliger Befriedigung der spekulativen Vernunft ihr Geschäft auszuführen, ist unnachläßlich. In der Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d. i. im künftigen System der Metaphysik, müssen wir dereinst der strengen Methode des berühmten Wolf, des größten unter allen dogmatischen Philosophen, folgen, der zuerst das Beispiel gab, (und durch dies Beispiel der Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland wurde,) wie durch gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien, deutliche Bestimmung der Begriffe, versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen sei, der auch eben darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen vorzüglich geschickt war, wenn es ihm beigefallen wäre, durch Kritik des Organs, nämlich der reinen Vernunft selbst, sich das Feld vorher zu bereiten: ein Mangel, der nicht sowohl ihm, als vielmehr der dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und darüber die Philosophen seiner sowohl, als aller vorigen Zeiten einander nichts vorzuwerfen haben. Diejenigen, welche seine Lehrart und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft verwerfen, können nichts anderes im Sinne haben, als die Fesseln der Wissenschaft gar abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewißheit in Meinung und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln.

    Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich, wie billig, die Gelegenheit derselben nicht vorbei lassen wollen, um den Schwierigkeiten und der Dunkelheit so viel möglich abzuhelfen, woraus manche Mißdeutungen entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern, vielleicht nicht ohne meine Schuld, in der Beurteilung dieses Buchs aufgestoßen sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, imgleichen der Form sowohl als der Vollständigkeit des Plans, habe ich nichts zu ändern gefunden; welches teils der langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte, ehe ich es dem Publikum vorlegte, teils der Beschaffenheit der Sache selbst, nämlich der Natur einer reinen spekulativen Vernunft, beizumessen ist, die einen wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines willen und ein jedes Einzelne um aller willen, mithin jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrtum) oder Mangel, sich im Gebrauche unausbleiblich verraten muß. In dieser Unveränderlichkeit wird sich dieses System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel, sondern bloß die Evidenz, welche das Experiment der Gleichheit des Resultats, im Ausgange von den mindesten Elementen bis zum Ganzen der reinen Vernunft, und im Rückgange vom Ganzen (denn auch dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben) zu jedem Teile bewirkt, indem der Versuch, auch nur den kleinsten Teil abzuändern, sofort Widersprüche, nicht bloß des Systems, sondern der allgemeinen Menschenvernunft herbeiführt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein in der Darstellung ist noch viel zu tun, und hierin habe ich mit dieser Auflage Verbesserungen versucht, welche teils dem Mißverstande der Ästhetik, vornehmlich dem im Begriffe der Zeit, teils der Dunkelheit der Deduktion der Verstandesbegriffe, teils dem vermeintlichen Mangel einer genügsamen Evidenz in den Beweisen der Grundsätze des reinen Verstandes, teils endlich der Mißdeutung der der rationalen Psychologie vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hierher (nämlich nur bis zu Ende des ersten Hauptstücks der transzendentalen Dialektik) und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart, weil die Zeit zu kurz und mir in Ansehung des übrigen auch kein Mißverstand sachkundiger und unparteiischer Prüfer vorgekommen war, welche, auch ohne daß ich sie mit dem ihnen gebührenden Lobe nennen darf, die Rücksicht, die ich auf ihre Erinnerungen genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen antreffen werden. Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust für den Leser verbunden, der nicht zu verhüten war, ohne das Buch gar zu voluminös zu machen, nämlich, daß verschiedenes, was zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit des Ganzen gehört, mancher Leser aber doch ungern missen möchte, indem es sonst in anderer Absicht brauchbar sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden müssen, um meiner, wie ich hoffe, jetzt faßlicheren Darstellung Platz zu machen, die im Grunde in Ansehung der Sätze und selbst ihrer Beweisgründe, schlechterdings nichts verändert, aber doch in der Methode des Vortrags hin und wieder so von der vorigen abgeht, daß sie durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ. Dieser kleine Verlust, der ohnedem, nach jedes Belieben, durch Vergleichung mit der ersten Auflage ersetzt werden kann, wird durch die größere Faßlichkeit, wie ich hoffe, überwiegend ersetzt. Ich habe in verschiedenen öffentlichen Schriften (teils bei Gelegenheit der Rezension mancher Bücher, teils in besonderen Abhandlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen, daß der Geist der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben, sondern nur durch den Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken auf kurze Zeit überschrieen worden, und daß die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und daher höchstnotwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, mutige und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu bemeistern. Diesen verdienten Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent einer lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so glücklich verbinden, überlasse ich meine in Ansehung der letzteren hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu vollenden, denn widerlegt zu werden ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber nicht verstanden zu werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten von nun an nicht einlassen, ob ich zwar auf alle Winke, es sei von Freunden oder Gegnern, sorgfältig achten werde, um sie in der künftigen Ausführung des Systems dieser Propädeutik gemäß zu benutzen. Da ich während dieser Arbeiten schon ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in diesem Monat ins vierundsechzigste Jahr,) so muß ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten, als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der spekulativen sowohl als praktischen Vernunft, zu liefern, ausführen will, mit der Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowohl der in diesem Werke anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten, als die Verteidigung den Ganzen von den verdienten Männern, die es sich zu eigen gemacht haben, erwarten. An einzelnen Stellen läßt sich jeder philosophische Vortrag zwacken, (denn er kann nicht so gepanzert auftreten, als der mathematische,) indessen, daß doch der Gliederbau des Systems, als Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste Gefahr läuft, zu dessen Übersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit des Geistes, noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust besitzen. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander vergleicht, in jeder, vornehmlich als freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben, die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurteilung verläßt, ein nachteiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. Indessen, wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkung und Gegenwirkung, die ihr anfänglich große Gefahr drohten, mit der Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, und wenn sich Männer von Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen, ihr in kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen.

    Königsberg, im Aprilmonat 1787.

    Zur Problematik des Dings an sich:

    „Es kann bemerkt werden, daß sich hier der Sinn des Dings-an-sich ergibt, das eine sehr einfache Abstraktion ist, aber eine Zeitlang eine sehr wichtige Bestimmung, gleichsam etwas Vornehmes, so wie der Satz, daß wir nicht wissen, was die Dinge an sich sind, eine vielgeltende Weisheit war. – Die [130] Dinge heißen an-sich, insofern von allem Sein-für-Anderes abstrahiert wird, das heißt überhaupt, insofern sie ohne alle Bestimmung, als Nichtse gedacht werden. In diesem Sinn kann man freilich nicht wissen, was das Ding an-sich ist. Denn die Frage Was? verlangt, daß Bestimmungen angegeben werden; indem aber die Dinge, von denen sie anzugeben verlangt würde, zugleich Dinge-an-sich sein sollen, das heißt eben ohne Bestimmung, so ist in die Frage gedankenloserweise die Unmöglichkeit der Beantwortung gelegt, oder man macht nur eine widersinnige Antwort. – Das Ding-an-sich ist dasselbe, was jenes Absolute, von dem man nichts weiß, als daß Alles eins in ihm ist. Man weiß daher sehr wohl, was an diesen Dingen-an-sich ist; sie sind als solche nichts als wahrheitslose, leere Abstraktionen. Was aber das Ding-an-sich in Wahrheit ist, was wahrhaft an sich ist, davon ist die Logik die Darstellung, wobei aber unter Ansich etwas Besseres als die Abstraktion verstanden wird, nämlich was etwas in seinem Begriffe ist; dieser aber ist konkret in sich, als Begriff überhaupt begreiflich und als bestimmt und Zusammenhang seiner Bestimmungen in sich erkennbar.

    Das Ansichsein hat zunächst das Sein-für-Anderes zu seinem gegenüberstehenden Momente; aber es wird demselben auch das Gesetztsein gegenübergestellt; in diesem Ausdruck liegt zwar auch das Sein-für-Anderes, aber er enthält bestimmt die bereits geschehene Zurückbeugung dessen, was nicht an sich ist, in das, was sein Ansichsein, worin es positiv ist. Das Ansichsein ist gewöhnlich als eine abstrakte Weise, den Begriff auszudrücken, zu nehmen; Setzen fällt eigentlich erst in die Sphäre des Wesens, der objektiven Reflexion; der Grund setzt das, was durch ihn begründet wird; die Ursache noch mehr bringt eine Wirkung hervor, ein Dasein, dessen Selbständigkeit unmittelbar negiert ist und das den Sinn an ihm hat, in einem Anderen seine Sache, sein Sein zu haben. In der Sphäre des Sems geht das Dasein aus dem Werden nur hervor, oder mit dem Etwas ist ein Anderes, mit dem Endlichen das Unendliche gesetzt, aber das Endliche bringt [131] das Unendliche nicht hervor, setzt dasselbe nicht. In der Sphäre des Seins ist das Sichbestimmen des Begriffs selbst nur erst an sich, – so heißt es ein Übergehen; auch die reflektierenden Bestimmungen des Seins, wie Etwas und Anderes oder das Endliche und Unendliche, ob sie gleich wesentlich aufeinander hinweisen oder als Sein-für-Anderes sind, gelten als qualitative für sich bestehend; das Andere ist, das Endliche gilt ebenso als unmittelbar seiend und für sich feststehend wie das Unendliche; ihr Sinn erscheint als vollendet auch ohne ihr Anderes. Das Positive und Negative hingegen, Ursache und Wirkung, sosehr sie auch als isoliert seiend genommen werden, haben zugleich keinen Sinn ohne einander; es ist an ihnen selbst ihr Scheinen ineinander, das Scheinen seines Anderen in jedem, vorhanden. – In den verschiedenen Kreisen der Bestimmung und besonders im Fortgange der Exposition oder näher im Fortgange des Begriffs zu seiner Exposition ist es eine Hauptsache, dies immer wohl zu unterscheiden, was noch an sich und was gesetzt ist, wie die Bestimmungen als im Begriffe und wie sie als gesetzt oder als seiend-für-Anderes sind. Es ist dies ein Unterschied, der nur der dialektischen Entwicklung angehört, den das metaphysische Philosophieren, worunter auch das kritische gehört, nicht kennt; die Definitionen der Metaphysik wie ihre Voraussetzungen, Unterscheidungen und Folgerungen wollen nur Seiendes und zwar Ansichseiendes behaupten und hervorbringen.

    Das Sein-für-Anderes ist in der Einheit des Etwas mit sich, identisch mit seinem Ansich –, das Sein-für-Anderes ist so am Etwas. Die so in sich reflektierte Bestimmtheit ist damit wieder einfache seiende, somit wieder eine Qualität, – die Bestimmung.“ Hegel WdL I

  9. willy56 sagt:

    „Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. „

    Warum ist es für Kant eigentlich so wichtig, Erkenntnisse a priori zu haben? Immerhin ist man Jahrtausende ohne sie ausgekommen und hat doch sowohl in Philosophie wie in Naturwissenschaften erhebliches leisten können? Versteckt sich hinter dem gepriesenen metaphysischen Bedürfnis nicht vielleicht ein religiöses?

    Ich denke es ist kein Wunder, dass zur gleichen Zeit, als Galilei durch seine Forschungen das mittelalterlich/aristotelische Weltbild ins Wanken brachte, plötzlich Descartes auftrat, um mittels idealistischer Philosophie die Existenz Gottes und der unsterblichen Seele zu beweisen (wie es im Vorwort zu seinen Meditationen heißt). Ist nicht auch kein Wunder, dass Kant auftritt, das Wissen zu begrenzen um dem Glauben Platz zu schaffen, als sich im Rahmen der Aufklärung eine naturalistische Philosophie entwickelt, die zur gleichen Zeit auch politisch brisant wurde? Dazu empfehle ich übrigens dieses hervorragende Buch: http://www.amazon.de/B%C3%B6se-Philosophen-Salon-vergessene-Aufkl%C3%A4rung/dp/3446236481 in dem die Entwicklung der radikalen, materialistischen Aufklärung (Diderot, LaMettrie, Holbach)dargestellt wird, die historisch gegenüber ihrer gemäßigten, eher idealistischen Strömung (Voltaire und Rousseau) ins Hintertreffen geriet (im wesentlichen wohl durch Marx, aber das wäre wieder ein neues Thema).

    „Die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche (als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich) nie zufrieden gestellt werden zu können“, ist, denke ich, eine Folge jahrtausende dauernden religiösen Glaubens und ein Versuch, die durch den Wegfall (bzw. das immer weniger plausibel werden) Gottes zu kompensieren.

    Was „hrrliche Ordnung, Schönheit und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt“, betrifft, ist es ja genau das, was Darwin erklärt hat, und zwar ohne irgendwelche metaphysischen Grundannahmen. Auch für andere Fragen, die in der Kritik der reinen Vernunft vorkommen (Endlichkeit und Unendlichkeit der Welt z.B.)

    Mit der Kritik Hegels am „Ding an sich“ gehe ich durchaus konform, ich denke auch, dass es „nichts als wahrheitslose, leere Abstraktion“ ist. Der Rest des Textes ist allerdings typisch Hegelsche Begriffspoesie ohne erkennbaren Sinn („was etwas in seinem Begriffe ist; dieser aber ist konkret in sich, als Begriff überhaupt begreiflich und als bestimmt und Zusammenhang seiner Bestimmungen in sich erkennbar.“).

  10. Bersarin sagt:

    Willy56, ich werde Dir später antworten, weil ich heute von eines langen Tages Ritt erschöpft bin. Daß Du jenes Buch von Blom anraten würdest, dachte ich mir fast. Und ich dachte auch gleich, als ich es vor einige Zeit las, daß es ganz in Deinem Sinne geschrieben wurde. Leider ist das Buch nicht besonders gut und übergeht wesentliche Aspekte der Rousseauschen und Voltaireschen Aufklärung. Und wenn man die Polemik gegen beide an biographischen Details und nicht an der Sache, also dem Text selber, festmacht, dann bleibt die Kritik äußerlich. Eine solche Kritik verhält sich so, als kritisierte ich die Sangeskunst von Dominique Horwitz, indem ich auf seine Segelohren verweise.

    Daß Marx, welcher über die “Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie” promovierte, nun einen Vorbehalt gegen materialistische Aufklärung gehabt haben sollte, wäre mir neu. Wohl aber hegte er einen solchen, gegen Denken, welches verkürzend verfährt.

  11. Bersarin sagt:

    Ja, die Menschheit ist lange Zeit auch ohne eine Antwort auf die für Kant wesentliche Frage in der KdrV, wie synthetische Urteile a priori möglich seien, ausgekommen. Sie ist lange Zeit ohne vieles ausgekommen. Und wofür soll dieses Ohne-dies-und-ohne-das-ausgekommen-zu-sein nun als Argument stehen?

    Zudem: die Erkenntnis über die Formen der Erkenntnis findest Du nicht in der Natur selbst oder in irgendwelchen darwinschen naturwissenschaftlichen Positionen, sowenig wie die Bedingungen der Möglichkeit von Physik innerhalb der Physik selber zum Thema gemacht werden können. Die Physik kann darüber keine einzige Aussage treffen, weil das gar nicht ihr Gegenstandsbereich ist.

    In Deiner Sicht verfehlst Du zudem die grundlegenden Kantischen Differenzierungen zwischen praktischer und theoretischer Philosophie. Heine schrieb aus gutem Grunde, daß der Oberherr der Welt unbewiesen in seinem Blut schwimme. Kant und Descartes auf die pure Religion zu reduzieren, ist schlicht platt. In Descartes‘ „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ geht es, wie der Titel bereits andeutet, nicht um Religion, sondern um genau jene Grundlagen als Form des Denkens, das sich selber in den Blick nimmt – sogar dort, wo Descartes aus theologischer Rücksichtnahme auf die Obrigkeit heraus auf jenen Gott (und sei es ein betrügerischer) noch rekurrieren muß. Doch ist dieser im Gang des Argumentes bei Descartes, der in der Theologie und bei Gott Zuflucht sucht, im Grunde gar nicht mehr nötig, sondern der Politik seiner Zeit geschuldet.

    Unsinnig zudem, Descartes gegen Galileo Galilei auszuspielen, weil beide an ganz anderen Projekten arbeiten. Freilich greifen beide auf das Vermögen der Erkenntnis und auf das Streben des Menschen nach Wissen zurück. Du spielst Dinge gegeneinander aus, die sich nicht gegeneinander stellen lassen, weil sie sich auf völlig verschiedene Objektbereiche beziehen.

    Was bitte soll ein aristotelisches Weltbild sein? Das ist schlichter Unfug. Bereits der Ausdruck „Weltbild“ verfehlt die Konstitutionsbedingungen von Wissen.

  12. David sagt:

    Philosophy and the subjects known as ‘humanities’ are still taught almost as if Copernicus had never lived.

  13. willy56 sagt:

    „Zudem: die Erkenntnis über die Formen der Erkenntnis findest Du nicht in der Natur selbst oder in irgendwelchen darwinschen naturwissenschaftlichen Positionen, sowenig wie die Bedingungen der Möglichkeit von Physik innerhalb der Physik selber zum Thema gemacht werden können. Die Physik kann darüber keine einzige Aussage treffen, weil das gar nicht ihr Gegenstandsbereich ist.“

    Falsch, Erkenntnis ist etwas, das nur lebenden Wesen zukommt, und solche sind mir nur innerhalb der Natur bekannt. Willkürlich ist die Herauslösung der Erkenntnis aus der Natur, wie die idealistische Philosophie sie vornimmt. Ich habe den Text von Quine extra gepostet, um zu zeigen, dass sich Erkenntnis durchaus im Gesamtzusammenhang menschlicher Existenz verstehen lässt, ohne aus dem Menschen ein Subjekt ohne Unterleib zu machen. Was erscheint dir daran falsch?

    „In Descartes‘ „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ geht es, wie der Titel bereits andeutet, nicht um Religion, sondern um genau jene Grundlagen als Form des Denkens, das sich selber in den Blick nimmt – sogar dort, wo Descartes aus theologischer Rücksichtnahme auf die Obrigkeit heraus auf jenen Gott (und sei es ein betrügerischer) noch rekurrieren muß.“

    Nun ja, immerhin hat er ja seine Absicht, die Existenz Gottes und der unsterblichen Seele gegen den Atheismus zu verteidigen, deutlich erklärt (übrigens im Vorwort an den Leser, nicht in der Widmung an die theologische Fakultät der Universität Paris). Warum sollte man an der Ehrlichkeit seiner Aussage zweifeln? Warum setzt du voraus, dass es nur aus Rücksichtnahme auf die Obrigkeit und nicht aus Überzeugung heraus geschehen ist?

    „Doch ist dieser im Gang des Argumentes bei Descartes, der in der Theologie und bei Gott Zuflucht sucht, im Grunde gar nicht mehr nötig, sondern der Politik seiner Zeit geschuldet.“

    Immerhin nimmt ja der christliche Gott in seinem System eine recht wichtige Position ein, indem er es letzten Endes ist, der die Richtigkeit der menschlichen Erkenntnis begründet (s. dritte Meditation). Er ist in sofern ein notwendiger Bestandteil des Systems.

    „Unsinnig zudem, Descartes gegen Galileo Galilei auszuspielen, weil beide an ganz anderen Projekten arbeiten. Freilich greifen beide auf das Vermögen der Erkenntnis und auf das Streben des Menschen nach Wissen zurück. Du spielst Dinge gegeneinander aus, die sich nicht gegeneinander stellen lassen, weil sie sich auf völlig verschiedene Objektbereiche beziehen.“

    Hast du mal die „ Prinzipien der Philosophie“ gelesen? Da beschäftigt sich Descartes mit genau den gleichen Themen wie Galilei, „Über die Prinzipien der körperlichen Dinge“, „Über die Erde“ usw. Er bietet lediglich eine metaphysische Grundlegung dazu, die Galilei (zu recht) nicht für nötig hielt. Von Ausspielen kann also keine Rede sein, es besteht vielmehr ein ganz offensichtlicher Zusammenhang (mal abgesehen davon, dass Descartes über Galileis Forschungen informiert war).

    “Was bitte soll ein aristotelisches Weltbild sein?”

    Sorry, ich dachte du wärst über die Bedeutung der aristotelischen Physik und Kosmologie für die kathoische Doktrin informiert.

  14. willy56 sagt:

    “Philosophy and the subjects known as ‘humanities’ are still taught almost as if Copernicus had never lived.”

    Humanities beschäftigen sich (wie der name ja schon sagt) mit Menschen, genau wie die Evolutionstheorie. In sofern besteht da schon ein Zusammenhang, und es ist verwunderlich, warum wichtige Erkenntnisse einfach nicht zur kenntnis genommen werden.

    Die Stellung unseres Planenten zur Sonne ist da doch eher weniger wichtig.

  15. Noergler sagt:

    Dass Materialismus bei Marx etwas anderes bedeutet, als die Erklärung der Welt durch “Druck und Stoß” war mir auch schon aufgefallen.
    ________________________________________

    Die Welt kommt ohne alles aus. Sie käme sogar ohne den Verzicht auf den Einsatz von Atomwaffen aus.
    ________________________________________

    Zum Ding an sich späterhin mehr (auch zu Hegel).
    Hier nur so viel:

    Ein Bildhauer erzeugt die Form aus dem Material, indem er die im Geiste zuvor entwickelte Gestalt in das Material ‚hineinlegt’. Dies ist das Modell aller Naturbeherrschung. Das Material kann nicht willkürlich gewählt, nicht willkürlich mit ihm verfahren werden: Kein Bildhauer vermöchte die Statue aus Luft zu erschaffen; da kann er so viel Geist hineinlegen wie er will.
    Das heißt: Der Geist muß an dem ihm Auswendigen etwas treffen. Das dem Geist Auswendige ist das, was er nicht selbst geschaffen hat, sondern als Voraussetzung vorfindet. Diese nimmt er als seine Voraussetzung in sich hinein, was jedoch das Nichtgeistige der Voraussetzung nicht tilgt: Der Geist verwandelt das ihm Auswendige in Geist, und er verwandelt es nicht in Geist.
    Da, Willy, fängt Dialektik an, und da fängt Erkenntniskritik an, indem erkannt wird, dass der Geist an jener simultanen Hereinnahme und Nichthereinnahme seinen Grund, seine raison d’etre und sein Telos hat.

    Aus alledem wird die Stellung des Geistes zur nichtgeistigen Dingwelt deutlich. Sie wird geistiges Moment, aber nicht zauberisch aufgelöst in Geist. Womit wir es hier zu tun haben, ist das Nichtverhexen und Nichtverhexenkönnen der außergeistigen Dingwelt in Geist durch in selbst.
    Dieser Tatsache gibt Kant einen Namen. Dieser Name lautet „Ding an sich“.

    Das Ding an sich ist damit keines, das etwa durch gehörige Forschung dereinst noch erkennbar würde.
    Denn das „Ding an sich“ ist selbst kein Ding. Es ist vielmehr die allgemeine Bestimmung der Relation von Geist und außergeistiger Dingwelt.

    Dass das Materialismus und Realismus pur ist, dürfen all diejenigen zur Kenntnis nehmen, die am Empiristenstammtisch Metaphysik als bloß begriffsdichterisch Ausgedachtes meinen schmähen zu können. Denen holt Kant den Stock aus dem Wasser, um ihnen damit den Hosenboden strammzuziehen.

  16. Noergler sagt:

    Willys Naturidoloatrie mal wieder:
    “Erkenntnis ist etwas, das nur lebenden Wesen zukommt, und solche sind mir nur innerhalb der Natur bekannt. Willkürlich ist die Herauslösung der Erkenntnis aus der Natur, wie die idealistische Philosophie sie vornimmt.”
    Geld ist innerhalb der Natur nicht bekannt. Auch manch anders scheint doch recht nachhaltig ‘aus der Natur herausgelöst’, zum Beispiel die Erkenntnis. Denn wie die Natur erkannt werden soll ohne das Moment der Unabhängikeit von ihr, wäre klärungsbedürftig.

  17. Bersarin sagt:

    @Willy56
    Nur weil der Mensch ebenfalls ein Teil der Natur ist, kommt deshalb die Erkenntnis noch lange nicht in der Natur vor. Auch Du gehörst zur Gruppe derer, die den Unterschied zwischen dem Tranzendentalen und dem Empirischen nicht realisieren können. Du vermengst die Ebenen zugunsten eines naturalistischen Holismus.

    In der Natur gibt es nur Natur. Mehr nicht und nicht weniger. Sobald aber der Mensch in der Natur ist und hinzutritt (d.h. mit seiner Existenz, seinem Dasein, seinem Denken), geschieht, vermittelt über diese Subjektivität, eine stoffliche Bearbeitung dieser Natur. Insofern gibt es auch keine erste Natur für das Subjekt, sondern diese Natur ist gesellschaftlich präformiert und durchdrungen. Die Natur für eine indigene Gemeinschaft ist eine andere als die für einen Westeuropäer.

    Zudem: Deine logische Schlußkette ist eine sehr abenteuerliche: Prämisse 1: Erkenntnis kommt nur lebenden Wesen zu. Prämisse 2: Diese sind nur in der Natur bekannt. Ergo: Erkenntnis kommt in der Natur vor. (Davon abgesehen, daß Erkenntnis den Tieren und Pflanzen, die auch lebende Wesen sind, eben nicht zukommt.)

    Der Ausdruck aristotelisches Weltbild ist Humbug. Es gibt Positionen innerhalb der lateinischen oder auch europäischen Philosophie, insbesondere und prominent durch Thomas von Aquin vertreten, die Aristoteles für die Theologie und die Philosophie fruchtbar machten: Mit Kant gesprochen tat der Heilige Thomas folgendes: Das Wissen einzuschränken, um zum Glauben Platz zu bekommen: daß eben Naturwissenschaft und Theologie/Glaube sich nicht ausschließen. Ansonsten: bis ins Mittelalter des 11 Jhds. waren die meisten der Aristotelischen Schriften im lateinischen Mittelalter so gut wie vergessen. (Allenfalls Platon war in einigen Schriften überliefert.) Dies sollte auch Dir bekannt gewesen sein. Sehr viel präsenter zeigten die Schriften von Aristoteles sich in der arabischsprachigen Region. Und einen der gewichtigsten Aristoteles-Kommentatoren haben wir im damaligen Arabischen Raum (heute Spanien): nämlich Averroës, der erst Aristoteles für das lateinische Mittelalter fruchtbar machte (Hinzu kommt noch Avicenna). Ein merkwürdige frühmittelalterliche Konzeption: ein Aristotelisches Weltbild ohne Aristoteles.

    Ja: es besteht ein Zusammenhang zwischen Galilei und Descartes, genau das schrieb ich und darum geht es. Nur beschritten beide sehr unterschiedliche Wege. Aber hätte Descartes Darwin gelesen, dann wäre er womöglich ein Naturliebhaber geworden und spazierte durch die Wälder anstatt grübelnd vorm Kamin stubenzuhocken.

    Ach ja: und nun nenne mir doch bitte noch die Physikerinnen oder Physiker, die innerhalb des Diskures der Physik über die Bedingungen der Möglichkeit von Physik geschrieben haben! Würde mich schon sehr interessieren.

  18. ziggev sagt:

    also doch: Gilbert Ryle, Kategorienfehler: http://de.wikipedia.org/wiki/Gilbert_Ryle#Kategorienfehler

    oder einfach google: Kategorienfehler Natur – die ersten drei Links bei mir:

    http://www.fr-online.de/kultur/was-ist-willensfreiheit—3–stillschweigende-hirngespinste,1472786,4490372.html

    sogar hier http://de.wikipedia.org/wiki/Ding_an_sich

    http://www.scilogs.de/blogs/blog/sichtweisen/2008-05-12/wer-denkt-hier-eigentlich-ber-kategorienfehler

    als zusätzlichen Zeugen rufe ich Harald Lesch auf:

    http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-physiker-2002_x100.html

    von Dir, Willy, hätte ich eigentlich gedacht, dass Du ebenfalls zu Entspannung mal Alpha Centauri guckst.

    Galileo – Aristoteles: vielleicht dachtest du mehr an Euklid? “Euklid und andere Philosophen der Antike hatten entdeckt, dass man etwas “beweisen” kann. Etwa 2000 Jahre schlummerte dieses Wissen, überdeckt von der Aristotelischen Philosophie.”

    hier, aus einem interessanten Artikel des theoretischen Physikers Honerkamp über Problem der Unbestimmtheit, und hier ein etwas launig geschriebener Text eines Philosophen dazu.

    Nur weil unsere Begriffe womöglich alle unbestimmt sind, muss niemand auf den Unsinn verfallen, “den Geist” “naturwissenschaftlich erkennen” zu wollen.

    Vielleicht noch eine Anmerkung (mit Bezug zu Hegel) jedenfalls schien mir der Text des Physikers wunderschön zu bestätigen, wie ich die Lage am Beispiel der Computer-Metapher des Geistes, der Frage: können Computer denken? beurteilte. Als zum ersten Mal in Computer den besten Schachspieler der Welt besiegt hatte, gab es im dlf eine Diskussion, zu der verschiedene Akademiker eingeladen waren, Informatiker, vielleicht auch ein Juist, in Philosoph. Es wollte und wollte keine Diskussion in Gang kommen. Ich erinnere mich nur an den Philosophen, der tatsächlich erwähnte, dass die Anerkennung die Person erst zur Person mache (angenommen, ich glaube, so lief das Argument, fürs Denken ist schon eine Person vorauszusetzen), – was bei den Informatikern einen wirkich drolligen, lossprudelnden und glucksenden Heiterkeitsausbruch auslöste.

    Phyiker, so Honerkamp, definieren– und das scheint mir der einzig wichtige Punkt zu sein – nicht explizit, so gut wie gar nicht. Da helfen keine Chinesischen Zimmer weiter, es ist in der Tat eine Frage des Gegenstandsbereiches.

  19. David sagt:

    Als zum ersten Mal in Computer den besten Schachspieler der Welt besiegt hatte

    Aus welchem Holz war das Schachbrett? (Willy muß das wissen.)

  20. ziggev sagt:

    Selbst Singer:

    »Bevor ich mich dem Gehirn als Objekt naturwissenschaftlicher Nachforschungen selbst zuwende, soll ein erkenntnistheoretisches Problem in Erinnerung gerufen werden, das alle angeht, aber jemandem, der Hirnforschung betreibt, besonders oft und eindringlich begegnet.«

    »Bei der Erforschung des Gehirns betrachtet sich ein kognitives System im Spiegel seiner selbst. Es verschmelzen also Erklärendes und das zu Erklärende und es stellt sich die Frage, inwieweit wir überhaupt in der Lage sind, das, was uns ausmacht, zu erkennen. Natürlich ist dies ein generelles Problem, dem sich alle stellen müssen, die Aussagen über die Natur der Dinge machen. Ist doch nur erkennbar, was unser kognitiver Apparat, unser Gehirn, zu denken, zu rekonstruieren und sich vorzustellen vermag. Betrachtet man die evolutionären Prozesse, die dieses Organ hervorgebracht haben, liegt der Schluß nahe, daß die während der Evolution wirksamen Selektionsmechanismen vermutlich nicht dazu angetan waren, kognitive Strukturen auszubilden, die für die Erfassung dessen optimiert sind, was hinter den Dingen möglicherweise sich verbirgt.«

  21. David sagt:

    ziggev, darf ich um die Quelle bitten?

  22. ziggev sagt:

    berechtigtes Anliegen, ich ließ es an gebührender Sorgfalt missen, was irreführend war; es handelt sich um den Hirnforscher Wolf Singer, der ja zuletzt zugab, von Philosophie keine Ahnung zu haben, nachdem er von Birgit Recki (Hamburg) und Konrad Paul Liessmann (Wien) bei einem Gespräch auf 3sat gegrillt worden war.

    Zitiert nach:

    http://www.velbrueck-wissenschaft.de/pdfs/peterjanich.pdf (via Wiki-Seite über Peter Janich)

    das hier zur Wissenschaftstheorie von demselben las sich für den Einstig ganz interessant wie auch am Anfang die PDF-Datei, nur ging das dann ziemlich konstruktivistisch weiter, sodass ich die Lust verlor. Ich weiß also nicht, ob der Text insgesamt seine einleitende und Polemik rechtfertigt.

  23. Bersarin sagt:

    Wolf Singer – oh je. Aber es lassen sich eben manche grillen. Das gibt ein feines Barbecue, wenngleich dieses Wort im Grunde nicht ganz treffend ist, weil das etwas ganz anderes als das Grillen bezeichnet.

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