Ich habe es vergessen, ich habe es verpatzt und vergeigt, doch selbst der klügste Kopf kann nicht alles im Leben hinbekommen. Und es schreibt sich ein guter Text kaum nebenbei. Was ich vergaß? Nun, den 190. Geburtstag Gustave Flauberts: 12. Dezember 1821 in Rouen geboren. Das haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, allesamt gewußt; und Sie haben mich nicht daran erinnert. Kein feiner Zug.
Sicherlich wäre es Flaubert egal gewesen, daß ich aktuell, mithin punktgenau nichts zu ihm schrieb und ich verspätet meinen Text darbringe – aber die Wahrscheinlichkeit, daß Flaubert es mitbekommt, ist andererseits eher gering als hoch anzusetzen. Da nehme ich aus meinem Weinglas sogleich einen verlegenen, aber doch großen Schluck vom Bordeaux, der im Schrank in der halbleeren, (nein halbvollen) Flasche noch unvertilgt und einladend herumsteht, um wenigstens im Rahmen des Französischen zu trinken: Jenes Frankreich, welches Flaubert so sehr verachtete und das er in seinen Romanen mit dem Seziermesser und mit dem Spott anging. Flaubert – ein wildgewordener Rentier und Spießbürger und dadurch, daß er sich so vollständig zurückzog und seinen Blick durch das intensive Studium eines jeden Details pflegte, der gründlichste Beobachter seiner Zeit. Spätestens nach dem (zeitweiligen) Verbot der „Madame Bovary“ im Jahre 1857 wußte Flaubert, voran er war.
Diese Gabe der sezierenden, auseinanderlegenden, kalt analysierenden Beobachtung kulminiert in seinem letzten (fragmentarischen) Werk „Bouvard und Pécuchet“. Die beiden Protagonisten streben nach Gelehrsamkeit und führen den Wunsch nach Bildung und damit auch den belesenen Fleiß eines Bildungsbürgertums, das bereits dem Kleinbürgertum entstammt, ad absurdum. Es ist dieses Buch, wie manche schreiben, nicht Flauberts bestes, weil die Figuren teils sehr starr und schematisch geraten sind, die Form ist nicht auskomponiert, was freilich auch daran liegt, daß der Romans unvollendet bleib. Die beiden Protagonisten führen ein Prinzip der Gelehrsamkeit vor, welches als inszenierte und zwanghaft betriebene Wissensproduktion und -anhäufung auf die bloße Fleißarbeit hinausläuft. Diese Art von Aneignung kann nicht funktionieren, weil solche Arbeit dem Wesen von Wissen widerspricht – bei Sartre taucht eine ähnliche Figur in seinem Roman „Der Ekel“ auf: jener Enzyklopädist bzw. Autodidakt, der seine Sicherheit durch das alphabetische Ablernen gewinnt und in dieser Arbeit doch nicht über die ersten Buchstaben hinauskommt: Sinnbild eines verkorksten Humanismus. Ich halte dieses letzte Werk Flauberts freilich für außerordentlich modern, seiner Zeit weit voraus.
Bouvard und Pécuchet wollen Menschen des Wissens sein, und sind doch zugleich die Parodie derselben. Sie widmen sich in ihren gelehrsamen Studien allen Gebieten des Wissens – von den Naturwissenschaften, der Landwirtschaft, über die Medizin, die Biologie, Geschichte, die Künste bis hin zu den höchsten Dinge: mithin der Philosophie und der Religion, kulminierend in dem Blick auf Gesellschaft. Im Grunde ist dieser unvollendete, Fragment gebliebene Roman eine Komödie der Menschheitsgeschichte. Der Gedanke der theoria hyperventiliert und kollabiert angesichts einer entfesselten Gesellschaft, welche Theorie eben nicht mehr als Selbstzweck und unabhängig von der Kosten-Nutzen-Kalkulation zu betreiben vermag und es von ihren Voraussetzungen auch gar nicht mehr kann, selbst wenn diese Gesellschaft es noch so sehr intendiert. Die Situation ist grotesk: im dörflichen, abgeschiedenen Idyll, welches ein Refugium bilden soll, gerät die Situation des Sich-Bildens aus den Fugen. Die Dorfbewohner rebellieren und verschwören sich gegen diese zwei Sonderlinge. Die abgeschiedene Welt, das gleichsam Monastische, welche einstmals den Ort der Bildung ausmachten, sind ebenso vom gesellschaftlichen Moment durchzogen und konditioniert wie jeder andere Ort der Welt auch.
Nichts kommt zu sich selbst:
„Eine zu starke Betonung des Wahren geschieht immer auf Kosten der Schönheit, wobei allerdings der dauernde Gedanke an die Schönheit dem Wahren hinderlich ist; aber ohne Ideal keine Wahrheit; und deshalb sind die Typen von dauernderer Realität als die Portraits. Übrigens will die Kunst nur die Wahrscheinlichkeit, aber diese hängt vom Beobachter ab, ist etwas Relatives, Vergängliches.
In diesen Tüfteleien fanden sie sich bald nicht mehr zurecht und glaubten immer weniger an die Ästhetik.“ (Bouvard und Pécuchet, S. 202, Fft/M 1979)
Der style indirect libre, jene erlebte Rede, welche sowohl in „Madame Bovary“ als auch in der „Education sentimentale“ die Form bestimmt, eröffnet den Blick auf das Objekt gleichsam von innen und von außen. Die bestimmte Negation ist das konstitutive Prinzip Flauberts. Und in jenen Lehrjahren bzw. in der Erziehung des Herzens zerrinnt das Leben bereits zum Anfang des Romans. Und es ist das, was sich ereignen wird, eingeklemmt zwischen einem anfänglichen und einem abschließenden lächerlichen Szenario des Scheiterns.
So fährt der Protagonist Frédéric Moreau, frisch bestandener Bakkalaureus, bereits zum Beginn dieses Bildungsromans, der eine Parodie auf die bürgerliche Bildung abgibt, von jenen Studien in der Großstadt Paris mit dem Schiff heim: und zwar dorthin, von wo er herkam: in die Provinz. Und es endet mit dem wohl absurdesten Rückblick auf jene Jahre der Bildung. Moreau und sein Freund Deslauriers überblicken ihr Leben und stellen fest, daß sie es beide verfehlt haben. Sie erinnern sich an einen Besuch in einem Bordell, der drei Jahre zurücklag:
„Ausführlich erzählten sie einander davon, und jeder ergänzte die Erinnerungen des anderen; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:
‚Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!‘
‚Ja, vielleicht war das wirklich das Beste, was wir gehabt haben!‘ sagte Deslauriers.“
Ein lakonisches Ende, und es hat, anders als der Titel des Buches andeutet, welcher in Kenntnis der Geschichte nur als ein ironischer zu verstehen ist, nicht einmal zur Liebe hin gereicht. Ein Leben, eine Jugend, welche als Höhepunkt im Bordellbesuch sich niederschlägt: Grandioser und absurder kann man sich ein Scheitern eigentlich nicht vorstellen. Im Sinne der ästhetischen Form ist der Bildungsroman mit Flaubert zu sich selber gekommen, es wacht keine Turmgesellschaft mehr schützend über dem Protagonisten, allenfalls steuert die unsichtbare Hand des Marktes, und Bildung zeigt sich in der bürgerlichen Gesellschaft als das, was sie in dieser Konstellation ist. Fortgeschrieben wird der Bildungsroman unter den Bedingungen der Moderne des 20. Jahrhunderts bei Franz Kafka.
„Die ‚Education sentimentale‘ aber ist ein Buch, das mir durch sehr viele Jahre nahegestanden ist, wie kaum zwei oder drei Menschen; wann und wo ich es aufgeschlagen habe, hat es mich aufgeschreckt und völlig hingenommen; und ich habe mich dann immer als ein geistiges Kind dieses Schriftstellers gefühlt, wenn auch als ein armes und unbeholfenes.“
(F. Kafka, Briefe an Felice, Brief v. 15.11.1912, 11 ½ Uhr abends)
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