Johannistische Apokalyptiker

Zurückgekommen von der Reise, bekehrt und gewandelt durch die aufstrebende Herrlichkeit des Straßburger Münsters sowie den Isenheimer Altar, lese ich vom Hurrikan über New York. Und so wie es Momorulez schreibt, sehe ich es auch: „Und dieser Hurricane im Osten der USA ist übrigens die Strafe Gottes für Michele Bachmann und homohassende Evangelikale.“ Dies zumindest ist zu hoffen. Und es wird ein Sturm fegen über die Verderber und die Verderbten gleichermaßen, und er wird treffen die Sündigen wie die Lästigen. Wer das ist, muß zunächst allerdings und aus dramaturgischen Gründen offen bleiben. (Und ich will schon gar nicht jenen Benjaminschen Sturm, der vom Paradiese her weht, bemühen.)

So lautet eine Inschrift am Straßburger Münster.X

Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, saß zum Abschied des letzten Pessachfestes abgewandt von ihm. Sein milchiges, junges Gesicht kehrte sich in die andere Richtung. Jesus, der apokalyptische Prediger der Nicht-Revolution, in sich gekehrt, von seinen Jüngern abgefallen: an jenem letzten Tag des Pessachfestes, harrend, als die Dinge verspielt waren. An einen, der beim Gastmahl vorüberging, es vorzeitig verlassen mußte: „Trag den Krieg in die Städte, in die Hütten, in die Paläste!“

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Was folgte, ist bekannt. Szenarien der Verdunkelung zu der bestimmten Stunde. „Herr, vernichte diesen Staat. Zermalme alles. Mach, ein, zwei, viele Kofferräume! Es passen so viele hinein, es ist doch deine eigene Sache.“ Das Fleisch, welches sich wandelt, transformiert, transsubstantiiert, fault, reift. Aufersteht. Beim Blick auf den seiner ursprünglichen Funktion enthobenen, auseinander gelegten Isenheimer Altar, dessen Tafeln in Colmars „Musée d’Unterlinden“ einzeln aufgestellt sind, läßt sich gut die Transformation des Fleisches beobachten. Im Grunde ist es genau richtig gemacht, daß dieses exzeptionelle Stück der Hochrenaissance, welches so sehr ins Mittelalter und in die Spätgotik zurückgreift, nicht in einer Kirche und damit in einem Funktionsrahmen sich befindet. Der (religiöse) Kult verschwand zugunsten des Ausstellungscharakters. Die Altarbilder öffnen sich einer apokalyptischen Philosophie ohne Glauben und religio.

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The Tempest. Der Schmallippige aus Rom kündigt sich für den September in Deutschland an: Wir haben Dir und Deinesgleichen für den September und auch genug für danach mitgebracht: Haß und Verachtung. Wie ich lese, sollen die Proteste gegen diesen Besuch teils verboten werden.

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Und es nahte der Herr mit Brausen.

Elsaß-Lothringen, Mühlhausen. Heimkehr und Heimat

Was mag in diesem Kofferraum wohl stecken? Man weiß es nicht.

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Öffnete ihn einer, so fände er entweder eine Leiche darin oder entdeckte  eine große Menge an Photographien, die ich aus dem Elsaß, dem Schwarzwald und Freiburg mitbringe: So in etwa 3500 Bilder stecken in den beiden Kameras. Zu meinem nächsten Urlaub habe ich die Photographien dann durchgearbeitet, entwickelt und kann sie in meinem Blog zeigen. Bis dahin muß ich die Leserinnen und Leser um Geduld bitten.

Heimat, liebe Heimat. Ich bin also wieder zurück aus dem Elsaß, mit einem Abstecher nach Freiburg und einem weiteren nach Hamburg, wo ich mir die kleine, feine William Turner-Ausstellung anschaute. Für die Freunde der Freien und Hansestadt Hamburg liefere ich eine Bilderserie.

Die Bilder sowie einen Reisebericht aus dem Elsaß gibt es demnächst, wenn ich die erste Sichtung der Photographien hinter mich gebracht habe. Über das Verhältnis von Flanieren und Photographieren und die Arten des unterschiedlichen Blickes, der diesen beiden Weisen von Wahrnehmung innewohnt, wäre außerdem zu schreiben.

Abwesenheitsnotiz – 13. August 1961

Tonspur zum Sonntag – 13. August 1961: so wollte ich ursprünglich diesen Beitrag samt dieses Videos nennen, aber am Ende erschien es mir doch zu zynisch, denn die Opfer an der Grenze sind real; es war dies kein Ulk und kein Karneval. Lustig ist dieses Stückchen dennoch und der Text dazu nicht einmal völlig falsch. Die ganze Absurdität ist im Grunde großartig. Zugleich müßte dieses Video mit einem die Satire erklärenden Kommentar versehen werden, weil ansonsten die Empörung der sogenannten rechtschaffenen Menschen einsetzt. Aber nach einer Litanei von Erläuterungen ist es eben keine Satire mehr. Ja, empört Euch. Doch an der richtigen Stelle. Über die sogenannte Mauer, über die Opfer im Todesstreifen empörtet Ihr Euch seit Jahrzehnten, regtet Euch auf. Das fiel leicht.  Wer jedoch vom Kapitalismus nicht reden will, der soll auch bei den Mauertoten und bei denen, die im Stasiknast gebrochen wurden oder einfach verreckten, die Klappe halten. Am Samstag soll in Berlin eine oder fünf oder was was ich wie lange Minuten geschwiegen werden. Als ob nicht genug geschwiegen wird über ganz andere Dinge. Es sind diese Rituale so verlogen, daß einer kotzen möchte.

Wir danken im Rahmen dieses 13. August  insbesondere den Grenzschützern von Frontex, welche den Zugang nach Europa regeln und die inzwischen viel gelernt haben,  ihr Handwerk auf eine sehr viel subtilere Weise betreiben als die Postengänger und deren Befehlshaber. Wir danken ihnen für ihren unermüdlichen, natürlich auf der Basis des Rechts abgesicherten Einsatz. So muß man es nämlich machen, liebe untergegangene DDR, ohne viel Aufsehen und ohne große Worte, unter der Beibehaltung der Illusion, daß hier die Medien frei über alles berichten können. Sandmann, lieber Sandmann. Daß diese Medien es natürlich nicht tun und ein absaufendes oder von der Marine aufgebrachtes Boot im Mittelmeer mit mehreren Toten kaum eine Spaltennachricht wert ist: da muß man schon sagen: Gute Leistung. Die Grenztruppen der DDR waren gegen Euch Lappen. Über Euch aber berichtet keiner. Ihr tötet still und leise, durch Unterlassen zum Beispiel, alles zu unserem Segen. Doch auch Ihr seid nur Büttel, Vollzugsorgane, das klingt so abstrakt und unsinnlich wie Geschlechtsorgane; und trotzdem seid Ihr Fleisch von ihrem Fleisch. Ihr tut das für unsere gut gedeckten Tische.

Aber wie sprach schon Karl Valentin: Wie gut, daß in der Zeitung immer genau das drinnen steht, was in der Welt geschieht, kein Jota mehr, keines weniger.

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Ansonsten kündige ich an, daß ich zwei Wochen im Urlaub bin. Einmal wieder geht es durch Deutschland, unsere Heimat; diesmal reise ich in das schöne Elsaß, und sicherlich bringe ich mir von dort viel Wein mit, insofern nicht die Gitarre und die Koffer jener Frau, mit der ich zusammen reise, den ganzen Stauraum einnehmen.

Der Blog ist natürlich in diesen zwei Wochen geschlossen. Die Kommentarfunktion hier und bei Proteus Image abgeschaltet. Ich bin Offline, lese nicht im Internet, lese keine Blogs. Es kann zwar hier im Blog kommentiert werden, aber der Kommentar wird nicht gesendet, sondern erst nach meiner Rückkehr freigeschaltet. Neue Texte (oder ggf. Antworten auf Kommentare) schreibe ich , wenn ich von meiner Reise zurück bin in der bei Aisthesis gewohnten Qualität.

Gehaben Sie  sich wohl, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich eine schöne Zeit und ansonsten viel Spaß, wo auch immer Sie sich befinden.

 

Daily Dairy (12)

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Daily Diary (11)

Wozu Kunst? Zu Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1)

Bei Benjamins faszinierendem, schillerndem, eigentümlichem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ handelt es sich um einen der zentralen Texte materialistischer Ästhetik, auf den vielfach rekurriert wurde, der noch in der Gegenwart die Ästhetikdebatten – wenigstens in einer Unterströmung – befeuert und der in bezug auf das, was sich Neue Medien nannte, seit den 90er Jahren eine Reaktualisierung erfuhr. Vor allem aber wird dieser Text insbesondere mit dem Blick darauf gelesen, daß er Theorie und Praxis vermittelt: der Ästhetik dürfe das politische, eingreifende, handelnde Moment nicht äußerlich bleiben, welches, gleichsam als bloßes Lippenbekenntnis des Kunsttheoretikers, ohne das Moment seiner Realität bzw. der Realisierung leerläuft, sich zum Ende hin in die Resignation erschöpft und sein Refugium im Grandhotel Abgrund sucht und findet. Und so wandert in die schönen Reflexionsschleifen ästhetische Theorie bei Benjamin die eingreifende, befreiende Praxis. Wieweit dies der Theorie Benjamins zum Guten oder eher zum Schlechten gereicht, sehen wir in einem der Folgeteile dieser Serie.

Die Stoßrichtung dieses Textes aus dem Jahre 1936 – erschienen erstmals in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ unter großen Schwierigkeiten und Konzessionen, die Benjamin einging – muß vor dem geschichtlichen Hintergrund inmitten eines gesamteuropäischen Faschismus gesehen werden. Nicht nur Deutschland und Italien, sondern genauso in zahlreichen anderen Ländern erstarkten faschistische Bewegungen. Benjamin unternimmt den Versuch, Begriffe in die Kunsttheorie einzuführen, die für die Zwecke des Faschismus nicht zu verwenden sind. „Dagegen sind sie zur Formulierung revolutionärer Forderungen in der Kunstpolitik brauchbar.“ (Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in:GS I 2, S. 473) Diesen Satz kann man freilich zweideutig nehmen: einerseits im Sinne der verändernden, revolutionäreren Praxis, wo es gilt, gleichsam die Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist; andererseits kann dieser Satz – an Hegel anknüpfend – als eine neue Form der Rede vom Ende der Kunst gelesen werden: daß die bürgerliche Kunst an ein Ende gekommen sei, daß das autonome Kunstwerk samt der Kunstpraxis aufgrund geschichtlicher Umbrüche und den rasanten Änderungen in der Technik seinen Status als Reflexionsmedium und Repräsentationsform des Bürgers verliert. Von beiden Aspekten handelt der Aufsatz Benjamins: er beschreibt das revolutionäres Potential, das sich gegen die Faschismus stemmt, er rechnet mit dem Begriff bürgerlicher Kunst ab und formuliert zugleich eine Theorie der veränderten Wahrnehmung, also auf der Seite der Rezeption hin gedacht, als eine Theorie ästhetischer Erfahrung, so die Lesart verschiedener Interpreten des Kunstwerkaufsatzes. Eine solche Theorie ästhetischer Erfahrung unter den Bedingungen entfesselter Technik stellt jedoch nur die eine Seite des Textes dar, denn verabsolutiert und favorisiert man diese Sicht, entschärft man damit zugleich den Text Benjamins. Denn dies Seite des Kunstwerkaufsatzes darf nicht vergessen werden:

„Benjamin fragt nicht danach, in welcher Weise Kunst als spezifische Sphäre von ‚Erkenntnis‘ bzw. Logizität eigenen Rechts technische Verfahren sich assimiliert, sondern wie die geschichtlich gewordene Autonomie der Kunst dialektisch ‚aufgehoben‘ werden könne, um die nachästhetische Kunst als gesellschaftliche Form von Aufklärung und Zerstörung des ideologischen Schleiers zu etablieren.“ (Heinz Paetzold, Neomarxistische Ästhetik I, S. 136)

Zentral ist für Benjamin eine Kunst gleichsam ohne die Kunst, wie sie die bürgerliche Gesellschaft konzipiert, und insofern steht der Kunstwerkaufsatzes in der Tradition jedes Hegelschen Diskurses vom Ende der Kunst, auch wenn Benjamin in diesem Text nicht unmittelbarer auf Hegel bzw. die Argumentation Hegels rekurriert: weshalb die Kunst nicht mehr die angemessene und höchste Weise sei, in der die Wahrheit sich Existenz verschaffe.

Sowohl Friedrich Pollock als auch Adorno kritisierten verschiedene Aspekte des Kunstwerkaufsatzes. Zwar gerät in ihrer Kritik nicht die Tendenz im ganzen und die materialistische Kunsttheorie Benjamins insgesamt in die Kritik, aber doch einige Bewegungen und Bezüge dieses Textes: Es werden, wie Pollock anmerkt, kunsttheoretische Begriffe unvermittelt auf die Sozialgeschichte bezogen, und allzu undifferenziert koppelt Benjamin Basis-Überbau-Phänomene aneinander, so lautete die Kritik Adornos. Wenn etwa das Auftreten der Photographie als erstem technischen Medium einer unmittelbareren Reproduktion mit der „Anbruch des Sozialismus“ zusammenfalle und in eine Korrespondenz gebracht werde, dann ist dies, auf solch direkter Ebene als Analogieschluß gefaßt, ein gedanklicher Kurzschluß. Auf diese detaillierte Kritik Adornos, die er in jenem für Benjamin bitteren Brief vom 18. März 1936 entfaltete, werde ich in einem meiner nächsten Texte zum Kunstwerkaufsatz eingehen. Ebenfalls in die Kritik Adornos gerät der Text „Über einige Motive bei Baudelaire“, weil die Aspekte des Sozialen und des Ästhetischen in Adornos Sicht eindimensional in Bezug zueinander gebracht werden; auch davon wird noch zu handeln sein. (Nachzulesen ist diese Kritik sowohl in der Benjamin-Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag, als auch im Briefwechsel Benjamin – Adorno, der kürzlich als separater Band im Suhrkamp Verlag erschien. Soviel zur Information von Ihrem Serviceblog „Aisthesis“)

Liest man den Kunstwerkaufsatzes zum ersten Mal, so mag es – zunächst und für den unbedarften Leser – scheinen, als handele es sich bei diesem Essay Benjamins um einen weniger eratischen Text, vergleicht man ihn mit dem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ oder seinen Sprachaufsätzen („Lehre vom Ähnlichen“ bzw. „Über das mimetische Vermögen“ und insbesondere „Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen“. Mit guten Grund spricht Winfried Menninghaus von der Sprachmagie bei Benjamin. Inwiefern beide Konzepte Benjamins im Widerspruch stehen, müßte einer gesonderten Lektüre vorbehalten werden.) Beliebt ist das Spiel, Benjamin in einen theologischen und einen materialistischen aufzuspalten. Wie man jedoch in seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ wird sehen können, vereinfacht der Aufspalter unzulässig. In bester negativ-dialektischer Manier und Weise pendelt Benjamin zwischen den Polen, greift Unvermitteltes auf, spielt es an, spielt über Bande. Teils erzeugt er Brüche und Widersprüche, ohne diese zu glätten. Die Widersprüche bleiben stehen. Dieses Moment von Heterogenität reizt an Benjamin. Und die „wolkigen Stellen“, welche er in seinem Kafka-Essay in dessen Prosa ausmachte, die treffen gleichsam auch auf manche Passagen in Benjamins Text zu. Das Facettenreiche bei Benjamin, dieses Denken des Offenen mag sich – wenn man es biographisch vereinfachen will – schon an jenen drei so unterschiedlichen Freunden zeigen: Scholem, Adorno, Brecht. Aber auch losgelöst vom Biographismus als dem Totschläger stehen diese drei für die verschiedenen Ausprägungen im Denken, im Text Benjamins ein. Die Motive der Philosophie Benjamins durchdringen sich dann in jenem Text „Über den Begriff der Geschichte“, welcher zuweilen auch „Geschichtsphilosophische Thesen“ genannt wird.

In diesem späten Text Benjamins – es wird sein letzter sein, bevor er sich in Port Bou das Leben nimmt, sich die Überdosis setzt – fokussieren sich diese zwei Stränge seines Denkens. Man kann die „Geschichtsphilosophischen Thesen“ insofern als (elliptischen) Kulminations- und Brennpunkt lesen, in dem Materialismus und Theologie zusammengehen, sich ineinander verweben. Und falls man es nicht in einer starken Lesart des Benjaminschen Textes einheitstheoretisch deuten möchte, so vermengen sie sich nicht unterschiedslos unter der Preisgabe ihrer Qualitäten, sondern sie bedürfen einander, bilden eine dialektische Einheit. Nicht mehr stehen sich Theologie und historischer Materialismus in der Opposition unvermittelt in Kampfstellung gegenüber, aber es ist auch nicht eine bloße Zweckgemeinschaft, die Theologie und historischen Materialismus zusammenführt. Beide Begriffe treten in eine Konstellation, so wie dies bei Benjamins Konzeption von Idee und Empirie geschieht. Wobei in diesem Verhältnis von Theologie und Materialismus das größere Gewicht womöglich auf der Theologie liegt, was in einem doppeltem Sinne zu verstehen ist.

Für dieses Zusammentreffen führt Benjamin im Sinne der Allegorie ein Bild vor, daß zunächst einmal, ganz äußerlich genommen, auf den Spielcharakter verweist und gleichzeitig das Moment der Technik zur Darstellung bringt, welches dann für seinen Kunstwerkaufsatz wesentlich ist – eines Spiels, das strategisch motiviert ist, dessen Handhabung, neben dem Regelwerk, nicht bloß taktisches, sondern nachgerade strategisches Denken sowie Vorausschau und Konzentration erfordert. Dieses Spiel ist kein Zeitvertreib und doch dient es, in dem (dialektischen) Bild, welches Benjamin entfaltet, zugleich der Unterhaltung, denn jener Automat (eine Mischung aus Mensch und Maschine) ist ein Ausstellungsstück für‘s Publikum. Ich geben diese erste These unkommentiert als Zitat wieder:

„Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzug erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ‚historischer Materialismus‘ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ (W. Benjamin, GS I 2, S. 694)

Ja, es ist, wie schon Kafka in einem seiner Briefe wußte, unendlich viel Hoffnung vorhanden. Nur eben nicht für uns. Der Weltraum lagert diese Hoffnungen ein, ist angefüllt damit.

Dieses Automatenhafte und das darin zugleich inhärierende Moment des Menschlichen müßte man einerseits mit den Automaten und den wundersamen Figuren des E.T.A. Hoffmann gegenlesen, aber auch mit Celans Büchnerpreisrede „Der Merian“, welche ebenso von diesem beiden Momenten handelt.

Während auf meinem Schreibtisch verschiedene Bände aus der Benjamin-Gesamtausgabe vor mir liegen, die Seiten aufgeschlagen, während ich blättere, suche, vereinzelt lese, Text sichte, das Glas Weißburgunder so nebenher trinkend, steigt aus den Büchern jener damals in die Seiten imprägnierte, eingehaftete Geruch des Tabaks auf, den ich in grauer Vergangenheit der 80er, 90er, 00er Jahre an meinem Schreibtisch oder bei ihr rauchte. Alles kommt wieder. Sogar der Tabak, wenn er aus den Benjaminseiten klein herauskrümmelt. So durchdringen sich die Momente und die Reflexionen: Aber das darf bei einer Benjamin-Lektüre niemals fehlen: diese süße Melancholie der Theorie und die Trauer um die unheilvolle, gar unvollendete Praxis.

Nach meinem Urlaub, der ab dem Freitag beginnt, geht es dann nach diesen Präliminarien in extenso in den Kunstwerkaufsatz hinein.

Pferderennen – Horner Derby

Leben gibt es nirgends, aber es finden immerhin Pferderennen statt, und auch in Berlin läuft auf der Derbybahn Marienfelde die Rennwoche: das heißt: es traben und sprinten die Pferde, sodann zieht das Rennen nach Hoppegarten weiter, aber da weile ich bereits im Urlaub. Wer es geschickt anstellt, kann bei den Pferdewetten Geld gewinnen, ein Blick auf die Pferde und etwas Intuition, zuweilen auch Wissen reichen aus. Vor etwas über einem Monat schaute ich in Hamburg beim Horner Derby zu. Hier können die Bilder zum Rennen betrachtet werden.

Was bleibt ansonsten übrig?: Raben töteten 40 Lämmer, die USA werden im Rating um ein geringes herabgestuft, der Slutwalk findet am 13. August in verschiedenen Städten der BRD statt, Syrien ist momentan kein gutes Reiseziel, das Mittelmeer im europäischen Raum hingegen schon, die Bundesliga hat ihren ersten Spieltag, im Raum Buxtehude wurde eine Frau zerteilt, an verschiedenen Stellen abgelegt, und ihre einzelnen Teile nächtens an diesen Stellen im Feld und im Wald verbrannt, Stuttgart schlägt Schalke, Jahrestag Hiroshima, wesentlich erhöhte Werte von Radioaktivität in der Region um Fukushima, Fahndung nach einem zweifachen Todesschützen in Berlin und bundesweit. Das Wetter ist, wie es sein soll. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub im Elsaß samt einem Abstecher ins schöne französische Freiburg wird „Aisthesis“ sich mit Moody’s, mit Fitch, mit Standard und Armut zusammentun und die Blogs bewerten, die ich so lese. Das wird dann manche Überraschung bereiten, und da schauen wir mal, ob die von uns gelesenen Blogs ihrem Namen gerecht werden und wie sich das Rating auf die Blogroll auswirkt.

 

Daily Diary (10)

Daily Diary (9), Hamburg und der Papst kommt

Wir waren wieder einmal früh auf den Beinen. Und raus ging es in Eile nach Hamburg. Wir kommen, wenn man uns ruft, denn wir sind die Profis, und die anderen sind es nicht, deshalb werden wir von außerhalb gerufen und nicht die anderen, die diesmal eben die in Hamburg waren. Wir traten ein, durch die Tür, in der Hand unsere Koffer, unsere Arbeitswerkzeuge. Schade, es hätte nur die schwarze Sonnenbrille gefehlt, die jeder auf der Nase trüge. Wortkarg, den Hamburgern gleich, aber in unserer Berliner Arroganz überheblicher. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, witzelte Henning, leise, aber hörbar; die Hamburger goutierten das nur mit diesem eisigen, regenbösen Blick. Karen prustete kurz Luft durch die Nase.

Zurück nach Berlin ging es in den Dienstwagen der Fahrbereitschaft. Wir waren froh, daß wir die stickige Schwüle dieser Stadt verließen. In die Richtung der A 24 fahrend, endlich heraus, ewig sich reihender roter Backstein. „Eine Backsteinwüste“, so spotteten wir. „Na ja, der Krieg!“ „Ach, der Krieg. Scheiß was drauf.“ Horner Kreisel. Mal wieder Sommerdom, Aufstellschilder. „Hamburg: das ist viermal im Jahr Kirmes, Schiffsparade und Hafenfeuerwerke“, so dozierte Henning. „Wann kommt eigentlich wieder die Queen Mary 2?“ Wir biegen auf die Autobahn. „Die erste Autobahn, die hat doch der Führer gebaut.“ „Der Führer war ein Hamburger?“ „Quatsch!“

Endlich ging es wieder ins luftige Berlin. Wenn man auf der Autobahn ist, fühlt man sich Berlin bereits näher. „Ach, Schleswig-Holstein, dieses ewig-satte Grün und dieser düstere Wald ohne Ende, tiefstes Germanien.“ „Na ja, Schleswig-Holstein, das ist verspielt, verschnörkelt wie ein Sartre-Text; Brandenburg, das ist karg, reduziert, das ist wie Beckett: avancierte Kühle, Birth of the cool.“ „Hamburg hat aber auch schöne Seiten!“ „Ja, natürlich. Es soll da einen Blog-Betreiber geben. Der hat diesmal einen sehr guten Text geschrieben zu diesem Salms, den Justav „mit der Hupe“ Seibt in der Süddeutschen verfaßt hat.“ „Ach, Du liest in Blogs, hast Du auch einen?“ „Nein, natürlich nicht.“ Karen schaut nach mir. Ihr hätte ich es schon gerne gesagt. Denn Karen sieht passabel aus. Warum sollte sie nicht wissen, was für kluge Dinge ich privat betreibe? „Süddeutsche? Neeeeh, dann doch lieber die FAZ.“ „Liberal-aal-aal, lieber Aal“ „Wieso, bist du ein Fischkopf?“ „Nein, aber Hamburg hat eben doch schöne Seiten.“ „Die FAZ ist doch konservativ und nicht liberal.“ „Ja, das weiß ich selber. Die Soße ist trotzdem dieselbe. FAZ ist trotzdem besser. Um Klassen.“ „Aber Hamburg hat keine Stadtautobahn, wie Berlin.“ „Nein, aber hier, lies mal dieses Seibt-Zeug.“ „Nee, besser ist da schon der Artikel in der ‚Berliner Zeitung‘ von Elmar Kraushaar.“ „Der Papst kommt im September nach Berlin.“ „Und da gehst du hin? Ins Olympia-Stadion?“ „Na ja, nicht direkt. Eher so woanders. So dagegen.“ „Aber das kann dir doch egal sein. Du bist doch nicht einmal in der Kirche.“ „Eben. Deshalb ja.“

Die dunklen Wagen der gehobenen Mittelklasse passierten den in Stein stehenden Berliner Bären mit den aufrechten Tatzen und das Schild: Berlin. Abrupt von 190 km/h auf vorgeschriebene 60. Was für eine Schande, aber egal, denn da waren wir wieder: in der schönsten aller Städte, luftig, sinnlich, groß und wild, nach eines langen Tages Ritt.

 

 

Lektüren (2)

Im Rahmen der Frage nach der Avantgarde, möchte ich eine kurze Passage aus Peter Bürgers Theorie der Avantgarde zur Lektüre geben:

„Denn erst in den historischen Avantgardebewegungen wird die Gesamtheit künstlerischer Mittel als Mittel verfügbar. Bis zu dieser Epoche der Kunstentwicklung war die Verwendung der Kunstmittel eingeschränkt durch den epochalen Stil, einen vorgegebenen, nur in gewissen Grenzen überschreitbaren Kanon zugelassener Verfahrensweisen. Solange aber ein Stil herrscht, ist die Kategorie Kunstmittel als allgemeine nicht durchschaubare, weil sie realiter nur als besondere vorkommt. Ein charakteristisches Merkmal der historischen Avantgardebewegungen besteht nun gerade darin, daß sie keinen Stil entwickelt haben; es gibt keinen dadaistischen, keinen surrealistischen Stil. Diese Bewegungen haben vielmehr die Möglichkeit eines epochalen Stils liquidiert, indem sie die Verfügbarkeit über die Kunstmittel vergangener Epochen zum Prinzip erhoben haben. Erst die universale Verfügbarkeit macht die Kategorie des Kunstmittels zu einer allgemeinen.“ (S. 23 f.)

Die Avantgarde geriet historisch, weil die Mittel ausgereizt sind, und die Wiederkehr des Immergleichen, bei aller Pluralisierung, gibt eben keine Avantgarde mehr ab.

 

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