Sätze des Tages – Impressionismus ist eine Droge
31. Mai 2011 4 Kommentare
Während ich, im Wohnzimmer im behaglichen Ohrensessel sitzend, meine Frau dabei beobachte und naturgemäß auch kontrolliere, ob sie die Hausarbeit in der gutbürgerlichen, viel zu großen Altbauwohnung ordnungsgemäß und korrekt verrichtet – diese 25-Jährigen Dinger sind ja so übermütig und sorglos im Umgang mit dem Reinigungsgerät –, höre ich im Hintergrund aus dem Fernseher jenen Satz: „Die Salatgurke an sich ist unschuldig.“ Es ging hier, wie Sie sich denken können, nicht um Kachelmann, Strauss-Kahn oder die Hamburg Mannheimer („Nur bei Herrn Kaiser stöhnen die Frauen leiser!“, so witzelte ich zu ihr herüber, den Putzfluß interruptierend), sondern um diesen eigenwilligen Ehec-Erreger. Wobei Erreger in diesem Zusammenhang wirklich gut ist. Und da fällt mir dann sogleich auch das Buch von Stefan Hardt „Tod und Eros beim Essen“ in die Hände. Die Gurke bietet für dieses Stelldichein von Tod und Eros ein schönes Bild – zumindest im Kontext des männlichen Diskurses. Allerdings mag ich keine Gurken, lediglich Schmorgurken bereite ich manchmal zu: schön mit Hack, Dill und Kartoffeln.
Treffender kann man diesen Sachverhalt nicht formulieren und nicht philosophischer denken: „Die Salatgurke an sich ist unschuldig.“ Dies übertrifft gar, von den Husserlschen Dimensionen schweigen wir, das Konzept von Kants Ding an sich, welches bekanntlich die unbekannte Ursache der Erscheinung abgibt – eine Aussage, die seinerzeit sofort der Kritik unterzogen wurde, weil dann auf das Ding an sich die Kategorien eben doch anwendbar seien, was eben bedeute, daß auch das Ding an sich nicht gar so an sich sei, und sowieso heißt eine Grenze setzen, sie bereits zu überschreiten.
Man müßte vielleicht den ganzen Tag über Fernsehen sehen, damit man häufiger solch Wunderbarem teilhaftig wird. Ach, was gäben die dabei gemachten Beobachtungen für Glossen ab, um diesen Blog mit herrlichen Texten zu füllen. Walter Kempowski soll dieses Experiment einmal durchgezogen haben: 24 Stunden lang vor dem Fernseher zu hocken. Nur der „Schein des Scheins“ (Nietzsche in: „Die Geburt der Tragödie“), den das Fernsehen uns liefert, vermag womöglich noch die Erlösung im Sinne der vollständigen Entropie, des vollkommenen Verglühens herbeizuführen, so daß wir, im Sinne Celans gesprochen, „tief im glühenden Leertext (…) im Zeitlich“ als purem Vergessen weilen. Der reine Eindruck. Irgendwann, nach einer Phase größter Unruhe und womöglich der Aggression, vielleicht in der zwölften Stunde, setzte eine Phase der Ermattung ein, die dann von jenem In-Sich-Kehren gefolgt wird. Ein weiteres Ausspannen dieses Bogens von der Hausarbeit zum In-sich-Kehren (gar zur Heideggerschen Kehre oder zur Kehrwoche) lasse ich mal sein.
Jener Schein des Scheins, sowohl im Sinne einer Strategie der Potenzierung als auch der gleichzeitigen Depotenzierung, wird sicherlich in einer der nächsten Folgen zur Ästhetik, genauer zum Ende der Kunst bedeutsam werden – ist dies doch eine Figur, die auch für Adorno von Belang ist. Um hier wieder die Richtung zum nötigen und gebotenem Ernst zu finden.
Der zweite Teil zu Gerhard Richter kommt dann morgen oder übermorgen. Mich hat ein wenig die Schreibfreude verlassen.
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