Über Suchbegriffe beim Bloggen, Urlaub am Atlantik und Leo N. Tolstoi
20. November 2010 Hinterlasse einen Kommentar
„es ist egal woher ich es nehme wichtig ist wohin ich es trag“, so lautete gestern eine Suchbegriff- oder besser Suchsatzanfrage auf meinem Blog.
Dieser Satz ist in seiner Direktheit zugleich schön und zeugt von einem Willen. Andererseits erinnert er mich an Arbeit, so daß ich ihn beim nächsten Umzug, der hoffentlich in einiger Ferne liegt, da es kein Spaß ist, seine Bibliothek einzupacken, jedem der Möbelpacker immerzu ins Gesicht sprechen werde, um seine Motivation zu fördern – an der Haustür stehend: „Es ist mir egal, woher Sie es nehmen; wichtig ist nur, wohin Sie es tragen“. Dieser Satz gilt für jeden einzelnen Umzugskarton. Das näsele ich mit einem bedrohlichen Unterton, meine Ray Ban-Sonnenbrille aus dem Jahre 1987 fest über den Augen. Der Packer wird nie wissen, wie sehr ihn dieser Satz mit ästhetischer Praktik in den Bezug setzt. So unvermittelt wie solche Sätze in das Gesicht des Kartonproletariers prallen, geht es zum nächsten Thema.
Denn am 20.11. jährt der hundertste Todestag von Leo N. Tolstoi. Ich muß zugeben, daß ich nicht viel von ihm gelesen habe. Lediglich „Anna Karenina“ im Sommer 1995 am Strand von Capbreton, sofern man mich lesen lies.
Meine Reisebegleitung wollte an diesem angenehmen, kleinen Badeort, welcher an der südwestlichen Atlantikküste Frankreichs liegt, daß ich einen meiner schönen, teuer erstandenen Weine unserem Appartementvermieter als Dank schenken solle. Natürlich habe ich es nicht gemacht. Deutsche haben ab 1940 zwar den Franzosen die Weine und anderes weggenommen und diese guten Weine selber getrunken. Aber weshalb, um alles in der Welt, bin ich gehalten, Reparationsleistungen zu zahlen? Zumal jene Frau, entgegen ihrer Ankündigung, nicht eine ihrer schönen Skizzen und Zeichnungen, die sie von Capbreton fertigte, dem Vermieter als Gastgeschenk überließ. (Ich mag ja diese versteckten Tests, ob auch die Freunde regelmäßig diesen Blog lesen.) Dieser Schreckensgedanke also verbindet mich primäre mit Tolstoi: Rotwein an zwar nette, mir aber ansonsten wildfremde Menschen abgeben zu müssen: „Und wenn ein Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.“
Weiterhin las ich von Tolstoi die Erzählungen „Der Tod des Iwan Illjitsch“ sowie die „Kreuzottersonate“ (wie es Frau Stöhr im „Zauberberg“ einmal formulierte). Ich muß gestehen, daß ich zu Tolstoi keinen Zugang fand. Ich habe (fast) alles vergessen, während mir die Lektüre von Proust, die zeitlich in etwa genauso weit her ist wie die von Tolstoi, immer noch im Kopfe umher geht, von Flaubert ganz zu schweigen. Oder Stendal. Da frage ich mich natürlich, woran das liegt.
„Deshalb war Iwan Iljitsch der Ansicht, die Heirat habe dazu beigetragen, daß der Charakter eines leichten, angenehmen, heiteren, durchaus schicklichen und von der Gesellschaft gebilligten Lebens – Eigenschaften, in denen Iwan Iljitsch das Eigentümliche des Lebens überhaupt sah – nicht zerstört, sondern nur noch vertieft wurde.“
„So ging das Leben des Iwan Iljitsch hin, siebzehn Jahre lang seit der Hochzeit.“
„Bei den Sitzungen war er nicht selten zerstreut, denn er überlegte, was für Stangen er zu den Gardinen nehmen solle, gerade oder gebogene. Er war so bei der Arbeit, daß er oft selber Hand anlegte, die Möbel aufstellte und die Gardinen aufhing. Einmal stieg er sogar auf eine Leiter, um dem Tapezierer, der ihn nicht verstand, zu zeigen, wie er die Drapierung haben wolle, glitt dabei aus und fiel; doch kräftig und geschickt wie er war, gelang es ihm noch sich zu halten, und er schlug nur mit der Seite an einen der Fenstergriffe.“
In solchen Sätzen, aus jenen Motiven liest man ex post heraus, wie intensiv etwa Thomas Mann diese Prosa prägte – da wird etwas von großer Tragweite wie eine Nebensache angespielt. Weiter geht es:
„In Wirklichkeit aber war es genauso, wie es bei allen nicht sehr reichen Leuten ist, die es so haben wollen wie die ganz reichen und es doch nur so haben, wie ihresgleichen es hat: Plüschportieren, Ebenholz, Blumen, Teppiche, Bronzen, alles dunkel, glänzend, Sachen, die alle Leute aus einer gewissen Klasse sich anschaffen, damit sie es nur genauso haben, wie alle Leute ihrer Klasse.“
„In der Tiefe seiner Seele wußte Iwan Iljitsch, daß er sterben müssen, aber er hatte sich nicht nur nicht an diesen Gedanken gewöhnt, sondern begriff ihn einfach nicht und konnte ihn nicht begreifen.
Jener bekannte Syllogismus, den er in der Logik Kiesewetters gelernt hatte: Cajus ist ein Mensch, alle Menschen sind sterblich, also ist auch Cajus sterblich –, war ihm sein ganzes Leben lang sehr richtig in bezug auf Cajus erschienen, in keinem Falle aber in bezug auf sich selbst. Cajus – das war der Mensch, der Mensch im allgemeinen, und da war gegen diesen Schluß nichts einzuwenden. Aber er war gar nicht Cajus und durchaus nicht der Mensch im allgemeinen, sondern er war immer ein ganz und gar besonderes, von allen anderen verschiedenes Geschöpf.“
Soviel zur formalen Logik.
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