Einige Aspekte zu Walter Benjamins „Erkenntniskritischer Vorrede“, zum Begriff der Wahrheit sowie zu Hegel

Noch einmal danke ich Dir, liebe Aléa, für Deinen ausführlichen Kommentar zu Benjamins „Erkenntniskritischer Vorrede“ bzw. zum Begriff der Wahrheit. Du hast den Weg der Wahrheit ja bereits beschritten, wenngleich mit einer Betonung zur Seite der poetischen Wahrheit hin. Womöglich hilft es Dir auf dem Weg der philosophischen Wahrheit, wenn ein Mann Dich bei der Hand nimmt (ich hoffe, Du hast zarte Hände, die nicht vom Spülen oder von der Arbeit geschädigt sind) und mit Dir einen kleinen Gang tut, die Kreise abschreitend, Dich ein wenig hinein führt, ein Mann, in den besten Jahre, und in einer geradezu vergilen Weise Dir die Geheimnisse der Hegelschen Philosophie sowie den Text Benjamins offenbart?

(Das ist die Hegelsche Philosophie,/Das ist der Bücher tiefster Sinn!/Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,/Und weil ich ein guter Tambour bin.“ so Heine in seinem Gedicht „Doktrin“)

Doch auch Du hast bereits einen Teil dazu getan, so schreibst Du:

In der Zeile „I love you forever and a day“ müsste die Wahrheit lauten, dass das nicht möglich ist, weil „forever“ ausschließt, das noch ein einziger Tag dazu kommt. Das poetische Verständnis dieser Zeile hingegen sieht ganz anders aus. Der Formulierung „forever“ kommt keine konkrete Vorstellung zu. Diese wird erst dadurch gegeben, dass zu dem „immer“ noch etwas hinzukommt. Das „immer“ ist unbegreiflich, es wird erst greifbar, indem es weiter gesteigert wird. Die Liebe, von der da die Rede ist, wird erst in ihrer Qualität sichtbar und begreifbar, wo sie über das Begreifbare hinausgeht. Mit einem philosophischen Wahrheitsbegriff kommt man dem nicht nahe.“

Diese Sätze korrespondiert mit folgender Stelle bei Benjamin:

Wäre nämlich die integrale Einheit im Wesen der Wahrheit erfragbar, so müßte die Frage lauten, inwiefern auf sie die Antwort selbst schon gegeben sei in jeder denkbaren Antwort, mit der Wahrheit Fragen entspräche. Und wieder müßte vor der Antwort auf diese Frage die gleiche sich wiederholen, dergestalt, daß die Einheit der Wahrheit jeder Fragestellung entginge. Als Einheit im Sein und nicht als Einheit im Begriff ist die Wahrheit außer aller Frage.“ (GS I, S. 210)

Als Einheit im Begriff ergäbe sich ein unendlicher Regreß. Dies impliziert bei Benjamin freilich, anders als Du es schreibst, einen philosophischen Begriff von Wahrheit, der ein extremer ist, der nicht an das herkömmliche Verständnis von Wahrheit als Richtigkeit anknüpft und welcher sich nicht in der Logik eines (philosophischen) Systems mehr erschließt. Hier bricht Benjamin mit der philosophischen Tradition. (Dazu später mehr.) Im letzten Aspekt und auch in der zunächst dualistisch anmutenden Anordnung liegt womöglich die entscheidende Differenz zu Hegel vor. Bei Hegel gehen Unterschiede zu Gegensätzen über und geraten in den Widerspruch, wodurch Bewegung in die Sache kommt.

Zu unterscheiden sind in der Tat die sprachliche Seite der Wahrheit und die der Erkenntnis. Du schreibst „Im Modus von Sprache kann etwas Wahrheit werden.“ Das ist richtig, aber im Modus der Sprache kann genauso etwas zur Erkenntnis werden, so muß man hinzufügen. (Dies ist dann die Sprache der Mitteilung, im Gegensatz zur Namenssprache etwa) Es handelt sich in bezug auf die Wahrheit und ihre sprachliche Seite um eine Frage der Darstellung. Der Unterschied zwischen beiden Momenten besteht im Vorliegen von Intention und Relation, so wie Du das ja auch formulierst. Benjamin schreibt dazu:

Als Erkenntnisgrund müßte die Idee relationsbestimmt sein; denn die Erkenntnis ist ein Relationsverhältnis. Erkenntnis ist ein Verhältnis der Intention zu den Dinge. Die Idee aber geht in keine Relationsbeziehung ein. Ihr ist das Ding von anderer Seite gegenwärtig. Jene andere Seite ist nicht Erkenntnisgegenstand, besteht jedoch nichtsdestoweniger. Die Relation des Gegenstandes zur Erkenntnis bestimmt nicht dessen Wesen [Fehlschluß von der der wesensebstimmenden Relation]. Für dessen Wesen ist die Idee als Seinsgrund gegenwärtig.“ (GS I, S. 928 f.)

Es gibt aber einen anderen Blick, jenseits (oder diesseits?) der Erkenntnis, Benjamin knüpft hier an die Platonische Bestimmung an und ragt doch vermittels des Moments der Sprache zugleich über sie hinaus. Wie stellt sich „die Wahrheit als ein Sein“ (S. 929) dar?

Nein, offenbaren kann man diese Wahrheit natürlich nicht, schon gar nicht bei Hegel, und das Absolute kommt nicht aus der Pistole geschossen, wie Hegel dies in seiner Vorrede der „Phänomenologie“ gegen Schelling gerichtet formuliert. Ähnliches, wenngleich in anderer Absicht, formuliert auch Benjamin in seiner „Erkenntniskritischen Vorrede“ (S. 217). Und so hängt auch die Wahrheit Hegels an der „Arbeit des Begriffs“, so wie jene bei Benjamin an der Darstellung haftet. Damit sind wir bereits beim ersten Aspekt angelangt: Bei der Arbeit, der Bewegung, dem Sein, den Ideen und dem Begriff samt der Darstellung.

Die Frage nach dem Begriff der Wahrheit in Benjamins Texten beantwortet sich nicht ganz einfach, weil jener sich innerhalb von Benjamins Oeuvre im Spannungsfeld einer sprachphilosophisch-theologischen Ausrichtung (Aspekte der Namenssprache) sowie im Rahmen einer materialistischen Ästhetik und Gesellschaftstheorie bewegt, deren Blick auf der kapitalistisch organisierten Gesellschaft liegt. Wahrheit, die sich im Spätwerk etwa innerhalb des „dialektischen Bildes“ (ein noch zu erklärender Begriff, welcher hier demnächst Thema wird) bzw. in der „Dialektik im Stillstand“ zeigt, zehrt durchaus vom (metaphysisch-theologischen) Wahrheitsbegriff des frühen Benjamins. Dennoch haben sich die Gewichte bei Benjamin seit den späten 20er Jahren verschoben, und es tritt zu dem spekulativen und theologischen Moment ein materiales hinzu. (Die Verschränkung von Materialismus und Theologie zeigen sich gut in jener Allegorie, die den Anfang der Geschichtsphilosophischen Thesen bildet: nämlich jener Schachautomat. [ „Über den Begriff der Geschichte“, in: GS I, 2, S. 691 ff.])

Die Konzeption von Wahrheit in Benjamins „Erkenntniskritischer Vorrede“ hängt nur bedingt an Hegels Begriff von Wahrheit. Sein Einfluß ist zwar nicht völlig von der Hand zu weisen, wenn es um die spekulative Wahrheit geht, doch ist der Wahrheitsbegriff Hegels insofern anders konzipiert, als es bei ihm einen mehrstufigen, dynamischen, prozessualen Begriff von Wahrheit gibt. Erkenntnis und Wahrheit stehen sich nicht unvermittelt gegenüber. Diese Vermittlung von Wissen und Wahrheit liefert Hegel in seiner Einleitung zur „Phänomenologie“.

[Ein ganz zentraler Satz dort zum Begriff der Erfahrung, der ja auch bei Benjamin und Adorno zentral ist, lautet: „Diese dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst, sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstande ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird“ (Phän. S. 78)]

Als Beispiel diene das einfache Bewußtsein (als sinnliche Gewißheit oder als Dieses und Meinen) in der „Phänomenologie“: es ist auf seiner Stufe und seinem Stande nach nicht unwahr, sondern absolut notwendig, und zwar genau so wie es ist. Zugleich trägt es aber einen Widerspruch in sich, auf den es in der Unmittelbarkeit der sinnlichen Gewißheit, im Hier und Jetzt, stößt: daß dieses hier und jetzt ewig iterierbar ist und keinen Bestand hat. Es müßte beständig hier und jetzt sagen, was fruchtlos ist, und gegen jedes Hier und Jetzt steht ein anderes, so wie gegen das eine Meinen ein anderes gesetzt werden kann. Dieser Widerspruch ist die Wahrheit des Bewußtseins. Dem Bewußtsein vergeht in der Dialektik der sinnlichen Gewißheit, die sich als gar nicht so gewiß erweist, Hören und Sehen, wie Hegel schreibt. Es kommt zu Gedanken und tritt damit in die Welt des Verstandes ein. Und in seiner Bewegung, d. h. in seinem ganz immanenten Gang, sozusagen innerhalb der Einsicht in die Notwendigkeit, erweist das Selbstbewußtsein sich sodann als die Wahrheit des Bewußtseins.

Doch zunächst zum Begriff von Wahrheit in Benjamins „Erkenntniskritischen Vorrede“. Auf den ersten Blick muten die Beziehungen bei Benjamin statischer und sehr viel weniger flüssig an als bei Hegel. Denn Begriffe wie Wahrheit, Intention und Ideen erscheinen als bloß gesetzte, der Geschichte der Philosophie entlehnte Positionen. Sie werden, anders als bei Hegel, nicht im Text entwickelt, was bei Benjamin freilich daran liegt, daß es sich bei diesen Passagen um eine methodische Vorbemerkung zum Trauerspielbuch handelt.

Wie bereits aus dem Titel der Vorrede deutlich wird, handelt es sich nicht um eine bloße Erkenntnistheorie (etwa im Kantischen Sinne), sondern vielmehr um eine Erkenntniskritik. Denn philosophische Erkenntnis steht immer wieder aufs neue vor der Frage ihrer Darstellung. (GS I, S. 925. Ich beziehe mich zuweilen auf die unveröffentlichte „Einleitung“ Benjamins, welche, wie die Herausgeber Tiedemann und Schweppenhäuser schreiben, zuweilen manche Dunkelheit der „Erkenntniskritischen Vorrede“ aufzuhellen vermag.) Insofern kündigt sich hier bereits an, was Adorno dann in seinem Text „Der Essay als Form“ für die philosophische Darstellung ausformuliert. Benjamin fragt nach einer Form von Darstellung, die einen Zugang ermöglicht, der nicht zugreifend ist und der nicht „die Wahrheit in einem zwischen Erkenntnissen gewobenen Spinnennetz einzufangen sucht, als käme sie von draußen zugeflogen. … Will die Philosophie nicht als eine vermittelte Anleitung zum Erkennen der Wahrheit sondern als deren Darstellung, das Gesetz ihrer Form bewahren, so ist eben der Übung dieser ihrer Form, nicht aber ihrer Antizipation im System Gewicht beizulegen.“ (S. 925 f.)

Diese Passage ist zunächst einmal als eine Kritik am bloß schematischen Verfahren zu lesen, daß notwendig die Wahrheit verfehlen muß. Als Form solcher Darstellung nennt Benjamin den scholastischen Traktat, weil er latent auch Hinweise auf Gegenstände der Theologie enthält, ohne die Wahrheit nicht gedacht werden kann. Im Traktat ist Darstellung die Hauptsache. (S. 926).

Emphatisch verstandene Wahrheit entzieht sich, darin ist Benjamin womöglich mit Heidegger einig, einem zugreifenden Denken; insofern folgt auf die Passage, daß die Wahrheit der Tod der Intention sei, jene Fabel vom verschleierten Bild zu Sais, (hierzu auch das gleichnamige Gedicht von Schiller). Das Kollabieren vor der Wahrheit im Modus zugreifenden Denkens ist jedoch nicht einer besonderen Gräßlichkeit derselben geschuldet, sondern liegt in der Natur der Wahrheit gegründet, wenn sie als bloß entschleierte und zu Enthüllendes begriffen wird. Benjamins Denken und seine Form der Darstellung hüllt sich hier noch in die Metaphysik.

Aus diesen Fragen zur Darstellung heraus mag sich eine erste Klärung ergeben, weshalb Wahrheit und Intention sich entgegenstehen. Ich setzte aber den Text nun aus, weil dieses Schreiben angesichts der Materialfülle zu einer schlechten Unendlichkeit geraten könnte. Möglicherweise folgt hier im Blog demnächst mehr dazu.

Deine Bezeichnung „poetische Ungenauigkeit“ ist allerdings mißlich, weil das zugleich (ungewollt) so etwas wie Schludrigkeit assoziiert. Was in der poetischen Sprache zur Darstellung kommt, ist nur mit den genausten Mitteln der Sprache zu fassen. Das schließt allerdings nicht aus, daß die Sprache ihren Gegenstand nie ganz hat, daß sie abricht und entgleitet.

Über Bersarin
Das Sein ist das unbestimmte Unmittelbare; es ist frei von der Bestimmtheit gegen das Wesen sowie noch von jeder, die es innerhalb seiner selbst enthalten kann. Dies reflexionslose Sein ist das Sein, wie es unmittelbar nur an ihm selber ist

25 Antworten auf Einige Aspekte zu Walter Benjamins „Erkenntniskritischer Vorrede“, zum Begriff der Wahrheit sowie zu Hegel

  1. Aléa Torik sagt:

    Lieber Bersarin,

    vielen Dank für die ausführliche Antwort!

    Dies nur als erste, kurze Reaktion. Ich muss eingestehen, dass der Begriff der Poetischen Ungenauigkeit tatsächlich unschön ist. Ich dachte, ich hätte bereits den anderen Begriff genutzt, jenen nämlich, den ich für mich selbst gerade versuche auszuloten und den ich somit auch hier gegen den alten austauschen möchte, den der erzählerischen Unschärfe.

    Eine ausführlichere Reaktion meinerseits wird sicher ein paar Tage in Anspruch nehmen.

    Aléa

  2. momorulez sagt:

    Dreierlei:

    - Es ist nicht richtig, daß Kant Erkenntnistheorie, nicht jedoch Erkenntniskritik betrieben habe. Daß diese Dialektiker z.B. fotwährend die “Antinomien der reinen Vernunft” ignorieren müssen ;-) …

    -

    “Es müßte beständig hier und jetzt sagen, was fruchtlos ist, und gegen jedes Hier und Jetzt steht ein anderes, so wie gegen das eine Meinen ein anderes gesetzt werden kann. Dieser Widerspruch ist die Wahrheit des Bewußtseins.”

    Es will mir immer noch nicht in den Kopf hinein, inwiefern es sich hier um ein Widerspruchsverhältnis handelt. Ich verstehe sofort einen Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen; das jedoch verstehe ich nicht.

    - Kann das sein, daß Benjamin, Du, werauchimmer Wirklichkeit und Wahrheit durcheinander bringt?

    Abgesehen davon ist gegen Spülhände nun gar nix einzuwenden, liebe Tilly – es sei denn, sie schmerzen denjenigen, der sie hat.

  3. bersarin sagt:

    @ Alea

    Natürlich braucht eine Antwort Zeit, denn auch ich habe ein wenig an diesem Text gesessen, und wenn ich ihn nicht irgendwann hier eingestellt hätte und mir sagte: „So, jetzt ist Schluß mit Denken, Grübeln, Feilen!”, dann säße ich immer noch an diesem Text.

    Erzählerische Unschärfe ist als Begriff, der das von Dir beschriebene Phänomen unter sich befaßt, schon nicht schlecht. Ich überlege aber auch noch einmal, weil mir auch diese Wendung noch nicht recht zusagt.

    @ Momorulez
    Tja, die Antinomien: hat Hegel die nicht der WdL aufgelöst? ;-)

    Bezüglich Erkennttheorie/Erkenntniskritik habe ich es mißverständlich formuliert, denn natürlich betrieb Kant auch Erkenntniskritik. Mit diesem Terminus in bezug auf Benjamin sollte vielmehr deutlich werden, daß Benjamin eine bestimmte Form von Erkenntnis und damit zusammenhängend auch den herkömmlichen Wahrheitsbegriff kritisiert. Wie schon geschrieben: die Erkenntniskritische Vorrede ist nicht ganz einfach – auch ich mühe mich an ihr ab –, weil darin eine Vielzahl philosophischer Positionen enthalten sind, die teils gar nicht mehr explizit genannt werden. Der Text ist so ungeheuerlich dicht, daß es fast schmerzt, ihn zu analysieren. So fordert dieser Text ein gewisses Maß an Detektivarbeit.

    Zum Hier und Jetzt bei Hegel: Zunächst ist es kein Widerspruchsverhältnis, dieses entwickelt sich erst im Fortgang des Bewußtseins. Mit diesem Hier und Jetzt kritisiert Hegel die unmittelbare Gewißheit, die sich an ein Dieses-da haftet und sehen muß, daß jenes (punktuelle) Dieses keinen Bestand hat. Hegel kritisiert an dieser Stelle der „Phänomenologie“ (S. 84 f. in der Suhrkamp-Ausgabe) die Unmittelbarkeit, welche sich als vermittelt erweist. Das Jetzt, welches sich etwa in der Sukzession der Zeit forterhält und nicht im Augenblick des Hier und Jetzt verschwindet, ist als ein sich Durchhaltendes vermittelt. Hegel selbst spricht an dieser Stelle nicht direkt von Widerspruch, aber dieser kommt in der Figur der Aufhebung dieses sich erhaltenden Jetzt in seiner dreifachen Bedeutung (negare, elevare, conservare) natürlich als Motor vor. Weil etwas widerspüchlich ist, treibt es zu Veränderung; ein Hier und Jetzt läßt sich im Gang der Zeit konstant nicht durchhalten.

    Vielleicht stehe ich gerade auf dem Schlauch: inwiefern werden Wahrheit und Wirklichkeit durcheinander gebracht? Mir ist nicht ganz klar, worauf sich Dein Einwand bezieht.

  4. bersarin sagt:

    Nachtrag: Ich habe Tilly ganz vergessen. Ja, großartige Figur. Zuweilen verkleide ich mich als sie und kontrolliere hier alles im Haushalt. Das macht viel Freude.

    Nein, im Grunde ist es gut, wenn eine Frau Spülhände hat. Dieser Haushalt ist arbeitsteilig organisiert. Die Frau macht den Abwasch, ich übernehme die Geistesarbeit. Wie sagte es Heiner Müller einmal: ich brauche eine Frau, bei der ich mich von meiner eigenen Intelligenz erholen kann. Oder stammt der Satz doch von mir?

    Wobei mir während längeren Nachdenkens einfällt, daß in diesem Haushalt ja gar keine Frau mehr wohnt und ich einig mit meinem ungeteilten Selbst in einer 90 qm großen Altbauwohnung ganz allein lebe.

  5. momorulez sagt:

    Wirklichkeit wäre in meinem Verständnis das, worauf man sich bezieht; Wahrheit ist die Art des Bezugs und stellt sich durch die – vermittelte – Bezugnahme erst her. Wirklich ist der Baum, gegen den ich laufen kann; wahr ist, DAß ich gegen ihn gelaufen bin -Wahrheit ist die Realtion zwischen dem, was ich konstiere, und dem, was wirklich ist. Ich glaube, daß auch Hegel das so versteht. Bei Thomas von Aquins Adaequatio ist diese Relation eine der Übereinstimmung.

    Bei dem Text hatte ich die ganze Zeit den Eindruck, daß als Wahrheit eben das vorgängig Vorhandene, auf das ich mich beziehen kann oder auch nicht, gemeint ist.

    Bei diesem Widerspruchsverhältnis bohre ich einfach weiter, so klar ist das ja nicht, und mir schon gar nicht, auch nach der Erläuterung nicht. Weil Widersprüche in der Wirklichkeit ja tatsächlich Bewegung erzeugen; bei denen auf der Wahrheitsebene bin ich noch nicht so überzeugt.

    (PS: Wirklichkeit ist mir freilich auch über wahre Sätze zugänglich – DAß da ein Baum steht ist wahr, also ist er wirklich. Und irgendwo in diesem nun vielleicht unzulässig als Schluss Dargestelltem verbirgt sich doch die Hegelsche Dialektik, oder spinne ich?)

  6. Nörgler sagt:

    “Weil Widersprüche in der Wirklichkeit ja tatsächlich Bewegung erzeugen; bei denen auf der Wahrheitsebene bin ich noch nicht so überzeugt.” (Momorulez)
    Das steckt aber das Problem drin, daß es nicht die Wirklichkeit selbst ist, die sagt: ‘die Widersprüche in mir erzeugen Bewegung.’ Auch der Satz: “Daß da ein Baum steht ist wahr, also ist er wirklich”, ist ein schwieriger Satz, der da Baum nicht selbst von sich sagt: ‘Ich bin wirklich.’
    Wenn aber der Baum darum wirklich ist, weil “daß da ein Baum steht wahr ist”, dann hätte man die Wirklichkeit abgeleitet aus den Aussagen über sie. Wird die Wirklichkeit abgeleitet aus den Aussagen über sie, dann kommandiert der Geist die Wirklichkeit. Mehr noch: Er erzeugt sie, und zwar notwendig darum, weil eine so vorgestellte Wirklichkeit über keinen eigenen Seinsgrund mehr verfügt.

    Weder gebiert der Geist die Wirklichkeit aus sich, noch ist er deren radikal Anderes; letzteres wäre dann die je schon vorhandene und nur noch zu enthüllende Wahrheit. (So ist es nicht, und weil es nicht so ist, polemisiert Benjamin auch gegen den Spruch eines Arbeiterbewegungsmarxisten (mir ist gerade entfallen, wer), der sagte: „Die Wahrheit wird uns schon nicht davonlaufen.“ Denn die Wahrheit des „Vereins freier Menschen“ droht uns sehr wohl davonzulaufen.)

    Beweise ich, daß der Geist identisch ist mit der Wirklichkeit, dann habe ich bewiesen, daß der Geist die Wirklichkeit nicht erkennen kann, und zwar darum, weil er dann keinen Gegenstand mehr hat.
    Beweise ich, daß der Geist nicht identisch ist mit der Wirklichkeit, dann habe ich bewiesen, daß der Geist die Wirklichkeit nicht erkennen kann, denn wie sollte er das von ihm radikal Getrennte erkennen können.
    Da fängt Dialektik an.
    ____________________

    Nochmal der Ausgangssatz: “Weil Widersprüche in der Wirklichkeit ja tatsächlich Bewegung erzeugen; bei denen auf der Wahrheitsebene bin ich noch nicht so überzeugt.”

    Die Widersprüche der “Wahrheitsebene” erzeugen durchaus Bewegung. Wenn ich feststelle, daß beim Satz der Identität “A=A” das A rechts und das A links das Gleiche aber nicht Dasselbe sind, dann habe ich einen Widerspruch, und damit eine Bewegung im scheinbar statischen A=A.

    “Es will mir immer noch nicht in den Kopf hinein, inwiefern es sich hier um ein Widerspruchsverhältnis handelt.” (Momorulez)
    Der Stock im Wasser ist optisch krumm und haptisch gerade. Innerhalb der Empirie läßt sich der Widerspruch nicht klären, weil ich immer nur und bis ins Unendliche zwischen dem Erkenntnisresultat der Hand und dem Erkenntnisresutat des Auges hin- und herspringen könnte.
    ” (…) und gegen jedes Hier und Jetzt steht ein anderes, so wie gegen das eine Meinen ein anderes gesetzt werden kann.”
    Gegen das Meinen der Hand wird das Meinen des Auges gesetzt. Gegen das Hier und Jetzt des Auges steht das Hier und Jetzt der Hand.
    ______________________

    Bei der Formulierung “erzählerische Unschärfe” hätte Flaubert nicht nur eine sondern gleich beide Augenbrauen hochgezogen.
    Die ästhetische Logik ist nicht weniger scharf als die diskursive. Sie ist nur anders.

  7. Die erzählende, dichtende, schriftstellerische Wahrheit ist eine andere als die der Erkenntnis oder der Philosophie. Poesie selbst muss unscharf sein, sonst wäre sie Wissenschaft. Die Intention von Poesie ist Darstellung mit den Mitteln der Sprache und ganz dieser verhaftet. Jeder Darstellungsversuch von Wahrheit, ob poetisch oder philosophisch, ob Wissenschaft oder Kunst, ist einem Denken und Fühlen in Bewegung und mit dem Mittel der Sprache geschuldet. Das wunderbare an Benjamins Arbeit ist doch, dass er Wahrheit in den “Lumpen der Poesie” fand, und sie, die dichterische Wahrheit in seinem Baudelaire-Aufsatz z. B. zu einer neuen gesellschaftlichen Erkenntnis werden ließ.

  8. Nörgler sagt:

    “der da Baum nicht selbst von sich sagt” Tratra-blabla.
    Es muß heißen “da der Baum nicht selbst …

  9. Nörgler sagt:

    „Poesie selbst muss unscharf sein, sonst wäre sie Wissenschaft.“
    Ich bin dauernd scharf, und bin doch selbst nicht Wissenschaft.
    Wir sprechen auch nicht von der Heisenbergschen Schärferelation.
    Nach Deiner Theorie müßte jede Wissenschaft in Kunst zu verwandeln sein, indem man nur den Schärfegrad zurückdreht.

  10. bersarin sagt:

    @ Nörgler und Bücherblogger

    Kurz nur zum Aspekt der „erzählerischen Unschärfe“: Flaubert tut gut daran, die Augenbrauen zu heben. Auch diese Wendung ist für die Logik des Ästhetischen unbrauchbar. Die ästhetische (oder als ein Fall derselben: die poetische) Logik hat in ihrem Modus stringend, genau, treffend und scharf zu sein. Mit irgendwelchem Halbsezierenden, mit Unklarheiten und Unschärfen gäbe es keine „L’Education sentimentale“.

    Freilich ist diese Logik eine andere als die diskursive, und insofern ist „Die erzählende, dichtende, schriftstellerische Wahrheit (…) eine andere als die der Erkenntnis oder der Philosophie.“ Aber es ist eben doch eine Logik, und zwar eine bestechende.

    Auch Dichtung hat diese Arbeit zu leisten: das richtige Wort, das „Gegenwort“ zu schreiben, man lese das in Paul Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“, wo er Kunst und Dichtung differenziert, den Akut auf die Dichtung setzend: jene Dichtung, die es in ihrer Sprache vermag, in dieser Exaktheit, auszudrücken, das, was ein Mal statt hat, diese Dichtung in ihrer „Neigung zum Verstummen“.

    Insofern müssen bessere Begriffe gefunden werden, die nicht pejorativ konnotiert sind. Denn das Poetische bzw. die ästhetische Logik ist ja keine Schwundstufe der diskursiven oder wissenschaftlichen, sondern in gleicher Weise exakt, und wenn sie gelungen ist, dann gerät sie sogar noch einen Zacken schärfer. Als Stichwort seien hier natürlich Flaubert, Proust oder Beckett genannt.

  11. momorulez sagt:

    @Nörgler:

    Danke schon mal für die Erläuterung!!!! Später mehr!

  12. bersarin sagt:

    @ Momorulez

    Ich denke, die Details hat Nörgler besser aufgeklärt als ich es kann, deshalb bleiben für mich die Brocken des Allgemeinen übrig.

    Ja, der Wahrheitsbegriff bei Benjamin steht quer zur üblichen Tradition der Philosophie. Lediglich im Rahmen einer Korrespondenztheorie läßt er sich nicht darstellen. Und insofern stimmt es einerseits, wenn Du schreibst, daß er die Wahrheit in den Dingen sistiert. („Wahrheit als intentionsloses Sein“ wie es bei Benjamin heißt.) Aber auch ich muß hier noch genauer lesen, auch für mich ergibt sich manche „wolkige Stelle“.

    Es tritt bei Benjamins Konzept von Wahrheit eine theologische Komponente mit hinzu, die sich durch das Judentums anreichert. Hier fehlt mir allerdings das nötige Hintergrundwissen. Soviel sei als Stichpunkt genannt: Es handelt sich um einen Begriff von Wahrheit, der mit der Namenssprache, mit dem Akt der adamitischen Namensgebung zusammenhängt. Um das genauer zu erklären, müßte ich jedoch die Sprachaufsätze von Benjamin noch einmal lesen, sonst kommt bei mir nur Stichwortwissen heraus. Ich hoffe, daß ich diese Aspekte zum Begriff der Wahrheit bei Benjamin demnächst einmal rekonstruieren kann.

    In einer bestimmten Weise knüpft Benjamin an eine, nun ja nennen wir es ruhig so: mystische Tradition an, die sich allerdings vom Judentum her schreibt. Doch es raunt bei Benjamin nicht einfach seinsgehörig, sondern diese Bewegung steht im Dienste einer der Aufklärung geschuldeten Rettung. Adorno greift manches davon in seiner Philosophie auf, übersetzt es aber in eine sehr viel mehr an der Rationalität geschulte dialektische Philosophie. Adorno schrieb einmal an Benjamin, daß sich sein Denken im Bann der Dinge in einer verhexten Welt bewege. Eine solche Enthexung, die auch mir geholfen hat, leistete Nörgler in seinem Kommentar oben.

    Rolf Tiedemann schreibt zu Benjamin: „… nicht stellt Benjamin die theologischen Gehalte in einen vom Logos ungeschiedenen, mystischen Bereich zurück sondern sucht sie in Profanität hinüberzuretten, darin dem zentralen Motiv der Aufklärung sein recht gebend. Das von Benjamin der Wahrheit zuerkannte Sein ist, anders als der äquivoke Begriff bei Heidegger, das vom Ende der dialektischen Logik: ‚erfülltes Sein, der sich begreifende Begriff‘“ In letztem Punkt verfehlt Tiedemann Benjamin jedoch, schneidet einen Teil von Benjamins Philosophie ab. Der Text Benjamins erweist sich in seinem Gehalt und seiner Verschlungenheit als komplexer. Benjamins Wahrheitsbegriff, so meine Vermutung, läßt sich nicht umstandslos in die Hegelsche Dialektik überführen.

    Zu Hegel: Die Schwierigkeiten, die sich mit Hegel ergeben, liegen womöglich teils darin, daß wir durch die Einsichten der Sprachanalytischen Philosophie, die in gewissem Sinne common sense der Philosophen geworden sind, eine anderen Blick auf Hegel werfen, als etwa Adorno oder Benjamin dies taten. Es war schon immer meine Vermutung, daß wir durch die Sprachanalytische Philosophie verdorben werden ;-) (Womöglich haben meine fast traumatischen Erfahrungen mit Sprachanalytischer Philosophen im Seminar einen Wahrheitskern. Aber ich will hier keine alte Debatte aufreißen. Ich bin ganz einfach damals tief erschüttert gewesen, wie eine solche Kasperei ernsthaft betrieben werden kann. Vielleicht war es auch nur das falsche Seminar. Was weiß ich.)

    „DAß da ein Baum steht ist wahr, also ist er wirklich. Und irgendwo in diesem nun vielleicht unzulässig als Schluss Dargestelltem verbirgt sich doch die Hegelsche Dialektik, oder spinne ich?“

    Hegel hebt diese sinnliche Gewißheit (er selbst schreibt einige Stellen später dann auch etwas zur Sprache) eben in ein Allgemeines auf. Diese Aufhebung, daß die sinnliche Gewißheit nicht das Wahre ist und auch nicht sein kann, daß weder Hier und Jetzt noch das Meinen sich als beständig erweisen, sondern sich verflüssigen, liquid und damit liquidiert werden, stellt auf dieser Stufe der Phänomenologie einen Teil der dialektischen Bewegung bzw. der dialektischen Erfahrung (siehe S. 78) dar, die das Bewußtsein und auch der Leser in seinem Gang machen. Etwas forsch formuliert und noch einmal den bekannten Allgemeinplatz aufgegriffen: Daß die „Phänomenologie“ auch ein Bildungsroman ist.

    „Das Aufzeigen ist also selbst die Bewegung, welche es ausspricht, was das Jetzt in Wahrheit ist, nämlich ein Resultat oder eine Vielheit von Jetzt zusammengefaßt; und das Aufzeigen ist das Erfahren, daß das Jetzt Allgemeines ist.“ (Phän., S. 89)
    __________

    Noch ein ganz anderes und persönliches Moment: Es ist sehr angenehm, von der Arbeit nach Hause zu kommen, etwas müde vielleicht, und sich dennoch nicht auf das Sofa mit der Zeitung zu fläzen, sondern in seinem Blog einen Kommentar zu lesen, so daß man gehalten ist, sich mit Benjamin und Hegel zu beschäftigen, anstatt abzuschalten oder in den Fernseher zu schauen. Aber früher war es noch besser und nicht virtuell: da ging ich nach dem Seminar, vielleicht 18 Uhr, zuerst in ein Café oder eine angenehme Bar, mit den Büchern in der Tasche, den Zigaretten, ich und eine meiner philosophischen, germanistischen oder soziologischen Lieblingskommilitoninnen. (Als erfahrener Tutor trifft man eine gezielte Auswahl und hat ein gutes Auge.) Zuerst ein wenig Vorglühen mit Bier. Ein Gespräch und Diskussion, die nicht abreißt, sie eher hegeldialektisch, ich eher Derrida-Adorno-fragmentiert, mit dem negativen Bruch angefressen. Noch auf dem Fahrrad während der abendlichen Fahrt zu ihr wurde debattiert. Und dann ging es an ihre Weinvorräte, und irgendwann war es drei Uhr nachts, von Hegel zu Adorno übergleitend. Dieses unendliche Sprechen. So erschließen sich Texte, selbst die schwierigsten. Über das, was dann nach drei Uhr nachts geschah, schweigen wir.

    Schade manchmal, daß es so nie mehr so sein wird. Diese Intensität im Denken und in der Lektüre. Der Mangel an Zeit.

  13. Nörgler sagt:

    “Schade manchmal, daß es so nie mehr so sein wird. Diese Intensität im Denken und in der Lektüre.”
    Verdammt ja, so ist es.

  14. momorulez sagt:

    Oh ja … seufz … selbst, während man sich von Sprachanalytikern verderben ließ, war das so.

    Ich weiß jetzt auch gar nicht, wie mit den Antworten umgehen. Ich könnte da jetzt meinen Senf dazu geben oder es einfach mal als Erläuterung, über die ich mich gefreut habe, stehen lassen und dann vielleicht im Zuge meines nächsten Eintrags zum Thema aufgreifen. Weil an bestimmten Punkten ja ein Dissens und auch die Verständnisfragen bestehen bleiben, es aber nun gerade mir so gar nicht schaden kann, einfach mal sacken zu lassen.

    Mal gucken.

  15. bersarin sagt:

    Ich mein das ja nicht böse mit den Sprachanalytikern. Es waren das damals bei mir jedoch schreckliche Erfahrungen. Vielleicht war es das falsche Seminar und es waren die falschen Leute, an die ich geriet, doch es hat mir in der Seele weh getan, was dort getrieben wurde. Ich habe einen so bösen Satz gesagt, das darf ich eigentlich nicht wiedergeben, aber ich war ja sehr aufgebracht und jung, in Anspielung auf den Lubitsch-Film “Sein oder Nichtsein”: “Was Ihr mit der Philosophie macht, das hat Hitler mit Polen getan.” Das ist unmöglich und unsachlich, die Anspielung hat auch keiner verstanden. Und bin auch geläutert und habe es mit Davidson und Quine versucht, sozusagen als Buße. (Und Rorty ist ja gar nicht mal so schlecht.)

    Ja, seufz.

    Und in melancholischer Reminiszenz an jene eine Frau öffnete heute ich eine Flasche Cotes du Rhone. Also: ich öffnete die nicht nur, sondern trinke auch diesen Wein.

    Ja, schreib mal was. Dein Beitrag heute und der vom Nörgler geben Impulse mich auf den frühen Benjamin zu kaprizieren und Hegel zu lesen.

  16. Nörgler sagt:

    ” … einfach mal sacken zu lassen.”
    Diese Bemerkung von Momorulez finde ich gut, weil: Man muß, vor allem ich, aufpassen, daß man nicht in diese Haltung gerät: Ich muß jetzt was sagen, weil sonst einer denken könnte, mir fiele nichts dazu ein (Schande!), oder mich interessiert das nicht mehr, oder es ist mir zu schwierig oder zu blöd oder oder.

    Ich muß mir immer mal wieder klar machen, daß ein gutes Blog ist wie ein guter Puff: Alles kann, nichts muß.

  17. Aléa Torik sagt:

    Lieber Nörgler,

    `Flaubert hätte die Augenbrauen gehoben´ versus `Poe hätte sich am Hintern gekratzt´.

    Du schlägst mich mit meinen eigenen Mitteln. Ungenau ist deine Äußerung allerdings. Der ganze Flaubert hätte die Augenbrauen gehoben? Oder hätte Flaubert aufgrund einer seiner poetischen oder poetologischen Konstruktionen das getan? Zu einer bestimmten Lebenszeit? Oder hatte Flaubert zeitlebens dieselbe poetologische Stellung inne? Auch der Dadaismus hat über die konservative Kunst die Augenbrauen gehoben. Und es gibt so manche Stilrichtung, die über eine andere ihre Augenbrauen hebt. Denn die Auseinandersetzung mit Vergangenem und Bisherigem ist, poetisch gesprochen, nichts anderes als ein fortwährendes Heben der Augenbrauen (Flaubert) und Kratzen am Hintern (Poe). Neues entsteht mit dem Bezug auf das Alte! Ihre, der Veränderung Mittel sind: Heben und Kratzen.

    Ich vermute, hier trennt uns noch ein weiteres Mal, was schon für die grundlegende Differenz verantwortlich ist: dass ich nicht davon ausgehe, dass sich Wahrheit auf einer linear ansteigenden Bahn messen lassen kann: hier ein bisschen Wahrheit, dort ein bisschen mehr und dann, am dicken Ende, die absolute philosophische Wahrheit. Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch gar keinen Begriff über meine eigene Wahrheit und ihre Konzeption habe und mir dies, während ich schreibe, gerade so zurechtlege. Von daher bin ich einen Schritt hinter euch beiden, dir und Bersarin, zurück.

    Mit der Bitte um Präzisierung!

    Aléa

  18. Nörgler sagt:

    Es wurde da bereits viel präzisiert, sowohl von Bersarin als auch mir. Dass die Wissenschaft “scharf”, die Kunst aber “unscharf” sei, ist eine gänzlich unsinnige und sachfremde, nur von außen kommende Unterscheidung der beiden Sphären. Daher auch mein Kalauer mit der “Heisenbergschen Schärferelation”.

    Flaubert war ein Fanatiker der Präzision, sowohl in der Sache (bevor er die “Salambo” schrieb, studierte er die Ruinen von Karthago, und zwar vor Ort), als auch in der Sprache. Seine Position des ist die in der Kunst einzig sinnvoll einnehmbare, und er begründet und erläutert dies in seinem sehr umfänglichen Briefwechsel mit George Sand.
    Es ist von Anbeginn seine Position gewesen, er hat sie nie revidiert, und er vertrat diese Position als Gustave Flaubert: Es ist die des l’art pour l’art.

    Wer glaubt, das Poetische sei das Unscharfe (auf Grund dieser Annahme konnte dann auch das freie Töpfern zur Kunst erklärt werden), dem empfehle ich die Musik Johann Sebastian Bachs, vor deren “Schärfe” jeder Mathematiker zu einem Schlamper wird.

    Dieses Schärfekriterium begegnete mir früher auch als Unterscheidung in den Wissenschaften selbst: Die Naturwissenschaften seien die “exakten” Wissenschaften, während die Gesteswissenschaft eben nicht exakt sind.

    Dergleichen ist gänzlich untauglich, um sich geistigen Phänomenen gleich welcher Art auch nur irgend anzunähern.

    Die Vorstellung von der Wahrheit als dem Prozeß eines linearen Wachstums hat hier keiner vertreten. Eine solche Vorstellung verfiele auch Benjamins Kritik der Ideologie des Fortschritts.

    Wenn Du noch gar keinen Begriff einer Wahrheitskonzeption hast, so ist es immer gut damit zu beginnen, wie es nicht geht. Das von mir angeführte Modell des Stockes im Wasser kann dabei ungemein hilfreich sein.

  19. bersarin sagt:

    Höbe Flaubert angesichts der erzählerischen Unschärfe oder der poetischen Ungenauigkeit nicht die Augenbrauen, so wäre in dieser Präzision keiner seiner Romane entstanden. Flauberts „Madame Bovary“ ist aufgrund eines skrupulösen Vorgehens – zusammen mit Baudelaires „Fleurs du Mal“ – ein Gründungstext der literarischen Moderne. Der erste moderne Roman, wie es zuweilen heißt.

    Auch der Name Poe trifft die Sache gut und gibt ein gelungenes Beispiel ab, wieso Kratzen, Zucken und Augenreiben als angemessen sich erweisen – Baudelaire hob Poe in seinen Schriften zur Kunst in den Kanon der Moderne –, weil auch Poe äußerst präzise, geradezu analytisch vorging. „Der Mann in der Menge“ ist eine Erzählung, die inmitten der beginnenden ästhetischen und sozialen Moderne angesiedelt ist, die das Bild einer Großstadt liefert. Dort ist nichts unscharf, ungenau oder dem Belieben anheimgestellt. Gleichfalls in den Detektivgeschichten um Auguste Dupin: der Detektiv ist ein scharfer Analytiker (und nebenbei “Vater” von Sherlock Holmes und manch anderem Detektiv). Es handelt sich bei seinen Erzählungen um kunstvoll und stringend gebaute Gebilde.

    Ein Grund für Deine Irritation mag darin liegen, daß Du nicht zwischen den (intimen) Prozessen künstlerischer Produktion, wo es zuweilen Irrungen, Wirrungen, Unschärfen geben mag, und dem ästhetischen Gegenstand in seiner immanenten Logik (grob gesprochen: der Wahrheit in der Kunst) differenzierst. In der künstlerischen Produktion findet eine Auseinandersetzung mit dem Material statt, wie dies vonstatten geht, wird jeder Künstler für sich entscheiden. Dort mag es anfangs zuweilen Unschärfen geben, weil um das richtige Wort gekämpft wird, um die richtige Farbe. Doch am Ende gilt auch in diesen Prozessen: wer ungenau und unscharf verfährt, der bringt bloß Ungenaues und Unscharfes zustande. Abschreckendes Beispiel: Helene Hegemann.

    Nein, man tut der Literatur (und der Kunst im allgemeinen) keinen Gefallen, wenn man für sie einen Terminus wie das Unaussprechliche, das Unscharfe und Ungenaue reserviert. Man bugsiert sie dadurch ungewollt in einen Bereich, wo Kunst nichts, rein gar nichts zu suchen hat.

    Mir ist einerseits klar, worum es Dir geht: die Valeurs eines Wortes wie „Liebe“ sind schwer faßbar. Am Ende aber, im Prozeß künstlerischer Auseinandersetzung haben sich die Valeurs in Ausdruck transformiert.

    Neue Kunst mag über Altes die Augenbrauen heben, dies macht sie aber nicht, weil das Alte nicht stringend und ästhetisch mangelhaft war. Und runzelte Schönberg gegenüber Bach mit den Augenbrauen, so verfehlte er Wesentliches an Bach. Denn vielmehr verhält es sich so, daß gelungene Modern in seiner Logik Altes aufnimmt. Celan runzelt über Mallarmé und Hölderlin nicht die Stirn, sondern treibt sie weiter, viel weiter. (Futurismus, Dada und Surrealismus stellen noch einmal einen Spezialfall dar. Das Aggressive, Altes Vernichtende dient hier einer besonderen Bewegung innerhalb der ästhetischen Moderne, sozusagen der „destruktive Charakter“.)

    Über ästhetische Wahrheit muß ich also demnächst auch noch etwas schreiben. Die Dinge verschränken sich.

  20. momorulez sagt:

    Ich würde ja vielmehr behaupten, daß “Kunst”, sehr allgemein gesprochen, schärfer, genauer und präziser ist, weil sie vom Besonderen ausgeht, nicht unter das Allgemeine subsummiert und ihre Materialität und Medialität im Falle gelungener Werke unter Bedingungen von Moderne und Postmoderne auch MEHRDIMENSIONAL reflektiert. Was nun nix gegen Shakespeare oder Carravaggio sagen soll, so gar nicht, und auch nix dagegen, daß sie “Archetypen” schaffen kann.

    Aber eine ganz andere, tatsaächliche Interessensfrage
    : Wieso nehmen die anwesenden Hegelianer eigentlich immer Bezug auf die Phänomenologie des Geistes und die Wissenschaft der Logik, nicht jedoch dessen Ästhetik?

  21. bersarin sagt:

    Die letzte Frage ist sehr berechtigt. Ich kann aber jetzt auf die schnelle nichts schreiben. Heute abend oder morgen mehr. Die Erwerbsarbeit ruft.

  22. Nörgler sagt:

    “Wieso nehmen die anwesenden Hegelianer eigentlich immer Bezug auf die Phänomenologie des Geistes und die Wissenschaft der Logik, nicht jedoch dessen Ästhetik?”

    Weil die Ästhetik windschief zu seinem System steht.

  23. momorulez sagt:

    Das würde mich schon näher interessieren, ehrlich. Worin diese Windschiefe besteht, meine ich.

  24. Nörgler sagt:

    Hegel gewinnt Einsichten in die Kunst, die l’art pour l’art sehr nahe kommen. Dann aber wankt ihm die Autonomie der Kunst, indem er sagt, der Weiterentwicklung der Kunst sei zwar alles Gute zu wünschen, sie sei jedoch “nicht länger höchstes Bedürfnis des Geistes”. Dessen höchste Form ist sowieso die Philosophie, das heißt, das Diskursive.

    Darin spürt er auch etwas Richtiges (er nimmt es nur affirmativ), daß nämlich die Kunst an ihr Ende gelangt. Er sagt dann nur: Ist aber nicht so schlimm, weil so richtig brauchen wir die auch nicht mehr. Wäre ich die Kunst, würde ich mich bei Hegel so fühlen wie der Mohr, der gehen kann, weil er seine Schuldigkeit getan hat.
    (Tatsächlich ist es so, daß die Kunst selber den Bettel hinschmeißt – sag jetzt mal ich.)

    Die Kunst spielt für Hegel immer die 2. oder gar 3. Geige des Absoluten. Nur in der Antike sei die Kunst auf der Höhe des Geistes gewesen. Seither aber habe das Diskursive sich so rasch entwickelt, daß es die Kunst sozusagen abgehängt hat.

    Die ästhetische Rechnung geht für Hegel nicht ganz auf, weil er die Kunst als Form des Absoluten entwickelt, wobei diese Form aber doch nicht ganz dem Absoluten entspricht. Das aber wiederum entspricht nicht seinem System.

    Während es ihm gelingt, das Diskursive vollständig aus sich selbst zu entwickeln, arbeitet er in der Ästhetik mit Tools, die nicht der Sache selbst entspringen, sondern ihr vorgesetzt, vorausgesetzt sind, zB die Einteilung der Künste nach einem vorgeblichen Grad ihrer Subjektivität.

    Hegel gelingt es nicht, eine überzeugende Innenansicht der Mechanik des Ästhetischen zu liefern, so, wie ihm dies beim Diskursiven gelingt.
    Diese Differenz: Das ist das Windschiefe.

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