Erfüllungsstunde –, im Gelände
31. Oktober 2010 11 Kommentare
Berlin-Dahlem, Botanischer Garten, Samstag – 23. Oktober 2010
„Sunday morning when the rain begins to fall.“
„Guck mal dahinten, wie die Artischocken aussehen!“ „Oh, da stehen sogar noch die Disteln!“ „Hier ist es ja richtig warm.“ „Bin gar keine Russin.“, „Paß auf, da kommen Leute!“, „Herrliches Wetter, um zu photographieren.“ „Schatz, guckst du mal?!“ So wortfetzenverweht und zusammenhanglos herausgelauscht aus dem Dickicht.
Zuweilen gehe ich gerne im Botanischen Garten zu Berlin-Dahlem spazieren. Dort ist es erholsam, obwohl am Samstag und bei schönem Wetter besonders, in diesem Park zahlreich Menschen sich treiben lassen und Natur suchen. Aber da ich nicht Ludwig II. bin und bei Strafe mit Tod verbieten kann, daß sich Menschen am Wegesrand zeigen, wenn ich meine Schlittenausfahrten oder Spaziergänge unternehme, muß ich diesen Preis zahlen. Man of the crowd.
Wenn ich einsamer Spaziergänger so vor mich hin gehe, schaue, wie das Licht fällt, spähe, wo es etwas gibt, was sich photographieren läßt, dann veranstaltet man solches naturgemäß lieber alleine. Das ist wie bei einem Auftragsmord, das ist wie bei der Jagd auf ein Tier, das ist wie beim Schreiben: man mordet, jagt, schreibt nicht zu zweit, sondern allein bei und mit sich. Solche Einsamkeit ist sicherlich betrüblich, stimmt mich zuweilen melancholisch, und wenn ich auf die vielen Pärchen sehe, die im Botanischen Garten flanieren, denkt sich der Photograph mißgestimmt: „Einsamer nie als im August.“ Und dabei ist es bereits Oktober geworden.
Und dann geht solch eines dieser Paare, die ihr Glück nach außen tragen, an mir vorüber. Sie sind beide etwas unter vierzig oder gerade so dort angeschrammt. Er sieht passabel, aber nicht umwerfend aus, freundlicher Typ; sie schaut sehr gut aus, eine attraktiv Frau mit dunklen schulterlangen Haaren, wie ich es gerne habe, blaue Jeans, rotbunte kurze Jacke oder Blazer aus Schurwolle. Der Mann trägt eine Spiegelreflex mit Teleobjektiv samt Phototasche, die Frau eine kleine Knipse. Der Mann und ich gucken flüchtig auf die Kamera des anderen. Er lächelt kurz, ich lächele sybillinisch zurück.
Zunächst lasse ich das schöne Paar ein wenig gehen, konzentriere mich auf ein gutes Motiv, denke mir dann aber, daß es nicht uninteressant sein könnte, diesen beiden ein wenig hinterherzugehen, diese will ich versuchen, mal sehen, was kommt, auch als eine Reminiszenz dient es, diese beiden zu verfolgen: denn so etwas hattest du doch früher auch: mittelmäßiger Mann mit hochattraktiver junger Frau, wobei meine damalige Freundin von seinerzeit bis heute hin jünger war und ist als jene.
Die Frau hängt mit der Knipse zuweilen über Blättern oder Blüten und drückt den Auslöser, während der Mann mit einem Teleobjektiv, das durch den Autofokus-Motor unverhältnismäßig laute Geräusche macht, sich auf Sträucher und Bäume kapriziert. Immer wieder surrt der Autofokus. Scheue Tiere wird der Mann mit diesem Objektiv sicherlich nicht photographieren können. Beide haben mich inzwischen bemerkt. Einem erfahrenen Zielfahnder darf das nicht passieren, schießt es durch meinen Kopf. Der Mann lächelt wieder, ich lächele auch, versuche das zu sein, was ich nicht bin: freundlich. Die Frau schaut und ihr Mund kräuselt sich. Normalerweise werden solche Einsätze bei Dekonspiration sofort abgebrochen, oder es erfolgt ein schneller Zugriff, wenn genügend Personal vor Ort ist und nach Maßgabe keine Gefährdung Unbeteiligter zu vermuten ist. Ich harre aber im Unentschlossenen. Ich sehe betont woanders hin. Beuge mich über einige welke Blüten, blicke durch den Sucher der Nikon.
„Schatz, guckst du mal?!“, ruft sie ihm auffordernd zu. „Ja.“ Sie deutet auf einen Strauch, um ihrem Freund die Schönheiten der Natur zu offenbaren.
Ich wurde nie Schatz genannt, darüber bin ich bis heute im großen und ganzen zufrieden. Daß sich Menschen Kosenamen geben, wenn sie verliebt oder zusammen sind, ist aber womöglich menschlich. Daß sie sich diese Namen jedoch laut in der Öffentlichkeit zuwerfen, erzeugt zuweilen Befremden.
Da die drei Teilnehmer dieser Szene sich beim Gang durch den Botanischen Garten in einer der Vegetationsregionen befinden, die teils mit leichten Aufschüttungen angelegt sind, in actu ist es das Gebiet „Himalaya“, betritt der Mann einen der Hügel und verschwindet hinter dem aufgehäuften Beeteberg. Die Frau, noch unten geblieben, kraxelt in die andere Richtung über einen kleinen Bach, guckt nach irgend etwas, hält ihre Knipse in der Hand. Anscheinend hat sie nicht bemerkt, daß ihr Mann nicht mehr bei ihr ist. Sie dreht sich, geht zurück und ruft „Christian.“ Keine Antwort. Sie macht es noch einmal: „Chriiistiaaan!“ – diesmal schon energischer, von mir, der sich scheinbar unbeteiligt über einige seltsame Blätter beugt, nimmt sie keine Notiz. (Und in der Folge „Mit Bersarin im Botanischen Garten“, liebe Leserinnen und Leser, liebe Deutsch-als-Fremdsprache-Schülerinnen, haben sie gerade, pädagogisch geschickt eingefädelt, den Unterschied zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“ gelernt. In unserer nächsten Folge „Mit Bersarin im Zoo“ lernen wir, wie „umsonst“ und „vergeblich“ richtig verwendet werden.)
Aber Christian antwortete ihr nicht, Christian ist nicht da. Der dritte Ruf fällt dann schon deutlich schärfer aus, und die Frau bewegt sich in Richtung Christian oder dort, wo sie ihn vermutet, die Himalaya-Höhe hinauf. Und da kommt Christian hinter der Erdaufschüttung hervor. „Wo warst du denn die ganze Zeit?! Ich habe dich dreimal gerufen.“ Diese Mischung aus vorwurfsvoll und böse läßt sich kaum imitieren. „Ich habe photographiert.“ „Und da hast Du mich nicht gehört, obwohl ich dreimal laut nach Dir gerufen habe? Dreimal!“ „Nein.“ „Also, ich glaub du mußt dir mal die Ohren waschen.“
Von diesem Moment ab beschloß ich, nie wieder mit einer attraktiven Frau zusammensein zu wollen, und überhaupt scheint es geraten, zwischen Mann und Frau eine Distanz zu halten, denn das Hegelsche Für-sich-sein hat schließlich auch etwas für sich.
Die beiden gingen weiter in die Höhen des Himalaya. Um die attraktive Frau zu besänftigen, nahm Christian seine Spiegelreflex und wollte eine Portraitphotographie von ihr, von ihrem schönen Gesicht machen inmitten des Herbstes. Sie stand in Pose, das Teleobjektiv surrte hörbar.
„Du kriegst mich nicht scharf mit diesem Objektiv!“, ruft sie zu ihm herüber. Sehr schön, denke ich, sehr, sehr schön gesagt. Einfach mal den Photographen wechseln. Doch Christian ist ja nett.
Während ich, über einem kleinen Rinnsalbach gebeugt, ein gefärbtes Blatt im Himalaya-Wasser photographierte, ging das Paar an mir vorbei, um in eine andere Vegetationsregion zu wechseln. Ich machte einige Schritte zur Seite, damit beide an der Furt vorbei kämen. Und die Frau mit dem Blazer aus bunter Schurwolle wispert zu mir, unhörbar: „Dienst du dem Gegenglück, dem Geist.“
Von diesem Ausflug gibt es hier einige Bilder zu sehen.
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