Autonome Ästhetik

Gerade weil es im Bereich der Ästhetik dem philosophischem Denken darum gehen muß, von einem Subjekt abzusehen, das vielfältig sozial deformiert ist, kann der Weg nur vom Subjekt fortführen, und zwar hinein ins autonome Kunstwerk selbst. Begriffe wie Geschmack oder der der Rezeptionsästhetik taugen nichts. Adornos Ästhetik vertritt dies von allen modernen ästhetischen Kunsttheorien des 20. Jahrhunderts immer noch am emphatischsten.

Insbesondere die kulinarische Einstellung gegenüber dem ästhetischen Objekt, die sich nicht nur im Geschmack (oder besser: Geschmäcklerischen) des Eingeweihten, sondern zugleich auch in der genießende Haltung zeigt, welche Adorno kritisiert, verfehlt das Kunstwerk, weil sie von dem absieht, was im Kunstwerk eigentlich vorliegt. Wesentlich ist Adorno hierbei, daß das Kunstwerk aus einem Funktionszusammenhang herausgebrochen werden muß. Erst an dieser konkreten Stelle, wo es keinen Zweck zu erfüllen braucht, wo es gleichsam als ein An-sich-Seiendes auftritt, bedeutet ein Kunstwerk überhaupt etwas. (Als Gegenposition zu Adorno mache man sich einmal den Spaß und lese den Aufsatz von Susan Sonntag zur Camp-Ästhetik, zu finden in „Kunst und Antikunst“ S. 322. Es ist dieser Text nicht ganz uninteressant, steht er in gewissem Sinne doch diametral zum Kulturindustriekapitel von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“)

Doch die Kategorie des (autonomen) Kunstwerkes selbst ist mittlerweile problematisch geworden. Eigentlich kann man Kunst nur noch zu einer Privatsache machen, müßte sie aus der gesellschaftlichen Kommunikation, aus den Museen, den Vernissagen, den urbanen Kontexten herausnehmen, wo sie der zunehmenden Funktionalisierung dient. Jene Kontexte, wo mit Kunst verschönert und aufgewertet werden soll. Die Erfahrung eines Bildes ist womöglich heute eher noch vor der Reproduktion im abgeschiedenen Wohnzimmer denn im Museum möglich. Hierzu wären sicherlich die Thesen Wolfgang Ulrichs interessant, die er in seinem Buch „Raffinierte Kunst“ darstellt. (Ich berichtete hier darüber.) Im Grunde kann man sich nur noch quasi-autistisch verhalten.

Die Erfahrung eines Kunstwerkes gelingt einzig noch in einem komplexen Text, der Kritik und Kommentar in einem ist. Je komplexer und verschlungener der Text sich gestaltet, desto besser. Je mehr philosophischer Aufwand nötig ist, diesen Text zu bewältigen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher Text dem entsetzlichen Zusammenhang von Funktionen entzogen ist. Eine Versenkung ins Detail, die bis zum äußersten geht.

Bezüglich der Musik schrieb Adorno:

„Die Lust des Augenblicks und der bunten Fassade wird zum Vorwand, den Hörer vom Denken des Ganzen zu entbinden, dessen Anspruch im rechten Hören enthalten ist, und der Hörer wird auf der Linie seines geringsten Widerstandes in den akzeptierenden Käufer verwandelt. Nicht länger mehr fungieren die Partialmomente kritisch gegenüber dem vorgedachten Ganzen, sondern sie suspendieren die Kritik, welche die gelungene ästhetische Totalität an der brüchigen der Gesellschaft übt. (GS Band 14: Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens. S. 18)

Über Bersarin
Das Sein ist das unbestimmte Unmittelbare; es ist frei von der Bestimmtheit gegen das Wesen sowie noch von jeder, die es innerhalb seiner selbst enthalten kann. Dies reflexionslose Sein ist das Sein, wie es unmittelbar nur an ihm selber ist

8 Antworten auf Autonome Ästhetik

  1. hanneswurst sagt:

    Sofern Sie die Einbettung von Kunst in ein funktionales Komsumgeflecht (Sponsoring, Museums-Hopping etc.) meinen, kann ich Ihre Missstimmung gut nachvollziehen. Der ästhetische Wert des Kunstwerks ist meiner Meinung nach jedoch völlig unabhängig davon, welche funktionalen Bezüge vorhanden sind oder nicht. Der ästhetische Wert steht nach der Bildung für sich und kann weder missbrauchen noch missbraucht werden, er kann nur in einen missbräuchlichen Kontext eingebettet werden.

  2. fk sagt:

    während die künstler noch eifrig an der präsentation ihrer arbeiten feilten
    war die kunst selber längst weiter gezogen
    ihre fokussierung auf diese tätigkeit und ihre arglosigkeit jedoch wirkten fatal
    so wurden sie zur leichten beute

  3. lyra sagt:

    wie sollte denn ein irgend autonomes im kunstwerk je losgelöst vom betrachtenden subjekt beachtet und formuliert werden können?
    kunst ist nicht, sie wird erklärt und bleibt notwendig rezeptionsgebunden. und: die kategorie des ästhetischen lässt sich nicht ohne ein funktionales moment denken.

    in aller kürze,
    lyra

  4. fk sagt:

    eventuell ist genau das, das aktuelle problem: die angenommene verbindung von subjektive und kunst?
    kunst muss imho eben nicht subjektiv wahrgenommen werden – was je nicht ausschliesst, das person x auf irgendeine art und weise kunst wahrnimmt. dennoch die evidenz, welche für die relevanz von kunst von bedeutung ist, hat in meinen augen weniger mit einer subjektiven sicht darauf zu tun.
    die evidenz ist nach meiner aktuellen auffassung a priori bereits vorhanden, was das kunstwerk erst einmal autonom macht.
    auf basis dieser annahme wäre der künstler eventuell eher ein sucher-und-finder, der durch ihm eigene verfahren etwas entdeckt. aus diesem grunde sind für mich etwa auch die situationisten um guy debord oder die zu vor aktivieren und bekannteren surrealisten aktuell von zunehmend größerer bedeutung.

    das von dir, lyra angesprochenen erklären, würde ich nicht auf das werk selber beziehen, sondern eher auf das klären der fragen warum das werk über die ihm eigene evidenz verfügt.

    gruß
    fk

  5. Nörgler sagt:

    Das Getue um die Hl. Rezeption ist nur blinder Marktreflex im deformierten Subjekt selbst.
    Solcher Subjektivität verdanken wir diese immergleichen präformierten Redundanzen: “kunst ist nicht, sie wird erklärt und bleibt notwendig rezeptionsgebunden”.

    Daß das Werk durch die Rezeption erst erschaffen werde, ist zudem ein derart steiler Idealismus, daß Hegel sich geweigert hätte, es zu diskutieren.

  6. bersarin sagt:

    Ich habe hier eine Antwort in einem selbständigen Beitrag formuliert. Das paßt besser in einen separaten Text, weil es hierbei um ganz grundsätzliche Dinge geht. Der Fetisch Rezeption ist in der Tat sehr heikel.

  7. bersarin sagt:

    Anbei möchte ich eine kleine Textstelle reichen, an der sich das Denken trefflich üben mag:

    „Mit verbundenen Augen muß ästhetische Rationalität sich in die Gestaltung hineinstürzen, anstatt sie von außen, als Reflexion über das Kunstwerk, zu steuern. Klug oder töricht sind die Kunstwerke ihrer Verfahrungsweise nach, nicht die Gedanken, die ein Autor über sie sich macht. Von solcher immanenten Sachvernunft ist die gegen Oberflächenrationalität dicht isolierte Kunst Becketts in jedem Augenblick, sie ist aber keineswegs eine Prärogative der Moderne sondern ebensogut, etwa an den Verkürzungen des späten Beethoven, dem Verzicht auf die überflüssige und insofern irrationale Zutat abzulesen. Umgekehrt sind mindere Kunstwerke, klappernde Musik zumal, von einer immanenten Dummheit, auf die nicht zuletzt das Ideal von Mündigkeit in der Moderne polemisch reagierte. Die Aporie von Mimesis und Konstruktion wird den Kunstwerken zur Nötigung, Radikalismus mit Besonnenheit zu vereinen, ohne apokryph hinzugedachte Hilfshypothesen.“ (ÄT, S. 175-176)

  8. Pingback: netzkunst netz kunst original kopie fälschung wirklichkeit lüge wahrheit und fluxus » Blog Archive » netzkunst meets kunstmarkt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.