6. Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin (1)

Da fährt man nun in die nicht ganz so ferne Ferne des Ruhrgebiets und vergißt darüber, daß in Berlin am Sonntag die 6. Biennale zu Ende geht. Schnell also hingeeilt. Als ein kurzer Überblick, sofern man dies überhaupt leisten kann, da dort doch eine Vielfalt von Projekten an sechs verschiedenen Orten dargeboten wird, sei nur soviel gesagt: Es ist eine Biennale, die wohl weniger deshalb für Furore sorgen wird, weil sie sich mit den Positionen gegenwärtiger Kunsttheorie oder gegenwärtiger Kunst viel beschäftigt, indem sie auf das verweist, was – binnenästhetisch – in aller Vielfalt, gerade geschieht oder den Kanon der Formen grandios erweitert. Ganz im Gegenteil, es passiert kaum ein Fall von Selbstreferenz: Kunst, die sich mit Kunst beschäftigt bzw. sich mit ihrem Material auseinandersetzt, wie ich es für eine angebrachte Position halte, sondern es werden Werke gezeigt, die sich auf unterschiedliche Weise – ganz im Sinne des Realismus – auf die Dimension des Sozialen beziehen. Vielfach sind die Werke explizit politisch oder wollen es zumindest sein. Denn das Konzept der Kuratorin Kathrin Rhomberg ist die Umkreisung des Begriffs der (politischen und sozialen) Wirklichkeit. Die Biennale heißt dann auch vieldeutig: „was draußen wartet“. Das Motto ist nicht schlecht gewählt.

Doch es ist eine alte Leier, es ist ein altes Lied, und man singt es immer wieder neu: Das engagierte Kunstwerk scheitert in der Regel. Gut gemeint, aber meist schlecht gemacht; nicht durchgearbeitet. Oder aber es fällt das Werk eben aus der rein Bildenden Kunst heraus und steht im Bereich des Dokumentarischen, welches kritisch interveniert. Freilich läßt sich hier – manchmal nicht ganz zu unrecht – einwenden, daß die Grenzen eben fließend geworden sind. Insbesondere an dem Kunstort im Haus Oranienplatz 17 sieht man viele solcher Werke, die zwischen Dokumentarischem und dem Willen, Wirklichkeit durch (ästhetische) Gestaltung widerzuspiegeln, changieren. So gab es dort manche politische oder am Sozialen ausgerichtete DVD-Film-Kunst (Kurzfilme), die man sich allerdings teils lieber in einem Kino angeschaut hätte, und die, auch um der Sache willen, besser ins Genre Dokumentarfilm paßte.

Um es jedoch vorweg klarzustellen: ich will das Dokumentarische nicht abwerten oder gegen sogenannte hohe Kunst, was auch immer dies sei, ausspielen. Ganz im Gegenteil. Es ist das Konzept, politische Wirklichkeit zu reflektieren, nicht schlecht, und es ist nicht falsch, diese politischen Wirklichkeiten mit den Mitteln der Kunst zu bearbeiten. Die unscharfen mit Photohandy aufgenommenen Bilder von Gefängnisinsassen (bzw. von Szenen aus ihrem Alltag) in Frankreich, die Mohamed Bourousissa zu Negativen kopierte und dann als großformatige Photos abzog, sind in ihrer Verschwommenheit faszinierend und merkwürdig zugleich. Vom Digitalen ins Analoge gewandelter Alltag eines Gefängnisses. Die Übermittlung verbotener Bilder. Das Handy als Mittel der Kommunikation. Nicht ganz alltägliche Banalität, die von überall her stammen könnte.

Einige der Filme sind als Dokumentarkurzfilm in ihrer Drastik durchaus gelungen. So etwa das Projekt „Details 2 & 3“ (2004) von Avi Mograbi, der an einem israelisch-palästinensischen Grenzübergang bzw. Kontrollpunkt filmt und sich weigert, der Aufforderung des Militärs nachzukommen, die Kamera abzustellen. Die Bilder geraten verwackelt, es gibt Wortgefechte, alles Geschehen wird lediglich durch diese Filmkamera gezeigt, die eben den Blick Mograbis wiedergibt und gleichsam die Position des (subjektiven) Auges besetzt, das eine bestimmte Wirklichkeit einfängt, die vordergründig eindeutig zu sein scheint, es aber durchaus nicht ist. Lediglich Mograbis bohrenden Fragen an die Grenzposten und deren Antworten sowie seine Beschimpfungen sind zu hören, seine sich steigernde Wut, die Empörung, daß eine kurz zu sehende Gruppe palästinensischer Kinder nicht durch einen Passierpunkt gelassen wird. Die Hände der Soldaten, die die Kamera abdecken oder fortstoßen. Soldaten, die auf ihre Befehle verweisen (müssen), provokante Fragen Mograbis, daß die Armee schließlich für das Volk arbeite und von diesem auch bezahlt wird. Um die Schulkinder geht es schon lange nicht mehr, und der Zuschauer weiß mit einem Mal: An einem Kontrollposten der Hamas wäre der Filmemacher bereits erschossen. Mit ästhetischen Mittel wird hier das Medium bloßer Fernsehdokumentation, wie man sie aus den unzähligen Nahostreportagen kennt, gebrochen und ein andere, verschobene Sicht auf Wirklichkeit vermittelt.

Im Blick aufs ganze am Oranienplatz 17 läßt sich sagen, daß es wichtig und richtig ist, die verschiedenen Formen des sozialen Protestes zu visualisieren und künstlerisch durchzuarbeiten. Die Fahrt jedoch zwischen einer Überästhetisierung, die mit einer wichtigen Sache ein Spiel um ihrer selbst willen treibt, und der allzuplatten Parteinahme inniger Selbstbespiegelung dessen, was die Protagonisten sowieso bereits wissen, gerät oft nicht ganz einfach. Hier den richtigen Takt und eine avancierte ästhetische Position zu finden sowie Grenzen politischer Wirklichkeit auszuloten, scheint eine nicht immer leicht zu lösende Aufgabe abzugeben. Häufig auch ist ein beschaulicher, wenngleich kritisch gemeinter Positivismus zu beobachten, der leider in eine langweilige Bestandsaufnahme abdriftet. Dies zumindest ist bei manchem Film mein erster Eindruck. Und was die Zeichnungen von Sven-Åke Johansson dort sollen, das weiß ich nicht, möchte mich aber mit Drastik zurückhalten, weil ich mir diese nur grob und schnell anschaute.

Fast wie ein Ruhepol inmitten des Politischen, der aber verstörend wie die Ästhetik eines Familienalbums wirkt, ist die geniale auf DVD kopierte 16 mm-Arbeit von Margaret Salmon „Hyde Park, 2009“, ohne Ton grobkörnig und in schwarz/weiß, eine filmische Reihung von Park-Szenen unterschiedlichster Ausprägung, so wie der Flaneur, welcher auf einer Bank eine Zeit verweilt, die sich entwickelnden Szenerien und die Vorübergehenden wahrnehmen mag: Kinder, die laufen, Menschen, die miteinander sprechen, streiten, spazierengehen. Eine weiße Plastiktüte, die – für einfachso – vom Wind getrieben, über einen Rasen weht. Den Namen Margaret Salmon werde ich mir sicherlich merken.

Das Haus am Oranienplatz, ein leerstehendes altes Gebäude, wurde passend gewählt. Es faszinierte bereits durch die Räumlichkeiten, und manches der ausgestellten Objekte entfaltete gerade in dieser Konstellation eine ganz besondere Wirkung, so etwa das Environment von Adrian Lohmüller „Das Haus bleibt still“. Eine sich über die Etagen durch das ganze Haus ziehende Installation von wasserleitenden Kupferrohren und Wasserbehältern, die im ersten Stock, wo das Environment kulminierte, in einen kleinen Gasbrenner mündeten, der das Wasser, welches durch die Rohre transportiert wurde, erhitzte. Es tropft dort auf einen Salzstein und gerät auf den Boden, wo ein Daunenbettzeug ausgebreitet ist. In dieses zieht es ein. Fast sieht es aus, als zersetzte das Salzwasser die Daunendecke, weiß geht in weiß über, Wasser verdunstet und Salz kristallisiert sich auf dem Boden aus.Ganz privat, unprätentiös und still wird so ein ganzes Haus in einen Kreislauf einbezogen.

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Doch: am Ende hin muß ich es schon sagen: Was ich am Oranienplatz 17 gesehen habe, das war im großen und ganzen nicht schlecht. Ich rate jedem, der noch Zeit übrig hat, dort hinzugehen. Let there be rock. Wie es sich an den anderen Orten verhält, sehe ich dann die nächsten Tage.

Hinzuweisen sei noch auf diesen Part:

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Ich weiß nicht, ob das echt ist oder am Ende eine Simulation, um der Kunst sozusagen einen Schuß künstliche Provokation zu verpassen. Wie sagt man da für beide Fälle? Papiertiger. Allerdings ist die Angelegenheit auch wieder zu komplex, um sie in ein paar Nebensätzen abzuhandeln. Das Thema Gentrifizierung und Kunst wäre wohl einen eigenen Beitrag wert. Berichtet wird über diese Dinge zum Auftakt der Biennale auf Gentrification Blog.

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Über Bersarin
Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

8 Responses to 6. Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin (1)

  1. bersarin sagt:

    Als einer von fünf Leserinnen und Lesern werden Sie wahrscheinlich noch häufig das Glück haben Erster zu sein.

    Wie ich in Ihrem Kommentar auf Exportabel sehe (6. August 2010, 12:05 Uhr), sind wir anscheinend in weiten Teilen sehr ähnlich sozialisiert. Schwarzarbeit machte ich aber nie, weil ich nicht nur faul bin, sondern auch ungeschickt. Und wer will schon schwarz mal eben einen kleinen Kommentar zu Transzendentalen Deduktion der KdV geschrieben bekommen? Damit kann man sich leider kein Dachgeschoß ausbauen.

    Das Kiffen gab ich bereits in der Schulzeit wieder auf, weil ich davon lediglich müde wurde. Immerhin hat es mich aber in einer Sechserrunde (drei Jungs, drei Mädchen) davor bewahrt, von den Mädchen, die – wie von mir gewünscht – beide weder hübsch noch blond waren, befingert zu werden, da ich eben eingeschlafen bin. Die beiden Jungs haben jedoch mitgenommen, was sie kriegen konnten. Es gibt Jungs, die haben mit jedem Mädchen rumgemacht, es konnte noch so bescheuert aussehen. Ich immer nur mit den schönsten, was natürlich bedeutet, die Vorliebe für blond auch einmal zurückstellen und manchmal Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen.

  2. hanneswurst sagt:

    Fünf LeserInnen finde ich ganz angemessen. Viel mehr als fünf Blogeinträge von anderen kann ich selber zum Beispiel am Tag auch nicht lesen (abgesehen von RSS-Feeds, bei denen ich nur die Überschriften überfliege), es wäre also im Sinne eines sozialen Ausgleichs unangemessen, mehr eigene Leser zu erwarten. Es gibt ja schon viele Leute, die bereit sind ohne Aussicht auf Profit qualitativ hochwertige geistige Arbeit zu verrichten. Viele davon erwarten dann jedoch einen überproportionalen Anteil vom Aufmerksamkeitskuchen. Mein Held in dieser Hinsicht ist Henry Darger, der ohne kommerziellen Hintergedanken Großes geleistet hat und zu Lebzeiten überhaupt nicht bemerkt worden ist.

    Als Schüler einzusehen, dass die sedierende Wirkung von THC manches Erlebnis im Keim erstickt, halte ich für ein Zeichen geistiger Frühreife. In meinem Freundeskreis brechen regelmäßig gestandene Männer betäubt zusammen oder knicken im Sessel ein, um den Tag schon am frühen Abend zu beenden.

  3. bersarin sagt:

    @ Hanneswurst
    Sie haben hier gerade alles das gesagt, was richtig ist.

  4. genova68 sagt:

    “Sie haben hier gerade alles das gesagt, was richtig ist.”

    Ein Satz, den man gerne hört. Wobei mir semantische Zweifel kommen: Nicht einfach das, was gesagt wurde, ist richtig, sondern offenbar alles, was richtig ist, wurde gesagt. Das bedeutet, dass es sowenig Richtiges gibt (auf der Welt), dass man es in einem Posting sagen kann. Oder das Posting fast das viele Richtige der Welt so genial zusammen, dass es in ein Posting past.

    HannesWurst,
    was haben Sie denn für einen Freundeskreis??

  5. bersarin sagt:

    Semantisch ist dieser Satz nicht ganz einwandfrei, da gebe ich Dir recht.

  6. Aléa Torik sagt:

    Lieber Bersarin,

    Wartezeiten bei Frauen? Ich habe das vor ein paar Tagen gelesen, ich habe gelacht und es wieder vergessen. Notdürftig. Vielmehr habe ich’s umgearbeitet zu: Wartezeiten bei Männern. Das können Sie vergessen! Also richtig vergessen, nicht nur notdürftig.

    Auf jemand warten, das klappt nicht. Wenn man auf jemand wartet, dann ist das ja nicht, als warte man auf den Zug und wenn der eine weg ist, nimmt man den nächsten. Wir wollen, wenn wir warten, nicht den nächsten Zug. Wir wollen den, dessen Rücklichter wir sehen. Wir wollen die Zeit zurückdrehen und uns einbilden, die Chance, die wir nicht hatten, läge noch vor uns.

    Der richtige Moment kommt aber nicht mehr. Wenn der nicht zum Anfang dazu gehörte, dann kommt der nicht mehr. Es kommen noch tausend Momente, wir können uns einreden, der andere sei aus diesen oder jenen Gründen gerade unpässlich oder er erkenne die eigenen Qualitäten nicht. In Wirklichkeit wissen wir um die Aussichtslosigkeit ja auch. Wir wollen nur gerne in der Illusion verbleiben, es könne sich doch noch die Möglichkeit auftun. Ich kenne das auch. Leider.

    Meine Freundin Susanna hat eine Theorie entwickelt, zu der habe ich auch einmal einen Eintrag bei mir gemacht. Ich gebe sie hier nur kurz wieder. Die Drei-A-Theorie gehört zu den wenigen ganz großen Theorien auf der Welt, ähnlich wie Newtons Gravitationstheorie oder Einsteins Relativitätstheorie. Sie hat einen unbedingten und universalen Anspruch, sie gilt immer und zu jeder Zeit und in jedem denkbaren Universum. Sie ist kurz, sie ist schön und sie ist, vor allem verständlich. Sie lautet: Bei Kummer hilft die Drei-A-Theorie und es hilft nur die Drei-A-Theorie: Arbeit, Alkohol und andere Männer!

    Das können Sie gerne umarbeiten zu der geschlechtsspezifischen Variante, die sie bevorzugen.

    Herzlich
    Aléa

  7. bersarin sagt:

    Liebe Aléa,

    die drei A-Theorie ist einerseits richtig (mit den notwendigen geschlechtsspezifischen Abwandlungen freilich), sie gilt jedoch nur, solange sie sich nicht durch eine andere Theorie falsifizieren läßt.

    Nein, auf Männer lohnt es in der Regel nicht zu warten. Da gebe ich Ihnen recht. Wer je auf mich warten sollte, der kann man mit Kafka nur zurufen: “Gib’s auf!”

    (Wobei man am Ende natürlich nicht weiß, ob es sich nicht doch gelohnt hätte. Das ist wie vor dieser Gesetzestür.)

    Herzliche Grüße

    Bersarin

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