Auch ich bin ein Bewohner des Ruhrgebiets

Die Bewohner des Ruhrgebiets sind in ihrem Wesen angenehme Menschen: Manchmal derb, meistens heiter, oft herzlich. Sie führen eine lockere Zunge, besitzen einen sehr eigenen Charme, sind frech und dabei doch höflich. Da fühle ich mich angesprochen, so bin ich auch. Anders als die Berliner: zwar genauso herb, doch nicht wirklich höflich (man kann es ihnen aber nicht verdenken, weil sie durch Mauern jahrzehntelang von der Welt abgetrennt waren). Anders auch als die Hamburger: kiemig-verschlossen, das viele Wasser macht stumm. Von Münchnern, Dresdnern, Stuttgartern ganz zu schweigen, die in Zungen reden oder die Buchstaben r und s auf komische Weise aussprechen, manchmal auch mehrere Wörter zu einem einzigen Großwort zusammenziehen.

Frauen sind mir im Ruhrgebiet, anders als in Nord- und Süddeutschland nicht als sonderlich attraktiv aufgefallen. Dies ist gut und umso mehr ein Grund, sich dort niederzulassen. (Vielleicht habe ich jedoch nicht richtig hingeschaut und meine Augen waren mit der Photographie beschäftigt.) Vor 13 Jahren habe ich eine Kunsthistorikerin aus Düsseldorf kennengelernt, die in München wohnte und studierte. Die sah teuflisch gut aus. Heute ist sie vermutlich 13 Jahre älter. Ich bin es auch.

Nicht nur die Bewohner des Ruhrgebiets haben es mir jedoch angetan, sondern auch die (wenigen) Teile der Region, welche wir uns anschauten, faszinierte meine Reisebegleiterin und mich: So etwa die Zeche Zollverein, der Landschaftspark Duisburg Nord, die Stadt Duisburg mit ihrer Fußgängerzone und dem „Café Dobbelstein“. Durch Duisburg zu gehen, dann im Cafe Dobbelstein etwas zu verzehren, war ein Erlebnis. Es sitzen dort Menschen, wie ich sie vor zwanzig, dreißig Jahren zuletzt sah. Auch einen wunderbaren Plattenladen hat diese Innenstadt. Wer Jazz hört, ist dort genau richtig. Die Inhaber des Ladens waren so sympathisch und angenehm, daß sogar ich mir eines Tages vorstellen könnte, Jazz zu hören: zum Beispiel dann, wenn ich ein Haus, einen drahthaarigen Vorstehhund sowie eine Kunsthistorikerin aus Düsseldorf besäße.

Andererseits durchfährt den Besucher das Grauen, wenn er in der Duisburger Innenstadt die im Bau befindliche City Passage sieht, die da demnächst eröffnen wird. Ein neues Benjaminsches Passagenwerk müßte sich in die öde Wiederholung des Gleichen transformieren und womöglich nicht nur mit den Texten Marx‘, sondern mit Nietzsches These aus dem „Zarathustra“ zusammengebracht werden. In seinem Blog „Exportabel“ hat Genova einige interessante Aspekte zu Duisburg (und dem Ruhrgebiet) formuliert: ich möchte dem, was Genova geschrieben hat, und den Dinge, die im Kommentarteil stehen, nichts weiter hinzufügen, sondern lediglich darauf verweisen. Was Genova beschreibt, dies ist großteils auch mein Eindruck vom Ruhrgebiet.

In einem kurzen Text scheint mir die Komplexität dieser Landschaft aber kaum erfaßbar zu sein. Was beim Besuch im Ruhrgebiet versäumt wurde: die ganze Welt der Arbeit, die in dieser Region stattfand und stattfindet. Seinerzeit inspiriert, irgendwann einmal ins Ruhrgebiet zu fahren, hat mich der geniale Roman von Ralf Rothmann „Milch und Kohle“. Sofern nicht schon bekannt, lege ich ihn dem Leser ans Herz.

Nun müßte hier im Blog natürlich ein wenig zu dem, was man so im allgemeinen Kultur nennt, stehen. Allein: es war die Zeit zum Sehen nicht vorhanden. Entweder (Industrie-)Landschaft oder Kunst, so mußte die Losung lauten. Beides zusammen paßte nicht mehr in den Zeitplan. Kulturhauptstadt 2010 hin oder her – die Fragwürdigkeit solcher Slogans müßte man wohl gesondert besprechen. Lediglich das Folkwang Museum samt seinen Bildern konnte geschaut werden. Der neue Bau von Chipperfield überzeugte mich nicht, man hätte das Museum wahrscheinlich besser so gelassen wie es war; ich will mir hier aber kein Urteil anmaßen, da ich, was Architektur betrifft, ein Laie bin.

Tja, und was trinkt man im Ruhrgebiet? Leider viel Bier, das kauft (und verzehrt) man am besten im oder am Büdchen. Und so ist es für einen Weintrinker sehr schwierig, einen guten Tropfen zu ergattern. In einem der Büdchen in Essen habe ich die wohl wärmste Flasche Weißwein meines Leben erstanden. Verwunderlich, daß der Wein nicht restlos zerstört war. Also besser beim Bier bleiben.

Zuweilen aber gibt es Erlösung und Fügung. So entdeckten wir in Essen in der Südstadt eine Restauration, die zwischen Bar, Café, Bistrot und kleinem Restaurant changiert, nämlich das „Chat Noir“ in der Brigittastraße: Gar vorzügliche Weißweine tranken wir dort reichlich, gut temperiert und vom Betreiber sorgfältig ausgewählt (zu den roten sind wir leider nicht mehr gekommen). Auch ein sehr schmackhaftes Essen wird dort zubereitet und serviert.

Das Schönste aber ereignete sich auf einer Hafenfahrt in Duisburg. Tagelang schon nölte ich meine Reisebegleitung von Duisburg und von Horst Schimanski voll. Als wir dort waren und das Schiff bestiegen, glaubten wir, unseren Augen nicht zu trauen. Dort saß er: neben uns. Fast zumindest. Der Bart, die Gesichtszüge, die Haare allerdings etwas struppiger. Bitte sehen Sie mit diese eigenwillige Vorliebe für Horst Schimanski nach, aber schließlich schaute auch Adorno gerne „Daktari“ und wollte am frühen Samstagabend beim Fernsehen in seiner Wohnung im Kettenhofweg nur ungern gestört werden. Da ist bei „Aisthesis“ doch wenigstens ein Duisburger Fernseh-Bulle drin.

Zuletzt noch, wie es sich gehört, einige Bilder, willkürlich und ohne ein leitendes Thema zusammengestellt. (Die Sichtung von von knapp 3000 Photos benötigt leider ein wenig Zeit. Vielleicht zeige ich hier im Blog etwas davon, vielleicht auch nicht.)

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Alle Photographien: © Bersarin 2010

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