Engagierte Kunst?

Um es gleich vorweg zu sagen, denn der Titel dieses Textes legt einen berechtigten Verdacht nahe: Ich schreibe hier, als kleine Reminiszenz an seinen Aufsatz in den „Noten zur Literatur“, in relativer Nähe zu Adornos Positionen bezüglich des engagierten Kunstwerkes. Doch dazu später mehr.

Worum geht es? Es ging um meinen Beitrag vom 21.7.09, und zwar um den „Gegensatz“ von Dokumentation und (zweckfreier) Kunst.

Ich schrieb dort: „Photographie und Film sind als ästhetische Formen die geeigneten Mittel, solche Dinge (Nachtrag: das Elend von Migranten) abzubilden, ohne dabei in den Kitsch des Kunstwerks zu verfallen oder das Elend im Kunstwerk bereits wieder zu überhöhen, indem man etwas ausspricht oder zeigt, was in der Sprache der (bildenden) Kunst nur als Inadäquates kommuniziert werden kann.“

Diese Gegenüberstellung hat momorulez kritisiert. („Als gäbe es nun nur den “Kitsch des Kunstwerkes” oder die “Überhöhung des Elends” in demselben … dann dürfte es auch nur Sachbücher, aber keine Romane geben.“)

Ich möchte ein wenig genauer diese Sätze erläutern und mich insofern (ausnahmsweise) selbst kommentieren bzw. das, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, erläutern. Eigentlich sollte ich mich hierbei nur auf die bildenden Künste beschränken, doch greife ich für Beispiele auch in das Gebiet der Literatur, weil die Dinge dort nicht völlig anders sind.

Sicherlich ist es nicht das Anliegen, Kunstwerke prinzipiell des Kitsches zu bezichtigen, wenn sie direkt und ohne Umwege von politischen Angelegenheiten handeln. Nicht einmal verteufele ich die Kategorie des Kitsches grundsätzlich. (Hier wäre ich nicht so apodiktisch, wie Adorno es zuweilen ist, zur Pluralität der Stile jedoch später mehr.) Sowieso sollte man die Oppositionsbildungen hinterfragen und nicht für das nehmen, als welches sie sich unmittelbar darstellen.

Natürlich, wenn das Kunstwerk in seiner Binnenstruktur ästhetisch gelungen ist, dann vermag es sogar Politisches zu transportieren. Zumeist geschieht der Ausdruck des Politischen aber über Umwege und in der Regel gerade durch die Aussparung des unmittelbar Politischen. Man muß das jedoch Fall für Fall am Kunstwerk prüfen. Ich möchte auch keinesfalls apodiktische Behauptungen aufstellen und kategoriale kunstrichterliche Regeln entwickeln, was werkimmanent geht und was nicht geht. Mir kommt es vielmehr auf die Prozesse an, die sich innerhalb eines Kunstwerkes abspielen.

Dabei ist das Politische im Kunstwerk, zumindest dann, wenn es mit Intention hineigepreßt wird, (insbesondere bei der bildenden Kunst) eine heikle Sache: Ich bezweifle, daß jenes Politische allzu leicht im Kunstwerk zu realisieren und ästhetisch zu bewerkstelligen ist. Eher denke ich, daß da ein zwar durchaus gutgemeintes „Anliegen“ herauskommt, welches jedoch beim Ins-Werk-setzen oft in den Sozialkitsch umschlägt. Insofern plädierte ich hinsichtlich der Darstellung von Migration für die Kunst, welche an ehesten zum Dokumentarischen fähig ist, nämlich die Photographie bzw. der Film/Video.

Über den Roman ließe sich allerdings noch reden. Hier mag einiges möglich sein. Die Konstruktion müßte allerdings weit ausholen und Umwege gehen, um dabei etwas Brauchbares, das nicht unmittelbar ins soziale Pamphlet oder den schlechten Agitprop umschlägt, zu liefern. Ich weiß nicht, ob es im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik belletristische Werke gibt.

Bei der bildenden Kunst habe ich hinsichtlich des Politischen die größten Vorbehalte: Da malt dann der Künstler XY die Hungerbarke oder in Anspielung auf Géricault das Floß der Flüchtlinge oder die Verdammten dieser Erde, neue Fassung. Das ganze wird auf einer Vernissage zum hübschen Schluck Wein serviert, samt großer und bewegender Reden, die ungemein wohlwollend sind und nichts kosten. Und alle sind sich einig und alle bespiegeln sich selber in kritischer Selbstgefälligkeit, während der Klang der Weingläser und Astra-Bierflaschen durch die Räume weht.

Gut, ich überspitze hier etwas; für den Event-Charakter kann auch das gelungene Werk nichts. Ich befürchte aber das Abgleiten des Werkes in den Sozialkitsch und damit einhergehend auch die Simplifizierung des Komplexen. Das Dokumentarphoto zumindest kann (es muß nicht, schlechte Beispiele gibt es hier viele) durch seine Effekte (und Affekte), die es auszulösen vermag, eine Auseinandersetzung und Durchdringung der Materie herbeiführen.

Das mit Intention hineingepumpte Politische in das Kunstwerk bekommt diesem meist schlecht. Um in die Vergangenheit zu greifen und zwei Beispiele zu nennen: Die politischen Stücke Sartres und die Brechts mögen als unmittelbarer Beleg dafür herhalten. Man nehme die „Heilige Johanna“: wenn Kapitalismus so einfach funktionieren würde: es wäre gut, Kapitalismus wäre morgen abgeschafft. Und Faschismus ist keine Auseinandersetzung von Karfiolhändlern gewesen. Was den „Arturo Ui“ rettete, war seinerzeit in den 90ern die Inszenierung am „Berliner Ensemble“ durch Heiner Müller. („Schön und gut“, wird mancher sagen, „es sind eben Lehrstücke, das muß in der Zeit gesehen werden.“ Vielleicht ist da etwas dran. Brechts „Maßnahme“, das auch in diese Reihe fällt, halte ich im Rückblick sogar für gut, wenn man es entsprechend umdreht und „dekonstruiert“. Insofern kann man mit Benjamin vielleicht sagen, daß gelungene Kunst seinen Wahrheitskern in der Zeit entfaltet.) Wer nicht die Vergangenheit, sondern etwas aus der heutigen Zeit möchte, sei auf Elfriede Jelineks immergleiche Empörungs- und Erregungsmaschine verwiesen: Etwa „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ (2009).

Aber zurück zur bildenden Kunst: Das, was an kritischer Kunst über die sogenannte 3. Welt, den Israel-Palästina-Konflikt oder die Urbanisierung auf der „Documenta X“ 1997, die sich als sehr politisch verstand, gezeigt wurde, war entweder zum Davonlaufen oder es war einfach nur simpel. Ich verarbeite hier (vergröbert), das, woran ich mich im Schlechten erinnere, und greife drei recht heterogene Werke heraus:

Kerry James Marshall

Kerry James Marshall: Better Homes better Gardens, 1994

Quelle: short guide documenta (abfotografiert)

Bei diesem Bild von Marshall füge ich allerdings hinzu, daß es partiell gar nicht einmal so schlecht ist. Der Kitsch hat hier eine (perfide) Berechnung. Lediglich die Botschaft des Bildes ist simpel. Für solche Erkenntnisse benötige ich keine Kunstwerke. Ich mag es ganz einfach nicht, vom Kunstwerk belehrt zu werden und die Welt erklärt zu bekommen. Das habe ich schon an Brechts Thesenstücken gehaßt. Genauso geschieht dies bei den folgenden Bildern: Komplexes wird simplifiziert zu banalen politischen Botschaften:

David Reeb

 David Reeb, Laß uns einen neuen Krieg anfangen, 1997

Nancy Spero

Quelle Bild 2 und 3: art 6/1997 (abfotografiert)

 Es ließe sich lange fortfahren, was die politische Kunst im Bild (aber auch in der Literatur) betrifft. Natürlich, es gibt die Plakate von Staeck, die genialen Montagen von Heartfield, so kann man dagegenhalten. Allein: diese haben ihren Ort weniger im Felde der autonomen Kunst als in der Tradition des Agitprop und der Satire. Wenige Künster bekommen das so hin, meist gleiten sie in das Banale ab.

 Ein letztes Beispiel dafür, wie gut es sein kann, in den politischen Dingen sparsam und enthaltsam zu sein, aus dem Gebiet der immerwährenden Klassiker, sozusagen aus dem Hochgebirge, mag Thomas Manns „Zauberberg“ sein. Gerade weil das Politische in diesem Buch äußerst sparsam eingesetzt wird, entfaltet der Roman es unausgesprochen; was vorher im Roman leitmotivisch vorbereitet wurde, das kulminiert dann als Andeutung insbesondere in der Schlußszene: nämlich der Epochenbruch und die aufziehenden Stahlgewitter samt ihrem Ungeist.

 Ja, in gewissem Sinne sind dies alte Debatten und alte Grabenkämpfe, die eigentlich längst ausgetragen sind. Denn heute ist die Kunst wahrscheinlich sehr viel weniger politisch geprägt als mit dem Subjektiven durchsetzt, es herrscht das Primat der Empfindungen vor. Das geht bis an die Grenzen des absolut Privaten, wenn Tracey Emin etwa „My Bed“ ausstellt.  

 tracey-emin-my-bed

Quelle: http://www.saatchi-gallery.co.uk/artists/artpages/tracey_emin_my_bed.htm

 Im Vergleich zu den genialen multiplen Körper-Inszenierungen einer Cindy Sherman, die gleichfalls Kunst fertigt, die sich mit dem “sich selbst” auseinandersetzt, ist das, was Tracey Emin veranstaltet, allerdings und leider ein wenig simpel zu nennen und eher dem Hype sowie dem Monetären geschuldet. Insofern könnte man fast schon sagen, daß es heute eher zu wenig als zu viel gelungene politische Kunst gibt.

 Natürlich, gewiß, es hat sich inzwischen einiges in der Kunstwelt geändert, den Begriff des ästhetisch avanciertesten Materials, wie ihn Adorno gebrauchte, kann man nicht mehr uneingeschränkt verwenden, hat sich doch in der Fortschrittsspirale der Kunst einiges getan seit jenen Zeiten und die Methoden als auch die Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Material sind pluraler geworden. Auch für die Kunst gilt: es sind viele Richtungen möglich, zwischen extremem Realismus und äußerster Abstraktion, zwischen Spielerischem und extremer Ernsthaftigkeit sind die Wände mittlerweile so gebaut, daß osmotische Zustände möglich sind. Realismus in der bildenden Kunst oder Patchwork (bei Adorno damals hieß so etwas noch Neoklassizismus) fallen nicht mehr unbedingt unter den Verdacht, reaktionäre, rückwärtsgewandte Formen der Kunst zu sein. Bei Adorno war dieser Blick auf Kunst seiner geschichtsphilosophischen Perspektive geschuldet.

Zu diese Dingen jedoch ein andermal vielleicht mehr. Insbesondere ein Zusammenschluß Adornos mit Karl Heinz Bohrer verspricht interessant zu werden.

Über Bersarin
Das Sein ist das unbestimmte Unmittelbare; es ist frei von der Bestimmtheit gegen das Wesen sowie noch von jeder, die es innerhalb seiner selbst enthalten kann. Dies reflexionslose Sein ist das Sein, wie es unmittelbar nur an ihm selber ist

10 Antworten auf Engagierte Kunst?

  1. MomoRules sagt:

    Danke für die ausführliche Antwort!!!

    Ich kann jetzt aber nicht anders, als Einwände zu erheben, weil ich halt so bin, sorry … aber auch, weil mich das Thema selbst ja auch nicht los läßt, seitdem ich politisch denken konnte.

    Einwände, weil mir das “Politik” zu sehr mit mit dem “Vermitteln und Proklamieren von eindeutigen Botschaften” identifiziert.

    Sartres “Die schmutzigen Hände” finde ich schon großartig, weil es einen im Grunde genommen unauflöslichen Konflikt zur Darstellung bringt. Auch “Die Zeit der Reife” etc., “Les chemins de la liberté”, wo der Konflikt zwischen “frei sein von” und “frei sein zu” an ja grandiosen Figuren durchgespielt wird, unmittelbar vor Kriegsausbruch, das ist schon was Tolles, Erhellendes.

    Auch “Die bleierne Zeit” von Frau von Trotta hat mich damals wahnsinnig beeindruckt, eigentlich auch, weil bei den beiden Schwestern so eine Unauflöslichkiet mitschwang, die ja heraus fordert, obwohl das so oft gescholtene “Ideen-Figuren” waren. Habe geheult wie ein Schloßhund, als ich das geguckt habe.

    Musste kurisoerweise bei Deinem Urpsrungseintrag an William Faulkners Short Story “Der Brandstifter” denken: Ein armer Pächter kleiner Landparzellen in den US-Südstaaten fackelt regelmäßig die Behausungen der Großgrundbesitzer ab, die ihn ausbeuten. Er kommt zu einem neuen “Vermieter”. latscht in einen Haufen Pferdemist mit einem kaputten Bein/Fuß, den er nachzieht, er hinkt; erster Auftritt, buchstäblich, beim neuen Verpächter: Mit dem Fuß voller Pferdescheiße geht er schnurgerade und aufrecht einmal quer über den teuren, weißen Teppich in der Eingangshalle des schicken Anwesens.

    Das ist ein Bild, das mich nicht mehr losließ. Die Figur des Teppichbeschmutzers ist hochambivalent, ein Sympath ist er nicht, und trotzdem: Da sitzt was in der Art, wie er Würde bewahren will, in mir fest seitdem. Hat mich irgendwie an diese Frauen auf dem Acker bei Liebermann erinnert.

    Das ist für mich schon eine ganze Menge. Kann man sogar kitschig finden, aber sobald ein starkes Bild für einen Konflikt, der keine Auflösung erfährt, gefunden wird, IST das ja politisch.

    An “Das Totenschiff” von B. Traven musste ich auch denken eben beim Lesen.

    Auch, wenn ich mir diese “Rätsel” bei Neo Rauch angucke: Finde ich höchstpolitisch – in einer Art, die mir gar nicht passt. Während mir die hitlergrüßende Trash-Welt bei Meese und seine Referate über die Herrschaft der Kunst und Stoffwechsel durchaus im positiven Sinne politisch scheinen, weil sie irgendwas umrühren, was sonst getrennt auftritt. Dieses Bild “Getreidemutter”, damit werde ich einfach nicht fertig, weil er visuell und sprachlich bündelt und komprimiert, was dann anregt auf vielen Ebenen zugleich und intelligenter ist als jede Knopp-Doku. Die verkitschen ja wirklich, und da weiß ich ziemlich gut, wie das geht.

    Und, Pointe: Da finde ich vieles Dokumentarische oft viel schlimmer gut gemeint. Weil das, was Du beshreibst, ja tatsächlich tierisch nerven kann – und doch, als ich neulich nachts Konstantin Wecker, auch seine politischen Lieder, auf dem BR hab singen hören, hmmm, gerade deren teilweise Plattheit hat mich irgendwie berührt. Und dann kam doch noch der “Willy”, eher noch Szenario als Botschaft und ganz schön vielschichtig, und wieder fand ich das in seinem quasi-dokumentarischen Gestus viel stärker als viele der Abbilder, die sonst im Dokumentarischen kursieren …

    Bin ja auch sowas wie Dokumentarist, wenn auch ganz anders, und habe meinerseits das Gefühl, dass, je stärker ich mich vom Abbild weg bewege und die Fusion aus Kamera, Schnitt und Text stilisiere, pointiere, ästhetisiere, mit Musik eingreife, desto näher komme ich dem Gegenstand, um den es geht … so lange mir die Bildhaftigkeit des Metaphorischen als Subtext nicht abhanden kommt.

    Und da kann man gerade von den Brechts und Konsorten, noch mehr von Tschechows “Okel Wanja” und dem “Kirschgarten”, glaube ich, was lernen, weil man den “Verfremdungseffekt” ja nun auch nicht unterschlagen darf … bei Brecht, meine ich. Bei Tschechow wird das ja enthaltene Dokumentarische dann aber zu einem Reigen der Metaphysik des Scheiterns des Sozialen selbst arrangiert, liebevoll und ironisch, und bei aller Metaphysikkritik: Eine solche Formvollendung des politischen, ja!, Theaters wie im Wanja oder im Kirschgarten, wenn ich das irgendwann in diesem Leben in irgendeiner Form, welcher auch immer, hinbekomme, dann hat das Leben sich wirklich gelohnt.

    Und in der “Möwe” kommentiert er, was wir hier gerade dsikutieren. Da lösen sich dann alle Gegensätze auf in ihrer Unauflöslichkeit, und man kann loslegen und selber was probieren … nur möglichst NICHT so, dass man den Kirschgarten dann so inszeniert, dass die verarmenden Adelsleute durch ’68er ausgetauscht werden. Da hast Du dann mit jedem Satz recht, den Du geschrieben hast.

  2. MomoRules sagt:

    Kannste noch mal in Deinem Spam-Filter gucken? Habe gestern ‘nen gaaaaaanz langen Kommentar hierzu verfasst!

  3. bersarin sagt:

    Eigentlich hätte der Kommentar automatisch freigeschaltet werden müssen, weil Du sozusagen auf freigeschaltet stehst ;-). Merkwürdig.

    Thanks für die ausführliche Antwort. Ich lese heute abend und schreibe vielleicht noch was dazu.

  4. bersarin sagt:

    Bei all den wilden Diskussionen, Stürmen und Irrfahrten in den Blogs, hier ein wenig kontemplative Ruhe im Reich des Ästhetischen und eine kurze Antwort.

    Deine Einwände freuen mich natürlich. Dafür ist so etwas ja da: zum Widerspruch. Daß einer schreibt: Ich sehe es anders. (Obwohl ich denke, daß wir einiges gar nicht so sehr anders sehen.)

    Nein, wenn Politik gut und gelungen im Kunstwerk aufscheint, so ist es in Ordnung. Und ich halte es für extrem wichtig, daß das Kunstwerk Politik enthält, insbesondere in Zeiten, wo sich die Kunst auf eine ungute Weise immer mehr selbstreferentiell verhält oder in Ich- und Subjekt(Künstlerselbst)spiegelungen abtreibt. Wenngleich sogar dieses ästhetische „Verhalten“ extrem politisch sein kann. Man muß das jedoch am Werk selber festmachen.

    Die Romane Sartres waren teils nicht schlecht (Allerdings haben mir „Die Wörter“ und „Der Ekel“ am besten gefallen.) Die Stücke weniger: Klar, „Geschlossene Gesellschaft“: die Hölle sind immer die anderen. Aber doch ein Thesenstück: hineingepreßter Existenzialismus/Existenzphilosophie. [Ich gebe auch freimütig zu: mit 15, 16 Jahren habe ich Sartre nur so verschlungen, war ein Fan, fast so, wie in Boris Vians „Schaum der Tage“ geschildert. (Das bleibt aber unter uns.)]

    Dennoch: mir war das am Ende, als ich mich vermehrt mit der Philosophie befaßte, doch zu dürftig: diese existentielle Situation, die Wahl, die Geworfenheit, die Entscheidung, ein viel zu großes hohes Ich, das natürlich an den Dingen, an ihrem Schweigen, ihrer Starrheit zerbrechen muß, wie in „Der Ekel“. Am Ende nicht anders als die Parteinahme für eine richtige Sache (bei Sartre ging das dann bis zu Stalin), der die Fraktur schon eingeschrieben war, die in ihrem gespaltenen Ursprung bereits zum Scheitern verurteilt war.

    Trotzdem, es hat mir anfangs Spaß gemacht, damals. Dankbar war ich jedoch für Adornos reflektierte Sartre-Kritik, weil er das auf den Punkt gebracht hat, was nur als dumpfes Ahnen vorhanden war, und noch dankbarer wurde ich, als die Strukturen ins Spiel kamen. Ich habe schon in der Jugend diesen Impuls gespürt, daß das so nicht funktioniert, wie Sartre es zu denken versucht, daß das Ich durch ganz andere Dinge bestimmt wird und daß wir selber sehr viel weniger Bestimmer sind als wir glauben. Insofern war mir von der anderen Seite her auch Heideggers Humanismusbrief willkommen. Ich kann deshalb den üblichen Gemeinplatz nur bestätigen. Sartre war der bessere Philosoph und der schlechtere Schriftsteller, bei Camus war es umgekehrt.

    Totta ist mir jetzt nicht mehr so im Gedächtnis geblieben. Habe es damals geschaut, als ich mich noch zur politischen Linken zugehörig glaubte. (Aber eigentlich bin ich auch damals nur auf Demos gegangen, um gute, nein, geile Photos zu machen.)

    Traven fehlt noch in meiner Lektüre. In dem Blog „Isis Welt“ steht dazu etwas. Und auch bei Tschechow bin ich eher unterbelichtet. „Drei Schwestern“ ist vorhanden: „Morgen Augsburg“, ach nee, das war ja Bernhard: Moskau, Moskau … (Die Marthaler-Inszenierung seinerzeit an der Volksbühne war so schön und groß, daß ich vorzeitig gegangen bin.)

    Meese, na ja. Ist aber bestimmt ein netter Kerl, zumindest ist er sehr emphatisch dabei.

    Richter: Überschätzte Aktie, aber ich schaue ihn mir noch einmal genauer an.

    „Willy“ von Wecker: Tja, mit Adorno zusammen müßte ich im dissonanten Takt eher bedenklich den Kopf von rechts nach links und wieder zurück wiegen, und ich verstehe sogar sehr gut, warum Adorno hierbei seine Kritik ansetzen muß, und mir ist der Begründungszusammenhang Adornos mehr als klar. Trotzdem gefällt mir (contre ratio) dieser Song gut.

    Sicherlich sind dies alles Beispiele für gelungen Kunst, die etwas Politisches in sich trägt. Aber gerade Faulkners Erzählung „Der Brandstifter“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie solches richtig funktioniert und gemacht wird. Da hat einer Ahnung vom Handwerk. Es ist eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen spielt und funktioniert. Es ist keine bloße Friede-den-Hütten-Krieg-den-Palästen-Geschichte. [Überhaupt Faulkner, was soll ich sagen: ganz große Liebe. (Ol man river)] Es ist eine Story über das Blut, soziale Verwerfungen, die Erzählung eines Jungen, die Leere der Welt im Lauf. Phantastisch. Das Spiel mit der Erzählperspektive. Eine Erzählung wie ein Faustschlag.

    Ja, ganz genau: So stelle ich mir eine politsche Geschichte vor. Das Stacksen über den Teppich, der schreiende schwarze Bedienstete. Das Herbeireißen des Junge. Keiner wird für dich sprechen, nur die Familie. Auf kleinstem erzählerischen Raume ist hier so Vielstimmiges enthalten. Bereits die Ouverture: der Laden mit Käsegeruch und dem Friedensrichter.

    Zum Schluß noch einmal der Brecht: ja, der ist vielschichtig. Viel Gutes und leider auch manches Schlechte.

  5. momorulez sagt:

    Na, ein wenig weichst Du aus, mal ab von unserer Einigkeit bezgl. des Faulkner-Textes … weil ja die Frage des “Gutgemeinten” im Dokumentarischen z.B. keine Antwort erfährt.

    Ist freilich auch ‘ne Antwort, lieber auf einzelne Werke einzugehen, als generelle Thesen zu formulieren, klar, gerade wenn man darauf beharrt, dass es die In-Sich-Schlüssigkeit des Werkes ist, aber sind da nicht doch Kriterien zu formulieren, die auch viel mit der instituionellen Praxis zu tun haben, in der Kunst sich formiert?

    Und damit meine ich nicht nur den Markt, den aber auch, weil es doch eigentlich schon wieder zu naheliegend ist, einen Meese einfach als netten Kerl abzutun und Richter für eine “überschätzt Aktie” zu halten? Letzteres hat Herr Rauterberg ja auch geschrieben – “Richter stellt alle Fragen der Malerei und beantwortet keine!” – , aber kann es denn dann wahr ein?

    http://www.cfa-berlin.de/artists/daniel_richter/works/year/all/type/M

    Zeile 23, Bild 3, “Dog Planet” – das ist ja für mich trotz Eindeutigkeit schon auch ein Weg, politische Kunst zu machen, und unter Kitsch-Verdacht kann man sogar einen Barnett Newman stellen, wenn man will … könnte Ikea ja auch jederzeit als Vorbild für Bettwäsche nehmen.

    Auf meinen Sartre lasse ich ja nix kommen, wahrscheinlich, weil ich ewig pubertieren werde ;-) – the first cut ist halt the deepest. Und gibt es eine ernstzunehmende Kritik Sartres durch Adorno, die sich jenseits angeklebter Bärte situiert? Kenne nur die ganz gute von Marcuse und viel Falsches von Adorno zu dem Thema …

  6. hartmut sagt:

    “An “Das Totenschiff” von B. Traven musste ich auch denken eben beim Lesen. ” (Momorulez)

    Danke. Suuuuperbuch! “Mädchen, heul doch nicht so quer…”

    übrigens finde ich die Verfilmung mit Adorf und Buchholz – gemessen an den Standards der 50er – auch OK und mehr als das.

    lg an alle Lesenden und auch an euch zwei

  7. Pingback: Imagination versus Dokumentation – geht das? « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  8. bersarin sagt:

    Entschuldigung zunächst, daß ich nicht so schnell antworten kann, aber die Zeit, die Zeit, die Arbeit, die Arbeit … Und dann drehe ich diesen Text drei Mal hin und her. Bring ich die Richter-Beschimpfung nun oder lasse ich es. Ach egal. Versuchen wir es mal:

    Ich denke nicht, daß ich ausweiche, sondern eher daß wir uns ein wenig im Kreise drehen. Vielleicht habe ich die Dinge auch noch nicht auf den Punkt gebracht, sozusagen pointiert. Andererseits halte ich diese Dinge auch gerne in der Schwebe, im Zustande hermeneutischer Unentschiedenheit, ganz textueller „Schüler“ Derridas. Doch zur Sache:

    Man kann die von mir formulierten Dinge schlechterdings nur an Werken und immanent festmachen, nirgendwo sonst. Es sind natürlich erst einmal Thesen gewesen, die ich aufstellte. Diese aber müssen an und in der Realität überprüfbar sein. Das kann nicht so abgehen, wie Daniel Kehlmanns pauschale Verwünschungen des Regietheaters, in seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen. Insofern möchte ich natürlich nicht pauschal die Politik in der Kunst verteufeln, und ich möchte auch nicht pauschal das Dokumentarische und die Imagination in den starren Gegensatz bringen. Keine Dokumentation, sei es Film oder Photographie, ist frei von diesem Imaginieren. Dennoch geht es mir darum, aufzuzeigen, daß eine bestimmte Form von politischer Kunst sich als unterkomplex erweist und damit weder der Kunst noch der Politik damit einen guten Dienst tut.

    Für die Kunst generell, auch für die, welche explizit oder implizit als politisch sich ausweist, gilt zunächst, daß sich innerhalb des imaginierenden oder des dokumentierenden Werkes Gründe für das Gelingen oder das Scheitern angeben lassen: Ein Kunstwerk ist gelungen oder mißlungen, manchmal auch dazwischen. In diesem Fall enthält es einige gute, aber auch einige schlechte Elemente, die ästhetische Konstruktion ist dann nur zum Teil geglückt. Für diese Beurteilung der ästhetischen Konstruktion (also für ästhetische Urteile) lassen sich Kriterien angeben, die allerdings nicht unbedingt und immer intersubjektiv nachvollziehbar sind. Dazu gleich unten, wenn es um die Aktie Richter geht.

    Daß es absolut mißlungene filmische und photographische Dokumentationen gibt: ohne Frage. Guido Knoop und einige andere mehr, die im Fernsehen zur Prime Time zu sehen sind, gehören sicherlich dazu. Alle diese Filmchen und Serien verfahren nach dem Prinzip der Reduktion des Komplexen auf Eingängiges. Keine Brüche, nahtlos fügt sich das Geschehen:Zeitzeugen und Filmbilder oder DokuFiction wechseln einander ab. Das Gegenteil von all dem jedoch zeichnet eine gelungene Dokumentation aus. „Prinzessinnenbad“, worüber ich kurz schrieb, wäre hier ein Beispiel. Ein weiteres (recht unbekanntes) Werk fällt mir hier ein, nämlich der Film von Gerd Roscher „Über die Grenze“ zur Flucht Walter Benjamins. Der Film lief 1991 im Fernsehen. (Sicherlich läßt sich diese Reihe des Gelungenen beim Dokumentarischen sehr weit fortführen.) Auch ja, und als absolute Grenze des Genres natürlich Godards großartiges Werk „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola“. Ein Film, der teils wie ein Dokumentarfilm anmutet und doch keiner ist.

    Gleiches gilt für die Photokunst Bereich Doku: da ist viel Scheiß dabei. Aber das ist auch ok: nur weniges in der Kunst taugt zum immerwährenden Klassiker, und vieles ist für den Moment gefertigt.

    Das Interessante an der Dokumentation ist ja eben, daß in ihr die Grenze zwischen dem Ästhetischen und dem Politischen, zwischen dem Imaginieren und dem Dokumentieren verläuft. Wie etwa wäre Kempowskis Echolot-Projekt einzuordnen? Es ist Kunst und zugleich Dokumentation und es ist in gewissem Sinne auch politisch. Es ist durchsetzt mit Imagination, Konstruktion und Realität. Genauso die mir bekannten Dokumentationen/Photographien von Gerald Steven Pinedo, die er zur Migration fertigte. (Über weitere Arbeiten von ihm kann ich allerdings nicht viel sagen. Wie ich seiner Homepage entnehme, beschäftigt er sich viel mit der Frage der Sklaverei, des Sklavenhandels und mit Rassismus.)

    Zu Daniel Richter kann ich nur noch einmal schreiben, daß ich ihn für absolut überschätzt halte: eine immergleiche halb Punk-, ein bißchen Wortspielerei-Neon-Ästhetik mit einem Überspiel ins Düstere. Beim Ansehen beschleicht einen so das Gefühl: das habe ich doch alles schon mal gesehen. Ich will gar nicht einmal sagen, daß das insgesamt schlecht ist. Aber: kennste eines, kennste alle. Ja, und genau: Solche Bilder meinte ich eben mit der hineingepreßten Politik: die Visualisierung des dreckigen Weltlaufs. Mir sind die meisten dieser Bilder zu simpel, es fehlen die subtilen, hinterhältigen Zwischentöne. Das ist leider nur Plattencover-Kunst, und vom Dekorativen ist es lediglich durch die Kraßheit mancher Sujets entfernt. Mich erinnert vieles daran zu sehr an den Kunstleistungskurs Oberstufe, und es ist die Ästhetik einer bestimmten Hamburger Szene. Aber das ist ja auch in Ordnung, Hamburg ist eben nicht Berlin; aber macht euch nichts draus, dafür haben wir hier nicht die Elbe und die Nordsee vor der Tür, in unseren Straßen riecht man nicht die See und für den kurzen Moment nur, kein teeriger Geruch von Wasser in den Straßen an einem heißen Sommertag im August „Einen jener klassischen …“ ;-)

    Ich will das mit Richter aber nicht ausweiten (schon gar nicht will ich ihn Dir madig machen, obwohl ich mich sehr über die Bilder ärgere) und nicht aus jenem Ärger heraus extra einen zereißenden Blog-Beitrag zu ihm verfassen, weil ich es nicht mag, jemanden fertigzumachen. Auch macht es mir keinen Spaß, Besprechungen über (meiner Meinung nach) ästhetisch Mißlungenes zu schreiben. Ich lobe in meinen Besprechungen lieber, als zu verreißen. (Was auch daran liegt, daß meine Zeit zu knapp bemessen ist, um mich, sozusagen, auch noch mit dem, was schlecht ist, intensiv abzugeben.) Und wenn ich so über Richter schimpfe, dann tut er mir fast schon wieder leid, und ich versuche dann, auch gute Dinge in seinen Bildern zu sehen. Das liegt daran, daß ich prinzipiell ein gutes Herz habe.

    Das natürlich auch Mondrian oder Newman mittlerweile dekorativ sein können, sehe ich auch so. Bildende Kunst ist in der Tat zu großen Teilen zum Ikea-Design verkommen. (Ich schrieb darüber auch in meinen Beitrag zu Oda Jaune, daß bildende Kunst momentan die schlechteste und korrumpierteste aller Gattungen ist, was unter anderem auch daran liegt, daß sich in den letzten 40 bis 50 Jahren die Rezeptionsbedingungen bei bildender Kunst empfindlich geändert haben. Ganz vom Warencharakter befreit war das Kunstwerk selbst ja nie, heute zeigt sich dieser Warencharakter aber umso evidenter. Mondrian, Newman, Pollack erzielen nicht nur Rekordsummen im Verkauf, sondern sie hängen über den Wohnzimmereinrichtungen als Reproduktion, weil sie gerade gut zum Design der eigenen Lebenswelt passen. Künstler werden mittels eines medialen Hypes im Marktwert nach oben geschaukelt. Zudem sind die Kunsthochschulen seit 20 bis 30 Jahren voll von jungen Menschen, die auf den Markt wollen. Es hat sich sowohl auf der Produzenten- als auch auf der Rezipientenseite in der Kunst etwas Inflationäres ereignet, das der bildenden Kunst nicht gut bekommt.

    Damit sind wir auch wieder beim hineingepumpten Politischen, das in bestimmten Kreisen einen chic hat, weil es habituell hübscher ist links als recht zu sein. Damit auch wieder bei meinem Zitat zum feinen Wohlstands-kling-kling der linken Sektgläser auf der Erbauungs-Vernissage. Sozusagen Gebrauchs- und Tauschwert in einem Stück und identisch: Kunstwerke verkommen zum Deklamationsobjekt der Lebensstile, sei es linkes Lebens-Design oder konservativ-behagliche Raumausstatter-Offensive. Dieser Punkt eben ist es, der Ärger in mir hervorruft: der falsche Gestus

    Zum Schluß noch: Bei Adorno finden sich Passagen zu Sartre in der ND, so S. 59 ff, und in den „Noten zur Literatur“ hauptsächlich in dem Aufsatz „Engagement“, der eine sehr gute, interessante und gelungene Auseinandersetzung mit Sartre ist. Ich möchte aber diese Baustelle erst einmal vertagen, ein Text zu Adorno und Sartre wird bestimmt irgendwann folgen, angeregt durch diese Diskussionen.

  9. momorulez sagt:

    Willst Du jetzt etwa die “Hamburg/Berlin”-Battle eröffnen? ;-) … erst “die Sterne” anspielen, und sie dann doch nicht wirklich hören wollen? Immer diese Neid-Debatten …

    Ich komme auch erst morgen dazu, darauf einzugehen, weil mir das immer noch zu vage ist, werde ich’s tun müssen. Aber jetzt muss ich auch ins Bett.

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