Die Reproduzierbarkeit der Kunstwerke im Zeitalter vollständiger Kommerzialisierung
Da hab ich glatt voreilig angekündigt, daß für letztes Wochenende der Text zu Habermas/Adorno hätte erscheinen sollen und der Text erschien nicht. Tja, da kam Italien und einiges andere dazwischen. Aber dann gibt es den Text eben zum nächsten Wochenende, so hoffe ich doch.
Verweisen möchte ich aber auf eine Buchkritik von Sebastian Preuss in der Berliner Zeitung vom 2. Juli 2009 (Link nicht auffindbar), und zwar über ein Buch von Wolfgang Ulrich, „Raffinierte Kunst“ (aus dem guten alten Wagenbach Verlag), in dem es, grob vereinfacht gesagt, darum geht, daß die Reproduktion eines Kunstwerkes (insbesondere der bildenden Kunst) im Grunde oftmals interessanter und raffinierter ist als das Original. Die Nachbildungen seien eigentlich kein Abguß und Abklatsch des Originals, sondern ihnen komme eine eigenständige Dignität zu. Insbesondere für die Kunst des Kupferstichs galt dies, der bis zum 19. Jhd. ein Kommunikationsmedium war, über das sich Kunst reproduktiv verbreiten konnte, war es doch nicht jedem vergönnt, nach Paris, Rom oder Venedig zu reisen.
„Reproduktionsgrafiken interpretieren und bringen manche Elemente deutlicher zur Geltung als das Original, sie übersetzen Malerei in eine andere Sprache. ‚Der Kupferstecher ist ein Apostel oder Missionar‘, schrieb Diderot bewundernd über diesen hochgeschätzten Künstlertypus. Die Reproduktion war eine allseits anerkannte, zuweilen heilsame Instanz, der sich die Kunst stellen musste.“ so Preuss in seiner Rezension.
Ullrich gehe es um eine Rehabilitierung der Reproduktion; der Mythos des Originals solle gebrochen werden. Dies eben ist der Rest kunstreligiöser Befangenheit des 20 Jahrhunderts.
Diese These ist nicht uninteressant; insbesondere in den Zeiten völlig überfüllter Museen, wo sich eigentlich kein Werk mehr gescheit betrachten läßt, weil Ausstellungen zu Events geraten, da lasse ich mir eher die Kataloge zukommen und schaue mich lieber dort um, anstatt im Gedrängel laut quackend und quengelnden Kinder zuhören zu müssen (ich begreife bis heute nicht, warum Kinder im Alter von 2 bis 4 Jahren in eine Kunstausstellung verfrachtet werden) und anstatt Belangloses daherredende Menschen zu treffen, die vor einem Werk nicht einmal eine Minute die Klappe halten können, und nicht nur das: sie schaffen es auch nicht, mehr als dreißig Sekunden vor einem Bild stehenzubleiben, um zu schauen, was sich da ereignet. Doch egal. Es ist eben Event-Kultur. Man muß das „Museum of Modern Art“, seinerzeit (2006?) in Berlin, oder 60 Jahre Kunst der BRD gesehen haben.
Nun ist diese These von Ullrich aber nicht nur nicht uninteressant, sondern sie ist auch nicht ganz neu. Der Rezensent Preuss verweist hier auf Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, der den Verlust der Aura innerhalb der Entwicklung der Kunst und die neuen Möglichkeiten einer erweiterten Kunst, aber auch ihre damit einhergehende Politisierung thematisiert. Spannend dürfte das Buch von Ullrich trotzdem sein, insbesondere im Hinblick auf die sich seit Benjamin massiv veränderte Medienlandschaft und die Medialisierung von Kunst.
Wie schwierig bzw. hinfällig sogar die Unterscheidung von Original und Reproduktion bereits bei den Farbwerten sein mag, kann man sich anhand von Michelangelos Fresken (Deckengemälden) in der Sixtinischen Kapelle vergegenwärtigen, die im früheren „Original“ als auch in den Reproduktionen einen farblich eher gedämpften Charakter hatten. Nach ihrer Restaurierung in den 90er Jahren stellte sich heraus, daß die Bilder damals wohl bonbonfarbenartig gewesen sein müssen.

Quelle: Wikipedia, Artikel Sixtinische Kapelle
Hierin zeigt sich, daß an vielen Stellen der Kunstgeschichte das Original gar nicht so sehr Original ist, wie es zunächst den Anschein hat. Vielmehr benutzen wir diese Kategorie oftmals nur als Surrogat, um einem Bild, einem Sujet den Charakter von Einmaligkeit zu verleihen, ihm etwas in einem bestimmten Funktionszusammenhang zuzuschreiben. Den Prozeß solcher Auratisierungen und das, was dahinter steckt, hat Walter Benjamin in seinem oben genannten Text bestens beschrieben.
Und insofern sind es auch nicht die Farben und ihre (scheinbare) Einmaligkeit innerhalb des Bildes, die gegen eine Reproduktion sprechen. Denn diese Farben können wechseln, weil sie im Prozeß von Verfall und Veränderung in ihrem „Originalzustand“ kaum noch zu ermitteln sind. Allenfalls der Aspekt der Materialität des Kunstwerkes, welcher in der Kunstgeschichte eher stiefmütterlich behandelt wurde, mag für den Vorrang des Originals zeugen; insbesondere dort, wo Gemälde durch den Farbauftrag und die Erzeugung von Strukturen, die sich in der Reproduktion schwierig abbilden lassen, beginnen, dreidimensional zu werden, man denke etwa an die Bilder Anselm Kiefers oder manche der kubistischen Collagen.
Dennoch sollte man diesen Aspekt von Reproduzierbarkeit und Wiederholung nicht hypostasieren und als letzte Weisheit gegen einen (vermeintlich bürgerliche konnotierten) Begriff von Kunst setzen, der noch konservativ am Auratischen hängt. Der Einmaligkeit des Werkes wohnt im Sinne einer Autonomieästhetik zugleich etwas Rettendes inne, unabhängig von der Vernutzung der bildenden Kunst zum bloßen monetären Event.
Man schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn man die Kategorie des Individuellen und der Singularität des Kunstwerkes unter zu einfachen Bedingungen preisgibt.
12. Juli 2009 um 12:42
man verzeihe mir bitte die eigenwerbung. da es aber einfach zum thema passt erlaube ich mir hier einen link zu einer arbeit, einem projekt von mir, als künstlerischen beitrag zum thema zu posten:
http://www.sellingthe.net
eben weil es in diesen, meiner arbeiten um genau die fragen nach original, unikat, aura, technischer reproduzierbarkeit und dem verhältnis bild und medium geht. der verweis auf benjamin ist vorhanden, maßgeblich geprägt wurden meine überlegungen damals aber auch von nelson goodmans ’sprachen der kunst’.
beste grüße
fk
12. Juli 2009 um 13:16
Kein Problem, ist ja eine angenehme und angemessene Werbung. Goodman, muß ich gestehen, ist leider etwas an mir vorbeigegangen. War nicht ganz meine philosophische Richtung. Er liegt aber in der Ästhetik-”Warteschleife”. Da sieht einmal mehr, was man alles noch nicht gelesen hat.